Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Wer sich im Netz bewegt, muss mit Beobachtung rechnen. Mit immer geringerem Aufwand sind sowohl Regierungen, Wirtschaftsunternehmen, Meinungs- und Konsumforschung als auch Privatpersonen in der Lage, Netzaktivitäten und Datenspuren zu erfassen und zu analysieren. Der Band diskutiert diese Entwicklung in dreifacher Hinsicht: Im ersten Teil geht es um die Frage, welche Modelle der Mediennutzung in das Design von Verdatung- und Vermessungsverfahren eingehen. Beiträge im zweiten Teil diskutieren die Besonderheiten der Praxis der Vermessung und Verdatung. Der dritte Teil greift das Phänomen der Selbstverdatung auf.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Bedeutende Daten − Einführende Überlegungen

Zusammenfassung
Daten, so heißt es in wirtschafts- und innovationspolitischer Rede derzeit gerne, sind das Öl des 21. Jahrhunderts. Tatsächlich handelt es sich bei Daten, ganz im Gegensatz zur Etymologie, keineswegs um etwas bereits „Gegebenes“, sondern um etwas „Hergestelltes“, das sich Prozessen des Wahrnehmens, Beobachtens und Klassifizierens verdankt, die auf besondere infrastrukturelle Bedingungen, Verfahren, Formate etc. verweisen. Daten sind deshalb immer schon gesellschaftlich bedeutende Daten: ihre Form und ihr Einsatz sind gesellschaftlich bestimmt, ihre Effekte für die Ordnung der Gegenwart zentral. Diese Rolle der Praktiken und Regime der Verdatung wird in den Sozial- und Kulturwissenschaften seit einigen Jahren thematisiert. Ein Desiderat besteht dabei vor allem in der empirischen Exploration der Vielfalt entsprechender Technologien und des tatsächlichen Umgangs mit ihnen. Der vorliegende Band umfasst daher sowohl Beiträge aus der Soziologie, der Medien- und Kommunikationswissenschaft als auch der Wissenschafts- und Technikforschung, um die Bedeutung gegenwärtiger Verdatungsphänomene in einer sich medientechnisch und medienpraktisch rasant verändernden Gesellschaft aufzudecken, zu beschreiben und zu kontextualisieren.
Thorben Mämecke, Jan-Hendrik Passoth, Josef Wehner

Modelle, Techniken und Praktiken der Verdatung

Frontmatter

Big Data als Boundary Objects. Zur medialen Epistemologie von Daten

Zusammenfassung
Dieser Aufsatz untersucht Aspekte der Performativität, Reliabilität und Interpretativität von Daten auf unterschiedlichen Abstraktions- und Konkretisierungsebenen. Im ersten Schritt werden die methodenkritischen Debatten, die um den Datenbegriff und den heuristischen Stellenwert von Daten in vereinzelten Beiträgen der Science & Technology Studies geführt werden, sondiert und mit der rezenten Theoriebildung der Großdatenforschung in den Informationswissenschaften und den Digital Humanities verknüpft. Die Problematik der Zuverlässigkeit von Datensätzen wird in den Debatten der Online-Forschung häufig in Bezug auf eine in Aussicht gestellte Lösung technische Probleme erörtert. Wenn in Betracht gezogen wird, dass die Samples der Großdatenforschung aus unterschiedlichen Kommunikationsdaten bestehen, die in der einschlägigen Literatur als überwiegend behavioristisch interpretiert werden, die das Innere der Subjekts als opak und nicht kalkulierbar setzen, aber sein äußeres Verhalten in Datenmodellierungen – kommunikationstheoretisch gewendet – als soziologisch erschließbar setzen, dann empfiehlt es sich, die Gemachtheit von Daten und Repräsentationsformen epistemologisch zu reflektieren. Daher beschäftigt sich der Beitrag auf einer zweiten Ebene mit dem technisch-infrastrukturell bedingten Blackboxing der Großdatenanalyse, um in weiterer Folge die Transformation von Daten und Metadaten in wissenschaftliche Grenzobjekte (boundary objects) genauer zu beleuchten.
Ramón Reichert

Plattformen zwischen regulativen Modellen und dezentralen Praxen

Zusammenfassung
Digitale Plattformen wie Twitter, Facebook, Instagram usw. entwickeln zum einen regulative Modelle wie beispielsweise die Beschränkung einer Nachricht auf 140 Zeichen oder auf ein Bild. Zum anderen greifen die dezentralen Praxen der Nutzer in die Funktion und Struktur von digitalen Plattformen ein. Um diese Perspektive für die Kultur- und Medienwissenschaften fruchtbar zu machen, thematisiert der Beitrag zuerst Plattformen als Materialitäten und Metaphern, die für ihre Bestimmung als Medien wirksam sind. Dann werden die medialen Funktionen von Internetplattformen zwischen regulativen Top-Down- Modellen und medialen Bottom-Up-Praxen analysiert. Zuletzt werden die Grenzen und Möglichkeiten dieser medientheoretischen Perspektive auf Internetplattformen aufgezeigt.
Ralf Adelmann

Listen, Daten, Algorithmen. Ordnungsformen des Digitalen

Zusammenfassung
Der Beitrag befasst sich mit der sozialen und medialen Form, in die Daten ganz unterschiedlichen Typs aktuell auf Plattformen im Netz gebracht werden: Listen ermöglichen und stabilisieren Ordnung und Orientierung in digitalen Welten. Listen, so die These des Beitrags, haben sich vor allem deshalb zu einer der zentralen Ordnungsformen des Digitalen entwickeln können, weil sie ganz heterogene und vor allem verstreute und unzusammenhängende Elemente in zumeist zeitlich limitierte Zusammenhänge bringen. Zur Stützung dieser These dient zunächst eine Sichtung der Erscheinungsformen digitaler Listen, um danach deren auffällige Unabgeschlossenheit in den zu Blick nehmen, die dafür mitverantwortlich ist, Beteiligte zur Mitwirkung und Veränderung der Listen aufzufordern. Dabei ist auffällig, dass auf der einen Seite Listen auf der Oberfläche von Plattformen immer häufiger algorithmisch auf der Grundlage von Verdatungs- und Analysesystemen personalisiert erzeugt werden, sich auf der anderen Seite eine Art Parallelwelt der hintergründigen Veränderung, Transformation und Weitergabe des in ihnen Gelisteten im Back-End der Plattformen entwickelt. Der Beitrag endet mit einem Ausblick auf die sich in der aktuellen medientechnischen Entwicklung bereits andeutende Möglichkeit des Verschwindens der Liste.
Jan-Hendrik Passoth, Josef Wehner

Verdatet werden

Frontmatter

„Data should be cooked with care“ – Digitale Kartographie zwischen Akkumulation und Aggregation

Zusammenfassung
Der Beitrag setzt sich mit optimistischen Einschätzungen der demokratisierenden Effekte digitaler Kartographie auseinander. Im Fokus steht die Frage, inwiefern bestimmte Deutungsangebote in das Format der verwendeten Daten eingeschrieben sind und welche Bedingungen dies für die darauf aufbauenden Schritte der Verarbeitung und Visualisierung schafft. Ausgangspunkt der Überlegungen bildet eine Gegenüberstellung der Begriffe Akkumulation (als geplante und systematische Organisation von Wissensbeständen) und Aggregation (als ungeplante Entstehung von Ordnungsschemata). Am Beispiel historischer situationistischer Karten und aktueller Projekte aus dem Bereich der Neo-Kartographie wird das Potenzial digitaler Kartographie für die Hervorbringung genuin neuer Ordnungen diskutiert.
Theo Röhle

