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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Einleitung

Zusammenfassung
Der Titel dieses Bandes, der zugleich die Benennung und Leitlinie des Forschungsschwerpunktes ist, aus dessen Arbeit er berichtet, bezeichnet „Bevölkerung“ als ein „Konstrukt“. Er bringt damit zum Ausdruck, dass es sich bei dieser Bezeichnung — wie bei vielen anderen Fachausdrücken und Schlagworten — nicht um die schlichte Benennung eines konkret wahrnehmbaren Sachverhalts handelt, sondern dass der zugrundeliegende Sachverhalt gerade nicht wahrnehmbar und also eine geistige Konstruktion, eine „Erfindung“ ist, die im Zuge von — zumeist wissenschaftlichen — Reflektionen und Diskussionen entstanden ist und dementsprechend im Laufe der Zeit diversen inhaltlichen Veränderungen unterlag. Das Konstrukt hat also seine Geschichte: Von den ersten Anfängen dessen, was man „Bevölkerungswissenschaft“ nennen mag, werden der Vision eines — vor allem biologisch veränderlichen — Kollektivs Bedeutungen zugewiesen, die weiteren Wissenschaftlern zur Anregung und Umdeutung dienten. Diese Bedeutungszuschreibungen sind nicht alleine aus den Analysen empirischer Materialien abzuleiten, welche insbesondere die bevölkerungswissenschaftliche Forschung charakterisieren, sondern werden zusätzlich von Vorstellungen und Absichten geprägt, welche die betreffenden Forscher aus anderen Erfahrungs- und Überzeugungsbereichen, namentlich auch aus ihren sozialen (und politischen) Kontexten, mit einbringen.
Rainer Mackensen, Jürgen Reulecke

Abstracts

Abstracts

Abstract
The research project “Population Policy and the State. Political Theory, Legislation and Administrative Practice in the 19th Century” aims at analysing the theories of population policy in Germany from the end of the 18th to the beginning of the 20th century in a variety of diciplines, including cameralism, natural law, constitutional law, political economy and the sciences. This paper takes Bavaria as an example, and the focal point of the analysis is the role of the state both in theory and in the practice of its legislation and administration.
Esteban Mauerer, Diethelm Klippel, Robert Lee, Michael C. Schneider, Jürgen Reulecke, Armin Flender, Matthias Weipert, Ursula Ferdinand, Werner Lausecker, Alexander Pinwinkler, Patrick Henssler, Josef Schmid, Elfriede Üner, Hansjörg Gutberger, Ingo Haar, Michael Wedekind, Thorsten Halling, Julia Schäfer, Jörg Vögele, Heike Petermann, Sybilla Nikolow, Jürgen Cromm, Steffen Pappert, Regula Stucki, Rainer Mackensen, Rainer Karlsch

Bevölkerungsforschung und Bevölkerungspolitik

Frontmatter

Ehebeschränkungen und Staat — Bayern im 18. und 19. Jahrhundert

Zusammenfassung
Zentraler Gegenstand des Forschungsprojektes ist die Theorie der Bevölkerungspolitik in Deutschland im 19. Jahrhundert. An deren Entwicklung beteiligten sich, freilich zeitlich mit unterschiedlichen Schwerpunkten, vor allem das Allgemeine (d.h. naturrechtlich-rechtsphilosophische) Staatsrecht, die Policeywissenschaft (insbesondere das Teilgebiet der Medicinalpolicey), die Verwaltungslehre, die Politische Ökonomie bzw. die Nationalökonomie, die Politik(wissenschaft), die Gesellschaftslehre und die Naturwissenschaften, insbesondere die Humanmedizin. Angesichts der Fülle der Quellen und möglichen Fragestellungen diente die Überlegung, dass bevölkerungspolitische Konzepte nicht zuletzt mit Blick auf ihre Umsetzung durch staatliches Handeln entwickelt wurden, der inhaltlichen Präzisierung des Themas: Im Mittelpunkt stehen dementsprechend die staatsbezogenen Forderungen der Bevölkerungspolitik und die dem Staat zugedachte Rolle bei deren Umsetzung.
Esteban Mauerer, Diethelm Klippel

