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16.05.2019 | Compliance | Im Fokus | Onlineartikel

Die Firmengeschichte nicht schönreden

Autor:
Michaela Paefgen-Laß

Die Hälfte der 500 größten deutschen Familienunternehmen wurde um das Jahr 1926 gegründet. Dass zwischen Gründern und Enkeln Geheimnisse aus der NS-Zeit liegen, die aufgearbeitet gehören, ist höchst wahrscheinlich. Dass sich alle der Verantwortung bewusst sind offenbar nicht, zeigt der Fall Bahlsen.

Ihre Namen sind Porsche, Piech, Quandt, Reimann oder Bahlsen. Sie produzieren Konsumgüter, mit denen sich Verbraucher über Generationen hinweg verbunden fühlen. Unternehmer-Dynastien umweht auch deshalb immer eine geheimnisvolle Aura, weil ihre Marken zwar weltbekannt sind, die Familien aber oft im Stillen leben und ihre Namen kaum an die Öffentlichkeit gelangen lassen. Geschieht das dann doch, sind nicht selten Affären oder Skandale die Auslöser. Vieles davon geht Außenstehende eigentlich nichts an und ist nur für Boulevard-Medien interessant. Bei Verstrickungen mit dem NS-Regime, die Zusammenarbeit der Wirtschaft mit den Nationalsozialisten und die Ökonomisierung von Zwangsarbeit sieht das allerdings anders aus. 

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2019 | OriginalPaper | Buchkapitel

Werte und Ziele von Familienunternehmen

Nachdem Sie im ersten Kapitel Familienunternehmen als besondere Unternehmensform kennengelernt haben, wenden wir uns in diesem zweiten Kapitel der Frage zu, ob und vor allem warum Familienunternehmen typische Verhaltensweisen zeigen, die sie von anderen unterscheiden.

Rundum versorgt von einer Dynastie

Die Familie Reimann etwa kann den modernen Menschen durch den Tag versorgen mit Colgate-Zahncreme, Jacobs-Kaffee, Max-Factor-Kosmetik, Jimmy-Choo-Schuhen, Krispy-Creme-Donuts und allerlei Putzmittel. Aktuell werden sie mit ihrer global agierenden JAB-Holding zu den reichsten Familien in Deutschland gezählt. Während der NS-Diktatur profitierten sie von Zwangsarbeit. Wie die Keksfabrikanten Bahlsen. Beide Familien müssen sich derzeit ihrer Vergangenheit stellen. Historische Verantwortung, das machen die beiden Fälle aber auch deutlich, ist offenbar immer noch Auslegungssache und alles andere als selbstverständlich. Exemplarisch dafür tritt gerade Keks-Erbin Verena Bahlsen (26) auf. Sie irritiert im Gegensatz zu den Reimanns mit schnoddrigem Geschichtsbewusstsein und "Bahlsen-Bullshit" (TAZ) auf ganzer Linie.

Wenn Gründerväter Schuld vererben

Im März wurden die Nachfahren der Gründer Albert Reimann sen. und Albert Reimann jun. nach Recherchen der "Bild am Sonntag" mit dem Bericht eines unabhängigen Historikers konfrontiert, den sie vor drei Jahren damit beauftragt hatten, die Familien- und Firmengeschichte aufzuarbeiten. "Reimann senior und Reimann junior waren schuldig. Die beiden Unternehmer haben sich vergangen, sie gehörten eigentlich ins Gefängnis", zitiert das "Manager Magazin" die Aussage eines Vertrauten der Familie. Die Erben zeigten zeigten sich zutiefst beschämt und gleichzeitig erleichtert, dass die Verbrechen in der Privatvilla und den Werken der Firmengründer offengelegt sind, "dass es raus ist". 

