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Über dieses Buch

Dieser Band bietet eine Momentaufnahme langjähriger Forschungsbemühungen jenseits und zwischen den traditionellen Wissenschaften und zugleich aus ihnen heraus. Seine Beiträge kreisen um die gemeinsam geteilte Einschätzung, dass isolierte Monodisziplinarität aber auch arbeitsteilige Interdisziplinarität angesichts heutiger Problemkomplexität vor allem im Kontext der neuen Mensch-Technik-Relationen an eine Leistungsgrenze stößt. Integrierte Forschung wird hier als regulative Idee verstanden, als kognitiver Horizont, der Wahrnehmungen, Entscheidungen und Handlungen auf einen in ihr gefassten Fluchtpunkt hin orientiert. Im Fokus stehen Fragen nach Integrierter Forschung als Ensemble der Selbstorganisation wissenschaftlicher Disziplinen einschließlich deren transdisziplinärer Beziehung zu Politik, Gesellschaft, Wirtschaft etc. sowie Fragen nach dem adäquaten Modus und Governance-Rahmen einer solchen Selbstorganisation.

Anlässlich aktueller Herausforderungen im Zuge der Digitalisierung und des gesellschaftlichen Wandels stellt dieser Band die Forderung nach Integrierter Forschung in das Spannungsfeld zwischen geleisteten Vorarbeiten und noch zu leistenden Umarbeiten, zwischen neuen Problemwahrnehmungen und zu aktualisierenden Problembearbeitungen. Der Band zeigt die Bandbreite unterschiedlicher Perspektiven auf das Thema. Vielleicht ist es nicht zuviel gesagt, dass sich hier ein neues Forschungsparadigma ankündigt.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Das geteilte Ganze

Einleitende Überlegungen zu einem Forschungsprogramm
Zusammenfassung
Dieser Band bietet eine Momentaufnahme langjähriger Forschungsbemühungen jenseits und zwischen traditionellen Wissenschaften und zugleich aus ihnen heraus. Die Beiträge kreisen um die gemeinsam geteilte Einschätzung, dass isolierte Monodisziplinarität angesichts heutiger Problemkomplexität vor allem im Kontext der neuen Mensch-Technik-Relationen an eine Leistungsgrenze stößt. Wissenschaften erfassen die Welt, jedoch nicht als ungeteiltes Ganzes, sondern indem sie sie in Elemente zerlegen (Analyse) und kontrolliert diese Elemente wieder zu einem Ganzen zusammensetzen (Synthese).
Bruno Gransche, Arne Manzeschke

Integrierte Forschung – Perspektiven auf den Horizont jenseits von ELSI

Frontmatter

Interdisziplinarität, ELSI und Integrierte Forschung – aus Einem Vieles und aus Vielem Eines?

Zusammenfassung
Was meint das Konzept der Integrierten Forschung in der Technikentwicklung und was soll dort von wem wie integriert werden? Ein möglicher Baustein Integrierter Forschung ist eine interdisziplinäre Forschungspraxis, die sowohl auf Bundes- und EU-Ebene für einzelne Projekte gefördert wird, als auch teils durch fakultätsübergreifende Institute an den Universitäten verankert ist. Integrierte Forschung könnte also ›im Vorbeigehen‹ im Ausgang von einer etablierten und klaren Forschungspraxis verstanden werden – so möchte man meinen. Die häufige Verwendung des Begriffes der Interdisziplinarität lässt allerdings bei genauerer Betrachtung den Eindruck entstehen, dass hier ein Begriff nicht nur in Mode ist, sondern gleichwohl auch dazu tendiert, zur Phrase zu werden: Die Verwendung des Begriffes bleibt oft vage und ungeklärt oder tritt auf im Verbund mit oder in Abgrenzung zu einigen anderen, ebenfalls unklaren Begriffen, wie etwa ›Cross-‹, ›Pluri-‹, ›Multi-‹ und ›Kondisziplinarität‹ oder dem häufiger verwendeten und einflussreicheren Begriff der Transdisziplinarität.
Jacqueline Bellon, Sebastian Nähr-Wagener

A → B (»Wenn A, dann B.«)

