Skip to main content
main-content

27.03.2020 | Baubetrieb | Im Fokus | Onlineartikel

Die Baubranche und COVID-19

Autor:
Christoph Berger
4:30 Min. Lesedauer

Während in einigen Nachbarländern Deutschlands Baustellen aufgrund der Corona-Pandemie stillstehen, will man hierzulande weiterbauen. Die Struktur der Branche spreche dafür, heißt es. Trotzdem gibt es vieles zu beachten.

Am 18. März 2020 gab der Baukonzern Strabag bekannt, in Österreich den gesamten geregelten Baubetrieb einzustellen. Rund 1.000 Baustellen sind davon betroffen. Eine Evaluierung der Baustellen habe ergeben, dass bei einer Vielzahl an Baustellen ein 1-Meter-Abstand zwischen Mitarbeitenden im praktischen Baubetrieb nicht – wie nun gesetzlich gefordert – durchgängig gewährleistet werden könne und die Lieferkette von Materialien und Nachunternehmen nicht mehr sichergestellt sei, hieß es unter anderem in der Begründung. Auch andere österreichische Bauunternehmen zogen nach und lassen seitdem den Baubetrieb ruhen.

Empfehlung der Redaktion

2020 | OriginalPaper | Buchkapitel

Anhang: Verordnungen und Gesetzestexte

Bauleistungen sind Arbeiten jeder Art, durch die eine bauliche Anlage hergestellt, instand gehalten, geändert oder beseitigt wird.

Anders stellt sich derzeit die Situation noch in Deutschland dar. Bundesminister Andreas Scheuer und die Verbände der Bauwirtschaft stimmen laut einer Mitteilung des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie (HDB) vom 25. März 2020 in der Meinung überein, dass eine Fortsetzung der Baustellen auch in Zeiten der Corona-Krise in Deutschland geboten sei, um die Leistungsfähigkeit der Infrastruktur in Deutschland weiter zu erhöhen. Diese Leistungsfähigkeit sei für die Bevölkerung und die Wirtschaft notwendig, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise schnell überwinden zu können. "Nur so ist es uns möglich, dass wir in solch schwierigen Zeiten dafür sorgen können, dass die systemrelevanten Bereiche wie Telekommunikation, Mobilität oder Energiegewinnung sowie Ver- und Entsorgung weiter funktionieren", ergänzte Peter Hübner, Präsident des HDB. Scheuer sicherte zu, Gespräche über die faire Verteilung Corona-bedingter Baustellenmehrkosten aufzunehmen.

Dezentrale Struktur und weniger globale Lieferketten

"Gerade die Bauwirtschaft ist mit ihrer dezentralen Struktur sehr gut geeignet, zu einer Stabilisierung der Volkswirtschaft beizutragen", sagte der Präsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, Reinhard Quast, am 23.März 2020. Würden einzelne Betriebe oder Baustellen unter Quarantäne gestellt werden, könne in anderen Regionen trotzdem gebaut werden. Dabei helfe auch die relativ starke Regionalität der Baustoffhersteller zur Versorgung der Baustellen. Und: Die Bauwirtschaft sei vergleichsweise weniger von globalen Lieferketten abhängig, führt Quast weiter aus.

In dem Leitfaden "SARS-COV-2-Situation: COV-2 Hinweise für einen besonnen Umgang" geht der HDB auf arbeits-, sozial- und vertragsrechtliche Fragen ein. Auch Torsten Göhlert, Senior Manager, Advisory, Rechtsanwalt bei der KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, erläutert in einem Gastbeitrag auf dem KPMG-Blog, was für Bauunternehmen im Kontext der Corona-Krise wichtig ist. Dort beschreibt er zum Beispiel, dass bei Bauverzögerungen durch COVID-19 die vertraglichen Fertigstellungsfristen angepasst werden müssen. Die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB/A) ist auch im "Anhang" des Springer-Fachbuchs "AVA-Handbuch" zu finden. Darin wird auch auf den Umstand "Höhere Gewalt" eingegangen.

Umgang mit Beschäftigten

Zu den Arbeiten direkt auf der Baustelle erklärt IG BAU-Bundesvorstandsmitglied Carsten Burckhardt, dass die Arbeit am Bau in der Regel unter freiem Himmel erfolgt und es dort ausreichend Platz für den Hygieneabstand gebe. Dennoch würden am Bau besondere Risiken existieren, die man ausschließen müsse. Burckhardt fordert: "Die Praxis, Kollegen in Kleinbussen gemeinsam auf Baustelle zu fahren, muss geändert werden. Wir fordern, dass ab sofort jeder mit dem eigenen PKW fahren kann und ihm dafür die entsprechenden Kilometerpauschalen gezahlt werden. Wo keine Versorgung mit fließend Wasser besteht, müssen zum regelmäßigen Händewaschen und -desinfizieren Wassercontainer und Desinfektionsmittel aufgestellt werden. Statt engen Baucontainern brauchen wir Unterstände für die Pausen unter freiem Himmel mit ausreichend Platz. Etwaige Lohn-Ausfälle in Folge der Pandemiepläne sind vom jeweiligen Arbeitgeber zu tragen und es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Betriebschefs auf besonders belastete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, etwa aus Risikogruppen, Rücksicht nehmen."

Prinzipiell begann das Jahr 2020 für die Baubranche sehr vielversprechend. "Ja, wir sind mit vollen Auftragsbüchern in das Jahr gestartet. Mit über 52 Milliarden Euro lag die Auftragsreichweite bei zirka sieben Monaten. Und das Wetter hat auch wieder gut mitgespielt," sagte Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), zu den Daten des Statistischen Bundesamtes im Januar 2020 im Bauhauptgewerbe. Doch mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des Corona-Virus bleibe das nur ein guter Start, führte Pakleppa weiter aus. Mehr nicht. Und er fordert: "Die Bauwirtschaft unternimmt derzeit alles, um deutschlandweit möglichst den Baustellenbetrieb aufrechtzuerhalten. Um dies zu gewährleisten, ist es aber auch wichtig, dass die öffentliche Hand – ob Bund, Länder oder Kommunen – stetig weitere Bauprojekte baureif vorbereiten und an den Markt bringen."

Update vom 29.03.2020:

Am 27. März 2020 hat Strabag bekanntgegeben, die Baustellentätigkeit sukzessive wieder aufzunehmen. Möglich sei dies dank einer am 26. März 2020 erzielten Sozialpartnereinigung über baubezogene COVID-19-Schutzmaßnahmen geworden. Dennoch werde mit der jeweiligen Auftraggeberseite individuell vereinbart, für welche Baustellen die Wiederaufnahme angesichts der durch die Grenzschließungen gestörten Lieferkette überhaupt sinnvoll sei. Bei jenen Mitarbeitenden, die noch nicht wieder oder derzeit nur in einem eingeschränkten Ausmaß eingesetzt werden können, komme Kurzarbeit zum Tragen.

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren