Skip to main content
main-content

05.12.2018 | Compliance | Interview | Onlineartikel

 "Finanzkriminalität ist ein Katz-und-Maus-Spiel"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
Interviewt wurde:
Markus Bender

ist Partner bei der Bankenberatung Capco. 

Regelmäßig sorgen Geldwäsche- und Korruptionsskandale in der Finanzbranche für Schlagzeilen. Warum Kriminelle häufig die Nase vorne haben, erklärt Markus Bender im Gespräch mit Springer Professional.

Springer Professional: Bei der dänischen Danske Bank wurde jüngst der CEO durch einen Interimschef ersetzt. Thomas Borgen hatte zuvor die Verantwortung für einen Geldwäscheskandal übernommen und seinen Rücktritt angekündigt. Trotz vieler Bemühungen, scheinen Behörden und Institute der Kriminalität in der Finanzbranche nicht Herr zu werden. Warum greifen die bisherigen Maßnahmen nicht wie gewünscht?

Markus Bender: Jede Bank ist anders, weshalb eine pauschale Aussage schwierig ist. Es gibt verschiedene Aspekte, die es den Banken generell schwer machen, das Risiko von Finanzkriminalität zu kontrollieren. Wir erleben rasante Änderungen im finanzkriminellen Umfeld. Banken sehen sich auch aufgrund dessen mit ständigen Veränderungen im regulatorischen Umfeld konfrontiert. Die Konzentration auf die Einhaltung von regulatorischen Anforderungen führt aber nicht zwangsläufig zu einem effektiven Risikomanagement bei Finanzkriminalität. Finanzunternehmen haben Schwierigkeiten, ihre bestehenden Strukturen und offenen Risikopositionen zu bewerten. Prozesse und Tools sind nicht agil genug.

Empfehlung der Redaktion

01.09.2017 | SPECIAL Digitalisierung | Ausgabe 9/2017

Geldwäschern auf die Spur kommen

Weltweit nimmt die Zahl strafbarer Finanztransaktionen zu. In den Compliance-Abteilungen deutscher Kreditinstitute kommen häufiger Fälle von Geldwäsche auf den Tisch. Welche Verdachtsmomente es gibt und wie sich die Delikte verhindern lassen.


Wir beobachten, dass viele Organisationen große Mengen an Personal neu einstellen, um manuell Compliance Prozesse zu übernehmen. Dies ist eher ein Flicken, keine nachhaltige Lösung. Kurzfristig werden regulatorische Anforderungen erfüllt. Oft ließen sich Herausforderungen mit automatisierten Lösungen jedoch besser bewältigen. Allerdings fehlt es in Banken – aber auch auf Seite der Regulatoren – am Know-how. Gleichzeitig erleben wir, dass die Investitionen von Banken in große Transformationsprogramme signifikant anwachsen. Dahinter steht die Absicht, Frühwarnsysteme zu verbessern. Große Organisationen entwickeln und verändern sich langsam, weshalb bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Programm umgesetzt ist, die Kriminellen ihre Machenschaften fortführen und bereits verändert beziehungsweise weiterentwickelt haben.

Bei der Danske Bank sind der Imageverlust, der Zorn der Anleger sowie die mit dem Skandal verbundenen Kosten konkret. Welchen gesamtwirtschaftlichen Schaden verursachen solche kriminellen Vorgänge aber in einem Staat und in ganz Europa?

Die Messung von kriminellen Finanzaktivitäten ist schwierig, da diese Machenschaften von Natur aus nicht erkannt werden sollen. Das "United Nations Office on Drugs and Crime" (UNODC) schätzt jedoch, dass jedes Jahr zwischen zwei und fünf Prozent des globalen BIP gewaschen werden, was einer Größenordnung zwischen 715 Milliarden und 1,87 Billionen Euro pro Jahr entspricht. Die wirtschaftlichen Auswirkungen bei solch einer Größenordnung sind schwer zu messen, müssen allerdings als erheblich betrachtet werden.

Die Gesetze, wie zum Beispiel die AML Direktive gegen Geldwäsche, bergen scheinbar Lücken, die Kriminelle immer wieder ausnutzen. Könnten die Institute diese Mängel nicht durch eigene Kontrollsysteme wirkungsvoll auffangen? Warum funktioniert das bislang scheinbar nicht nachhaltig?

Regulierungsbehörden und Finanzinstitute reagieren auf bestehende Prozesse und Aktionen der Kriminellen. Ein Katz-und-Maus-Spiel. Es besteht das Problem, dass kriminelle Typologien immer einen Schritt voraus sind. Oftmals haben Kriminelle die Taktik bereits geändert, wenn Methoden zur Geldwäsche oder Terrorismusfinanzierung aufgedeckt werden. Das Problem besteht darin, dass die Bekämpfung von Finanzkriminalität in der Finanzdienstleistungsbranche nur reaktiv aber zu selten proaktiv stattfindet.

Die Haupthindernisse für eine proaktive Bekämpfung von Finanzkriminalität sind das Fehlen von verfügbaren, qualitativ hochwertigen Daten über kriminelle Typologien und Trends sowie Daten über das Kundenverhalten. Banken sind somit daran gehindert, komplexe und effektive Präventions- und Erkennungslösungen einzusetzen. Ganz zu schweigen von den Herausforderungen, die sich aus dem Kompromiss zwischen Datenschutz und der notwendigen Transparenz zur Erleichterung der Prävention und Aufdeckung von Finanzkriminalität ergeben. Hinzu kommt ein Veränderungswiderstand in etablierten Großunternehmen, die über veraltete Infrastrukturen und Systemlandschaften, sowie ineffektive Entscheidungsprozesse verfügen.

Regulatorische Anforderungen dienen dazu, Finanzinstituten eine Richtung vorzugeben und einen Mindeststandard zu definieren. Da sich Banken jedoch in Bezug auf Produktangebot und Märkte unterscheiden, müssen sie für ihr eigenes Geschäft und ihre offenen Risikopositionen entsprechende Kontrollen implementieren und kontinuierlich aktualisieren, um mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Was wir auf dem Markt sehen können ist, dass Banken mit der Zeit technisch wie prozessual sehr komplex geworden sind. Trotz einiger Bemühungen ist diese Komplexität noch nicht hinreichend reduziert worden.

Welchen Maßnahmen können Banken und die Aufsichtsbehörden ergreifen, um künftig effektiver gegen kriminelle Machenschaften vorzugehen?

Es bedarf eines umfassenden Wandels. Dieser muss sich aus einer langfristigen strategischen Überlegung ableiten und sollte die Bereinigung der IT-Infrastruktur zugunsten von End-to-End-Technologien sowie datengestützten Bankprozessen ermöglichen. Regulierungsbehörden müssen sich mit den aktuellen Technologielösungen im Compliance-Umfeld vertraut machen. Auf Basis unserer gesammelten Erfahrungen fühlen sich Compliance-Beauftragte oft unwohl, wenn sie sich mit Aufsichtsbehörden über Themen wie den Einsatz von computergesteuerten Lösungen oder künstlicher Intelligenz zur Aufdeckung von Finanzkriminalität sprechen. 

Banken und Regulierungsbehörden müssen sich mit der Realität abfinden, dass man nicht effektiv sein kann, wenn man in der heutigen digitalisierten Welt veraltete Technologien und manuelle Prozesse nutzt. Falls das Engagement zur Bekämpfung von Finanzkriminalität ernst gemeint ist, dann müssen Finanzinstitute und Banken einen offenen und transparenten Dialog führen, um sich über die Herausforderungen und Trends in der Branche und den weiteren Weg auszutauschen.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren

Premium Partner

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Blockchain-Effekte im Banking und im Wealth Management

Es steht fest, dass Blockchain-Technologie die Welt verändern wird. Weit weniger klar ist, wie genau dies passiert. Ein englischsprachiges Whitepaper des Fintech-Unternehmens Avaloq untersucht, welche Einsatzszenarien es im Banking und in der Vermögensverwaltung geben könnte – „Blockchain: Plausibility within Banking and Wealth Management“. Einige dieser plausiblen Einsatzszenarien haben sogar das Potenzial für eine massive Disruption. Ein bereits existierendes Beispiel liefert der Initial Coin Offering-Markt: ICO statt IPO.
Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise