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02.09.2019 | Compliance | Interview | Onlineartikel

"Der Compliance-Index zeigt Stärken und Schwächen auf"

Autor:
Andrea Amerland
Interviewt wurden:
Prof. Dr. Ralf Jasny

ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaft und Finanzdienstleistungen.

Dr. Sebastian Rick

ist Senior Manager im Bereich Financial Services Compliance der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Frankfurt.

Compliance-Verstöße kommen Unternehmen teuer zu stehen. Um ethisches und gesetzeskonformes Verhalten sicherzustellen, muss allerdings der Erfolg der Compliance-Maßnahmen gemessen werden. Wie das funktioniert, erklären Ralf Jasny und Sebastian Rick im Interview.

Springer Professional: Unternehmen versuchen das Compliance-Problem mit Mitarbeiterschulungen in den Griff zu bekommen, zumeist mit kostengünstigem jährlichem E-Learning. Was bringt das wirklich?

Ralf Jasny: Unternehmen, deren Mitarbeiter und Führungskräfte Regeln nicht einhalten, müssen mit hohen Strafzahlungen und Haftstrafen rechnen. Zum materiellen Verlust – auch durch Rechtsanwalts- und Gerichtkosten – kommen noch die Herabstufung der Bonität und ein Imageschaden. Banken weltweit mussten zwischen 2008 und 2019 mehr als 350 Milliarden US-Dollar an Strafzahlungen für Fehlverhalten zahlen. Mitarbeiterschulungen lohnen sich also. 

Empfehlung der Redaktion

2018 | Buch

Das Compliance-Index-Modell

Wie der Wertbeitrag von Compliance aufgezeigt werden kann

Dieses Buch zeigt auf, wie der Wertbeitrag von Compliance mit Hilfe des Compliance-Index-Modells messbar, quantifizierbar und damit vergleichbar gemacht werden kann. 

Ob E-Learnings die beste Maßnahme sind, lässt sich nur durch Messungen herausfinden. Einen Ansatz bietet das Compliance-Index-Modell. Dabei handelt es sich um ein mitarbeiterbasiertes Messsystem, um die Wirksamkeit von Maßnahmen und Programmen zu beurteilen und zu verbessern. Eon SE setzt das Modell dazu ein, um die verbesserte Wirksamkeit des Compliance-Programms nach außen zu kommunizieren, wie im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht nachzulesen ist.

Mit welchen Maßnahmen kann Mitarbeiter-Compliance sonst wirksam verbessert werden?

Sebastian Rick: Das hängt ganz von den Mitarbeitern eines Unternehmens ab. So lässt sich durch entsprechende Messungen aufzeigen, dass es Mitarbeitergruppen im Unternehmen gibt, die sich in der Wirksamkeit der Maßnahmen unterscheiden. Es könnte sich herausstellen, dass es eine Mitarbeitergruppe im Unternehmen gibt, bei der nur bestimmte Maßnahmen, wie etwa E-Learnings, beibehalten werden müssen, um die Mitarbeiter-Compliance wirksam zu verbessern, und die übrigen Maßnahmen, wie zum Beispiel Kontrollen, von untergeordneter Bedeutung sind.

Verhaltensänderungen zu bewirken, ist schwierig. Führt der Compliance-Officer einen Kampf gegen Windmühlen?

Sebastian Rick: Nicht mit den richtigen Instrumenten. Mit Hilfe des Compliance-Index-Modell können diese ermittelt werden. Durch eine Reihe statistischer Verfahren werden Ursache-Wirkung-Beziehungen zwischen Maßnahmen und Mitarbeiterverhalten ersichtlich. Das Ergebnis ist ein mitarbeitergruppenspezifischer Compliance-Index (KPI), mit dem die Wirksamkeit der Maßnahmen innerhalb der Organisation gemessen und gesteuert werden kann. Es stellt somit ein aussagekräftiges Analyse- und Controllinginstrument für den Compliance Officer dar. 

Was heißt das konkret für die Praxis?

Der Compliance-Index zeigt Stärken und Schwächen im Compliance Management auf, so dass gegebenenfalls strategische Maßnahmen zur Verbesserung abgeleitet werden können, etwa mitarbeitergruppenspezifische, datengetriebene Handlungsportfolios. Diese helfen dabei, Ressourcen effektiv einzusetzen. Die Wirkung umgesetzter Maßnahmen kann im Zeitablauf betrachtet werden und zeigt die Entwicklung des Compliance-Indexes. Weil es sich bei dem Modell um einen quantitativen Ansatz handelt, erhalten Anwender belastbare und vergleichbare Ergebnisse. So wird die Compliance-Steuerung effizienter und mitarbeitergruppenspezifischer.

Viele Unternehmen verabschieden auch einen Ethik- oder Verhaltenskodex als Teil ihres Compliance-Managementsystems: Feigenblatt-Aktion oder wirksame Compliance-Maßnahme?

Ralf Jasny: Das hängt davon ab, ob der Kodex im Unternehmen auch gelebt wird. Studien zeigen, dass Führungskräfte dabei eine entscheidende Rolle spielen. Mitarbeiter reagieren verbittert auf Führungskräfte, die ethisches Verhaltens fordern, sich aber selbst nicht an die Regeln halten. Führungskräfte sollten also gemäß der Devise "Walk-the-Talk" durch ihr eigenes Verhalten klarstellen, dass sie von den Mitarbeitern ethisch einwandfreies Verhalten erwarten. Dieses dürfte nicht nur durch regulative Zwänge wie Gesetze und Sanktionen, die traditionell mit Compliance verbunden werden, geprägt sein oder von kognitiven Zwängen, wie etwa Erfordernisse, die sinnvoll erscheinen oder als organisationsüblich angesehen werden. Führungsverhalten muss auch erheblich durch normative Zwänge, wie Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft oder dem, was Interessensgruppen als richtig erachten, geprägt sein. 

Wie können Unternehmen konkretes Fehlverhalten wie etwa Geldwäsche sanktionieren? Wie kann das in der Praxis aussehen?

Sebastian Rick: Man sollte den involvierten Mitarbeiter mit den Konsequenzen seines Verhaltens konfrontieren. In der Praxis ist eine offene Arbeitsatmosphäre wichtig, in der Mitarbeiter ihr Verhalten hinterfragen und Hinweise auf mögliche Regelverstöße geben, indem sie sich an ihre Vorgesetzten oder die zuständigen Abteilungen wenden. Darüber hinaus sollten Unternehmen ein Hinweisgebersystem implementieren, über das der Verdacht auf unethische oder unangemessene Geschäftspraktiken anonym gemeldet werden kann. Auch die Wirksamkeit dieser Maßnahmen kann mit Hilfe des Compliance-Index-Modells in der Praxis überprüft werden.

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