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02.12.2021 | Corporate Finance | Interview | Onlineartikel

"Am ehrlichsten wäre die Abschaffung des FFP"

Autor:
Angelika Breinich-Schilly
5:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Dr. Ludwig Hierl

ist Inhaber einer Professur an der DHBW Heilbronn.

Der Fußball bietet Stoff für hitzige Diskussionen: hohe Ablösesummen, die Vergabe von TV-Rechten, eine europäische Super League oder Geisterspiele während der Lockdowns. Wie es um die Vorgaben zum Financial Fairplay (FFP) in diesem Sport steht, erläutert Experte Ludwig Hierl.

Springer Professional: Der Fußball nimmt in Europa in vielen Bereichen offenbar eine Sonderrolle ein. Während viele Unternehmen während der Lockdowns über Monate ihren Betrieb teilweise oder ganz stilllegen mussten, erlebten die Fans die Spiele in leeren Stadien am heimischen Fernseher. Mit der Aufrechterhaltung des Spielbetriebs sollten die Verluste der Vereine eingegrenzt werden. War dieser Schritt aus finanzieller Sicht notwendig und sinnvoll?

Ludwig Hierl: Durch den Ausschluss von Zuschauern ab dem 26. Spieltag entgingen den Bundesligisten in der Saison 2019/2020 Einnahmen in Höhe von etwa 150 Millionen Euro. Dies mag zunächst viel erscheinen, entspricht aber gerade einmal knapp vier Prozent der gesamten Erlöse in Höhe von 3.802 Millionen Euro. Ohne Fortsetzung des Spielbetriebs in Form von sogenannten Geisterspielen wären wohl die Werbeeinnahmen in Höhe von 889 Millionen Euro sowie die Erlöse aus medialer Verwertung mit insgesamt 1.489 Millionen Euro gesunken. Dies wäre für die meisten Klubs deutlich schmerzhafter gewesen. Wie bei zahlreichen anderen, von Corona finanziell teilweise deutlich heftiger betroffenen Berufsgruppen, hätte man dies allerdings auch akzeptieren oder andere Lösungen finden können. 

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Financial Fairplay im Profifußball

Im Rahmen dieses essentials werden zunächst die Financial Fairplay-Regularien der UEFA in ihrer Ausgestaltung und Anwendung dargestellt. Mängel sind nicht erst seit den Sportgerichtshof-Urteilen gegen beziehungsweise für Manchester City und Paris Saint Germain offensichtlich. Von einer Überarbeitung bis hin zur Abschaffung werden zahlreiche Optionen zur Reformierung diskutiert, auch auf Seiten der UEFA, wobei viele Ansätze wie beispielsweise die Deckelung von Spielergehältern oder Ablösesummen keinesfalls neu sind. 

Wie sehr hat die Corona-Krise die Klubs, insbesondere in Deutschland, tatsächlich finanziell getroffen? Zu welchen Mitteln haben die eher klammen oder kleineren Vereine gegriffen, um ihre Liquidität zu verbessern?

Wie bereits angedeutet, hielt sich der finanzielle Schaden in Grenzen. Probleme hatten insbesondere Klubs, die den zuvor über ein Jahrzehnt andauernden und extrem erfolgreichen Wachstumspfad des Profifußballs in die Zukunft bedenkenlos fortgeschrieben hatten und auf das Szenario eines betriebswirtschaftlich irgendwann nahezu zwangsläufig eintretenden Abschwungs nicht vorbereitet waren. Der Anteil variabler Kosten ist im Fußball gering, bei Fixkosten ergibt sich das Remanenz-Problem. Das heißt, diese können kurzfristig nicht abgebaut werden. Einige Klubs konnten sich dennoch mit Spielern auf Gehaltskürzungen einigen und so den Abfluss liquider Mittel, also Geld, senken. Des Weiteren wurden teilweise geplante Auszahlungen für Investitionen verschoben. Zusätzliche Liquidität wurde typischerweise durch die Aufnahme von Bankkrediten, die Platzierung von Anleihen, nicht nur bei Fans, durch Kapitalerhöhungen bisheriger oder neuer Anteilseigner, durch den Verkauf von Spielern oder durch Spenden generiert. Auch Mezzanine-Kapital, beispielsweise in Form von Genussscheinen, Nachrangdarlehen, stillen Beteiligungen oder Wandelanleihen, wurde genutzt. 

Ein nachhaltiges Finanzmanagement ist im Profifußball sicher nicht immer der lauteste Ratgeber. Dennoch gibt es seit einigen Jahren FFP-Regularien, die im Rahmen des UEFA-Klub-Monitorings beachtet werden müssen. Können Sie uns bitte kurz erläutern, was zu deren Einführung geführt hat und wie diese rechtlich einzuordnen sind? 

Nachdem die Schulden und mit ihnen die finanziellen Herausforderungen bei den europäischen Fußballklubs immer größer wurden, sah sich die Union of European Football Associations, kurz UEFA, zum Handeln gezwungen. Mit dem Ziel eines solideren Wirtschaftens wurde das Klub-Monitoring zum Start der Saison 2010/2011 eingeführt. Klubs sollten im Grundsatz nicht mehr ausgeben, als sie einnehmen und Verluste sollten nur bis zu einer gewissen Grenze von Investoren gedeckt werden können. Ansonsten drohen Konsequenzen, die bis zum Ausschluss von der UEFA Champions League führen können. Erstmals angewandt wurden die FFP-Regularien in der Spielzeit 2014/2015. Sie ergänzten bereits bestehende Vorschriften zur sportlichen, infrastrukturellen, personellen und administrativen, rechtlichen sowie finanziellen Konstitution der Klubs im europäischen Lizenzfußball um weitere finanzielle Kriterien. Diese Vorschriften stellen dabei keine gesetzliche Regulierung eines Nationalstaates oder der Europäischen Union dar. Sie entfalten ihre Verbindlichkeit vielmehr aus einer privatrechtlichen Verbindung zwischen der UEFA und den Klubs, die an den europäischen Klubwettbewerben UEFA Europa League oder UEFA Champions League teilnehmen möchten. 

Wie wird Financial Fairplay von der UEFA in der Praxis umgesetzt? Haben Sie ein Beispiel für uns? 

Seit der Spielzeit 2014/2015 wurden bereits zahlreiche Klubs sanktioniert. Zumeist kleinere Klubs aus weniger bedeutenden Ligen. Im Essential wird natürlich auch auf die beiden bekanntesten Fälle, die Verfahren gegen Manchester City und Paris Saint Germain (PSG) eingegangen. In diesem Zusammenhang haben Viele mitbekommen, dass der Sportgerichtshof CAS in seinem Urteil vom 19. März 2019 PSG weitgehend freigesprochen hat. Allerdings nicht, weil kein Verstoß gegen das Financial Fairplay vorlag, sondern weil die UEFA im Rahmen des Verfahrens eine Zehntagesfrist verpasst hatte. Die These, dass diese Regelungslücke innerhalb der UEFA erkannt und der Verfahrensablauf entsprechend inszeniert wurde, erscheint zumindest nicht vollständig abwegig zu sein. 

Hat das FFP-Konstrukt Sicht Lücken, die dringend geschlossen werden müssten? Wo sehen Sie die wirkungsvollsten Hebel? 

Bereits 2015 bin ich im Buch zur Bilanzanalyse von Fußballvereinen etwas ausführlicher darauf eingegangen, dass die UEFA problematische Transaktionen mit sogenannten verbundenen Parteien kaum nachweisen wird können, etwa im Fall von Manchester City. Der Lösungsansatz eines Enforcement, das heißt einer übergeordneten, von der Klubführung unabhängigen Abschlussprüfung, wäre sehr aufwändig und hat hierzulande auch bei der Bafin nur bedingt funktioniert. Stellhebel, die am schnellsten und effektivsten wirken könnten, wären Deckelungen von Gehältern und Ablösesummen. Vielleicht wäre der FC Barcelona nicht so hoch verschuldet, wenn dies bereits vor einigen Jahren eingeführt worden wäre. Desillusionierend wird im Essential allerdings aufgezeigt, wie solche Regelungen relativ einfach umgangen werden können.

Nun gibt es immer wieder kommerziellen Zielen geschuldete Ideen wie die Super League. Die wurde zwar zügig wieder in die Schublade zurückgesteckt. Doch sicher wird das nicht der einzige Vorstoß bleiben, sich im Profifußball neue Einnahmequellen zu erschließen. Was bedeutet das für das FFP kurz- und langfristig?  

Der Profifußball kann und wird sich neue Einnahmequellen erschließen. Wenn sich nur ein Zehntel der chinesischen Bevölkerung ein Fußballspiel ansieht und jeder dafür einen Euro bezahlt, ergeben sich Einnahmen in Höhe von etwa 140 Millionen Euro pro Spiel. Natürlich müssten die Anstoßzeiten zielkundenorientiert angepasst werden. Die deutschen Fans wären spätestens dann überflüssig, Geisterspiele könnten dann auch irgendwann nach Corona zur Normalität werden. Ob das die Funktionäre möchten, müssen sie selbst beurteilen. Einfach ist auch die Entscheidung nicht, wie der Einstieg von Investoren und deren Kapitalzuflüsse zukünftig im Rahmen des FFP behandelt werden sollen. Am ehrlichsten und handlungskonsequentesten wäre die Abschaffung des FFP, auch wenn dies bedauerlich wäre.

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