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08.07.2019 | Datenmanagement | Interview | Onlineartikel

"Der siloartige Datenhaushalt muss aufgebrochen werden"

Autor:
François Baumgartner
4:30 Min. Lesedauer
Interviewt wurde:
Dr. Sven Ludwig

ist Managing Director, Global Head of Subject Matter Experts and Advisory beim internationalen Anbieter für Finanztechnologielösungen FIS.

Der neue Readiness Report des Finanztechnologieanbieters FIS umfasst Statements von mehr als 2.000 leitenden Fachkräften aus Sektoren wie Asset-Management, Handels- und Investmentbanken, Fondsverwaltung oder Assekuranz. Bank- und Treasury-Experte Sven Ludwig klärt auf, was die Branche strategisch anders machen muss.

Springer Professional: Die Finanzindustrie setzt neue digitale Technologien nur zögerlich ein. Weshalb?

Sven Ludwig: Wir befinden uns am Anfang der Transformation der Banken und des Finanzökosystems. Neue Technologien wie Cloud, Robotics oder Künstliche Intelligenz (KI) ermöglichen einen Wandel. Sie setzen diese aber nicht automatisch um. Ziel ist es also nicht nur neue Technologien einzusetzen, sondern auch das Geschäftsmodell der Akteure im Finanzmarkt zu verfeinern und neu zu definieren. Gleichwohl stellen wir in unserer Analyse fest, dass digitale Kerntechnologien wie etwa Clouds von den befragten Unternehmen bislang noch nicht flächendeckend eingesetzt wurden. Die Studie zeigt, dass kaum die Hälfte der Institute derzeit bereits Cloud-Anwendungen nutzt. Der Grund liegt auf der Hand: Viele Anwendungen lassen sich nicht ohne weiteres in eine Cloud überführen. Auch beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz operiert die Branche eher zurückhaltend, dabei wird KI als der Game Changer gehandelt. Egal ob Betrugsprävention, Cybersicherheit oder verbesserter Kundenservice – der KI könnte eine starke Schlüsselrolle in puncto Effizienz, Effektivität und Kundennutzen zukommen. In den nächsten Jahren werden immer mehr Institute auf KI zurückgreifen.

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Warum widmen sich nur wenige Finanzinstitute dem Trendthema Künstliche Intelligenz?

Es besteht kein Zweifel, dass das Potential der KI immens ist. Die ersten erfolgreichen Pilotprojekte zeigen, in welchen Bereichen diese schon kurzfristig große Effekte bringt. Chatbots wären ein Beispiel für einen realistischen und zeitnahen Einsatz. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Technologie noch nicht am Ende ihres Entwicklungszyklus ist. Sie steht erst am Anfang und nicht jeder Finanzdienstleister hat die Ressourcen, um in diesem Umfeld mitzuhalten.

Welche Strategien verfolgen die Banken bei technischen Innovationen und wie werden letztere umgesetzt?

Es lassen sich in der Umsetzung von Innovationen zwei Strategien beobachten. Während einige Unternehmen einzelne Komponenten ihrer Systeme ersetzen und neu aufsetzen, gehen andere dazu über, die Variante 'Big Bang' zu forcieren. Größere Banken neigen eher zur komponentenbasierten Umsetzung. Etablierte Banken gründen ferner gänzlich neue, voll digitale Banken. Ein anderer Weg ist es, neue Technologien und Prozesse bei den eigenen Direktbanken zu testen, die man bei Erfolg gut zurück importieren kann.

Was muss auf vorhandenen Märkten für bestehende Finanzprodukte geschehen?

Der Kundenfokus und die Interaktion mit dem Kunden werden entscheidend sein, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Unternehmen sind gefordert, ihren entsprechend siloartigen Datenhaushalt aufzubrechen und einen holistischeren Ansatz zu verfolgen. Im Commercial Banking verfolgt nur ein Prozent der Nicht-Readiness Leader einen solchen Ansatz. Von den Readiness Leadern im Privatkundenbereich arbeiten derzeit bereits 72 Prozent an solch einem Datenhaushalt. Moderne Technologien müssen dazu genutzt werden, Prozesse für den Kunden angenehmer zu machen. Und: Sie müssen Produkte an die Bedürfnisse des Nutzers anpassen.

Wie sieht es für Banken und deren Produktneuheiten auf diesen Märkten aus und welche Anforderungen und Perspektiven ergeben sich für die gesamte Produktentwicklung?

Nur wer die Bedürfnisse der Kunden versteht und antizipiert, bleibt interessant. Hier können sich Institute differenzieren. Es geht nicht nur um das Aufbrechen der produktorganisierten Ausrichtung, sondern vielmehr auch um die Interaktion mit dem Kunden. Banken müssen verstehen, dass sie in Zukunft den Kunden als Teil eines gesamten Ökosystems bedienen. In der Gruppe der Readiness Leader befindet sich mit 40 Prozent knapp die Hälfte der Institute in einem Implementierungsprozess für eine Öffnung der eigenen APIs. Bei den übrigen Instituten hat rund ein Viertel schon begonnen, Open Banking umzusetzen. Schon 42 Prozent der Technologieführer kooperieren mit innovativen Drittanbietern. Davon werden beide Seiten profitieren.

Wie kann man mit diesen neuen Technologien die Sicherheitsanforderungen gewährleisten und zugleich anhaltende Kundenerlebnisse bewerkstelligen?

Jede neue Technologie birgt natürlich auch Unbekanntes und neue potentielle Risiken. In China gibt es einen neuen Technologietrend, der im bargeldaffinen Mitteleuropa Erstaunen hervorruft. Dort ist es nun möglich, via Gesichtserkennung zu bezahlen. Mit einem Scanner werden biometrische Merkmale einer Person geprüft, dann wird die Zahlung freigegeben. Einfacher geht es nun wirklich nicht mehr. Abgesehen davon, dass dies für unser Datenschutzempfinden in Europa natürlich sehr viele Fragen aufwirft, ist die Technologie faszinierend. Neue Technologien machen die Kundenidentifikation immer einfacher und schneller. Gleichzeitig wird die Transaktion sicherer gegenüber Missbrauch.

Welche neuen Märkte gibt es für vorhandene Finanzprodukte schon und welche neuen und innovativen Produkte und Dienstleistungen könnte man dort mit einem technologischen Setup einführen?

Für 42 Prozent der Commercial Banks sind neue digitale Angebote oder Produkte in den kommenden 12 Monaten das wichtigste Ziel ihrer IT Strategie. Ganz grundsätzlich müssen Produkte personalisierter und transparenter gestaltet werden. Wichtigster Touchpoint zum Kunden ist nicht mehr die Filiale, vielmehr werden die digitalen Angebote immer wichtiger. Auch in abgelegenen Regionen ohne entwickelte Bankeninfrastruktur wird dank digitaler Devices der Zugang zu Finanzservices immer besser. Denken Sie an Regionen wie Afrika, Lateinamerika oder Teile Asiens. Nur mit neuen Ideen und schlagkräftigen Partnern wird man hier eine Rolle spielen können. Facebooks Libra-Pläne machen einmal mehr deutlich, dass der Markt in Bewegung und hart umkämpft ist.

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