Pleasing Little Sister. Big Data und Social Media Surveillance

Zusammenfassung
Die Möglichkeit, riesige Datenmengen zu sammeln, zu durchsuchen und neue Querbezüge herstellen zu können, wird von staatlichen Behörden genauso wie von Konzernen (Google, Facebook, Twitter u. v. a.) genutzt – u. a. um neue Informationen, Märkte, Bedürfnisse zu entdecken oder gar Entscheidungshilfen zu gewinnen oder Entwicklungen vorherzusagen zu können. Big Data ist aber nicht nur Medium der Prämediation, sondern auch der Massenüberwachung in der Demokratie – gegen das sich erstaunlicherweise wenig Protest formiert. Big Data scheint eher zu faszinieren. Warum es dabei um mehr geht, als das eigene Profil zu optimieren, zukünftige Matching-Optionen zu bedienen, in Kontakt zu bleiben oder den eigenen Gesundheitszustand zu überwachen, diskutiert der Beitrag.
Jutta Weber

Die Verdatung des Glücks. Varianten reflexiver Mediatisierung in den sozialen Welten des kommerziellen Glücksspiels

Zusammenfassung
In diesem Beitrag wird am Beispiel von Online-Poker, stationärem Automatenspiel und Online-Sportwetten gezeigt, dass die sozialen Welten des Glücksspiels ohne ein Verständnis der dort vonstattengehenden Verdatung und Vermessung der Spieler und ihrer Aktivitäten nicht mehr angemessen zu begreifen sind. Diese Verdatungspraktiken weisen eine ambivalente Funktion auf: sie befördern die Entwicklung kommerzialisierter und mediatisierter Glücksspielwelten, ihre nicht-intendierten Nebenfolgen tragen aber zugleich zur Erschütterung und Gefährdung der Geschäftsgrundlagen dieser Welten bei. Die vorgestellten Fallstudien werden deshalb als Varianten ‚reflexiver Mediatisierung‘ interpretiert.
Gerd Möll

Stochastically Modelling the User. Systemtheoretische Überlegungen zur ‚Personalisierung‘ der Werbekommunikation durch Algorithmen

Zusammenfassung
Der Beitrag geht der Frage nach, wie sich algorithmenbasierte Verfahren des Online-Targeting mediensoziologisch angemessen fassen lassen. Hierzu werden zunächst verschiedene Targeting-Techniken und die damit verbundenen Versprechen einer Personalisierung der Werbekommunikation aus Perspektive der Werbetreibenden vorgestellt. Darauf aufbauend wird die zumeist kritische sozialwissenschaftliche Diskussion entsprechender Verfahren dargelegt, welche – unter umgekehrten Vorzeichen – den Versprechen der Werbeindustrie folgt und eine ‚Macht‘ der Algorithmen betont. In Absetzung hiervon wird dann in exemplarischer Auseinandersetzung mit dem sog. ‚Predictive Behavioural Targeting‘ eine systemtheoretisch orientierte Perspektive auf Versuche der Personalisierung der Werbekommunikation entwickelt.
Florian Muhle

Popularität statt Relevanz? Die journalistische Orientierung an Online-Nutzungsdaten

Zusammenfassung
Das journalistische Feld wurde in den vergangenen Jahren durch strukturelle Finanzierungsprobleme geprägt. Zugleich liegen mit dem Online-Journalismus erstmals „Echtzeit-Quoten“ zu einzelnen Beiträgen und Themen vor. Klickzahlen haben sich bei verschiedenen Akteuren der journalistischen Produktion und Vermarktung als gemeinsamer Vergleichs- und Orientierungsmaßstab etabliert. Sie zeigen nicht nur an, wie stark sich ein Angebot rentiert, sondern werden gemeinhin zugleich als Ausdruck der Publikumsinteressen gelesen. Dieser Beitrag diskutiert kritisch, welche Rolle Online-Nutzungsdaten im redaktionellen Alltag spielen und inwieweit diese Daten etablierte Praktiken verändern und journalistische Relevanzkriterien verdrängen. Der internationale Forschungsstand wird systematisch zusammengeführt mit Blick auf Veränderungen der redaktionellen Ressourcenverteilungen und Anreizsysteme, der Themenauswahl und -gewichtung, der Darstellungsformate und -mittel sowie des Produktionsumfangs und -rhythmus. Über verschiedene Medientypen hinweg ist zu beobachten, dass das Streben nach höheren Zugriffszahlen die Ressourcenverteilungen beeinflusst, zu einem höheren Output an Berichten führt und die Themenauswahl und -darstellung verändert. Zukünftig gefordert ist eine stärkere Reflexion der Aussagekraft von und des Umgangs mit Klickzahlen.
Silke Fürst

