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04.08.2020 | Börsengang | Im Fokus | Onlineartikel

Kapitalmärkte stützen das IPO-Geschäft in der Krise

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
4:30 Min. Lesedauer

Trotz der Corona-Pandemie trauen sich mehr Unternehmen weltweit an die Börsen als nach der Finanzkrise. Was die IPOs aktuell antreibt und worauf Börsenkandidaten achten sollten, zeigt eine aktuelle Analyse von Bain & Company.

Börsengänge verzeichnete das Beratungshauses Bain laut der aktuellen Studie "Reversing the Winner's Curse of the IPO" im ersten Halbjahr 2020 vor allem in Asien sowie in den USA. Auf Europa entfielen nur knapp zehn Prozent des Volumens in Höhe von insgesamt 71 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich zur Finanz- und Wirtschaftskrise der Nullerjahre ist das ein durchaus positives Ergebnis für Unternehmen mit Finanzierungsbedarf. Denn im zweiten Halbjahr 2008 und in der ersten Jahreshälfte 2009 erlösten die Unternehmen laut Analyse weltweit insgesamt nur rund 25 Milliarden US-Dollar durch den Gang aufs Parkett.

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Unter den aktuellen IPOs ist der Börsengang von JDE Peets im Mai 2020 mit rund 2,9 Milliarden US-Dollar der größte in Europa. Nur dem Kaffeekonzern gelang damit "der Sprung in die weltweiten Top Ten". Von den Unternehmen, die von Januar bis Juni den Schritt aufs Börsenparkett wagten, gehören weltweit

  • 23 Prozent in den Finanzdienstleistungssektor,
  • 20 Prozent in die Gesundheitsbranche und
  • 19 Prozent in die Industrie.                              

Breiter Branchenmix auch im zweiten Halbjahr

Bain-Partner und Kapitalmarktexperte Mike Kühnel geht davon aus, dass dieser Branchenmix auch bei Neuemissionen im zweiten Halbjahr 2020 zu beobachten sein wird. "Die Neuemittenten profitieren von der unerwartet raschen Erholung der Kapitalmärkte nach dem Corona-Crash", so der IPO-Experte. "Zudem konnten viele Unternehmen mit einer intakten Wachstumsstory bei Investoren punkten, die in der Nullzinsära attraktive Anlagemöglichkeiten suchen."

Ändere sich das derzeitige Kapitalmarktklima nicht, "wird sich insbesondere das IPO-Geschäft in Europa beleben", prognostiziert Kühnel. Allerdings müssen die Börsenkandidaten seiner Ansicht nach über "krisenfeste Geschäftsmodelle und ambitionierte Wachstumsziele" verfügen. Unabhängig davon gebe es einen Trend hin zur Diversifizierung der Finanzierung. Das gelte vor allem für die restriktivere Kreditvergabe von Banken während einer Rezession. "Die Corona-Krise schärft das Bewusstsein vieler Unternehmen, sich bei der Finanzierung breiter aufzustellen", so der Experte.

Renditeschwäche und Investoren verzögern IPOs

In den vergangenen Jahren habe vor allem die Renditeschwäche vieler Neuemissionen die Aufnahme von Eigenkapital über die Börsen erschwert. Wie die Studienautoren ermittelten, erzielten Neuemittenten in den ersten fünf Börsenjahren weltweit zuletzt eine durchschnittliche Aktienrendite von gerade einmal 0,4 Prozent. Ihre Peergroup kam im gleichen Zeitraum im Schnitt auf 8,4 Prozent.

Ein weiterer Grund kann laut Patrick Meisberger auch in den Strategien der Investoren liegen und führt hierfür Beispiele aus dem Fintech-Bereich an. Im Buch "Köpfe der digitalen Finanzwelt" schreibt  der Venture-Capital-Experte der Commerz Ventures auf Seite 47:

Es gibt gefühlt mehr Wettbewerb um die guten Fintech-Investments. In der Tat scheinen Finanzierungsrunden immer größer und Bewertungen immer höher geworden zu sein. Bestätigt wird diese Vermutung durch eine weitere Untersuchung aus dem KPMG-Report, in der Venture-Capital-Investmentvolumina mit der Anzahl der Venture-Capital-Investments für europäische Fintechs gegenübergestellt werden. Hier zeigt sich, dass der Anstieg der vierteljährlichen Investmentvolumina signifikant größer als der Anstieg der Anzahl der Investments war."

Entsprechend könne festgestellt werden, dass die durchschnittliche Finanzierungsrunde statistisch gestiegen und das Wachstum der durchschnittlichen Finanzierungsvolumina in Later-Stage-Runden größer ist geworden ist als in den früheren Entwicklungsphasen der Fintechs. Auf Seite 48 führt der Experte aus:

Treiber dieser hohen Bewertungen, gerade in Wachstumsphasen, sind meist nicht die Venture-Capital-Investoren selber, sondern oft Strategen oder nicht-traditionelle Venture-Capital-Investoren […] sowie Growth Fonds. Mit ihren Engagements verschieben sie die üblicherweise in solchen Phasen vorbereiteten Börsengänge zeitlich weiter nach hinten, um mehr Wert aus dem vermuteten Wachstum zu schöpfen."

Erfolgsfaktoren nach dem Börsengang

Laut Bain sollten renditestarke Neuemittenten nach einem IPO grundsätzlich drei Erfolgsfaktoren in ihren Strategien bedenken:

  1. Klare Vision: Die Mittel aus dem Börsengang sollten genutzt werden, um den Unternehmenswert langfristig zu steigern. Vorreiter nennen von Beginn an klare Ziele für Umsatz, Ergebnis und Cashflow. Darüber hinaus artikulieren sie deutlich, wie sie diese Ziele erreichen wollen.
  2. Orientierung an den Bedürfnissen der Aktionäre: Vorbörsliche Investoren haben andere Interessen als Aktionäre. Während es vor einem Börsengang primär um eine möglichst hohe Bewertung und den Erhalt der Liquidität geht, rücken nachfolgend Umsatz- und Ertragswachstum in den Fokus. Wer dies verinnerlicht und entsprechend handelt, schafft sich eine langfristig orientierte Investorenbasis.
  3. Überzeugende Equity Story: Es greift zu kurz, sich mit aller Macht auf einen optimalen Verkauf der Aktie beim Börsengang zu konzentrieren. Vielmehr sollte frühzeitig eine Langfriststrategie entwickelt und konsequent umgesetzt werden. 

Digitale Kanäle für IPO-Informationen auf dem Vormarsch

Wer einen Börsengang anstrebt, sollte sich laut Kühnel außerdem mit dem veränderten Emissionsgeschehen beschäftigen. "Digitale Kommunikationsformen setzen sich jetzt selbst in den Investor Relations durch", stellt er fest. Dies zeige die wachsende Zahl von Online-Roadshows und virtuellen Kapitalmarktkonferenzen infolge des Lockdowns. "Digitale Kanäle haben erhebliche Effizienzvorteile", so Kühnel weiter. "Auf diese werden wohl weder Investoren noch Unternehmen nach der Corona-Krise verzichten wollen." Das gelte allen voran für kleinere Firmen, die auf diesem Weg deutlich mehr Kapitalgeber erreichen können als bisher.

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