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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

4. Bildungs- und Arbeitsmarktintegration geflüchteter Menschen in Berlin

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Zusammenfassung

In den folgenden Abschnitten werden die verbreiteten kollektiven Vorstellungen und Deutungen sowie rechtliche Regelungsmuster und Akteurskonstellationen bezogen auf die Bildungs- und Arbeitsmarktintegration geflüchteter Menschen skizziert. Nach einer kurzen Einführung zu den übergreifenden Orientierungsrahmen deutscher Flüchtlingspolitik und deren Veränderungen in den vergangenen Jahren wird der Fokus zunächst auf Berlin als Sinnhorizont einer spezifischen Migrations- und Integrationspolitik gerichtet, bevor die Schwerpunkte der Arena, die Akteurskonstellation sowie zentrale Themen und Kontroversen im Diskurs über Bildungs- und Arbeitsmarktintegration geflüchteter Menschen in Berlin näher beschrieben werden.
Fußnoten
1
Nicht nur Anselm Strauss hat auf die spezifischen Symbolwelten von Städten wie Chicago hingewiesen (Strauss 1993). Studien zur „Eigenlogik der Städte“ haben gezeigt, dass Städte häufig über eine ihr eigentümliche Sinn- und Symbolwelt verfügen, die sich mehr oder weniger deutlich von jenen anderer Städte unterscheidet und lokale Praxisfelder in einer Stadt beeinflussen kann (Berking/Löw 2008; Löw/Terizakis 2011; Frank 2012, 2014; Barbehön et al. 2015).
 
2
Die Forschungstätigkeit zu Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten in Deutschland war in der Vergangenheit relativ überschaubar. Spätestens seit dem Jahr 2015 hat sie allerdings deutlich zugenommen, was vermutlich auf die wachsende öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Flucht in Deutschland allgemein zurückgeführt werden kann (Wiedner et al. 2018). Es gab beispielsweise mehrere Themenpanels zu Flucht und Arbeit im Rahmen der ersten Konferenz des Netzwerks Flüchtlingsforschung in Osnabrück 2016, die Einrichtung eines Arbeitskreises zu Flucht und Arbeit im Netzwerk Flüchtlingsforschung sowie zahlreiche Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren zum Thema (Hendrichs 2016; Wursthorn 2015; Knuth 2016; Schammann/Kühn 2016; OECD 2017; Bauer 2015; Blossfeld 2016; IAB 2016a; Brücker et al. 2016; IAB 2016b; Geiger 2016; Gesemann/Roth 2016; Worbs/Bund 2016; IAB 2017; Körtek/Reidel 2016; Robert Bosch Stiftung 2016a). Einen umfassenden Überblick über den Forschungsstand mit Fokus auf die deutsche Forschungslandschaft bieten Johansson (Johansson 2016) und Wiedner et al. (Wiedner et al. 2018).
 
3
Der Begriff deservingness stammt ursprünglich aus der Sozialpolitikforschung und bezieht sich auf die Frage, aufgrund welcher Kriterien welchen sozialen Gruppen Ansprüche auf Leistungen (des Sozialstaats) zugeschrieben werden (van Oorschot 2000).
 
4
Manuel Castells definiert urban meaning „as the structural performance assigned as goal to cities in general (and to a particular city in the inter-urban division of labour) by the conflictiv process between historical actors in a given society“ (Castells 1983: 303). Damit wird hier mehr als bei Lanz die konflikthafte Hervorbringung des urban meaning und eine bestimmte der Stadt zugeschriebene Funktion betont, die durch das urban meaning determiniert werde. Urban meaning und urban function bringen bei Castells gemeinsam die urban form hervor, also „the symbolic spatial expression of the processes that materialize as a result of [urban meaning and urban function]“ (Castells 1983: 303).
 
5
In den USA war diversity zunächst ein Begriff der Bürgerrechtsbewegung, die sich gegen die Diskriminierung und den verbreiteten Rassismus gegenüber people of color richtete. Durch die sogenannten affirmative actions seit den 1960er Jahren war der Begriff somit eng verbunden mit der Herstellung von Chancengleichheit für häufig benachteiligte und diskriminierte Gruppen, sei es auf Grund der Herkunft, der Hautfarbe, der Religion, des Geschlechts, des Alters, der Gesundheit oder der sexuellen Orientierung (Salzbrunn 2014). Danach wurde der Diversity-Begriff relativ schnell von ökonomischen Akteuren aufgegriffen. Unter dem Stichwort des Diversity-Managements sollten durch den richtigen Umgang mit Vielfalt in einer Belegschaft Vorteile für das jeweilige Unternehmen erzielt werden. Die Vielzahl der Bezugsrahmen macht Diversität seither zu einem umkämpften Konzept, das in unterschiedlichen Diskursen zur Aktualisierung sehr unterschiedlicher Deutungsmuster und Narrative beiträgt (Vertovec 2012; Lees 2003).
 
