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15.05.2019 | Cloud Computing | Interview | Onlineartikel

"Bei der Cloud haben deutsche Banken eine führende Rolle"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
Interviewt wurde:
Dr. Christian Tölkes

ist Managing Director und Leiter des Bereichs Technology Consulting bei Accenture. 

Der Weg deutscher Finanzinstitute in die Cloud ist steinig. Sie plagen regulatorische Anforderungen und die schlechte Vereinbarkeit mit veralteter Bank-IT. Warum sich die Banken dennoch besser schlagen als vermutet, erklärt Christian Tölkes im Interview.

Springer Professional: Cloud-Lösungen machen Services in Finanzinstituten schneller. Warum erfolgt die Umsetzung laut Ihrer Studie so langsam?

Christian Tölkes: Lange Zeit galten regulatorische Anforderungen als größtes Hindernis für die Umsetzung von Cloud-Lösungen. Auch die teilweise sehr restriktive Auslegung der regulatorischen Vorgaben bei der Operationalisierung sowie zusätzlich hohe Anforderungen seitens des Risikomanagements behinderten die Institute auf dem Weg in die Cloud. Inzwischen ist klar, dass regulatorische Anforderungen der Nutzung der Cloud nicht prinzipiell entgegenstehen. Es fehlt allerdings häufig auf der Fachseite noch das Verständnis für das Cloud-Potenzial, wie zum Beispiel die erhebliche Verkürzung der Time-to-Market (TTM), der Zugriff auf Innovationen oder die Flexibilität durch Software-as-a-Service (SaaS). Seitens der IT geht es beim Thema Cloud auch immer um den Umgang mit technischen Altlasten. Zum einen bietet sich die Chance, dies aktiv anzugehen, gleichzeitig scheut man den damit verbundenen Aufwand und die Risiken.

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Kostensenkungen sind nicht mehr das Hauptziel von Outsourcing-Aktivitäten. Durch Auslagerungen holen sich Banken neue Kompetenzen und Angebote ins Haus. Sogar in ihren Kernprozessen lassen sie sich verstärkt zuliefern.


Was ist das Hauptproblem?

Größte Hindernisse sind meistens das fehlende technologische Know-how sowie Erfahrungswerte in der Implementierung und dem Betrieb der neuen Technologien, insbesondere im Zusammenspiel mit Systemen, die nicht oder erst zu einem späteren Zeitpunkt in die Cloud verlagert werden. Viele Aufgaben der IT, wie zum Beispiel Administration und Betrieb der IT-Infrastruktur, werden im Zuge der Verlagerung in die Cloud auf externe Dienstleister übertragen. Dadurch verschieben sich Verantwortungsbereiche, was zu internen Widerständen führen kann.  

Was bewegte Banken bisher, eine Cloud zu nutzen? Haben sich die Gründe geändert?

Zu Beginn stand die Cloud vor allem für Kosteneinsparungen. Mit Cloud-Lösungen sollten zuvorderst die Ausgaben für Infrastruktur, Rechenleistung und Speicherkapazität verringert werden. Das hat sich geändert. Heute sehen Banken die Cloud primär als Wegbereiter für mehr Flexibilität, Agilität und Innovation und letztlich für höhere Wettbewerbsfähigkeit. Das Ziel ist es, den Idea-to-Cash-Zyklus mit Hilfe der Cloud erheblich zu beschleunigen. Cloud-Services ermöglichen schnellere Experimente (fail fast) mit neuen Ideen. Der Softwareentwicklungszyklus wird beschleunigt, und bei Bedarf kann schnell skaliert werden. Ein weiterer Grund für den Schritt in die Cloud: Neue innovative Services und Technologien, wie Künstliche Intelligenz oder Machine Learning können besser integriert werden. Manche Anbieter stellen ihre Services erst gar nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt in einer on-premise-Variante zur Verfügung.

Welche Funktionen werden bevorzugt in die Cloud verlagert und welche müssten eigentlich viel stärker Cloud-basiert sein?