Sich selbst verdaten

Frontmatter

Leibschreiben. Zur medialen Repräsentation des Körperleibes im Feld der Selbstvermessung

Zusammenfassung
Der für die Phänomenologie konstitutive Unterschied zwischen „Leib sein“ und „Körper haben“ markierte bislang die Grenze möglicher Rationalisierungen des Selbst. Die Verbreitung technisch mediatisierter Selbstvermessungspraktiken verweist auf die historische Variabilität dieser Grenze. Der Beitrag untersucht auf der Grundlage qualitativer Interviews die emergierenden Praktiken des Leibmessens und Leibschreibens. Selbstvermessungspraktiken stellen den Versuch dar, Leiberfahrungen aus der Sphäre des Vorreflexiven zu lösen und in eine formal repräsentierbare Form zu bringen. Diese kalkulative Übersetzung innerlichen Empfindens in formales Wissen basiert auf formalen Repräsentationen und Konventionen, deren Hervorbringung in den drei Feldern der Leistung, der Gesundheit und der Gefühle untersucht wird.
Uwe Vormbusch, Karolin Kappler

Reflexive Selbstverwissenschaftlichung. Eine empirische Analyse der digitalen Selbstvermessung

Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag interpretiert das Phänomen der digitalen Selbstvermessung in erster Linie als Signum einer verwissenschaftlichten Gesellschaft. Unsere Analyse von 22 Leitfadeninterviews mit ambitionierten Selbstvermessern zeigt, dass der Prozess der Quantifizierung, die Objektivierung des Körpers sowie die Expertisierung von Laien zentrale Aspekte der digitalen Selbstvermessung darstellen. Wir verstehen die digitale Selbstvermessung somit als eine Form der Verwissenschaftlichung von Körper und Alltag, welche wir abschließend mit dem Konzept der „reflexiven Selbstverwissenschaftlichung“ weiter ausbuchstabieren und in einen breiteren soziologischen Diskurs einordnen.
Nicole Zillien, Gerrit Fröhlich

Daten statt Worte?! Bedeutungsproduktion in digitalen Selbstvermessungspraktiken

Zusammenfassung
Am Beispiel einer explorativen qualitativen Studie zur Vermessung sportlicher Aktivitäten wird gezeigt, wie den mittels Fitness-Apps erhobenen Daten Bedeutung zugeschrieben wird und diese damit zugleich den Einzelnen Bedeutung zuschreiben. Die bedeutend gemachten Daten ermöglichen die (Selbst-)Verortung in einer Gemeinschaft und die Anerkennung durch andere, sie beglaubigen den Zukunftsentwurf und das Gefühl der Handlungsmacht. Darüber hinaus versprechen sie, die eigene Existenz (als Sportler) buchstäblich zu ‚verwirklichen‘, sie verifizieren die Vergangenheit, sie dokumentieren die Gegenwart und sie orientieren zukünftiges Verhalten. Die Quantifizierung der Körperdaten erweist sich so als Mittel der Qualifizierung des Selbst – die Daten ermöglichen es, sich selbst bedeutsam zu machen.
Stefanie Duttweiler
Weitere Informationen