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13.01.2016 | Compliance | Kommentar | Onlineartikel

Warum Machiavelli Managern nicht zum Vorbild taugt

Autor:
Michaela Paefgen-Laß

In deutschen Unternehmen grassiert die Unmoral. Betrug und Manipulation scheinen einer aktuellen Befragung zufolge an der Tagesordnung. Und wie so oft, stinkt auch hier der Fisch vom Kopf.

Dass die Verantwortlichen im VW-Abgasskandal Machiavellis mittelalterlichen Managementratgeber "Der Fürst" verinnerlicht hätten, bevor sie sich daran machten, die Abgaswerte von Dieselfahrzeugen zu manipulieren, wäre eine fragwürdige Unterstellung. "Ein Fürst muss im Stande sein, schlecht zu handeln, wenn die Notwendigkeit es erfordert", heißt es dort. Implizit bestätigen aber die Wolfsburger Autobauer, die vor über 500 Jahren aufgestellte Theorie, dass sich Moral und Erfolg ausschließen und dem Herrschenden vor allem das funktionelle Gebot beim Vorankommen gilt, nicht das moralische. Und dies scheint auch heute Trend, denn alleine stehen sie damit beileibe nicht.

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2014 | OriginalPaper | Buchkapitel

Die egomanische Organisation: Auszehrung der Mitarbeiter als Folge einer unethischen Führung

Die „Auszehrung der Mitarbeiter“ ist zwar kein grundlegend neues Phänomen – jedoch eines, das sich in der jüngeren Vergangenheit in sehr neuartiger und problematischer Weise darstellt (Abschn. 6.1). Der Prozess einer systematischen Auszehrung de


Offenbar gelingt es auch anderen Autobauern kaum, die strengen Grenzwerte der Abgasnorm einzuhalten wie "Die Zeit" berichtet. Schuld daran sind die Zielvorgaben. Die erzeugen naturgemäß Druck auf Entscheider, umso stärker, je unrealistischer ihre Erfüllung ist. Statt gemeinsam Lösungen zu erörtern, werden die Vorgaben kritiklos nach unten durchgereicht. Eine Unart, die der globale Wettbewerb begünstigt und die sich quer durch die Branchen ausbreitet. Es zählen vorrangig der ökonomische Erfolg des Unternehmens und die begünstigte Führungsposition des Einzelnen.

In der Managementforschung ist das ein Symptom für "Bad Leadership" oder destruktive Führung. Diese, so schreibt Springer-Autor Theo Peters in "Kompetenzen, Aufgaben und Verantwortung eines Leaders", macht sich dadurch bemerkbar, "dass Führungskräfte auch dazu bereit sind, unmoralisch zu handeln, wenn es notwendig ist, um ihre Ziele zu erreichen" (Seite 92). "Arglistige Täuschungen", wie es ein Kommentar in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) ausdrückt, sind dafür das Mittel der ersten Wahl.

Mitarbeiter unterstützen "Bad Leader"

Günstige Rahmenbedingungen beschleunigen die Wirkung. "Unethische Führung ist nicht nur als Folgewirkung schlechter Führer, sondern auch als Folgewirkung schlechter Geführter, sowie einer schlechten Situation zu erklären", schreiben die Springer-Autoren Thomas Kuhn und Jürgen Weibler in "Die egomanische Organisation: Auszehrung der Mitarbeiter als Folge einer unethischen Führung" (Seite 120). Unterm Strich betrachtet hebeln alle Beteiligten gelichermaßen in ihrem jeweiligen Tun demokratische und ethische Grundprinzipien aus. Die einen, weil die die Anordnung dazu geben, die anderen, weil sie sich zur kritiklosen Erfüllung bereit erklären. Mitverantwortlich macht die "Geführten" eine unkritische, passive Haltung gegenüber der Führung, sowie die Hoffnung auf Belohnung. Recht und Moral, so scheint es dann, sind nur noch "zwei von vielen Kontextfaktoren", an die sich Unternehmen halten, wie die Kommentatoren der NZZ mahnen, "ein Produktionsfaktor - mehr nicht". Ist machiavellistische Führung etwa geduldeter unternehmerischer Zeitgeist?