Zur zentralen Rolle von Implikationen für die Konzeption und Praxis einer Integrierten Forschung
Zusammenfassung
Seit einigen Jahren fordert und fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) verstärkt den frühzeitigen Einbezug nicht-technischer Dimensionen in Förderprojekten zur Forschung- und Entwicklung im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion (MTI). Bis zum heutigen Tage ist allerdings noch unklar, was alles unter dem Einbezug nicht-technischer Aspekte genau verstanden und wie dieser Einbezug idealerweise stattfinden solle. Diesbezüglich tätige Forschende und Entwickelnde, im Folgenden bewusst ELSI-Involvierte genannt, haben vor diesem recht unbestimmten Hintergrund die vorhandenen Handlungsspielräume genutzt und verschiedene Ideen und Ansätze entwickelt, ausprobiert und publiziert.
Dominik Kemmer

»Privacy by Design« im Dialog von Recht und Technik

Zusammenfassung
Lernende Systeme der Mensch-Technik-Interaktion erheben und verarbeiten personenbezogene Daten, um bestimmte Funktionen oder Dienstleistungen im Interesse des Nutzers bereitzustellen. Nach dem Marktortprinzip müssen diese Assistenzsysteme die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) erfüllen, wenn sich die betroffenen Personen in der Europäischen Union befinden.
Brunhilde Steckler, Erik Krempel

Recht als Teil ›Integrierter Forschung‹ im Bereich Technikentwicklung

Strukturelle Herausforderungen und methodische Lösungsansätze
Zusammenfassung
Im Bereich der Technikentwicklung besteht ein nicht zu unterschätzendes Bedürfnis nach einer sinnvollen, effektiven Einbindung rechtlicher Aspekte. Im Rahmen des Projekts »INTEGRAM« hat sich bei der Konzeption des Handbuchs Integrierte Technikentwicklung allerdings gezeigt, dass sich gerade die rechtliche Einbindung in der Praxis als schwierig erweist. Dies liegt zum einen an strukturellen Herausforderungen, die sich bei der Integration rechtlicher Aspekte in die Technikentwicklung ergeben. Auffällig ist aber auch, dass es bislang an einheitlichen Methoden fehlt, um diese strukturellen Herausforderungen ganzheitlich bewältigen zu können.
Sebastian Runschke

Organisationale Rahmenbedingungen für Integrierte Forschung

Perspektiven aus einer angewandten Forschungsorganisation
Zusammenfassung
Verantwortliche Forschung und Innovation (Responsible Research and Innovation, RRI) zielt darauf ab, Forschung und Innovation stärker mit gesellschaftlichen Bedarfen und Werten in Austausch zu bringen. Dies soll Qualität und Relevanz von Forschung und Innovation sowie ihre gesellschaftliche Wertschätzung stärken. RRI wurde in den letzten zehn Jahren als übergreifende Priorität in der Forschungsförderung der EU etabliert. Dazu wurde es in fünf verschiedene Dimensionen operationalisiert, die in verschiedener Weise zu dieser engeren Verknüpfung von Wissenschaft/Innovation auf der einen und Anforderungen gesellschaftlicher Gruppen auf der anderen Seite beitragen sollen. Im Einzelnen sind dies.
Andreas Röß, Philine Warnke

Zwischen Technikentwicklung und Techniknutzung

Paradoxien und ihre Handhabung in der ELSI-Forschung
Zusammenfassung
Die Forschung zu den rechtlichen, ethischen und sozialen Implikationen der Technikentwicklung, die sog. ELSI-Forschung, ist zu einem mehr oder weniger festen Bestandteil gegenwärtiger Projekte zur Technikentwicklung geworden. Die Rolle dieser Forschung wurde bisher unter anderem darin gesehen, den Bedarf nach neuen Technologien in einer sozialen Praxis zu antizipieren, Akzeptanzhürden in der Bevölkerung und den entsprechenden sozialen Feldern zu benennen und eine Technikfolgenabschätzung vorzunehmen. Die Erkenntnisse dieser Begleitforschung sollten dann sowohl bei der Einführung einer neuen Technologie berücksichtigt werden als auch in der Technikentwicklung.
Gesa Lindemann, Christian Fritz-Hoffmann, Hironori Matsuzaki, Jonas Barth

Integrierte Forschung – ein ethnographisches Angebot zur Ko-Laboration

Zusammenfassung
Dieser Beitrag zu einem Programm der Integrierten Forschung schöpft aus der ethnographischen Arbeit in und mit Kontexten der Medizintechnikentwicklung über die letzten fünf Jahre hinweg. Wir entwerfen in drei Schritten einen Vorschlag für einen ko-laborativen Ansatz zwischen sozialanthropologischer Ethnographie und Technikentwicklung, der darauf abzielt, Reflexivität als einen kontinuierlichen Prozess in den Entwicklungskontext einzubringen. Integriert werden auf methodischer Ebene Ethnographie und Entwicklung, auf konzeptueller Ebene Technikentwicklung und Techniknutzung und auf ontologischer Ebene Mensch und Technik.
Martina Klausner, Jörg Niewöhner

Wie kann ethische Orientierung in komplexen, digitalisierten Welten gelingen?

Zusammenfassung
Wir leben in einer Gesellschaft weitreichender Umbrüche. Ein wichtiges Merkmal ist die Technizität der mit diesen Umbrüchen einhergehenden Veränderungen, Verunsicherungen, Befürchtungen, aber auch Erwartungen. Dass Technik gesellschaftlichen Wandel induziert, ist als solches nicht neu. Die Sesshaftwerdung des Menschen, die Einführung des Pflugs, der Uhr oder des Buchdrucks machen jeweils retrospektiv deutlich, wie tiefgreifend die Technik das Menschsein in seinem individuellen Selbstverhältnis, aber auch in seinem gesellschaftlichen Zusammenleben verändert hat.
Galia Assadi, Arne Manzeschke

Annäherungen an eine Integrierte Forschung: Methoden, Strukturen, erste Schritte

Frontmatter

Sechs Thesen für gelingende Integrierte Forschung

Zusammenfassung
In diesem Beitrag wird die interdisziplinäre Forschungspraxis in den Blick genommen. Entlang von sechs empirisch abgeleiteten Thesen wird dargestellt, wie Integrierte Forschung gelingen kann.
Julian Stubbe

How to achieve integration?

Methodological concepts and challenges for the integration of ethical, legal, social and economic aspects into technological development
Zusammenfassung
The idea that ethical, social, legal and economic aspects are important considerations in the development of emerging technologies is nothing new. In the 1990s, science policies in the United States began combining public funding for science with research on ethical, legal and social implications (ELSI). This inspired the ongoing development of related funding schemes in Europe such as ELSA (Ethical, Legal and Social Aspects) and RRI (Responsible Research and Innovation), the latter of which also addresses economic considerations. In addition, the academic disciplines representing these aspects – ethics, law, the social sciences and economics – have their own histories of relating to and influencing technological innovation.
Mone Spindler, Sophia Booz, Helya Gieseler, Sebastian Runschke, Sven Wydra, Judith Zinsmaier

Die Zusammenarbeit von Industrie, Ethik und Wissenschaft im Forschungsverbund

Kommunikation – Integration – Innovation
Zusammenfassung
Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt KoFFI bringt verschiedene Partner aus Industrie, Wissenschaft, Recht und Ethik zusammen. Die Mensch-Technik-Interaktion vor dem Hintergrund des bedingt und hochautomatisierten Fahrens stellt die Forscher aus ethischer Perspektive vor allem vor zwei grundsätzliche Herausforderungen: die Erstellung eines wirksamen Datenschutzkonzeptes und dabei die Umsetzung von einem funktionalen Privacy by Design sowie des Weiteren die Verwirklichung eines werteorientierten Designs, das berücksichtigt welche grundsätzliche Folgen die zunehmende Automatisierung und das sich verändernde Fahrverhalten auf das zukünftige Selbstverständnis der Menschen und deren Handlungsoptionen hat, vor allem im Hinblick auf eine mögliche Kooperation von Menschen und Maschinen. Eine Gesellschaft, die sich dem Humanismus und der Demokratie verpflichtet fühlt, muss für die Zukunft entscheiden, ob sie die Autonomie der Menschen vor die Autonomie der Maschinen stellen möchte oder wie beides in harmonischen Einklang gebracht werden kann.
Susanne Kuhnert, Petra Grimm