6
Zu Narrativen eines antimuslimischen Rassismus siehe Yasemin Shooman (2014).
 
7
Der kreative Sektor und damit vor allem die kreative Klasse und deren Humankapital sind laut Florida die zentralen Faktoren für wirtschaftlichen Erfolg einer Stadt oder Region. Policy-Strategien, die zu mehr Toleranz, Offenheit und einem kosmopolitischen Flair führen und damit die Attraktivität der Stadt für die kreative Klasse erhöhen, seien daher die geeigneten Mittel für eine auf Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit ausgerichtete Stadtpolitik, so Florida (2003). Mit ihrer Argumentation für die interkulturelle Stadt bauen Wood und Landry laut Bodirsky auf der humankapital- bzw. ressourcenorientierten Argumentation von Florida auf und ergänzen diese durch die Idee, dass kulturelle Diversität in der Stadt nicht nur indirekt über die Anziehung der kreativen Klasse zu mehr Kreativität und damit mehr Innovationspotenzialen führe, sie betonen darüber hinaus Prozesse des interkulturellen Dialogs und Austauschs als Quellen für Kreativität (Wood/Landry 2008; Bodirsky 2012).
 
8
Im Jahr 2015 nahm das Land Berlin 55.000, im Jahr 2016 noch insgesamt 27.247 Geflüchtete neu auf (Die Beauftragte für Integration und Migration Berlin 2019).
 
9
Unter der Überschrift „Flankierende Maßnahmen des Landes zum Regelsystem“ (SenAIF 2016b) wurden mehrere Maßnahmen genannt, die zum Teil bereits in den Monaten zuvor initiiert worden waren, um wichtige Aufgaben im Bereich der Bildungs- und Arbeitsmarktintegration geflüchteter Menschen zu übernehmen, die nicht durch die vorhandenen Regelstrukturen abgedeckt werden konnten. Das übergreifende Anliegen dieser Maßnahmen bestand laut Masterplan darin, „[…] den Prozess der Arbeitsmarktintegration frühzeitig zu beginnen und die hohe Motivation der Geflüchteten schnell zu nutzen und die vorhandenen Angebote sinnvoll vor Ort zu verbinden“ (SenAIF 2016b). Darunter befindet sich auch die mobile Bildungsberatung für geflüchtete Menschen in Berlin.
 
10
Siehe hierzu das von Thränhardt (2015) beschriebene Abwehrregime deutscher und europäischer Flüchtlingspolitik.
 
11
Siehe hierzu die von Schammann (2017) beschriebene meritokratische Wende in der deutschen Flüchtlingspolitik.
 
12
Migrations- und Integrationspolitik allgemein kann als fragmentiertes Politikfeld betrachtet werden, das durch unterschiedliche Logiken geprägt ist. Rosenblum und Cornelius unterscheiden zum Beispiel zwischen den drei Orientierungsrahmen Sicherheit, Ökonomie und Identität bzw. Kultur, die in der Migrationspolitik immer parallel verhandelt werden, was zu Widersprüchen im Politikfeld führen kann (Rosenblum/Cornelius 2012).
 
13
Siehe auch Schammann (2015) zu Unterschieden lokaler Politikgestaltung in der Leistungsgewährung für Asylsuchende.
 
14
Münch weist darauf hin, dass mit dem an Besucher*innen erinnernden Begriff der ‚Willkommenskultur‘ Parallelen zum ‚Gastarbeiterdiskurs‘ sichtbar werden (Münch 2018). Zuwanderung wird dadurch als vorübergehender Zustand gedacht, an dessen Ende die Zugewanderten wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Zudem werde beim Reden über eine ‚Willkommenskultur‘ an die für den deutschen Migrationsdiskurs typische Gegenüberstellung von Migrant*innen und der Aufnahmegesellschaft angeknüpft (Münch 2018).
 
15
Thränhardt betont, dass es für die Akzeptanz in der Bevölkerung ebenfalls Nachteile haben könne, wenn Geflüchtete über Monate oder Jahre auf eine Entscheidung warten und in dieser Zeit „unbeschäftigt sind und versorgt werden“ (Thränhardt 2015: 20). Die erzwungene Untätigkeit habe somit nicht nur auf die persönliche Situation der Geflüchteten und deren Teilhabe an Bildung und Arbeit negative Auswirkungen, sondern möglicherweise auch auf die öffentliche Debatte über die Zuwanderung von Geflüchteten.
 
Metadaten
Titel
Bildungs- und Arbeitsmarktintegration geflüchteter Menschen in Berlin
verfasst von
Felix Maas
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-38335-0_4