Betrug und Manipulation in deutscher Wirtschaft

Von den 308 Unternehmensberatern, die sich im November in einer Studie zum Betrugspotential in der deutschen Wirtschaft äußerten, sind immerhin 53 Prozent der Meinung, dass in Unternehmen immer verwerflicher gehandelt und manipuliert wird. Als häufigste Ursache dafür nennt der von der "Süddeutschen Zeitung" beauftrage und der Personalberatung LAB & Company durchgeführte Consulting-Barometer, Realitätsverluste von Vorständen und Geschäftsführern (69 Prozent), gefolgt vom gestiegenen Druck durch Shareholder auf das Management (61 Prozent) und die Globalisierung (58 Prozent). "Hauptursache: Priorisierung von individuellen Zielen versus Werte", bringt ein Teilnahmerkommentar den Missstand auf den Punkt. Doch was schlagen die Berater zur Lösung vor?

Wie Manager zu Vorbildern werden

Unternehmen müssen sich wieder mehr auf ethische und moralische Grundwerte einlassen, lautet der einmütige Tenor der Studie. Mehrheitlich fordern die Berater von den Unternehmen, eine Kultur, die Kritik und Widerspruch als positive Werte lebt (78 Prozent) und 75 Prozent fordern moralisch integre Führungspersönlichkeiten als Vorbilder für die Mitarbeiter. Eine verbesserte Compliance im Unternehmen (58 Prozent) und realistischere Zielvorgaben des Management (57 Prozent) könnten weitere Schritte auf den Weg in eine neue Unternehmenswelt sein.

"Wenn keine Kultur vorgelebt wird, kann man auch keine Kultur erwarten", beklagte ein Teilnehmer der Befragung. So banal die Forderung nach moralisch einwandfreien Vorbildern in den Führungsetagen auch klingt, in Unternehmensstrukturen die in auf Erfolg, Subjektivierung und Downseizing ausgelegt sind, braucht es einen Rückbau dieser fast schon archaischen Überlebensstrukturen, um integre Führungspersönlichkeiten überhaupt erst installieren zu können. Diese zeichnen sich nach Kuhn und Weibler durch folgende Persönlichkeitsmerkmale aus (Seite 127):

  • Rechtschaffenheit: Integre Personen sind sich ethisch selbstverpflichtet. Sie wägen zwischen Eigennutz, Gemeinsinn und sozialem Verantwortungsbewusstsein moralisch ab.
  • Unbescholtenheit: Integre Personen rechtfertigen ihre Handlungsweisen durch gegenüber anderen, überprüfen deren Meinungen, sind bereit sie zu übernehmen und eigenes Handeln zu korrigieren.
  • Standhaftigkeit im Angesicht von Widerständen: Integre Personen sind bereit auch dann richtig zu handeln, wenn es persönliche Nachteile in Kauf genommen werden müssen.

Fazit: Ein bisschen Machiavellismus kann nie schaden, scheint in vielen Führungsetagen als Devise zur Idee vom idealen Herrschertypen zu kursieren. Als taugliches Modell können die mittelalterlichen Theorien heute allerdings nur denen dienen, die auch bereit sind, sie vor historischem Hintergrund zu lesen und modern zu interpretieren. Machiavelli sehnte sich in Zeiten der korrupten Päpste und Fürsten nach einem neuen Herrn über Italien. Den deutschen Unternehmen sei unterdessen für den Umgang mit ihren Stakeholdern das von Barbara Coudenhove-Kalergi und Gabriele Faber-Wiener in "Reverse Stakeholder Engagement – Ethikbasiert statt machtorientiert" zitierte Wort des Politikers Hans-Dietrich Genscher empfohlen: "Nicht das Recht des stärkeren, sondern die Stärkung des Rechts schützt die Interessen aller am besten" (Seite 72).

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