Skip to main content
main-content

07.02.2019 | Bankvertrieb | Interview | Onlineartikel

"Banken wollen zu Plattform-Instituten werden"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
Interviewt wurde:
Hakan Eroglu

ist Senior Manager bei Accenture und Experte für Open Banking.

Open Banking ist für die Bankbranche Pflicht und Chance zugleich. Bankexperte Hakan Eroglu erläutert im Gespräch mit Springer Professional die Vorteile von Plattform-Modellen im Privat- und Firmenkundengeschäft. 

Wie sehen aktuelle Open Banking-Lösungen konkret aus und welche mittelfristigen Entwicklungen sind realistisch?

Bei Open Banking-Angeboten sind momentan drei Modelle zu beobachten:

  1. Bis September 2019 sind die meisten europäischen Banken mit der Umsetzung der zweiten Zahlungsdienstrichtlinie (PSD2) beschäftigt. Banken müssen Drittanbietern über offene Schnittstellen Zugriff auf Kontodaten gewähren und die Auslösung von Zahlungen erlauben.
  2. Großbanken haben bereits erste Open Banking-Angebote, die über die PSD2-Richtlinie hinausgehen. Diese Angebote beinhalten Developer Portale mit weiteren Anwendungsfällen, wie Bonitäts- oder Adressprüfung. In einigen Fällen werden die API-Angebote bepreist und dienen Banken als neue Monetarisierungsmodelle.
  3. PSD2 bringt Banken dazu umzudenken und in eine auf APIs und agile Entwicklung ausgerichtete IT-Architektur zu investieren. Erste Banken bauen nicht nur ihre IT um, sondern setzen auf neue Organisationsstrukturen, die helfen, Ökosystem-Plattformen mit neuen Erlösquellen zu etablieren. Banken werden in diesen Modellen mit Drittanbietern kooperieren und deren Services ihren Bankkunden auf der Plattform anbieten.

Empfehlung der Redaktion

2019 | Buch

Payment Services Directive II

Regulatorik im Zahlungsverkehr vor dem Hintergrund von FinTechs und Open Banking

Markus Bramberger untersucht die europaweite Umsetzung der Payment Services Directive II (PSD II) im Bankensektor, die sich in allen EU-Ländern durch eine regional divergierende Auslegung der Gesetzestexte unterscheidet. 


Wo stehen die deutschen Institute im internationalen Vergleich?

Im internationalen Vergleich rangieren die deutschen Institute im Mittelfeld. Zwar verfügen sie über mehr als 15 Jahre Erfahrung mit offenen Schnittstellen, wie zum Beispiel der Fin TS. Doch bisher haben Fintechs in Deutschland mehr Erfahrung mit auf Open Banking basierenden Lösungen, etwa API Aggregatoren wie Figo, NDGIT oder Fintecsystems. Standardlösungen wie Multi Banking für Retail- und KMU-Kunden stellt inzwischen nahezu jede deutsche Bank zur Verfügung. Aktuell bieten große Banken auch spezielle Ökosystem-Plattform-Angebote für Mittelstandskunden an. Diese beinhalten neben Multi Banking auch Liquiditätssteuerung, Cash Management und Buchführung. Der Retailmarkt ist aktuell noch recht dünn besetzt. International bieten vor allem asiatische Banken, wie die DBS Singapur, oder die Ideabank in Polen fortgeschrittenere Plattform-Lösungen an. Weit voraus mit Open Banking- beziehungsweise Ökosystem-Angeboten sind Challenger-Banken wie N26 und Revolut, die mit Drittanbietern sehr eng zusammenarbeiten und in ihrer Mobile-Banking-App beispielsweise Auslandsüberweisungen über Transferwise günstiger anbieten können.

Aktuell prescht das Fintech N26 mit seiner Plattform-Idee nach vorne. Nun steht der Markteintritt in den USA bevor. Was bedeuten solche Strategien von Fintechs und bankenfremden Unternehmen für den Wettbewerb?

Fintech-Banken oder Challenger-Banken wie N26 und Revolut haben den Retail- und KMU-Geschäftskunden im Fokus. Die Produktpalette ist mit kostenlosen und wenigen zahlungspflichtigen Kontomodellen sowie einer Debitkarte stark standardisiert. Außerdem bieten diese Banken ausschließlich digitale Kundenschnittstellen, wie zum Beispiel eine Mobile App an, mit welcher der Endkunde nahezu alle Standardfunktionen für sein Girokonto und seine Karte managen kann. Das hält die Betriebskosten niedrig und die Produktpalette ist durch die starke Standardisierung auf vielen Märkten skalierbar.

Was bedeutet das für den Kunden?

Das Konto dient als Ankerpunkt zum Kunden. Durch den Aufbau eines digitalen Ökosystems können Kundenbedürfnisse besser erfüllt werden und es ergeben sich neue Erlösquellen. Mit anderen Partnern an Bord können Dienste aus einer Hand in einer Plattform angeboten werden wie beispielsweise Transferwise für FX-Überweisungen oder Auxmoney für das Lending. Die stark modulare, moderne und auf APIs zugeschnittene IT-Architektur dieser Banken erleichtern die Integration von Drittanbieter-Services und somit die Time-to-Market. Das Geschäftsmodell sieht folgende Einnahmequellen vor:

  • Zahlungspflichtige Kontomodelle
  • Zinseinnahmen bei Kleinkrediten und Dispo (mit Echtzeitentscheidung für die Bewilligung)
  • Gebühren bei Abhebungen an Geldautomaten in Fremdwährung
  • Interchange-Gebühren bei Kartenzahlungen
  • Vermittlung von Aufträgen an Drittanbieter über eine Plattform, Gebühr pro Transaktion

Welche Auswirkungen hat das auf die Marktdurchdringung? 