Bisher verlagern Banken meist kleinere, unkritische Anwendungen und Projekte in die Cloud und sammeln damit initiale Erfahrungen. Auch erste Schritte in der Neuentwicklung digitaler Anwendungen können so direkt in der Cloud gemacht werden. Inzwischen werden auch Anwendungen für Enterprise-Funktionen in der Cloud genutzt. Hier gibt es leistungsstarke SaaS-Lösungen, zum Beispiel in den Bereichen Personal oder Einkauf. Das gesamte Cloud-Potenzial wird vor allem dann ausgeschöpft, wenn wettbewerbsrelevante Anwendungen in die Cloud überführt werden sowie ein möglichst großer Teil der IT-Anwendungslandschaft. So entstehen Wettbewerbsvorteile durch Geschwindigkeit, Innovationsfähigkeit und Produktivitätssteigerung.

Wie lassen sich die Cloud und die bestehende IT-Infrastruktur einer Bank zusammenbringen? Was sind hierbei die größten Hürden?

Der Grad der technischen und kommerziellen Cloud-Migrationsfähigkeit in der IT-Applikationslandschaft unterscheidet sich stark. Aus diesem Grund ist zumindest eine temporäre Koexistenz von klassischem On-Premise-Setup und Cloud (Hybrid Cloud) für die nächsten fünf bis sieben Jahre notwendig. Dies stellt neben der Beherrschung der entstehenden technischen Schnittstellen spezielle Anforderungen unter anderem an Service Management und Informationssicherheit. Hoch komplexe und stark integrierte Banksysteme stellen dabei eine der größten Herausforderungen dar. Echte Vorteile entstehen hier erst dann, wenn nicht nur einzelne Applikationen, sondern komplette miteinander verbundene Systeme in der Cloud zur Verfügung stehen.

Wie sieht die Situation von Cloud-Lösungen auf dem deutschen Finanzmarkt im internationalen Vergleich aus?

Der Anteil von Cloud-Lösungen im europäischen Finanzmarkt ist unterschiedlich ausgeprägt. Deutschland nimmt hier aus unserer Sicht entgegen der Eigenwahrnehmung eine führende Rolle ein. Aktuell setzen sich alle großen deutschen Finanzinstitute beziehungsweise deren IT-Dienstleister sehr intensiv mit dem Thema Cloud auseinander. Global ist der Einsatz von Cloud-Lösungen in Nordamerika am weitesten fortgeschritten, gefolgt von Europa. Asien verzeichnet die größten Zuwächse.

Was bedeuten Cloud-Lösungen im Hinblick auf die Fähigkeiten für die Anwender in den Geldhäusern?

Zunächst müssen Banken Verständnis für den Einsatz von Cloud-Technologien und entsprechende Fähigkeiten innerhalb der Belegschaft aufbauen. Der Umgang mit neuen Technologien verändert die Anforderungen an Mitarbeiter. Es werden nicht nur neue Rollenprofile und Fähigkeiten benötigt, sondern es ist auch ein Umbau der Organisation und Prozesse notwendig. Dies betrifft nahezu die gesamte IT, aber auch die Fachseite und in besonderem Maße die Informationssicherheit. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, alle diese beteiligten Einheiten für eine gemeinsame Strategie und deren gemeinsame Umsetzung zu gewinnen. 

Was heißt das konkret?

Der Charme von SaaS-Lösungen aus Unternehmenssicht ist der von ihnen ausgehende Standardisierungsdruck auf IT- und Fachseite – der Funktionsumfang und seine technische Realisierung sind weitestgehend nicht verhandelbar und werden in festgelegten Releasezyklen für alle Kunden des Anbieters gleichermaßen erweitert. Das bedeutet, dass Geschäftsprozesse des Kunden angepasst werden und die Anwender sich darauf einstellen müssen, damit das Projekt erfolgreich ist. Aber Cloud ist auch ein kulturelles Thema. Cloud-Vorhaben funktionieren am besten in Kombination mit einer agilen Arbeitsweise und cross-funktionalen Teams, um den entsprechenden Flexibilitätsgewinn auch realisieren zu können. Das bedeutet, dass sich auch die Fachseite auf das Arbeiten in agilen Projekten umstellen muss.

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