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11.05.2018 | Compliance | Im Fokus | Onlineartikel

Management wie im Theater?

Autor:
Michaela Paefgen-Laß

Machtmissbrauch, Feudalherrschaft und Willkür sind Themen, mit denen sich das Theater zu Recht unentwegt beschäftigt. Hinter den Kulissen wird die Debatte aber nicht fortgeführt. Was Manager vom Theater lernen können – und auch nicht.

Nicht sexueller Missbrauch wie er Dieter Wedel oder Harvey Weinstein vorgeworfen wird, hat 60 Mitarbeiter des Wiener Burgtheaters dazu veranlasst, mit einem offenen Brief an #Metoo anzudocken. Am Pranger stehen Abhängigkeitsverhältnisse, Hierarchiestrukturen und "personelle Machtballungen", die in modernen Unternehmen undenkbar sind, im Theater sich aber rechtfertigen als der Kunst geschuldet.

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2018 | OriginalPaper | Buchkapitel

Einblick – Die Künstlerbrille aufsetzen

In den Denk- und Arbeitshaltungen von Künstlern liegen für Führungskräfte interessante Lernfelder. Die Künstlerbrille ist eine Metapher für einen anderen Blick auf Dinge, Prozesse und Abläufe und den Transfer künstlerischer Arbeitshaltungen in den …

Belegschaft ist keine Karawane

Ein Beispiel: Folgt der Theaterintendant einem neuen Ruf – und die männliche Form ist hier überaus in Ordnung, denn 78 Prozent der öffentlichen Bühnen in Deutschland werden von Männern geleitet – dann "zieht die Karawane" mit. Ein schönes Bild, aber falsch. Jeder Intendantenwechsel geht einher mit Ensemblekündigungen und Nicht-Verlängerungen in allen Bereichen. Vor, auf und hinter der Bühne wird Platz gemacht für das Personal des kommenden Chefs. 

Wer dem scheidenden Intendanten ins neue Engagement folgen darf, sofern er denn eines hat, entscheidet dieser nach künstlerischen Gründen. Künstlerische Gründe sind das Fallbeil über den Köpfen von Theaterleuten. Sie sind höchst subjektiv und nicht nachprüfbar, entscheiden über Beschäftigung oder Hartz IV, über Hauptrolle oder Ersatzbank. In jedem anderen Wirtschaftsunternehmen würde der Betriebsrat für den Arbeitnehmerschutz Sturm laufen und der Arbeitnehmer Kündigungsschutzklage erheben. Ein Intendant kann sanktionieren, wie kaum eine andere Führungskraft.

Selbstauflösung und Unterordnung für die Kunst

Die Mindestgage am Theater beträgt 2.000 Euro, das ist eine Verbesserung die am 1. April 2018 in Kraft getreten ist und die der Bühnenverein und die Gewerkschaften ausgehandelt haben. Davon profitieren vom Schauspieler über Tänzer und Regieassistenten auch die "überwiegend künstlerisch Tätigen" wie Maskenbilder oder Bühnenmeister. Mit ihren Berufen sind sie über die reguläre Arbeitszeit – die findet neben den Proben in den Vorstellungen statt an Abenden, Wochenenden, Feiertagen – verwachsen. Wer im Theater arbeitet, fühlt sich über die Maßen kohärent und ist bereit zur Selbstausbeutung. Künstler sollen sich an der Unbill des Kunstbetriebs schleifen lassen. Und da kommen die künstlerischen Gründe ins Spiel. 

Alle ein bis zwei Jahre fallen sie in Verlängerungsgesprächen. Sie werden laut, weil der kommende Spielplan keine Rolle vorsieht für die Frau ab 50. Der Jungschauspieler gegen das System rebelliert hat. Der Intendant sein eigenes künstlerisches Programm mit "frischem Blut" durchsetzen will. "Tinitus" habe er vom Herrscherton der Intendanten und Regisseure am Residenztheater bekommen, erzählte Schauspieler Shenja Lacher vor zwei Jahren der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ), nachdem er freiwillig auf eine Vertragsverlängerung verzichtet hatte: "Ich zerfleische mich schon selbst und mache mich genug kaputt für meine Rollen. Ich brauche niemanden, der mich anschreit."