Andere Töne haut in diesen Tagen Verena Bahlsen ungeniert in die Öffentlichkeit. Ihr gehöre ein Viertel des Unternehmens und sie verstehe sich selbst als "Absolut-Kapitalistin". So gehört und seitdem viel zitiert am 8. Mai auf dem "Online Marketing Rockstars" Festival (OMR). Das dröhnt unangenehm in manchen Ohren, das provoziert viele, aber darum geht es nicht. Problematischer ist, wie sie im "Bild"-Interview Geschichte klittert, Schuld relativiert, Verantwortung ablehnt. Vielleicht, "weil sie es nicht besser weiß", wie das "Handelsblatt" zu schlichten versucht. 

Warum das Argument der Jugend nicht gilt

Mit dem historisch einfach nicht möglichen Bild der "gut behandelten" und "wie-die-Deutschen" bezahlten Zwangsarbeiter verharmlost Verena Bahlsen Sklaverei, Verschleppung, Vergewaltigung der Menschenrechte und Entmenschlichung. Dass das alles vor ihrer Zeit passiert ist, wie sie betont, stimmt, ist aber völlig irrelevant und bedeutungslos. Verantwortung überträgt sich, muss getragen werden und verjährt nicht. Genauso wenig Unrecht, Leid und Traumatisierung. Nach Angaben des Unternehmens beschäftigte Bahlsen zwischen 1942 und 1945 etwa 200 Zwangsarbeiter. Die meisten von ihnen waren Frauen aus Osteuropa. Im Jahr 1999 wies das Landgericht Hannover Entschädigungsklagen zurück. In den Jahren 2000 und 2001 zahlte der Keksfabrikant 1,5 Millionen D-Mark in die Stiftungsinitiative Deutsche Wirtschaft ein.

Was die Erben verpflichtet

Familienunternehmen sind die Stütze der deutschen Gesellschaft. Das bestätigt zum wiederholten Male die Ende April erschienene Studie zur volkswirtschaftliche Bedeutung der Familienunternehmen vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen. Mehr als 90 Prozent der privaten Wirtschaftsunternehmen in Deutschland werden von Familien kontrolliert, 86 Prozent sind eigentümergeführt. Die 500 größten deutschen Familienunternehmen überflügelten im Beobachtungszeitraum von 2007 bis 2016 die 27 Dax-Unternehmen, die keine Familienunternehmen sind, sowohl bei der Beschäftigung (+27%  gegenüber +1,4%) als auch beim Jahresumsatz (+3,7% gegenüber +3%). 

An empirischen Untersuchungen zu Familienunternehmen und ihre Wirkung auf die deutsche Wirtschaft mangelt es nicht. Das Wesen der Unternehmerfamilie dagegen ist kaum erforscht, wie die Springer-Autoren Isabell Stamm, Fabian Bernhard und Nicole Hameister bedauern. "Die spezifische Verbindung aus Familie und Unternehmen verursacht für Mitglieder aus Unternehmerfamilien einen erhöhten und anderen Bedarf an biografischer Arbeit, als dies für andere Individuen in anderen Kontexten notwendig ist" (Seite 119). Das Unternehmen, so schreiben sie, beeinflusse Handlungen von Familienmitgliedern untereinander, wirke gleichzeitig sinn- und identitässtiftend auf Angehörige der Familie. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Bedeutung der gemeinsamen Geschichte: "Narrative über unternehmerische Familienvorfahren und die Unternehmensgeschichte verbinden die Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft der Organisation. Sie tragen zur Herstellung von transgenerationalem Sinn bei und beeinflussen das unternehmerische Arbeitsverhalten maßgeblich" (Seite 121).

Schweigen begünstigt Verstrickung

Doch was, wenn die gemeinsame Geschichte über Generationen hinweg verschwiegen wurde? Wenn Taten wie Traumata nicht bewältigt werden konnten? Dann entstehen der Traumaforschung zufolge transgenerationale Verknäulungen wie sie Springer-Autorin Marion Lockert in "Vom Traum zum Trauma – Ehrgeiz und Verstrickung in einem Familienunternehmen" beschreibt. Dem systemtheoretsichen Ansatz folgend, beschreibt sie die Familie als Personensystem in dem blockierende Verhaltensmuster, nicht aufgelöste traumatische Erfahrungen oder hinderliche Grundüberzeugungen von Generation zu Generation vererbt werden, die Psyche sich Wiederholung sucht. 

"Dabei scheint es so, als ob der Grad der Verantwortlichkeit im Unternehmen die Stärke der Resonanz beeinflusst", schreibt sie (Seite 171). Geschichtliche Aufarbeitung so verstanden, hilft also die Energien im System Unternehmerfamilie  zu harmonisieren und durch Fassungs- oder Sprachlosigkeit entstandene Blockaden zu lösen. Familien, die sich ihrer Geschichte stellen und Verstrickungen offen legen, verantworten sich gegenüber der Gesellschaft.

Als Zentrum der historischen Verantwortung erweist sich die Qualität der moralischen Reflexion auf die eigene Geschichte in einem kollektiven Sinn. Damit einher geht die Selbstverpflichtung, dass das Ausmaß an unmenschlichen Taten und Unrecht offengelegt wird. Hieraus resultiert die Bereitschaft, politische und rechtliche Konsequenzen zu ziehen, die einerseits die Verfolgung von Tätern in Massenverbrechen, andererseits die Wiedergutmachung gegenüber Opfern betreffen" (Zimmermann, 2017)

Was ist historische Verantwortung?

"Historische Verantwortung verweist auf den Zusammenhang von historischer Erfahrung, Geschichtsbewusstsein und Moral", schreibt Springer-Autor Rolf Zimmermann (Seite 626). Die Beschäftigung von KZ-Gefangenen in großen und mittleren deutschen Wirtschaftsunternehmen wie den Autobauern, in Außenlagern der Industrie und anderen Arbeitsstellen hat Springer-Autor Hermann Kaienburg in "Konzentrationslager und die deutsche Wirtschaft 1933-1945" (1996) untersucht. "Wer trug die Verantwortung für den Arbeitseinsatz der KZ-Gefangenen in der deutschen Wirtschaft und für ihre Behandlung? Wie konnte es soweit kommen?", fragt er im abschließenden Kapitel (Seite 266). 

"Moral war nicht gefragt"

Stets, so Kaienburg, habe in den Betrieben vor der Profitabilität das "Primat des Terrors" (266) gegolten. Auch wenn staatliche Instanzen die Ökönomisierung der Häftlingsarbeit sowohl geplant als auch angeordnet und überwacht hätten, gibt es keinen Freispruch für die Unternehmen, Behörden und Stadtverwaltungen, die sich beteiligt haben. Ohne Mitwirkung und Zustimmung sei kein Arbeitseinsatz möglich gewesen. "Moral war nicht gefragt. Gefordert wurden vielmehr Gehorsam, kameradschaftliches Verhalten und Leistungsbereitschaft zum Wohl der eigenen Gruppe, des eigenen Unternehmens und des eigenen Landes ohne Rücksicht darauf, ob anderen dadurch Unrecht und Leid zugefügt wurde" (Seite 278). 

Zahlreiche Industrielle haben unter öffentlichen Druck und dem Druck drohender Sammelklagen aus den USA Zahlungen zur Entschädigung von Zwangsarbeitern in die Stiftungsinitiative deutsche Wirtschaft (1999-2007) geleistet. Ehemalige Zwangsarbeiter bekamen, sofern sie einen Antrag gestellt hatten, eine Entschädigung von bis zu 2.556 Euro ausgezahlt - einmalig. Quandt, Bertelsmann, Reimann, Tengelmann sind nur einige der Familien, die Forschern die Archive zur wissenschaftlich freien Aufarbeitung geöffnet haben. Gegen das Vergessen zu arbeiten, ist mehr als eine Pflicht im Aufgabenheft Unternehmensimage. Gegen das Vergessen zu arbeiten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der gerade die großen Namen und Familien als moralische Vorbilder voranzugehen haben. 

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