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07.10.2019 | Big Data | Interview | Onlineartikel

"Corporate Digital Responsibility ist eine unverzichtbare Dimension"

Autor:
Andrea Amerland
Interview führte:
Prof. Dr. Susanne Knorre

arbeitet als Unternehmensberaterin und ist Professorin an der Hochschule Osnabrück.

Unternehmen, deren Umgang mit Daten auf klaren ethischen Grundsätzen beruht, werden die Gewinner der Big Data-Debatte sein, ist sich Susanne Knorre sicher. Insbesondere die Versicherungsbranche ist gefordert.

springerprofessional.de: Rund um Big Data gibt es eine "Angstdebatte", heißt es in Ihrem Buch zum Thema. Um welche Ängste geht es und was sind die Gründe dafür?

Jeder von uns hinterlässt persönliche Daten, sobald er online ist. Dadurch wachsen unübersichtliche Datenmassen an, die von wenigen Akteuren beherrscht werden. Das allein schon beunruhigt, ohne dass dafür konkreter Datenmissbrauch vorliegen müsste. Fast jeder lässt sich heute schon re-identifizieren, selbst wenn er aktiv keine persönlichen Daten eingegeben hat. Und das ist erst der Anfang. Das Sammeln von Daten wird zukünftig immer weniger an einem Endgerät hängen, das ich ein- und ausschalten kann, sondern automatisch auf Schritt und Tritt passieren. Dazu passt, dass in der öffentlichen Debatte die Geschichte von Big Brother dominiert, eine fest verwurzelte Dystopie, die in vielen Varianten weitererzählt wird und nichts von ihrer Wirkmächtigkeit verloren hat. 

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2020 | Open Access | Buch Open Access

Die Big-Data-Debatte

Chancen und Risiken der digital vernetzten Gesellschaft

In dieser Open-Access-Publikation analysieren die Autoren die öffentliche Debatte um Chancen und Risiken von Big Data und diskutieren die konkreten Implikationen in verschiedenen Lebensbereichen. 

Sie haben 1.000 Bürger zu Chance und Risiken von Big Data gefragt. Was sind die Kernergebnisse?

Es zeigt sich, dass Einstellungen und Verhalten stark auseinanderklaffen. Wir nennen diese Beobachtung das Nutzerparadoxon. Selbst die schlimmsten, vom Big Brother-Narrativ gespeisten Befürchtungen halten kaum davon ab, datengetriebene Dienste in Anspruch zu nehmen, wenn sie denn als nützlich empfunden werden. Interessanterweise gilt das ziemlich unabhängig vom digitalen Wissen und von der Einstellung zum Datenschutz. Der Nutzer als Bürger ist skeptisch, schutzsuchend und kulturpessimistisch, als Verbraucher ist er sorglos, bequem und pragmatisch. Das trifft insbesondere in den hier untersuchten Lebenswelten Mobilität, Wohnen und Gesundheit zu. 

Sie haben dabei die Versicherungswirtschaft in den Blick genommen. Welche Ergebnisse Ihrer Befragung sollte die Branche unbedingt kennen?

In der Versicherungswirtschaft bündeln sich viele Aspekte von Big Data wie unter einem Brennglas. Versicherungen verfügen über Massendaten, ohne dass diese bislang wirklich systematisch für die Weiterentwicklung ihrer Geschäftsmodelle genutzt worden wären. Das wird sich ganz sicher ändern, niemand bleibt auf seinem Datenschatz sitzen, wenn er damit langfristig seine Zukunft sichern kann. So können beispielsweise durch den Einsatz von Sensoren Schäden viel besser vorhergesehen und vermieden werden. Insgesamt stehen die Versicherer vor der großen Herausforderung, die tradierte eindimensionale Rolle des Kostenerstatters zu erweitern und zum Beispiel als Präventionsmanager oder Provider von Monitorings aufzutreten.

Welche Anwendungsgelder von Big Data sind für die Versicherungswirtschaft in Zukunft noch denkbar? 

Zunächst einmal entstehen ja mit der Digitalisierung neue Risiken, durch technische Ausfälle genauso wie durch Hackerangriffe, die abgesichert werden wollen. In der Befragung ergab sich außerdem, dass die Zustimmung zu Big Data insgesamt durchaus überwiegt, wenn etwa die Versicherungen damit einen konkreten Nutzen verbinden. Im Bereich der Gesundheit fiel die Zustimmung insgesamt sogar noch etwas höher aus, obwohl dieser Bereich ja besonders datensensibel ist. Das zeigt, dass die Chancen von Big Data durchaus gesehen werden. Allerdings wird diese Zustimmung immer von Transparenz und Nachvollziehbarkeit abhängig gemacht, was in Zeiten von Künstlicher Intelligenz nur sehr schwer einzulösen sein wird. Selbst wenn, wie oft gefordert wird, Algorithmen offengelegt werden – wer versteht sie schon und kann deren Chancen und Risiken abschätzen? 

Braucht das Thema Big Data mehr Regulierung und wenn ja welche?

Ich habe Zweifel, ob es überhaupt noch eine gute Idee ist, Big Data und KI über ordnungsrechtliche Instrumente regulieren zu wollen. Die Datenschutzgrundverordnung ist vielleicht die letzte große Gesetzgebung dieser Art gewesen. Dagegen kann das Wettbewerbsrecht gegen die "Frightful 5" durchaus greifen. Die Zukunft liegt insgesamt eher in einem anderen Denkansatz, der davon ausgeht, den Nutzer weniger als hilfsbedürftiges Schutzobjekt zu betrachten, sondern als Datensouverän, der seine Daten einer sicheren, vielleicht sogar öffentlichen Dateninfrastruktur zur Verfügung stellt. Die Ideen der Open-Data-Bewegung dazu sind ebenso faszinierend wie praktisch umsetzbar, wie dies beispielsweise offene Datenbestände aus öffentlichen Verwaltungen oder Forschungseinrichtungen aller Art zeigen. Eine Dateninfrastruktur, für die Massendaten nach definierten Regeln geteilt werden oder sogar geteilt werden müssen, damit sich jeder mit einem berechtigten Interesse daraus bedienen kann, ist gar kein weit hergeholter Gedanke. Bemerkenswerterweise finden solche Ideen in unserer Umfrage eine beachtliche Zustimmung. 

Was sollten digitale Unternehmen vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Debatte beachten, deren Geschäftsmodell auf Daten fußt?

Schon jetzt lässt sich sagen, dass Unternehmen, deren Umgang mit Daten auf klaren ethischen Handlungsgrundsätzen beruht, die Gewinner der Big Data-Debatte sein werden. Corporate Digital Responsibility ist eine unverzichtbare Dimension der verantwortungsvollen Unternehmensführung. Das Vertrauen der Stakeholder ist die eigentliche Währung der digitalen Wirtschaft. Vertrauen gewinnt man aber nicht mehr nur durch Compliance mit den Datenschutzgesetzen. Von Unternehmen wird zukünftig erwartet, die Chancen von Big Data beziehungsweise Künstlicher Intelligenz proaktiv zu nutzen, und zwar sowohl für privatwirtschaftliche als auch soziale Zwecke, zum Beispiel bessere Medikamente, höhere Sicherheit oder klimaschonenderes Leben und Wohnen. Das ist vielleicht die Utopie, die sich der Big Brother-Dystopie entgegenstellen lässt.

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