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23.01.2019 | Beteiligung | Interview | Onlineartikel

"Mitarbeiterkapitalbeteiligung ist auch etwas für Mittelständler"

Autor:
Andrea Amerland
Interviewt wurde:
Hans-Jörg Naumer

leitet seit 2000 Capital Markets & Thematic Research bei Allianz Global Investors.

Deutschland braucht eine Aktienkultur, fordert Springer-Autor Hans-Jörg Naumer. Die Mitarbeiterkapitalbeteiligung wäre ein Einstieg dazu, sagt er im Gespräch und erklärt die Vorteile für Arbeitnehmer und Unternehmen.

Springer Professional: Sie haben ein Buch rund um das Thema Teilhabe im Sinne von Mitarbeiterbeteiligung durch Kapitalbeteiligung herausgegeben. Was ist der Hintergrund dieser Debatte?

Hans-Jörg Naumer: Die Motivation von meinem Mitherausgeber, Heinrich Beyer, und mir, so wie vieler der Autoren, speist sich aus hauptsächlich zwei Quellen. Wir suchen einen Weg in der Ungleichheitsdebatte, der den Pfad der Umverteilung verlässt und gerechte Teilhabe sowohl an den Früchten, aber auch an den Risiken des Wohlstandswachstums ermöglichen. Das geht nur durch die Beteiligung am Produktivkapital. Gleichzeitig sehen wir, dass die Digitalisierung Arbeit und Kapital weiter auseinander zu drängen scheint. 150 Jahre nach dem Kommunistischen Manifest lebt die Trennung von Kapital und Arbeit fort. Die neuzeitlichen 'Proletarier' im Sinne von Karl Marx beziehen ihr Haupteinkommen wie in der Frühphase der Industrialisierung aus Arbeit. Die vom Deutschen Aktieninstitut jährlich erhobene Anzahl der Aktionäre ist kläglich gering, die finanzielle Allgemeinbildung – freundlich ausgedrückt – befriedigend. Risiken werden aus den Durchführungswegen privater Altersvorsorge wegreguliert – und damit auch die Partizipation an der Risikoprämie, einem der wichtigsten Renditetreiber. Als führende Industrienation liegen wir beim Pro-Kopf-Geldvermögen gemäß des Global Wealth Report von Allianz auf Platz 19 und unser Geld überwiegend auf dem Sparbuch. Der Dax ist zu über 50 Prozentz in Hand ausländischer Investoren.

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Welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf dieses Thema?

Fakt ist: Die Ausläufer der Digitalisierung am Arbeitsmarkt sind schon jetzt kaum zu übersehen. Die Beiträge von Jens Südekum und Richard Freeman verdeutlichen dies. Dabei ist es gar nicht eindeutig, ob es zu einem Verlust an Arbeitsplätzen kommen muss. Das war auch bei allen technologischen Revolutionen, die mit dem Paradigma Industrie 1.0 – 3.0 beschrieben werden, auch nicht der Fall. Bezogen auf Deutschland kam es bisher auch nicht zur Verdrängung von Arbeitsplätzen, aber es kam zu Verschiebungen in den Lohnsegmenten. Das mittlere Lohnsegment hat verloren. Dazu kommt auch, dass der Anteil des Arbeitseinkommens am gesamten Volkseinkommen in den wichtigsten Industriestaaten über die 1970er Jahre hinweg bis heute gefallen und der Anteil des Kapitaleinkommens entsprechend gestiegen ist. Freeman beschreibt die dahinter liegenden komparativen Kostenvorteile zwischen Mensch und Maschine und provoziert mit der Frage, wer für wen arbeiten wird: Wir für die Roboter oder die Roboter für uns? Wir meinen: Lass‘ die Roboter für Dich arbeiten – per Kapitalbeteiligung. Ganz am Rande: Dann wäre auch ein wirklich bedingungsloses Grundeinkommen möglich. 

Wie kann eine solche Mitarbeiterbeteiligung im Betrieb gestaltet werden?

Mitarbeiterkapitalbeteiligung ist nicht nur etwas für börsennotierte Unternehmen, sondern auch für Mittelständler, die meist in Familienhand sind. Sie beschäftigen 70 Prozent aller Erwerbstätigen. Eine etablierte Beteiligungsform wie die so genannte stille Gesellschaft nach HGB §§ 230 ff. komme hier in Betracht. Auch eine Integration in die Altersvorsorge ist möglich, insbesondere über das Mitarbeiterguthaben. Selbst für Start-ups gibt es Wege der Beteiligung, über Optionsrechte zum Beispiel. Wenn wir eine Innovationskultur wollen, brauchen wir auch für Start-ups Lösungen. Für uns ist die Mitarbeiterbeteiligung aber nur ein erster Einstieg. Uns geht es insgesamt um die Förderung der Kapitalbeteiligung als wichtigen Vermögensbaustein. Breit diversifiziert und für alle – nicht nur für die Besserverdienenden, nicht nur für Beschäftigte in der Privatwirtschaft, auch für Beamte und öffentlich Angestellte. Tobias Pross hat dazu den Teilhaberfonds vorgestellt, auch um eine Lösung für das Klumpenrisiko in die Diskussion zu bringen. 

Was sind die Vorteile von Kapitalbeteiligungen für Mitarbeiter und Unternehmen?

Die Vorteile für eine Mitarbeiterkapitalbeteiligung sind sehr vielfältig und gehen über die bereits beschriebenen gesellschaftlichen Vorteile hinaus. Mitarbeiter als Miteigentümer sind Sinn stiftend, fördern die Bindung und die Motivation der Mitarbeiter. Mitarbeiterloyalität kann als immaterielles Asset bezeichnet werden.

Welche politischen Weichen müssen für die Umsetzung noch gestellt werden?

Es beginnt bei der Mitarbeiterkapitalbeteiligung. Die steuerliche Förderung in Deutschland ist nur ein Bruchteil dessen, was international getan wird. Generell setzen die staatlich geförderten Sparformen auf eine übersteigerte Risikoaversion. Wer aber Risiken weg reguliert, der reguliert auch die Risikoprämie und damit einen wesentlichen Renditebestandteil weg. Um die Sparfähigkeit der Menschen insgesamt zu fördern, sollte die Altersvorsorge stärker auf Kapiteldeckung umgestellt werden. Weniger Beiträge für die gesetzliche Rente – mehr Beiträge für den privaten Kapitalaufbau heißt die einfache Rechnung. Insgesamt brauchen wir eine Aktienkultur. Die Mitarbeiterkapitalbeteiligung wäre ein Einstieg dazu.

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