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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

Corona-Warn-App: Die Aushandlung von Öffentlichkeit und Privatheit in den Debatten um das Contact-Tracing

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Zusammenfassung

In den ‚juridischen Debatten‘ um das Problem des Datenschutzes der Corona-Warn-App sind diskursive Verschiebungen hin zur Reaktualisierung bestimmter Aspekte des klassisch-bürgerlichen Verständnisses von Öffentlichkeit und Privatheit erkennbar: Erstens wird hier – anders als beim Datenschutz – Privatheit erneut als räumliches Problem verhandelt; und zweitens geht es – entgegen der Debatten um Postprivacy und Überwachungskapitalismus – fast ausschließlich um die Frage der Zulässigkeit des Zugriffs der öffentlichen Gewalt auf Daten. Abschließend wird auf mögliche Folgen solcher Verschiebungen hingewiesen.
Fußnoten
1
Das ist insofern bemerkenswert, da bei zahlreichen Apps wie etwa der durch das Gesundheitsamt Mannheim eingesetzten Corona-Nachverfolgungs-App quarano oder der in der Sozialarbeit mit Obdachlosen eingesetzten Karuna-Taskforce-App massive Datenschutzbedenken bestehen.
 
2
Dem wird entgegengehalten, dass, wenn man ein Handy habe, sowieso überwacht werde. (vgl. Fischermann 2020).
 
3
Allerdings ist gerade die Bluetooth-Schnittstelle von Apple und Google, auf die die App aufsitzt, kein open source-Projekt (vgl. kritisch hierzu Leith und Farrell 2020).
 
4
Für einen Überblick über die rechtlichen Debatten sei neben den Datenbanken juris und beck-online insbesondere auch auf das Wiki Lexcorona verwiesen (https://​lexcorona.​de/​doku.​php?​id=​fachbeitraege:​datenschutz).
 
5
Insbesondere die feministische Kritik in den 1980er-Jahren machte gegenüber diesem Modell geltend, dass dies vice versa zu einem Rückzug der Gesellschaft aus diesem Raum der Privatsphäre führte (MacKinnon 1989).
 
6
In der Literatur wird terminologisch zwischen Daten und Informationen unterschieden. Aus Daten können Dritte kontextbezogen Informationen gewinnen (vgl. Sandfuchs 2015, S. 11). Genau dies hat auch das Bundesverfassungsgericht bereits im Volkszählungsurteil erkannt, wenn es ausführt, dass es unter den Bedingungen der automatischen Datenverarbeitung kein belangloses Datum mehr gäbe (BVerfG, Urteil des Ersten Senats vom 15. Dezember 1983, Rn. 150).
 
7
Dem liegt ein relationales Raumverständnis zugrunde, für das in der Forschung oft der Begriff des „topologischen Raums“ verwendet wird.
 
8
Diese Gegenüberstellung spitzt sich noch zu, wenn es um das Leben geht: So wurde – gerade auch angesichts der ursprünglichen Trackingpläne des Gesundheitsministers Jens Spahn – eine Konfrontation „Privatsphäre versus Schutz gegen Coronavirus“ (com! 2020) bzw. „Daten gegen Leben“ (Bender und Freidel 2020) konstatiert. Vice versa wird davor gewarnt, Lebensretten nicht gegen Datenschutz zu tauschen (Müller und Szigetvari 2020), denn auch der „Gesundheitsnot kennt Datenschutzgebot“ (Kugelmann 2020).
 
9
Gerade die Frage, ob eine Arbeitgeberin einen Arbeitnehmer dazu verpflichten darf, die CWA auf dem Diensthandy zu installieren bzw. zu aktivieren, wird aus juristischer Sicht breit diskutiert.
 
10
Der größte Datenschutzmangel besteht aber in der Tatsache, dass man zur Übermittlung eines positiven Testergebnisses bei einer Hotline der Telekom anrufen und sich dadurch eindeutig identifizieren muss, um eine PIN für seine App zur Meldung an den Server zu erhalten. Denn die Mehrzahl der Testlabore ist bis dato nicht mit der entsprechenden Technik zur Erzeugung von QR-Codes ausgestattet, die eine pseudonymisierte Meldung ermöglichen soll (vgl. Hoppenstedt und Rosenbach 2020).
 
11
In einer Verpflichtung wird nicht nur eine unverhältnismäßige und daher unzulässige Überwachung gesehen, sondern vielmehr auch eine große Gefahr für unser politisches System, denn für die App gelte: „[D]ie Privatsphäre wird auf jeden Fall eingeschränkt, und die ist Teil unserer Demokratie.“ (Fischermann und Tönnesmann 2020.).
 
12
Vgl. hierzu etwa die Stellungnahmen auf den Seiten des Chaos Computer Clubs, von netzpolitik.org, dem Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung e. V. sowie der Digitalen Gesellschaft.
 
13
Neben der Frage der Freiwilligkeit sollte in dem Gesetz insbesondere auch die Zweckbindung der Datennutzung geregelt werden. Die Deutung, dass eine Zweckbindung der Nutzung der Daten seitens der Bundesregierung eine Absichtserklärung und keine rechtliche Absicherung darstellt, erscheint gerade auch vor dem Hintergrund der polizeilichen Nutzung der Corona-Gästelisten der Gastronomie bedenkenswert (vgl. van Lijnden 2020).
 
14
Diesbezüglich merkt Hoepmann m. E. zurecht an: „With this move, Apple and Google make themselves indispensable, ensuring that this potentially global surveillance technology is forced upon us. And as a consequence all microdata underlying any contact tracing system is stored on the phones they control. […]
All in all this means we all have to put a massive trust in Apple and Google to properly monitor the use of the GACT API by others, as well as trusting that they will not abuse GACT themselves. They do not necessarily have an impeccable track record that warrants such trust…“ (Hoepman 2020).
 
Literatur
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Metadaten
Titel
Corona-Warn-App: Die Aushandlung von Öffentlichkeit und Privatheit in den Debatten um das Contact-Tracing
verfasst von
Doris Schweitzer
Copyright-Jahr
2022
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https://doi.org/10.1007/978-3-658-37440-2_7