Amtliche Statistik zwischen Staat und Wissenschaft, 1872–1939

Zusammenfassung
Amtliche Statistiker nahmen bei der Konstruktion demographischen Wissens und der Formulierung staatlicher Bevölkerungspolitik zwischen der Gründung des Kaiserlichen Statistischen Amts (KSA, nach der Revolution von 1918/19 in „Statistisches Reichsamt“ (SRA) umbenannt) und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges eine entscheidende Position ein. Als Beamte waren sie klar der staatlichen Bürokratie zugeordnet; ihre zentrale Aufgabe war es, sowohl spezialisierte Informationen als auch ihre Expertenmeinung zu liefern, die der Formulierung und Implementierung staatlicher Bevölkerungspolitik dienen konnte. Zudem waren sie in weitgespannte wissenschaftliche Netzwerke integriert, nachdem sie Prozesse der wissenschaftlichen und professionellen Rekrutierung durchlaufen hatten und auch in den wissenschaftlichen Gesellschaften akzeptiert waren. Aus diesem Grund konnten amtliche Statistiker zwischen politischer Ideologie und den Bevölkerungswissenschaften vermitteln: Ihr Expertenwissen konnte die Ausübung bürokratischer und staatlicher Gewalt rechtfertigen, während ihre Verantwortung für die Sammlung und Bearbeitung demographischer Daten ihre Verbindungen mit der „scientific community“ stärkte.
Robert Lee, Michael C. Schneider

Bevölkerungswissenschaften im Rahmen einer Mentalitätsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts — generationelle und semantische Kontexte

Zusammenfassung
Entstanden ist das Projekt aus der Idee, den Ermöglichungszusammenhang insbesondere der Rassenhygiene in Deutschland seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu erforschen. Konkreter: Es ging uns darum, herauszufinden, wer bzw. welche „Generation“1 von Wissenschaftlern, aber auch Politikern und Gesellschaftsreformern aufgrund welcher Sinnstiftungsbedürfnisse ein immer dezidierter werdendes Interesse daran hatte, Bevölkerung, Bevölkerungsstrukturen und -prozesse seit etwa 1900 in einer bestimmten Weise zu verstehen, dieses Verständnis breit zu popularisieren und politisches Handeln daraus abzuleiten. Darüber hinaus wollten wir die Frage beantworten, warum Vertreter einer bestimmten Altersgruppe (oder warum zwei aufeinander folgende Altersgruppen bzw. „Generationseinheiten“) eine spezielle Wertehierarchie entwickelten, an der sie ihre wissenschaftlichen Interessen und ihr Bestreben, die Öffentlichkeit in rassenhygienischer Richtung zu beeinflussen, orientierten.
Jürgen Reulecke, Armin Flender, Matthias Weipert

Siedlung und innere Kolonisation

Bevölkerung, Landwirtschaft und Industrie im Spiegel der „Deutschen Rundschau“ von der Jahrhundertwende bis zum Ende der Weimarer Republik
Zusammenfassung
Die Modernisierung in Deutschland seit der „Doppelrevolution“ des ausgehenden 18. Jahrhunderts war im Wesentlichen durch folgende Merkmale bestimmt: Industrialisierung, Bevölkerungsexplosion, Rückgang des Agrarsektors und Urbanisierung.2 Mit diesen Schlagworten wird ein Teil der rasanten Entwicklungen in Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert gekennzeichnet, die die gesamte Gesellschaft in allen ihren Teilbereichen erfassten und veränderten. Eines der Ergebnisse dieser Prozesse war die Ablösung der alten agrarstaatlichen Wirtschaftsverfassung durch die neue industriestaatliche Wirtschaftsstruktur in den 1880er Jahren3 sowie — in enger Wechselwirkung mit dem Industrialisierungsprozess stehend — ein rapides Bevölkerungswachstum. Die Zunahme der Bevölkerung ihrerseits bewirkte eine starke Erhöhung der geografischen Mobilität in Form großer Wanderungsbewegungen, die wiederum zu einem rasanten Anwachsen der urbanen Zentren und einer dazu parallel laufenden Landflucht führten.
Matthias Weipert

Methoden und Theoreme sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung in Deutschland „um 1930“

