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31.05.2017 | Baudenkmal | Interview | Onlineartikel

"Kulturdenkmale sind unser gebautes kulturelles Gedächtnis"

Autor:
Christoph Berger
Interviewt wurde:
Andreas Hirt

ist neben der Mitgliedschaft in zahlreichen Organisationen auch Vorstandsmitglied des Fördervereins der Leipziger Denkmalstiftung und Inhaber des Architekturbüros Hirt Architekten, das sich auf Altbauinstandsetzung, Denkmalpflege und Energieberatung spezialisiert hat.

Die Leipziger Denkmalstiftung möchte Baudenkmäler in Mitteldeutschland vor dem Verfall und Abriss retten. Dafür wurde eine Informationsplattform nach dem Wiki-Prinzip aufgebaut, auf der Potenziale und erfolgreich umgesetzte Projekte gezeigt werden.

Springer Professional: Sie haben eine Online-Informationsplattform für bedrohte Baudenkmäler in Mitteldeutschland aufgebaut. Wie ist es um die Baudenkmäler in den von Ihnen vertretenen Regionen bestellt?

Andreas Hirt: Die Situation der mitteldeutschen Baudenkmäler ist sehr unterschiedlich. Grob geschätzt sind zirka zwei Drittel der mitteldeutschen Baudenkmäler saniert. Das letzte Drittel allerdings verfällt zunehmend und rottet vor sich hin. Hier hat der langjährige Leerstand deutliche Spuren hinterlassen. Aber für genau dieses letzte Drittel haben wir mit dem Denkmalradar einen Alarm-Anzeiger der Leipziger Denkmalstiftung für Mitteldeutschland ins Leben gerufen. Trotz großartiger Geschichte und vollen Potenzials führen gefährdete Baudenkmäler häufig ein Schattendasein in weniger bekannten Orten und sind Vandalismus sowie Abriss ausgesetzt. Wenn sich niemand um sie kümmert, bleiben sie ohne Perspektive.

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Gibt es Zahlen zum Potenzial beziehungsweise zur Anzahl der bedrohten Baudenkmäler?

Den besten Überblick haben wir in Sachsen. Sachsen hat eine sehr reiche Denkmallandschaft. Seit dem Jahr 2000 wurden hier etwa 5.000 Denkmäler vollständig oder teilweise abgerissen. Kulturdenkmale sind unser gebautes kulturelles Gedächtnis. Die Verluste, die eingetreten sind und die, die künftig noch drohen, verursachen Gedächtnislücken, die nicht wieder ausgeglichen werden können. Zur Disposition steht hier der Wert des Originals. Überdurchschnittlich oft waren technische Denkmäler von Verfall und Abriss betroffen. Noch gibt es in Sachsen etwa 102.000 Kulturdenkmäler, davon noch sechs Prozent technische Denkmale und drei Prozent Gartendenkmale.

Mit der Überzeugungsarbeit zu einer Sanierung dürfte es unter Umständen schwierig werden, oftmals liegen die Baudenkmäler in Gegenden, die als strukturschwach eingeordnet werden und von Abwanderung gekennzeichnet sind. Wie planen Sie, Interessenten vom Gegenteil zu überzeugen?

Zumeist fehlen investitionsfähige Eigentümer oder Interessenten – oder auch einfach nur Ideen für eine neue Nutzung. Gleichzeitig suchen bundesweit Denkmalfreunde und Investoren nach Objekten für ihre ganz spezielle Idee. Wir haben es bereits erlebt, dass genau solche Denkmalfreunde sich ihren Lebenstraum auch in den sogenannten strukturschwachen Gebieten verwirklichen wollen. Denn oftmals sind genau dies Gebiete, die eine großartige Natur- und Kulturlandschaft zu bieten haben.

Und wen wollen Sie konkret mit Ihrer Plattform ansprechen?

Mit dem Denkmalradar bieten wir leerstehenden, unsanierten und im Bestand bedrohten Gebäuden eine öffentliche Plattform und holen sie aus ihrem Schattendasein. Wir wollen Denkmalbesitzer mit potenziellen Nutzern, Ideengebern, Architekten oder Käufern in Kontakt bringen. Wir richten uns mit dem Denkmalradar an alle, denen ein bestimmtes Gebäude oder generell der Erhalt des örtlichen Baukulturerbes am Herzen liegt. Sie können diese Gebäude nach dem Wiki-Prinzip eintragen oder Informationen ergänzen.

Außer sanierungsbedürftigen und bedrohten Baudenkmälern stellen Sie auch abgeschlossene Sanierungsprojekte vor. Was können sich Interessenten an diesen veröffentlichten Projekten abschauen?

Neben den bedrohten Baudenkmälern sollen Interessenten in der Datenbank Informationen zu beispielhaften und bereits realisierten Projekten finden und so bei der Planung und Umsetzung von Revitalisierungen unterstützt und ermutigt werden. Die Informationen können nach Schwerpunkten gefiltert werden, zum Beispiel Konzepte zur ökologischen oder energetischen Sanierung eines Gebäudes, zu Möglichkeiten der vorläufigen Sicherung oder Konzepte, die im Rahmen einer Bauherrengemeinschaft umgesetzt werden. Ziel dieser Sammlung von Konzepten ist, Interessierten und Denkmaleigentümern die Angst vor dem Denkmal zu nehmen und Lust darauf zu machen nach dem Motto: Es gibt für jedes Problem schon eine Lösung.

Derzeit ist die Anzahl der Baudenkmäler und die der abgeschlossenen Projekte noch sehr übersichtlich. Wer kann weitere Projekte auf der Plattform veröffentlichen?

Der Denkmalradar ist als offene Plattform nach dem "Wikipedia-Prinzip" konzipiert. Das heißt: Jeder kann Einträge veröffentlichen und bearbeiten. Dies kann sowohl am heimischen Rechner als auch mobil erfolgen. Demnächst wird es möglich sein, dass sich alle Denkmalinteressierten über ein Forum zu einzelnen Baudenkmalen austauschen können. Dadurch wird die Idee umgesetzt, Objekte durch die Vernetzung von Denkmalakteuren eine Zukunft zu sichern.

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