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08.09.2015 | Baubetrieb | Interview | Onlineartikel

„Die deutsche Baubranche erwacht aus dem Dornröschenschlaf“

Autor:
Christoph Berger
5 Min. Lesedauer

Kaum ein Thema aus der Baubranche findet derzeit eine derart große Resonanz wie Building Information Modeling, kurz BIM. Im Gespräch erklärt Springer-Autor Prof. Dr.-Ing. André Borrmann, was tatsächlich vom BIM-Einsatz zu erwarten ist, und warum Deutschland bei der Einführung der Technologie noch etwas zurückhängt.

Springer für Professionals: Von uns Deutschen heißt es, wir hätten die Prozesse im Griff. In Bezug auf BIM hinken wir nun anderen Ländern hinterher. Hat die Baubranche hier eine Entwicklung verpasst, wurden die Möglichkeiten der Digitalisierung verkannt?

Prof. Dr.-Ing. André Borrmann: Andere Länder sind uns in der Tat etwas voraus. Dies trifft zum einen auf die USA, zum anderen aber vor allem auf die skandinavischen Länder und ganz besonders auf Großbritannien zu. In diesen Ländern spielen die öffentlichen Auftraggeber eine starke Rolle bei der Einführung von BIM. Zunächst haben sie BIM gefördert, nun fordern sie es. Man kann aber nicht sagen, dass der Zug für uns abgefahren ist. Momentan erwacht die deutsche Baubranche aus ihrem Dornröschenschlaf und es gibt eine riesige Dynamik. Ich bin mir sicher, dass wir in ein paar Jahren unseren Rückstand aufgeholt haben.

Ist BIM aber überhaupt das „Allheilmittel“, Bauprojekte in den Griff zu bekommen?

BIM ist definitiv kein „Allheilmittel“. Es ist aber ein sehr gutes Werkzeug, um die Komplexität von Bauprojekten handhabbarer zu machen. Bestimmte Planungsfehler, wie fehlende Durchlässe für TGA-Elemente in Wänden und Decken, lassen sich damit zuverlässig vermeiden. Auch die Mengenermittlung kann mit viel höherer Genauigkeit und Sicherheit durchgeführt werden. Andere – eher organisatorische Probleme – lassen sich jedoch nicht mit BIM beheben. Dazu gehört zum Beispiel die oft mangelnde Kooperation zwischen den Beteiligten und der Umstand, dass häufig schon gebaut wird, während noch geplant wird. Die Nutzung der BIM-Technologie muss daher begleitet werden von einer strukturellen Weiterentwicklung, um komplexe Bauvorhaben tatsächlich in den Griff zu bekommen.

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Muss sich beim BIM-Einsatz also auch etwas in der Denkweise der am Bau Beteiligten verändern?

Da gibt es zwar keinen zwingenden Zusammenhang, allerdings hat sich gezeigt, dass bestimmte Nebeneffekte des BIM-Einsatzes häufig zu einer erhöhten Kooperationsbereitschaft führen. Diese ergibt sich aus der Vertragsgestaltung und dem Umstand, dass Entscheidungen transparenter und früher getroffen werden.

Können Sie kurz die Vorteile von BIM aufzeigen?

Building Information Modeling erlaubt die durchgängige Nutzung inhaltlich reicher digitaler Bauwerksmodelle über den gesamten Lebenszyklus – angefangen bei der Planung über die Ausführung bis zum Betrieb und den Rückbau. BIM in der Planung erlaubt eine verbesserte Koordination der Gewerke sowie eine deutliche Verringerung von Inkonsistenzen zwischen Schnitten und Grundrissen. Für die Ausschreibung ergibt sich die Möglichkeit der automatisierten Mengenermittlung und damit mehr Sicherheit in der Kostenschätzung. Für den Betrieb können die hochwertigen Gebäudemodelle der Planung direkt ins Facility Management übernommen werden. Insgesamt können mit BIM durch den Wegfall manueller Eingabe- und Prüfprozesse erhebliche Effizienzgewinne erzielt werden.

Für welche Art Bauprojekte eignet sich BIM überhaupt?

Der Einsatz von BIM eignet sich bereits für kleine und mittlere Bauvorhaben. Das volle Potenzial dieser Methode erschließt sich aber vor allem bei großen, komplexen Bauvorhaben mit einer Vielzahl von Beteiligten. Die Komplexität dieser Projekte lässt sich modellbasiert viel besser bewältigen.

Ist der BIM-Einsatz mit mehr Aufwand und höheren Kosten verbunden?

Durch den Einsatz von BIM kommt es zwar zu einer Aufwandsverlagerung, nicht aber zu einem generellen Mehraufwand. In frühen Planungsphasen muss mehr investiert werden, um ein umfassendes Modell aufzubauen. Zudem müssen die Planungsentscheidungen durchdacht und getroffen werden, die bei der konventionellen Planung zu diesem Zeitpunkt noch im Vagen bleiben. Später amortisiert sich dieser Mehraufwand jedoch, da viele Planungsfehler vermieden werden können. Zum anderen kann auf notwendige Umplanungen besser reagiert werden.

In Ihrem Fachbuch beschreiben auch zahlreiche Unternehmen ihre Arbeit mit BIM. Was fiel Ihnen dabei besonders auf, und ist BIM unter Umständen schon mehr in den Unternehmen angekommen als es öffentlich wahrgenommen wird?

In der Tat setzen heute schon viel mehr Firmen BIM ein, als allgemein bekannt ist. Derzeit beginnen beispielsweise viele kleine und mittelständische Bauunternehmen BIM firmenintern einzusetzen, um damit eine genauere Kostenkalkulation durchführen. Auffällig ist, dass in den allermeisten Vorhaben bislang vor allem „little BIM“ praktiziert wird, das heißt, dass ein Modell für eine bestimmte Disziplin oder spezielle Aufgaben mit einem einzigen Softwarewerkzeug erstellt wird. In deutlich weniger Fällen wird bereits „BIG BIM“ umgesetzt, das die modellgestützte Zusammenarbeit über die Grenzen einzelner Fachdisziplinen vorsieht.

Führende Verbände und Institutionen aus den Bereichen Planen, Bauen und Betrieb haben die „planen-bauen 4.0 - Gesellschaft zur Digitalisierung des Planens, Bauens und Betreibens mbH“ gegründet. Was sind Ihre Forderungen an diese Gesellschaft, verbinden Sie mit ihr gewisse Hoffnungen?

Die planen-bauen 4.0 GmbH übernimmt die Aufgabe einer BIM-Plattform in Deutschland. Sie hat die primäre Aufgabe, die notwendige Veränderungsprozesse auf der politischen Ebene voranzubringen. Dies beinhaltet die Initiierung von Änderungen an der Honorarordnung ebenso wie das kontinuierliche Werben für die BIM-Idee auf allen Ebenen. Die Plattform dient natürlich auch dazu, Kompromisse zwischen den vielen Interessenvertretern auszuhandeln. Wichtig ist, dass die GmbH Gebrauch macht von der Expertise und Erfahrung, die bereits in Deutschland vorhanden ist.

Zur Person

Prof. Dr.-Ing. André Borrmann ist Leiter des Lehrstuhls für Computergestützte Modellierung und Simulation an der Technischen Universität München. Daneben ist er unter anderem Mitglied im VDI-Gremium 2552 „Building Information Modeling“ und im DIN-Arbeitsausschuss NA 005-01-39 „Building Information Modeling“. Borrmann ist darüber hinaus Sprecher und Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler wissenschaftlicher Verbände sowie Autor vieler Fachbeiträge zur BIM-Thematik.

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