Zusammenfassung
Das Forschungsvorhaben unter dem oben genannten Titel hat sich vorgenommen, einen Überblick über den Stand der Bevölkerungsforschung in Deutschland vor Antritt der NS-Machtherrschaft herzustellen und diesen durch Detailstudien zu veranschaulichen. Der Grund zu dieser Absicht beruht darauf, dass in der Sekundärliteratur dieser Zustand vielfach nicht erkennbar wird: Die Bevölkerungsforschung dieser Zeit wird gelegentlich wie ein wohldefiniertes Fachgebiet behandelt, aus dem sich die massive, zunehmend ausgeweitete und radikalisierte Bevölkerungspolitik des NS-Staates mehr oder weniger folgerichtig ergeben habe. Dieser Eindruck entspricht jedoch nicht den Tatsachen. Vielmehr gab es zu jener Zeit weder eine einheitliche, institutionalisierte Bevölkerungswissenschaft, noch ist die NS-Bevölkerungspolitik ohne weiteres aus ihr abzuleiten. Zwar hat sich eine unter dem Terminus Bevölkerungswissenschaft zusammenzufassende, aber konzeptionell vielseitige, in etlichen Fachgebieten angesiedelte und strittig definierte Bevölkerungsforschung generell auf die politischen Zustände und Aufgaben bezogen. Auch hat sich diese von allem Anfang an mit Möglichkeiten einer staatlichen Regulierung von Bevölkerungsvorgängen -also mit Bevölkerungspolitik — befaßt und die dann vom NS-Staat zusammengefaßten und durchgesetzten Maßnahmen in ihren Grundbegriffen, empirischen Methoden und inhaltlichen Grundzügen längst vor 1933 entworfen und diskutiert. Doch waren weder in ihren eigenen Kreisen noch öffentlich solche Intentionen unstrittig und mehrheitsfähig: sie wurden dazu erst unter der NS-Herrschaft unter Aussonderung entgegenstehender Autoren und Vorstellungen definiert und organisiert.
Rainer Mackensen, Ursula Ferdinand, Michael Engberding, Katrin Hunsicker, Facil Tesfaye

Die Debatte „Agrar- versus Industriestaat“ und die Bevölkerungsfrage

Eine Fallstudie
Zusammenfassung
Bei der Beschäftigung mit den Geburtenrückgangstheorien im Projekt “Methoden und Theoreme sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung in Deutschland ‘um 1930’“stießen wir immer wieder auf eine Debatte unter dem Stichwort „Agrar- versus Industriestaat“. Aus ihr schienen wesentliche Anstöße zur bevölkerungswissenschaftlichen und -theoretischen, insbesondere zur Geburtenrückgangsdiskussion gekommen zu sein. Hier stießen wir auf die beiden malthusischen Themen — Fortpflanzung und Nahrungsmittelspielraum — der sogenannten Bevölkerungsfrage. Das führte zu dem hier vorliegenden Versuch, das Feld zwischen den Themen Geburtenrückgang und Nahrungsspielraum abzustek-ken.
Ursula Ferdinand

Zu Leben und Werk des Ökonomen Julius Wolf (1862–1937)

Eine biographische Skizze
Zusammenfassung
Die hier vorgestellte biographische Skizze des Ökonomen Julius Wolf ist ein Ergebnis der Forschungen des DFG-Projektes „Methoden und Theoreme sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung in Deutschland ‘um 1930’“. Bei der Beschäftigung mit dem Geburtenrückgangstheoretiker Wolf zeigte sich, daß zwar dessen facettenreiches Werk — vielfach verstreut — in der Literatur Erwähnung findet, aber über seine Person so gut wie nichts bekannt ist.
Ursula Ferdinand