Mitbestimmung statt Geschrei

Das System Theater nimmt von fachen Hierarchien, Arbeitszeiterfassung, Kündigungsschutz oder Mutterschutz, Work-Life-Balance oder Mitbestimmung nur widerwillig Notiz. Es verlangt, dass der Einzelne sich selbstverständlich seiner Arbeit unterordnet. Theaterschaffende sind als Arbeitnehmer schlecht geschützt. Theaterschaffende dürfen selten partizipieren, sie müssen sich dem Willen von Regisseuren und Intendanten fügen. Theaterarbeit ist nicht fair. Und sicher ist Theaterarbeit erst, wenn nach 15 Jahren durchstandener Verlängerungsgespräche die Unkündbarkeit erreicht ist.  

Die deutsche Theaterlandschaft genießt Weltruf, ist einzigartig in ihrer Dichte: 143 Theater wurden in Deutschland in der Spielzeit 2015/16 öffentlich, 221 privat betrieben. Über 21 Millionen Zuschauer sahen sich 5.500 Inszenierungen in 815 Spielstätten allein der öffentlichen Theater an. Der gemeinnützige Verein Ensemble-Netzwerk setzt sich seit 2015 mit den Arbeitsbedingungen am Theater auseinander und fordert "gute betriebliche Bedingungen", Mitbestimmung, Transparenz und angemessene Bezahlung an den öffentlich geförderten Theatern. "Denn die Freiheit der Kunst, bedeutet nicht Knechtschaft der Künstler*innen", stellt das Netzwerk klar.

Was Unternehmen von Theatern lernen

"Der Zusammenhalt einer Gruppe von Individualisten resultiert aus dem inneren Antrieb und der Hingabe an ein Werk, das gemeinsam erarbeitet wird. Das Werk ist immer wichtiger als das Ego", schreiben die Springer-Autoren Berit Sandberg und Dagmar Frick-Islitzer zum Thema Kooperation im Kunstbetrieb (Seite 182). Künstlerische Zusammenarbeit folgt keinen formalen Regeln. Trotzdem und gerade deshalb darf es weder die Führungskraft noch der Einzelne im Team zulassen, dass Anweisungen gegen Widerstände durchgesetzt und Egoismen die Oberhand gewinnen. 

Wie sich das Wesen der "Künstlerbrille" auf kreative Prozesse und Teamarbeit in Wirtschaftsunternehmen übertragen lässt, bündeln die Autoren mit Fragen an Führungskräfte und Manager (Seite 187/188): 

  • Wie gut sind Sie und Ihre Mitarbeiter aufeinander eingestimmt?
  • Wie gehen Sie mit Querulanten, Egoisten und Narzissten um?
  • Was verbindet Sie mit ihnen? Was trennt Sie von ihnen?
  • Wie setzen Sie Ihr Ego im Interesse einer gemeinsamen Sache ein?
  • Haben Sie so genannte Egoschweine im Team? Was unternehmen Sie, wenn sie sich unangemessen ins Rampenlicht drängen?

Was Theater von Unternehmen lernen

Change Management bei Intendantenwechseln, Compliance in der Personalarbeit, das Theater reift und öffnet sich Themen und Methoden des Managements. Dem Theater mit hierarchischen und zentralistischen Strukturen als "eine der letzten Bastionen nahezu uneingeschränkter Herrschaft und künstlerischer Verwirklichungsmöglichkeiten" gehört Einhalt geboten, findet Springer-Autor Thomas Schmidt in "Auf der Suche nach einer neuen Balance" (Seite 242). Seine Empfehlungen für eine ausgeglichene Institution lauten (Seite 245):

  • mehr Team als Regentschaft
  • mehr Ausgleich und Gerechtigkeit zwischen den verschiedenen Mitarbeitergruppen
  • mehr künstlerischer Impuls als Produktionsdruck
  • mehr finanzieller und personeller Ausgleich zwischen den Sparten

Es gibt sie bereits, die Intendanten, die ihre absolute Gestaltungsmacht abgegeben haben um Teamchef zu sein, findet Daniel Ris, Vorstandsmitglied der Initiative "art but fair" im Interview mit dem "Deutschlandfunk". Aufgelöste Hierarchien gebe es am Mannheimer Nationaltheater, wo fünf gleichberechtigte Direktoren das Haus leiten und am Mainzer Staatstheater, wo fünf gleichberechtigte Hausregisseure die künstlerischen Geschicke in der Hand haben. Zwei Beispiele, machen zwar noch keine Tendenz, sie können aber der Idee von Bühne mit Künstlerteams und Theatermanagern weiteren Vorschub leisten. 

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