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22.02.2022 | Beschaffungsmanagement | Schwerpunkt | Online-Artikel

Nachhaltige Beschaffung – mehr Schein als Sein?

verfasst von: Annette Speck

4:30 Min. Lesedauer

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Mit dem Lieferkettengesetz ist Nachhaltigkeit in der Beschaffung für Unternehmen verpflichtend geworden. Obwohl viele Firmen das Thema ganz oben auf ihrer Agenda ansiedeln, hapert es bei der Umsetzung. Wie sich das ändern lässt.

Lang war über das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, das Unternehmen bei ihrer weltweiten Geschäftstätigkeit stärker in die soziale und ökologische Verantwortung nimmt, diskutiert worden, ehe es im Juni 2021 in Kraft trat. Die großen Wirtschaftsverbände wie etwa BDA und BDI stehen dem Lieferkettengesetz allerdings weiterhin mehr als reserviert gegenüber. Sie halten es mit Hinweis auf “ungerechtfertigte Zusatzbelastungen“ für überregulierend – erst recht während der Corona-Krise.

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Lieferkettengesetz

Sorgfaltspflichten in der Supply Chain verstehen und umsetzen

Im strategischen Beschaffungsmanagement gewinnen ökologische und soziale Gesichtspunkte an Bedeutung. Das neue Gesetz über die unternehmerischen Sorgfaltspflichten zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten unterstreicht die Notwendigkeit für Unternehmen, sich mit den Pflichten der Corporate Social Responsibility (CSR) auch in der Supply Chain auseinanderzusetzen.

Ähnliche Bedenken finden sich im IfW-Gutachten “Lieferketten in der Zeit nach Corona“. Darin wird befürchtet, die Zahl der Zulieferer könne sich reduzieren. Und zwar nicht unbedingt, weil sie die Standards nicht erfüllten, sondern weil “es für die belieferten Unternehmen in Deutschland schlicht zu aufwändig ist, bestimmte Anbieter angemessen zu überprüfen.“

Nachhaltigkeit ist ein Top-Thema

Gleichwohl hat das Thema Nachhaltigkeit in der Beschaffung einen sehr hohen Stellenwert für viele Firmen. Dies belegt das “Sustainable Procurement Barometer 2021“ von Eco Vadis. Der Anbieter von Nachhaltigkeitsrankings für Unternehmen befragte hierfür rund um den Globus 159 Einkäufer in Unternehmen und 207 Lieferanten und führte Interviews mit ausgewählten Teilnehmern.

“Viele haben befürchtetet, dass sich die Pandemie negativ auf den weltweiten Fortschritt in Sachen Nachhaltigkeit auswirken würde. Unsere Untersuchung hat das Gegenteil ergeben – die Nachhaltigkeitsverpflichtungen und -investitionen sind bei 93 Prozent der Unternehmen gleich geblieben oder gestiegen“, sagt Eco-Vadis-CEO Pierre-Francois Thaler. So geben aktuell deutlich mehr Führungskräfte an, ihnen sei es sehr wichtig, die Nachhaltigkeitsziele des Unternehmens zu erreichen. Ihr Anteil stieg von 25 Prozent vor zwei Jahren auf jetzt 63 Prozent. Auch achten mittlerweile 69 Prozent der Befragten bei der Auswahl neuer Lieferanten und der Erneuerung von Verträgen stärker auf deren Nachhaltigkeit. 2019 waren es nur 51 Prozent.

Häufigste Maßnahmen zur Förderung der nachhaltigen Beschaffung

  • Selbstbewertung von Lieferanten (52 Prozent)
  • Risikobewertungsmodelle für Kategorien/Länder (41 Prozent)
  • Auditprogramme für Lieferanten und Pläne für Abhilfemaßnahmen (40 Prozent)
  • Nachhaltigkeitsdatenbanken und Scorecards von Lieferanten, die von Dritten bereitgestellt werden (33 Prozent)
  • Gesamtkostenmodelle mit Kriterien zur nachhaltigen Entwicklung (19 Prozent)

Quelle: Sustainable Procurement Barometer 2021, Eco Vadis

Nachhaltigkeitsengagement macht resilienter

Darüber hinaus erklären fast zwei Drittel (63 Prozent) der befragten Einkäufer und 71 Prozent der Lieferanten, ihre Initiativen für eine nachhaltige Beschaffung habe ihnen geholfen, die Lieferkette widerstandsfähiger zu machen und die Pandemie zu überstehen. Grundsätzlich wird in der Untersuchung am häufigsten die Risikominimierung als Vorteil eines nachhaltigkeitsorientierten Beschaffungsmanagements genannt (63 Prozent). Rund ein Drittel der Befragten erwarten durch ihr Nachhaltigkeitsengagement jedoch auch mehr Umsatz und Wachstum.

Die Springer-Autorinnen Elisabeth Fröhlich und Kristina Steinbiß sehen in der “Integration der ‘Sustainable Development Goals‘ in eine nachhaltige Supply Chain“ ebenfalls veritable Vorteile für Unternehmen: "Dabei eröffnen sich neue Marktchancen: Innovative Ansätze z. B. im Bereich der Ressourceneffizienz schaffen Wettbewerbsvorteile und sichern damit langfristig den Unternehmenserfolg." (Seite 40)

Lieferanten kritisieren Lippenbekenntnisse ihrer Kunden

Während der EcoVadis-Studie zufolge zwar weltweit das Commitment der Unternehmen mit Nachhaltigkeitszielen zugenommen hat, hakt es aber oft noch bei der Umsetzung. Denn fast die Hälfte der Lieferanten (46 Prozent) gab an, dass Nachhaltigkeit für ihre Kunden zwar auf dem Papier wichtig sei, sich aber nicht in der Art und Weise ihrer Zusammenarbeit widerspiegele.

Womöglich liegt das auch an der Komplexität des Nachhaltigkeitsbegriffs. So umfasst die von den Vereinten Nationen 2015 beschlossene “Agenda 2030“ beachtliche 17 Haupt- und 169 Unterziele für die nachhaltige Entwicklung. Diese Sustainable Development Goals (SDGs) geben die Leitlinien für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum vor. Jedoch neigen Unternehmen dazu, sich Nachhaltigkeitsziele zu setzen, die sich gut vermarkten lassen. Hierbei helfen etwa Nachhaltigkeitssiegel, die für Verbraucher eine gute Orientierung bieten, aber nicht unbedingt "die komplette Wirklichkeit von häufig schwierigen Arbeitsbedingungen widerspiegeln", wie Stefan Zeisel in dem Buchkapitel "Überwachung und Maßnahmen" schreibt. (Seite 33)

Elisabeth Fröhlich und Kristina Steinbiß halten es nicht zuletzt angesichts der immer geringeren Wertschöpfungstiefe jedenfalls für unbedingt erforderlich, partnerschaftlich mit Lieferanten zu kooperieren und sie auch als Impulsgeber für eine nachhaltige Lieferkette zu verstehen.

Nachhaltigkeit beginnt bei der Infrastruktur

Mit Blick auf die Praxis hebt Stefan Zeisel indessen die Wichtigkeit der unternehmenseigenen “Infrastruktur zur Umsetzung des Lieferkettengesetzes“ hervor. Eine nachhaltigkeitsfördernde Infrastruktur erfordere geeignetes Personal, eine entsprechende Organisation sowie eine Beschaffungs-IT, in der sich auch soziale und umweltbezogene Nachhaltigkeitsaspekte abbilden lassen. Branchenkooperationen und Multi-Stakeholder-Partnerschaften können die Infrastruktur ergänzen.

Ein Menschenrechtsbeauftragter als Schaltzentrale

Maßgeblich für die Nachhaltigkeitsperformance eines Unternehmens sind dem Springer-Autor zufolge nicht nur nachhaltigkeitsbezogene Weiterbildungen in den Orderunternehmen sowie bei den Lieferanten. Er empfiehlt außerdem, die nachhaltige Lieferkette sowohl in der Aufbau- als auch in der Ablauforganisation angemessen zu verankern und einen Menschenrechtsbeauftragten zu benennen. “Der Beauftragte kann dann die Definition der Schutzrechte, den Aufbau eines effektiven Risikomanagement-Systems sowie Überwachungs- und Korrekturmaßnahmen vorantreiben“, heißt es auf Seite 16.

Laut Zeisel ist es vor allem nötig, bei der Lieferantenbewertung soziale und Umweltaspekte gleichermaßen einzubeziehen, und zwar bei der Lieferantenauswahl ebenso wie beim fortlaufenden Lieferanten-Controlling. Sein Tipp: “Mit Hilfe des KMU-Kompass der Agentur für Wirtschaft und Entwicklung, kann man auch die eigene Ablauforganisation in Bezug auf die Sorgfaltspflichten analysieren.“ (Seite 16)

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