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09.04.2015 | Baubetrieb | Im Fokus | Onlineartikel

Tunnelblick bei Entscheidern von Bauprojekten

Autor:
Christoph Berger

Die Ursache für Kosten- und Zeitplanüberschreitungen bei großen Immobilienprojekten sind kognitive Verzerrungen bei Entscheidungen der Verantwortlichen. Auch langjährige Erfahrung schützt laut einer Studie nicht vor Selbstüberschätzung oder Überoptimismus.

Projektmanager aus der öffentlichen Hand zeigen mit Abstand die größten kognitiven Verzerrungen. Entscheidungsträger in Bauunternehmen urteilen und entscheiden dementgegen deutlich rationaler.

Das ist ein Ergebnis der Studie „Kognitiv verzerrte Entscheidungen als Ursache für Ineffizienzen in der Immobilienprojektentwicklung“. Professor Andreas Pfnür und Diplomwirtschaftsingenieur Kevin Meyer vom Fachgebiet Immobilienwirtschaft und Baubetriebswirtschaftslehre des Fachbereichs Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der TU Darmstadt hatten dazu 240 Manager der Immobilienbranche befragt.

Selbsteinschätzung wurde untersucht

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Dabei wurden keine aktuellen Bauprojekte in Schieflage untersucht. Der Fokus lag vielmehr im Verhalten vorhandener Tendenzen, die als wichtige Ursache für das Scheitern von Projekten in Frage kommen – neben ungeeigneten Verträgen, mangelnder Qualifikation der Beteiligten oder schlechter Prozessorganisation.

Die Wissenschaftler gewannen so nicht nur Erkenntnisse über das Fachwissen, sondern auch darüber, für wie fähig sich die Probanden im Vergleich zu ihren Kollegen hielten und für wie wahrscheinlich sie den zukünftigen positiven Verlauf und die Risiken von Projekten hielten.

Projektverantwortliche stützen Projekte in Schieflage finanziell

Damit einher ging die Untersuchung der Bereitschaft zum „eskalierenden Commitment“: So gaben 98 Prozent der Studienteilnehmer an, ein von ihnen verantwortetes und in Schieflage geratenes Projekt finanziell zu stützen. Sie würden zusätzliches Kapital einschießen, obwohl fast die Hälfte davon ausging, dass ein solches Projekt sich nicht positiv entwickeln würde.

Zu den Unterschieden bei den kognitiven Verzerrungen zwischen Projektmanagern aus der öffentlichen Hand und denen aus Bauunternehmen sagt Forscher Pfnür: „In Verwaltung und Politik werden Entscheider massiv daran gemessen, ob ein Prestigeprojekt verwirklich werden kann. Daher sind die Manager bereit, deutlich höhere Risiken einzugehen – oder sie verdrängen sie.“ In Bauunternehmen würden Immobilienprojekte hingegen zum Tagesgeschäft gehören. Die Entscheider seien dort weniger stark emotionale involviert.

Erfahrung führt zur Unterschätzung von Risiken

Heraus kam bei den Untersuchungen auch, dass der Faktor Erfahrung der Projektverantwortlichen keine Rolle bei den Verzerrungen spielt. Zwar erhöhe sich die Genauigkeit bei der Entscheidungsfindung, gleichzeitig führte sie aber auch dazu, dass die Probanden Risiken unterschätzten. Zudem nehme die Offenheit für neue Informationen oder das Unerwartete ab. So komme es schließlich zum sogenannten „Tunnelblick“.

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