Skip to main content
main-content

25.11.2020 | Corona-Krise | Gastbeitrag | Onlineartikel

Mit neuen Wettbewerbsvorteilen aus der Krise

Autor:
Kristijan Steinberg
5:30 Min. Lesedauer

Viele Unternehmen denken beim Thema Wettbewerbsvorteil noch immer an das eigene Produkt und den klassischen USP. Doch in der Corona-Krise und einem verschärften globalen Wettbewerb sind alternative Trümpfe gefragt. Die setzen vor allem eines voraus: den klugen Einsatz der eigenen Daten.

Das jüngste Gutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute bestätigt eine Befürchtung: Das von der Politik verkündete Ziel, mit "Wumms" aus der Krise zu kommen, ist bislang in Deutschland nicht erreicht. Die derzeit wieder geltenden strengeren Hygiene- und Lockdown-Maßnahmen bremsen die Konjunktur zusätzlich. Statt mit Volldampf fahren viele Unternehmen aus der Krise in der Pandemie weiter auf Sicht. 

Nur gut ein Drittel von 1.000 Entscheidern aus Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern gibt an, die eigene Strategie in der Krise angepasst zu haben, um sich neue Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz zu sichern. Nach agilem Neustart, Resilienz oder einem Bounce Forward klingt das nicht. Dafür gefährlich nach Stillstand.

Empfehlung der Redaktion

2018 | OriginalPaper | Buchkapitel

Wettbewerbsvorteile durch informationsbasierten Wissensvorsprung

Mit der digitalen Transformation stehen die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft vor einem der größten technologischen Umbrüche ihrer Geschichte. Die Digitalisierungsdynamik umfasst dabei gleichermaßen die Entstehung neuer, intelligenter Produkte und Dienstleistungen.

Die von Sopra Steria in Auftrag gegebene Umfrage "What’s your Edge? Wettbewerbsvorteile im Entscheider-Check" wurde unmittelbar vor der jüngsten Verschärfung der Corona-Maßnahmen durchgeführt. Demnach stellen bereits jetzt rund 40 Prozent der Unternehmen beim Blick auf die nahe Zukunft ihre bisherigen Vorteile in Frage, die sie gegenüber den Konkurrenten genießen. Dabei dürfte sich die Wettbewerbssituation im Zuge der Pandemie in den kommenden Wochen und Monaten sogar noch verschärfen.

Alternative Wettbewerbsvorteile machen den Unterschied

Gerade in der Fertigungsindustrie vollzieht sich mit der Digitalisierung ein Paradigmenwechsel, der in dieser Gemengelange offen zu Tage tritt: Der produktorientierte Ansatz, der sich vor allem auf die stetige Verbesserung der Hardware stützt, funktioniert nicht länger. Stattdessen ist es oftmals die Software, die in vielfältiger Weise den Unterschied ausmacht. Für Manufacturing-Unternehmen bedeutet das: Sie müssen nicht nur schneller und flexibler werden, sondern vor allem lernen, das Thema Effizienz im Rahmen eines digitalisierten Geschäftsmodelles neu zu denken – und sich alternative Wettbewerbsvorteile jenseits des klassischen USP erarbeiten.

Die Umfrage bestätigt das sehr eindrücklich. Faktoren wie Unternehmenskultur und Purpose werden in Zukunft immer weniger als Wettbewerbsvorteil zählen können. Die Markenstärke verliert nach Einschätzung der Entscheider massiv an Bedeutung. Das Label "Made in Germany", was gerade im Manufacturing oftmals als Verkaufsargument betrachtet wird, eignet sich als Wettbewerbsvorteil immer weniger. Stattdessen nimmt die Bedeutung von Innovationskraft und Agilität als Wettbewerbsvorteil in den kommenden drei Jahren zu. Das Thema Kosteneffizienz rückt auf der Agenda weit nach oben. Auch der Einsatz neuer Technologie soll laut Studie in Zukunft weitaus wichtiger sein als heute, wenn es darum geht, sich am Markt gegenüber der Konkurrenz zu behaupten.

In der Krise den Neustart vorbereiten

Was viele Unternehmen dabei noch immer unterschätzen, ist die Rolle der Daten. So sehen Unternehmensentscheider weder jetzt noch in den kommenden drei bis fünf Jahren Datenzugang und Datenwertschöpfung als besonders wichtigen Wettbewerbsvorteil. Das ist fatal, deckt sich allerdings mit Ergebnissen einer Studie, die Sopra Steria bei Manufacturing-Unternehmen durchgeführt hat. In dieser gaben 60 Prozent der Befragten an, keine digitalen Services aufgrund des fehlenden Datenmanagements anbieten zu können. 

Dabei ist das Datenmanagement nicht nur Voraussetzung für digitale Services für sich betrachtet, sondern für die grundsätzliche Digitalisierung des eigenen Geschäftsmodells. Erschreckend ist die Antwort auch, weil das Bundeswirtschaftsministerium bereits 2015 in einer Studie zur Industrie 4.0 den hiesigen Betrieben unter anderem Defizite bei der Erfassung von Produktionsdaten bescheinigt, aber auch bei Kundendaten und Auftragsdaten Handlungsbedarf gesehen hat.

Datenmanagement wird zum Wettbewerbsvorteil

Ein modernes Datenmanagement ist somit unumgänglich. Gerade die Maschinen- und Produktionsdaten sind dabei ein Pfund, mit dem sich wuchern ließe. Richtig genutzt, machen sie nicht nur den Weg zu digitalen Services und damit zusätzlichen Umsatzmöglichkeiten frei, sondern auch für Pay-per-Use-Modelle und damit für strategische Ansätze wie Platform Factories. Ein entsprechendes Maß an Automatisierung vorausgesetzt können Unternehmen sich zum Beispiel mit ihren Partnern verknüpfen, um so ihre Produktionskapazitäten zu teilen. Daten von Vertriebspartnern lassen sich so beispielsweise flexibel bei der Produktion berücksichtigen und sie gemäß den Erfordernissen der Partner anpassen.

Beim Umgang mit Kunden erlaubt der kluge Einsatz von Daten bislang ungenutzte Potenziale im Bereich des Aftermarktes zu heben. Die großen US-Internet-Konzerne haben dieses Prinzip des Easy-to-consume-Zugangs bekannt gemacht. Genutzt werden kann es jedoch nicht nur bei Netflix-Serien, sondern auch bei Produktionslinien. Wo bislang ein Vertriebler eventuelle Zusatzbedarfe für den Businesskunden ermittelt hat, kann eine Künstliche Intelligenz diese Aufgabe übernehmen – und ausgehend von den Möglichkeiten und Kapazitäten der Factory zeigen, welche Produkte oder Leistungsmerkmale ebenfalls interessant sein könnten. 

Unternehmen erarbeiten sich damit gleich mehrere Wettbewerbsvorteile, da sie nicht nur kundenfokussierter arbeiten, sondern auch ihre Innovationskraft steigern und ihre Geschwindigkeit. Selbst die interne Organisation lässt sich mit diesem Ansatz neu denken, da Operational Technology und Internet of Things in die Produktion Einzug halten, manuelle Schnittstellen reduziert und Automation und Robotik genutzt werden, was eine offene IT-Architektur voraussetzt. In der Folge lassen sich aber auch verschiedene Dienstleister und Ökosystempartner für die interne Organisation einbinden. Auch die schnellere Buchhaltung kann mit Hilfe des Dienstleisters zum Wettbewerbsvorteil für das eigene Unternehmen werden.

Wo die Fallstricke bei neuen Geschäftsmodellen lauern

Die große Gefahr ist, dass sich Unternehmen zur Inside-out-Perspektive hinreißen lassen – ganz gleich, ob es um die eigene Position am Markt, Innovationen oder den Bedarf des Kunden geht. Das heißt, dass die Firmen von dem Hier und Jetzt der verfügbaren Mittel zunächst ausgehen. Wer sich jedoch neue Wettbewerbsvorteile erarbeiten möchte, ist daher in jedem Falle gut beraten, mit Zahlen, Daten und Fakten zu operieren. 

Die bisherige Nachfrage nach dem eigenen Produkt sagt nichts darüber aus, ob dieses wirklich optimal zu den Kundenbedürfnissen passt. Vor allem bietet sie keinen Schutz davor, dass neue datengetriebene Herausforderer mit neuartigen Geschäftsmodellen das eigene Produkt nicht womöglich obsolet werden lassen – zumindest aber deren Stellenwert per se. Der Glaube an die eigene Stärke ist in Zeiten der digitalen Transformation oftmals trügerisch. Jedes Unternehmen muss daher seinen Status quo heute noch mehr denn je prüfen.

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

01.04.2019 | Recht & Steuern | Ausgabe 4/2019

Wettbewerbsvorteile durch vertrauensvolle Zusammenarbeit

2020 | OriginalPaper | Buchkapitel

Mit Servitization zu Customer Success – Business Transformation für Kundenbegeisterung und Wachstum

Mit Strategie, Konzept und agilen Tools langfristige Kundenbindung sicherstellen
Quelle:
Transformationsvorhaben mit dem Enterprise Transformation Cycle meistern

01.11.2020 | Analysen und Berichte | Ausgabe 11/2020 Open Access

Wettbewerb in Zeiten der Pandemie

Das könnte Sie auch interessieren

Premium Partner

    Bildnachweise