„Bevölkerung“/„Innovation“/Geschichtswissenschaften

Zusammenfassung
„Innovation“ ist eine häufig angewandte Kategorie in wissenschaftsgeschichtlichen Diskursen — auch in solchen über die Geschichtswissenschaften in Deutschland vor, während und nach dem Nationalsozialismus. Die retrospektive Zuschreibung, auch „innovativ“ gewesen zu sein, und damit angeblich zum „Fortschritt“ der Wissenschaft beigetragen zu haben, gibt den gegenwärtigen Diskussionen über das Handeln von Historikern im Nationalsozialismus besondere Brisanz. Dann beispielsweise, wenn betont wird, dass es dabei eben nicht nur um die Gruppe derer ginge, „die bereits in den späten vierziger Jahren vom Dienst suspendiert wurde, sondern… vor allem um Gelehrte, die ohne jeden Zweifel zu den methodisch innovativen und führenden Köpfen der Zunft in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten gehörten.“ Doch nicht nur das oft fraglos angenommene und vorausgesetzte angeblich „innovative“ Wirken von Historikern wie Werner Conze oder Theodor Schieder in den Jahrzehnten nach 1945 trägt zur besonderen Vehemenz der neueren Debatten über die Geschichtswissenschaften im Nationalsozialismus bei. Auch angeblich „innovative“ wissenschaftliche Leistungen vor und während dem Nationalsozialismus stehen zur Diskussion. So wenn Jürgen Kocka 1991 ausführte, „daß sich die Geschichtswissenschaft, besonders die deutsche, im 19. Jahrhundert und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in sehr deutlicher Absetzung von den systematischen Sozialwissenschaften entwickelt“ habe, und dieses „herkömmliche Paradigma“ nicht erst seit den 1950er und 60er Jahren in Frage gestellt und durchbrochen worden wäre, “sondern schon in den 30er und 40er Jahren durch eine Minderheit von Historikern im Umkreis der sog.
Werner Lausecker

Zur kartographischen Inszenierung von „Volk“ und „Bevölkerung“ in der deutschen „Volksgeschichte“

Zusammenfassung
Kritische Ansätze zur Geschichte der Kartographie erfreuen sich in der Geschichtswissenschaft und Wissenschaftsgeschichte in den letzten Jahren einer zunehmenden Resonanz. Dabei wird der spezifische Anspruch auf (natur-)wissenschaftliche „Rationalität“ und „Objektivität“, der der kartographischen Methode lange Zeit oft als unhinterfragte Vorannahme zugeschrieben wurde, anhand empirischer Befunde kritisch geprüft und in diesem Zusammenhang besonders der Frage nach dem Verhältnis von Macht, Wissen und Raum nachgegangen. Welche Bedeutung Landkarten für die „Erfindung der Nation“ hatten, wie Karten aufgrund ihrer „Benennungsmacht“ von Räumen die Wahrnehmung von „Realitäten“ prägten und wie die Vielstimmigkeit kartographischer „Sprachen“ vor dem Hintergrund „moderner“ Lebenswelten einzuschätzen sei, gilt gleichfalls das Interesse jüngerer Studien zur Geschichte der Kartographie.
Alexander Pinwinkler

Absage an die Natur Die thematischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie

Zusammenfassung
Das Interesse an der Ausformung des Bevölkerungsbegriffs in den betreffenden Einzelwissenschaften ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Es verdankt sich nicht zuletzt den politischen Konsequenzen, die wissenschaftliche und mitunter pseudowissenschaftliche semantische Felder nach sich ziehen. Von der Anerkennung von Bevölkerungsstrukturen als bestimmende Vorvoraussetzung von Formen des Lebens, Arbeitens und Sterbens bis zur Usurpation des Namens Bevölkerungswissenschaft zu Korrekturen und Besserungen der „Volkskörper“ verläuft eine geistesgeschichtliche Entwicklung. Ihre Aufhellung gibt Aufschluss über das politische Schicksal eines Bevölkerungsbegriffs und auch der Menschen, auf die er jeweils segensreich oder todbringend politische Anwendung gefunden hatte.
Patrick Henssler, Josef Schmid

Die Emanzipation des Volkes Zum Volksbegriff der Leipziger Schule vor 1933 — Ein Werkstattbericht —

Zusammenfassung
Ziel der Untersuchung ist die wissenschaftshistorische und wissenschaftssoziologische Aufarbeitung von Vorgeschichte und Ausdifferenzierung der kulturwissenschaftlichen Bevölkerungstheorie der sogenannten „Leipziger Schule“ im Zeitraum von 1875 (Berufung Wilhelm Wundts an die Universität Leipzig) bis in die frühe Zeit der Bundesrepublik Deutschland. Mit der Untersuchung dieser „Schule“ rückt eine bemerkenswerte und singulare Kombination einer historisch-soziologischen und kulruralistischen Bevölkerungslehre in das Zentrum der Betrachtung, die gleichwohl auf empirischen Erhebungen und statistischen Analysen begründet werden sollte. Diese „Schule“, wie sie von Wundt und dem sogenannten „Leipziger Positivistenkränzchen“ begründet wurde1, setzte ihre Wirkungsgeschichte einerseits über die Soziologen Hans Freyer und Arnold Gehlen und deren Schülerkreise fort, andererseits über den Sprachwissenschaftler, Psychologen und Soziologen Günther Ipsen und dessen Schüler Werner Conze (Sozialgeschichte) und Hans Linde (Agrar-und Bevölkerungssoziologie); weiterhin zählt zu diesem Zusammenhang der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Gerhard Mackenroth, der ebenso in Freyers und Ipsens Einflußkreis stand. Sie alle demonstrieren in ihren Werken eine deutliche Absetzung von einer rein formalen Demographie, wie sich die Bevölkerungslehre in Westdeutschland nach 1945 vorwiegend definierte.
Elfriede Üner

Bevölkerungsforschung und ‚soziale Ordnung‘ Anmerkungen zu den Methoden sozialwissenschaftlicher Bevölkerungsforschung in Deutschland (1930–1960)

Zusammenfassung
Die Bevölkerungswissenschaft wird als ein prinzipiell interdisziplinäres Studien- und Forschungsgebiet verstanden1, im besonderen gilt dies auch für die (im weitesten Sinne) mit der ‚sozialen Seite‘ des Bevölkerungsgeschehens befaßte Demographie.2 Die Interdiszipli-narität ist dem komplexen Untersuchungsbereich geschuldet: „Obgleich von den gleichen Personen getragen, gelten Bevölkerung und Gesellschaft als unterscheidbare Systeme je eigener Gesetzlichkeit.“3 Deshalb wird die demographische wie die soziologische Seite des Bevölkerungsgeschehens durch Wissenschaftler unterschiedlicher disziplinärer Herkunft gemeinsam bearbeitet. Die klassischen demographischen Topoi, wie die Messungen der Bevölkerungsentwicklung (Fertilität, Mortalität), die Zusammensetzung der Bevölkerung, die Beobachtung der Migrationsbewegungen usw. sind in der sozialwissenschaftlich orientierten Bevölkerungswissenschaft nicht von der Untersuchung der sozialen und gesellschaftlichen Ursachen dieser Entwicklungen zu trennen. Tatsächlich findet die sozialwissenschaftliche Bevölkerungswissenschaft hier ihren eigentlichen Untersuchungsgegenstand.4 Demographische Entwicklungen werden zudem in der Bevölkerungssoziologie nicht ohne eine Bezugnahme auf die „vorherrschende Wirtschafts- und Sozialstruktur“ erörtert:
„Aus soziologischer Sicht von Bedeutung ist die Tatsache, dass das jeweilige ‚demographische Regime‘ eng, wenn auch nicht vollständig, mit der vorherrschenden Sozial- und Wirtschaftsstruktur verhängt ist.“5
Hansjörg Gutberger

Bevölkerungspolitische Szenarien und bevölkerungswissenschaftliche Expertise im Nationalsozialismus — Die rassistische Konstruktion des Fremden und das „Grenz- und Auslandsdeutschtum“ —

Zusammenfassung
Das 20. Jahrhundert als ein Jahrhundert von Vertreibungen und Genoziden ist sowohl für die Demographie als auch für ihre Wissenschaftsgeschichte eine Herausforderung. Die Vertreibungen nach den Balkankriegen 1912/13, der Genozid an den Armeniern in der Türkei, gehörten zu den Vorboten eines noch größeren Genozid- und Vertreibungsgeschehens: der „Endlösung der Judenfrage“ im Zweiten Weltkrieg. Dem folgte ab 1945 die Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Südosteuropa als unvermeidliche Reaktion auf die Genozid-und Umsiedlungspolitik im Nationalsozialismus.1 Die Zahl der von Vertreibung und Zwangsumsiedlung, von Bevölkerungsaustausch und ethnischer Migration betroffener Menschen beziffert sich für das 20. Jahrhundert auf fast 60 Millionen Personen.2 Darin sind nicht nur die „Fremdarbeiter“ eingerechnet.3 Es gehören unter anderem auch die Angehörigen der ungarischen und rumänischen Minderheit dazu, die nach dem zweiten Wiener Schiedsspruch umgesiedelt wurden.4
Ingo Haar

Ethnisch-soziale Neuordnungskonzepte im besetzten Europa (1939–1945) — Forschungsperspektiven von Fallstudien zum Alpen-Adria-Raum

Zusammenfassung
Die seit 1939 unter dem Vorzeichen der politischen Allianz zwischen dem Deutschen Reich und Italien betriebene Umsiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols stand am Beginn einer komplexen ethnisch-sozialen Reorganisation des Alpen-Adria-Raumes. Sie erfaßte außerhalb Südtirols auch die „Volksdeutschen“ im Kanaltal (Provinz Udine), in den Sprachinseln des Trentino sowie — seit 1941 — in der inzwischen von Italien annektierten Unterkrain (Gottschee/Kocevsko und Laibach/Ljubljana). Als „Volksdeutsche“ aufgefaßt und umgesiedelt wurden ferner die Ladiner in Südtirol und den angrenzenden Gebietsteilen der Provinz Belluno sowie — nach lang anhaltender Kontroverse mit den italienischen Dienststellen — die slowenische, sogenannte „windische“ Bevölkerung des Kanaltals.1
Michael Wedekind

Verbreitung von bevölkerungswissenschaftlichen Forschungsergebnissen

Frontmatter

Volk, Volkskörper, Volkswirtschaft — Bevölkerungsfragen in Forschung und Lehre von Nationalökonomie und Medizin —

Zusammenfassung
Der ökonomische „Wert des Menschen“ ist eine der zentralen Fragen der Bevölkerungsforschung in Geschichte und Gegenwart. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird diese Frage implizit oder explizit in vielen wissenschaftlichen Arbeiten thematisiert, die sich mit dem Konstrukt „Bevölkerung“ auseinandersetzen. Eine besonders bedeutende Bezugsdisziplin der Bevölkerungswissenschaften war zunächst die Nationalökonomie, bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert drangen jedoch bereits andere Disziplinen, vor allem Medizin und Biologie, in den Bevölkerungsdiskurs ein und gewannen zunehmend an Deutungsmacht. Paradigmenwechsel sowohl innerhalb der Nationalökonomie — von der „Bevölkerungslehre“ zur Produktivitätsentwicklung — als auch innerhalb der Bevölkerungsforschung — vom neomalthusianischen Überbevölkerungskonzept zum Bedrohungsszenario eines Geburtenrückgangs — veränderten die Debatte über den „Wert des Menschen“ nach der Jahrhundertwende grundlegend.
Thorsten Halling, Julia Schäfer, Jörg Vögele

Eugenik (Rassenhygiene) und Bevölkerungswissenschaft in Deutschland

Zusammenfassung
Das Projekt „Eugenik (Rassenhygiene) und Bevölkerungswissenschaften“ richtet sein Hauptaugenmerk innerhalb des DFG-Schwerpunktes „Ursprünge, Arten und Folgen des Konstruktes ‘Bevölkerung’ vor, im und nach dem ‘Dritten“ in Absprache mit anderen Projekten, die sich ebenfalls mit den biologischen und medizinischen Anteilen der Bevölkerungswissenschaften auseinandersetzen, auf die interne Wissenschaftsgeschichte, also vor allem auf die klassische Ideen- und Dogmengeschichte. Die ungeheure Durchschlagskraft, die eugenische Ideen in den 20er und 30er Jahren in dem heterogenen Feld der Bevölkerungswissenschaften entwickelten, kann nur erklärt und verstanden werden, wenn man auch die kognitiven Anteile der eugenischen Theoriebildung und Methodologie, insbesondere die Ergebnisse der noch jungen Wissenschaft „Genetik“ und ihre Synthese mit der Evolutionstheorie mit in die Betrachtung einbezieht. Angesichts des hohen Stellenwertes, den naturwissenschaftliche Theoretisierungen vor allem vor dem Hintergrund ihrer technischen Erfolge im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert inne hatten, liegt es nahe, nach dem Wahrscheinlichkeitswert solcher Theorien und ihrer Operationalisierungen auf dem Gebiet der Eugenik zu fragen. Umso erstaunlicher ist es, dass die wissenschaftshistorische Literatur zur Eugenik diese Seite bisher weitgehend ausgeklammert hat, die Literatur zur Geschichte der Genetik andererseits deren Verflechtung mit der Eugenik nur selten und nicht ausreichend thematisiert hat.1
Hans-Peter Kröner

„Diese Bezeichnung kann nicht als glücklich bezeichnet werden.“ — Ein Beitrag zum Verständnis von „Eugenik“ und „Rassenhygiene“ bei Biologen und Medizinern Anfang ens 20. Jahrhunderts. —

Zusammenfassung
Nach dieser Einschätzung von Epiktet (ca. 50–138 n. Chr.) sind es die Worte über die Taten, welche die Menschen bewegen. So fällt enr Klärung ens Verständnisses enr Begriffe in Texten eine beenutenen Rolle zu.
Heike Petermann

Statistische Bilder der Bevölkerung in den großen Hygieneausstellungen als Wissensobjekte

Zusammenfassung
Fragt man danach, an welchen Orten die breite Öffentlichkeit im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland die Ergebnisse der Bevölkerungsforschung besonders eindrucksvoll vor Augen geführt bekam, dann sind die beiden Internationalen Hygieneausstellungen 1911 und 1930/31 in Dresden sowie die Grosse Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen (kurz Gesolei genannt) 1926 in Düsseldorf zu nennen. Allein eine flüchtige Durchsicht der dort behandelten Themen zeigte: hier wurden nicht nur rassenhygienische Paradigmen1 und medizinische Deutungsmacht2 zelebriert, sondern auch dem Blick der Statistiker auf die Bevölkerung öffentlich gehuldigt.
Sybilla Nikolow

Zur Transformation von Bevölkerungswissenschaften sowie bevölkerungspolitischen Zielen und Inhalten in Erziehung und Bildung in Deutschland um 1870 bis 1960

Zusammenfassung
Da die Forschungsarbeit noch in der Anfangsphase steht, konzentrieren wir uns hier auf die Darstellung unseres Themas, der Ziele und unserer (ersten) Arbeitsschritte.
Jürgen Cromm, Steffen Pappert, Regula Stucki

Bevölkerungsforschung in Deutschland

Frontmatter

Bevölkerungswissenschaft 1920–1950 in Deutschland

Zusammenfassung
Aufgaben und Grenzen des Fachgebietes, das gemeinhin als „Bevölkerungswissenschaft“ bezeichnet wird, sind nicht eindeutig definiert2. Untersuchungen über einen Zusammenhang zwischen „der Bevölkerungswissenschaft“ und den Vorstellungen und Aktionen „des Nationalsozialismus“ setzen eine operationale Definition des Untersuchungsgegenstandes voraus.
Rainer Mackensen

Vorbemerkung zur Untersuchung von Rainer Karlsch

Zusammenfassung
Die Geschichte der Etablierung der Demographie als Wissenschaft in der DDR war alles anderes als ein gradliniger Prozess. Dabei kam es zu schwer lösbaren Konflikten und heftigen Auseinandersetzungen. Dennoch entstand am Ende dieses Prozesses eine international anerkannte Disziplin.
Parviz Khalatbari

Die Etablierung der Demographie in der DDR als eigenständige Wissenschaftsdisziplin 1966–1978

Zusammenfassung
Die bevölkerungswissenschaftliche Forschung führte in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR eine Randexistenz. Es gab keinen einzigen Lehrstuhl für Demographie. Gegenüber den Themen aus dem Bereich der Medizin, Geographie und der Bevölkerungsstatistik blieb die Beschäftigung mit theoretischen Problemen in der Bevölkerungswissenschaft weit zurück.
Rainer Karlsch

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