Ein Fallbeispiel Integrierter Forschung: Das Projekt poliTE – Soziale Angemessenheit für Assistenzsysteme

Zusammenfassung
Lernfähige persönliche Assistenten und (soziale) Roboter finden in immer mehr Lebensbereichen, auch jenseits etwa der Pflege und industriellen Fertigung, Anwendung und interagieren auf unterschiedliche Weise mit Menschen. In dieser Interaktion folgen diese technischen Objekte in der Regel ihren eigenen Prozesslogiken, denen Menschen sich, auch teilweise im Sinne des Perfektionsparadoxons (vgl. Lindemann in diesem Band), anpassen. Eine Idee im Designprozess von Technikentwicklung wäre, menschliche Kulturtechniken zur Bewältigung von sozial geteilten Handlungszusammenhängen – wie zum Beispiel Normen und Konventionen angemessenen Verhaltens – zu berücksichtigen.
Jacqueline Bellon, Bruno Gransche, Sebastian Nähr-Wagener

»Living Labs« als Beispiel für die konzeptionellen Herausforderungen der Integration von Menschen in Technikentwicklung

Zusammenfassung
Die Diskussion wissenschaftlicher Methoden, ihrer theoretischen Grundlagen und Implikationen ist für alle Fachgebiete von zentraler Bedeutung: Wie wissen wir, was wir wissen? Während sich in Disziplinen wie der Philosophie, Soziologie oder den Science and Technology Studies (STS), seit Langem mit dieser Frage beschäftigt wird, um diese so genannten epistemischen Implikationen wissenschaftlicher Arbeit nachzuvollziehen, bleibt der Diskurs über die Annahmen und Folgen von Beteiligung in der Technikentwicklung selbst bisher noch immer im Werden begriffen. Zwar ist die Bedeutung der Teilhabe oder Partizipation von Personen an der Entwicklung zukünftiger Technologien unbestritten und mittlerweile auch in viele Forschungsförderungsprogramme eingeschrieben, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen diese geschieht, bleibt dabei aber vergleichsweise unterbeleuchtet.
Andreas Bischof, Mira Mariane Freiermuth, Michael Storz, Albrecht Kurze, Arne Berger

Gestaltung Integrierter Forschung

Ansätze zur ganzheitlichen Nutzerintegration
Zusammenfassung
Unsere Gesellschaft ist mit einer zunehmenden Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen konfrontiert. Neue Technologien durchdringen potentiell einen großen Teil unseres vertrauten Alltags und verändern die physische Umwelt, sowohl selbstbestimmt im Privaten als auch fremdbestimmt im beruflichen oder professionellen Kontext. Da sich technische Neuerungen häufig schneller entwickeln als der gesamtgesellschaftliche Diskurs über mögliche Konsequenzen und Risiken, bringen neue Technologien nicht selten gesellschaftliche Orientierungsverluste mit sich.
Angelika Trübswetter, Lina Figueiredo, Fabian Prinz

Aufs Ganze gesehen

Aufschließende Überlegungen zu einer kommenden Integrierten Forschung
Zusammenfassung
Die Integrierte Forschung hat sich bis heute im Wesentlichen aus Bedürfnissen und Erkenntnissen im Bereich der ELSI-Forschung für die Mensch-Technik-Interaktion entwickelt. Ihr ›Sitz im Leben‹ ist ein Forschungsprogramm, das durch Technikentwicklung den Menschen Lasten abnehmen, ihr Leben angenehmer, sicherer, gesünder machen soll, den sozialpolitischen Forderungen nach einem selbstbestimmten Leben und gesellschaftlicher Teilhabe Rechnung tragen und nicht zuletzt dem Wirtschafts- und Technologiestandort Deutschland in einem globalen und kompetitiven Markt eine Spitzenposition bescheren soll.
Arne Manzeschke, Bruno Gransche
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