Fintech-Banken können mit digitalisierten Prozessen und stark standardisierten Produkten wesentlich schneller auf die sich stets wandelnden Kundenbedürfnisse reagieren und den Markt – auch in den USA – aufmischen. Die Bewertung von N26 von über 2,3 Milliarden US-Dollar bei nur 500 Mitarbeitern zeigt das Potenzial, mit wenig Aufwand viele Marktanteile zu gewinnen. Allerdings sind N26 oder Revolut nicht allein. Auch Großbanken wollen das Feld der Ökosystem-Banken nicht anderen überlassen. Goldman Sachs kommt zum Beispiel mit "Marcus" auf den Markt und auch die RBS lässt sich von der Challenger-Bank Starling Bank beim Aufbau solcher Angebote beraten.

Was bedeutet dieser Trend für die Etablierung von Plattform-Ökosystemen innerhalb der Bankenbranche?

Die Margen im klassischen Retai-Banking-Geschäft und Zahlungsverkehr schrumpfen aufgrund von Regulierung, Wettbewerb und technischem Fortschritt. Insofern sind Plattform-Modelle gute Beispiele dafür, wie das Kundenbedürfnis nach friktionsloseren, kostengünstigen und innovativeren Lösungen sowie die Generierung von neuen Erlösquellen zusammengebracht werden können. Banken müssen umdenken und ähnliche Modelle auf den Weg bringen. Einige Großbanken haben bereits mit ihren Open-Banking-Programmen mit Developer Portalen angefangen und wollen sich strategisch mehr und mehr als Plattform aufstellen. Manche Banken gehen den radikalen Weg und wollen durch laufende Innovationen glänzen: Ihr strategisches Ziel ist es, zu vollumfänglichen Plattform- und Technologiebanken zu werden und dem Kunden einen Mehrwert durch eigene und Drittanbieter-Services zu bieten.

Was erwarten sich die Banken und Firmenkunden von Open Banking-Lösungen? 

Spannend zu sehen wird, was Institute aus Open Banking für den Privat- und Firmenkunden machen. Banken erwarten eine noch engere Bindung ihrer Firmenkunden an die Bank und neue Erlösquellen. Firmenkunden erhoffen sich unterschiedliche Vorteile – je nach Segment. Großunternehmen wollen momentan mit Open Banking vor allem ihren Zahlungsverkehr, das Cash Management und die Liquiditätssteuerung optimieren sowie eine engere Anbindung ihrer Prozesse mit ihrer Bank erreichen – und das in Echtzeit. Viele KMU-Kunden benutzen heute unterschiedliche Anwendungen für ihre Buchführung oder ihre Rechnungsstellung – meist auf dem Desktop installiert. Einige benutzen sogar Excel-Tabellen. Der Bedarf an digitalen Lösungen aus einer Hand wird immer größer. Open Banking erlaubt KMUs, ihre Buchführung bei einem Cloud-basierten Anbieter zu nutzen, der zudem Kontodaten über APIs von der Bank abholt und zum Beispiel den Rechnungsabgleich automatisiert durchführen kann oder zu begleichende Rechnungen per Zahlungsauslösung bei der Bank durchführt. Darüber hinaus gibt es spezialisierte Drittanbieter, die andere wichtige Bereiche der Wertschöpfungskette eines KMUs auf der gleichen Plattform abdecken können. Die Erlöse sind vielversprechender als im Privatkundenbereich. Während der Privatkunde in der Regel nicht für Zusatzdienste bezahlen möchte, sind KMUs für eine wesentliche Erleichterung ihrer täglichen Arbeit bereit, einen Aufpreis zu akzeptieren.

Gibt es Unterschiede zu Privatkunden?

Für Privatkunden ist Open Banking nur dann interessant, wenn aus den Daten und Diensten ein für den Kunden erkennbarer Mehrwert generiert wird. Ein intelligenter Finanzmanager kann beispielsweise mit Hilfe von künstlicher Intelligenz das Nutzerverhalten des Kunden verstehen und ihm Vorschläge für messbare Ersparnisse und relevante Empfehlungen unterbreiten, zum Beispiel durch bessere Versicherungspolicen oder einem passenderen Mobilfunktarif. Anbieter wie Yolt bieten solche Plattformen in einer App an. Banken müssen hier mit innovativeren Tech-Giganten und Fintechs um die Gunst der Privatkunden buhlen.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren

16.01.2019 | Bank-IT | Im Fokus | Onlineartikel

Open Banking braucht eine Integrationsplattform

25.01.2019 | Bank-IT | Interview | Onlineartikel

"Im Streitfall müssen die Gerichte entscheiden"

21.06.2018 | Mobile Banking | Im Fokus | Onlineartikel

Apps müssen heute Multi-Banking-fähig sein

11.06.2018 | Bankvertrieb | Interview | Onlineartikel

"Banken nutzen viele Wege zur Kundenansprache"

Premium Partner

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Blockchain-Effekte im Banking und im Wealth Management

Es steht fest, dass Blockchain-Technologie die Welt verändern wird. Weit weniger klar ist, wie genau dies passiert. Ein englischsprachiges Whitepaper des Fintech-Unternehmens Avaloq untersucht, welche Einsatzszenarien es im Banking und in der Vermögensverwaltung geben könnte – „Blockchain: Plausibility within Banking and Wealth Management“. Einige dieser plausiblen Einsatzszenarien haben sogar das Potenzial für eine massive Disruption. Ein bereits existierendes Beispiel liefert der Initial Coin Offering-Markt: ICO statt IPO.
Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise