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21.01.2021 | Crowdfunding | Gastbeitrag | Onlineartikel

Jedes dritte crowdfinanzierte Start-up geht pleite

Autor:
Markus Petry
3:30 Min. Lesedauer

Mit dem Crowdfunding steht Anlegern eine Investmentalternative offen, die  junge, kreative Unternehmer fördert. Doch führt nicht jede Idee zum finanziellen Erfolg, wie aktuelle Zahlen zu den Ausfallraten zeigen. Geldgeber gehen mitunter große Risiken ein.

Seit 2011 kann sich jeder geschäftsfähige Bundesbürger über Crowdfunding-Plattformen mit wenigen Mausklicks finanziell an jungen, innovativen Unternehmen sowie anderen Projekten, wie Immobilien, Energie oder Filme, beteiligen und an deren finanziellem Erfolg teilhaben. Aus den bescheidenen Anfängen hat sich ein etablierter Markt entwickelt. Dabei hat das Finanzierungsvolumen für Start-ups schon 2019 die 100-Millionen-Euro-Marke geknackt. Allerdings ist der Markt auch gekennzeichnet von einer Vielzahl teils öffentlichkeitswirksamer Pleiten, die bei den Investoren zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals geführt haben.

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Ausfallraten auf dem deutschen Markt bei 30 Prozent

Verschiedene nationale und internationale Studien haben die Ausfallraten von Crowdinvesting geschätzt und in aller Regel lagen diese zwischen zehn und 40 Prozent. Eine detaillierte Analyse für den deutschen Markt von 2011 bis 2019 ergab kumulierte Ausfallraten von 30 Prozent. Von den bis Mitte 2019 über Crowdinvesting-Plattformen finanzierten 306 jungen Unternehmen sind bisher 89 Totalausfälle zu verzeichnen, mithin fast jedes dritte Startup. 

Da ein Ausfall meist mit einem gewissen Time Lag zum Vergabezeitpunkt erfolgt, bietet es sich an, die Ausfälle der einzelnen Kohorten, das heißt der Zusagejahre, isoliert zu betrachten und die aktuellen Zusagejahrgänge wegzulassen. Dabei wurde jede einzelne Finanzierung individuell nachverfolgt und gegebenenfalls als Ausfall klassifiziert. 

Kumulierte Ausfallraten der Zusagejahrgänge 2011-2017

  

2011

2012

2013

2014

2015

2016

2017

Anteil

40,0%

29,5%

43,6%

40,5%

47,4%

27,3%

14,7%

Quelle: eigene Analyse
Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, dass in den mit niedrigeren Ausfallraten gekennzeichneten jüngeren Kohorten in Zukunft weitere Ausfälle zu verzeichnen sein werden. Der Zeitraum zwischen Zusage und Ausfall ist in letzten Jahren jedoch deutlich geringer geworden.

Überlebensdauer ausgefallener Finanzierungen, Zusagejahrgänge 2011-2017

  

2011

2012

2013

2014

2015

2016

2017

Überlebensdauer

4,08

2,97

2,22

1,90

1,43

1,09

1,08

Quelle: eigene Analyse

Hauptgründe für einen Totalverlust beim Crowdfunding

Die Gründe für die hohen Ausfallraten sind vielfältig und im Wesentlichen folgenden vier Kategorien zuzurechnen:

  • Selektions- und Risikoklassifizierungsverfahren der Plattformen
  • Vertragsgestaltung
  • Moral Hazard
  • Adverse Selektion

Die Investoren können die Validität des Geschäftsmodells und die Erfolgsaussichten des finanzierten Start-ups selbst kaum einschätzen und sind auf die Risikoeinschätzung der Plattformbetreiber angewiesen. Die hohen Ausfallraten erwecken den Verdacht, dass die Selektionsverfahren der Plattformen nicht ausgereift sind. Betrachtet man alle ausgefallenen Projekte, so ist auffällig, dass davon 28, also ein knappes Drittel, bereits innerhalb eines Jahres zum Default führten. Beispielhaft sei das auf Retourwaren spezialisierte Unternehmen Returbo genannt, das nur wenige Monate vor der Insolvenz in einer Finanzierungsrunde Kapital von knapp 140.000 Euro eingesammelt hatte. 

Standardisierte Verträge sind für Anleger nachteilig

Investitionen in Start-ups erfordern darüber hinaus eher individuelle Verträge, um den Besonderheiten der jeweiligen Geschäftsidee Rechnung zu tragen, die Vertragsgestaltung zwischen den Beteiligten einer Crowdfunding-Kampagne ist jedoch üblicherweise stark standardisiert. Nicht im Sinne des Investors formulierte Verträge bilden die Grundlage für Entwicklungen wie bei dem Personal-Server-Hersteller Protonet, bei dem das operative Geschäft auf andere Gesellschaften übertragen wurde und den Crowd-Investoren nur noch eine leere Hülle blieb.

Die Anleger haben nach ihren Investitionen keinerlei Kontroll- und Mitwirkungsrechte und müssen hoffen, dass die Unternehmen in ihrem Interesse handeln. So ist vor allem der Anreiz, sich adäquat zu verhalten, für Startups, die über Crowdfunding finanziert werden, relativ gering (Moral Hazard), da die weit überwiegende Anzahl lediglich einmal an einem externen Finanzierungsmarkt auftritt. So sammelte das Start-up Unite Yoga von der Crowd knapp 200.000 Euro zum Aufbau verschiedener Studios ein, wozu es nie kam. Vermutlich hat der Gründer das Geld veruntreut.

Business Angels oder Wagniskapitalgeber bringen sich ein

Schließlich unterliegt das Angebot der Projekte auf Crowdinvesting-Plattformen einem adversen Selektionseffekt. Gründer mit vielversprechenden Geschäftsideen haben üblicherweise Zugang zu Finanzierungen von Business Angels (BA) und Venture-Capital-Gesellschaften (VC). Da diese sich aktiv mit Rat und Tat in die Aktivitäten des jungen Unternehmens einbringen, erhöhen sie aufgrund ihrer Erfahrung die Chancen für einen geschäftlichen Erfolg. 

Daher werden vor allem solche Start-ups auf Crowdfunding setzen, die keine BA- oder VC-Finanzierung bekommen. Dies passt zu der Erkenntnis, dass nicht durch Crowdfunding finanzierte Start-ups deutlich, in Großbritannien liegt der Faktor bei fast zehn, geringere Ausfallraten aufzuweisen haben als Schwarmfinanzierungen.

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