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04.07.2019 | Bauingenieurwesen | Interview | Onlineartikel

"Bauingenieure haben wirkmächtigen Gestaltungseinfluss"

Autor:
Christoph Berger
Interviewt wurde:
Michael Scheffler

Dr. Michael Scheffler, geboren 1960, hat Bauingenieurwesen und Philosophie studiert. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Kassel, ist seit vielen Jahren als Planer, Gutachter und Dozent tätig und hat mehrere Fachbücher veröffentlicht. 

Springer Autor Dr.-Ing. Michael Scheffler plädiert an Bauingenieure, sich nicht mehr nur an technischen Regelwerken zu orientieren, sondern auch moralische und ethische Fragestellungen bei der Arbeit zu berücksichtigen.

Springer Professional: Herr Dr. Scheffler, sich als Bauingenieur nur auf das Bauen und die Technik zu konzentrieren, reicht Ihrer Meinung nach heute nicht mehr aus. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Michael Scheffler: Die Zeiten der ausschließlichen Realisierung von Wohlstandsvorstellungen durch das Bauen und die Technik liegen hinter uns. Aus meiner Sicht müssen sich hochentwickelte Industrienationen wie Deutschland heute vielmehr die Frage stellen, in welchen Gesamtzustand eine zu einseitig ausgelegte Idee des Wohlstandswachstums angesichts des bereits erreichten und vergleichsweise bestechenden Wohlstandsniveaus führen soll – und vor allem darf, wenn wir etwa an die Folgen des ständigen Ausbaus der Verkehrsinfrastruktur denken, der nicht zur Verflüssigung des Verkehrs beiträgt, sondern in weitere Verdichtung führt und damit fortgesetzt Luftverschmutzungen, Lärmzuwächse, Baustellen und Ressourcenverbrauch mit sich bringt.

Empfehlung der Redaktion

2019 | Buch

Moralische Verantwortung von Bauingenieuren

Problemstellungen, Perspektiven, Handlungsbedarf

Es werden Grundsatzfragen des Handelns im Alltag von Bauingenieuren insbesondere im Hinblick auf den derzeitigen Stellenwert und die Wahrnehmung moralischer Verantwortung erörtert. Bestehende Störungen werden freigelegt. Problemstellungen werden …


Welche Themen sollten Bauingenieure außerdem noch auf ihren To-do-Listen stehen haben?

Beispielsweise sollten sich Bauingenieure bewusster machen, dass sie in die Zukunft anderer Menschen hinein planen und bauen – auch in die Zukunft, die sie nicht mehr erleben. Bauingenieure haben wirkmächtigen Gestaltungseinfluss auf unseren Lebensraum und wirken ausgesprochen stark an der Gestaltung der Welt Späterer mit. Wegen der langjährigen Nutzungsdauern baulicher Anlagen ist zu bedenken, dass nicht nur unsere augenblicklichen Vorstellungen zum Maßstab dafür gemacht werden, was künftigen Generationen als nützlich und sinnvoll erscheint. Die Eingriffstiefe des technischen Handelns der Bauingenieure verlangt mehr als eine ausschließliche Orientierung an technischen Regelwerken, nämlich Partizipation und eine besondere Verantwortungsübernahme.

Doch die Arbeit von Bauingenieuren ist von Regelwerken geprägt. Werden diese erfüllt, die Kosten und Termine eingehalten und entspricht das fertiggestellte Bauwerk seiner Funktion, wird von erfolgreicher Arbeit gesprochen. Wie kann da Moral und Ethik integriert werden?

Erfolgreiche Arbeit darf nicht mehr nur an Qualitäten, geltenden technischen Anforderungen, wirtschaftlichen Vorgaben und zeitlichen Rahmen festgemacht werden. Verantwortungsbewusst arbeiten wollende Bauingenieure, und das ist nach meinen Erfahrungen die Masse, müssen sich aus ihrer regelorientierten Welt soweit befreien, dass sich Raum für Moral und Ethik öffnet. Das schaffen sie unmöglich alleine, weil sie bei ihrer Arbeit massiven Zwängen ausgesetzt sind, von denen die technischen Regelwerke einer ist.

Dazu ist ein grundsätzliches Umdenken notwendig. Wie kann dieses als Selbstverständlichkeit in den Arbeitsalltag von Bauingenieuren gelangen?

Neben individuellen Verhaltenshinterfragungen würde eine institutionelle Unterstützung maßgeblichen Einfluss auf die Etablierung eines grundsätzlichen Umdenkens ausüben. Dazu müsste es jedoch andere Formen der Unterstützung geben. Denn es hat sich nicht als erfolgreicher Weg erwiesen, darauf zu hoffen, dass ethische Fragen sich mit Ingenieurkodizes oder -eiden, wie wir sie von Standesorganisationen (z. B. Ingenieurvereinigungen) kennen, zu einem Umdenken führen. Allerdings wäre auch ein vollständiger Ersatz persönlicher Verantwortlichkeit durch institutionelle Verantwortung nicht zureichend. Beide Optionen für sich genommen lassen keine ethischeren Ausrichtungen der technischen Handlungen von Bauingenieuren erwarten. Eine institutionelle Unterstützung kann es nur mit Blick auf das Handlungssubjekt geben.

Sie konzentrieren sich in Ihrem Buch stark auf die Auswirkungen der Ingenieursarbeit auf die Natur. Gibt es darüber hinaus noch andere Bereiche, bei denen ein verstärktes moralisches und ethisches Handeln bei Bauingenieuren nötig wäre?

Die Natur ist etwas, das uns alle angeht, denn Natur ist unveränderlich der Raum, in dem wir leben. Genauso unveränderlich ist Natur die Bedingung für Leben. Wenn wir durch unser Verhalten weiterhin so rücksichtslos in die natürlichen Funktionen und Kreisläufe eingreifen, wie wir es bislang tun, gefährden wir nicht nur die Natur, sondern auch unsere eigene Existenz und das Leben insgesamt. Ich möchte das Verhältnis der Natur zum technischen Handeln des Bauingenieurs herausstellen. Deshalb hat die Natur in meinem Buch eine große Bedeutung.
Hans Jonas argumentiert eindrucksvoll mit einem Eigenrecht der Natur und fordert damit, dass der Mensch die Grundeinstellung zu sich, zu seinesgleichen und zur Natur neu bestimmen muss, indem dieser seine anthropozentrische Einstellung aufgibt. Der Appell richtet sich auch an Bauingenieure. In diesem Sinne gilt es, sich des anthropozentrischen Weltbildes zu entledigen, Kraft der Kenntnis relevanter Naturgesetze die Natur beherrschen zu müssen und gegen sie zu arbeiten.

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