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23.03.2018 | Datensicherheit | Im Fokus | Onlineartikel

Facebook versinkt im Daten-Debakel

Autor:
Johanna Leitherer

Der jüngst aufgedeckte Datenklau durch eine Analysefirma stürzt Facebook in die wohl tiefste Vertrauenskrise seiner Unternehmensgeschichte. Gründer Mark Zuckerberg entschuldigt sich, stellt sein Unternehmen aber gleichzeitig als Opfer dar. Alles Kalkül?

Datenschutzaffären durchziehen die 14-jährige Unternehmensgeschichte von Facebook wie ein roter Faden. Das tat dem Geschäftsmodell jedoch nie einen Abbruch. Ganz im Gegenteil schaffte es der Internetkonzern immer wieder, das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden und ein milliardenschweres soziales Netzwerk ohne nennenswerte Konkurrenz aufzubauen. Der neueste Fall könnte den Thron des Gründers Mark Zuckerberg nun allerdings ins Wanken bringen. Denn die politische Tragweite ist so enorm, dass Billionenstrafen und ein unwiderruflicher Image-Verlust drohen. Insgesamt soll das britische Analyseunternehmen Cambridge Analytica die Daten von über 50 Millionen Facebook-Nutzerkonten abgeschöpft und damit den US-Wahlkampf zugunsten Donald Trumps beeinflusst haben, wie Journalisten in Großbritannien aufdeckten. 

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Wie kann das Recht jedes Menschen auf freie Persönlichkeitsentfaltung, vor allem auf informationelle Selbstbestimmung in Hinblick auf eine Preisgabe seiner personenbezogenen Daten mit den Interessen von Wirtschaftsunternehmen an freiem Datenverkehr zu einem praktikablen Ausgleich gebracht werden?


Möglich war das durch die externe App "Thisisyourdigitallife", die bereits Jahre zuvor rund dreihunderttausend Facebook-Nutzer für einen Persönlichkeitstest gewinnen konnte. Um teilnehmen zu können, mussten User vorher der Datennutzung zustimmen. Was dabei jedoch verschleiert wurde: Die App-Betreiber nutzten eine Programmierschnittstelle und griffen auch auf die Konten der Freunde zu. Die Firma hinter dem digitalen Persönlichkeitstest wurde genau zu diesem Zweck von Forscher Aleksandr Kogan gegründet und verkaufte den enormen Datenpool an Cambridge Analytica weiter. Der Datenanalyst versorgte die ausgespähten Profile anschließend mit personalisierter Werbung der Trump-Kampagne, was den Wahlausgang möglicherweise beeinflusst haben könnte. Dieselben Praktiken kamen offenbar auch zum Einsatz, um den Brexit voranzutreiben und andere Präsidentschaftswahlen zu steuern. 

Synchronisierte Apps in der Kritik

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg zeigt sich über den vermeintlichen Datenklau durch App-Anbieter entrüstet. In einem Facebook-Posting gibt Zuckerberg allerdings zu, dass das Unternehmen bereits 2015 über britische Journalisten von dem Datendeal zwischen Kogan und Cambridge Analytics erfahren hatte. Da Facebook es Entwicklern nicht gestatte, Daten ohne die Einstimmung der Nutzer zu teilen, habe das soziale Netzwerk beide Firmen damals dazu aufgefordert, die Datenbestände zu löschen, schreibt Zuckerberg. 

Das ist augenscheinlich nicht passiert. Zuckerberg kündigte daher an, die Löschung nun mithilfe eines externen Prüfers sicherzustellen. Außerdem ist geplant, die mit Facebook synchronisierten Apps eingehend zu untersuchen und den Datenfluss einschränken zu wollen. Nutzer sollen darüber hinaus künftig besser einsehen können, welchen Anwendungen sie den Datenzugriff bereits gestattet haben. 

Illegal, aber kein Datenklau 

Ist Facebook eine Plattform, die um ihrer Daten willen betrogen wurde? Wer die Statements von Mark Zuckerberg verfolgt, könnte das meinen, auch wenn sich der Gründer stellenweise für die Vorkommnisse entschuldigt. Tatsächlich handelt es sich bei dem Skandal aber nicht um einen Datendiebstahl im klassischen Sinn und auch von einem Hackerangriff kann nicht die Rede sein. Kogan hatte eine Programmierschnittstelle, die Facebook für seine App-Partner bis 2015 absichtlich offen hielt, lediglich geschickt für seine illegalen Zwecke ausgenutzt. 

Dass Facebook-Nutzerdaten bis vor drei Jahren noch ohne großen Aufwand zugänglich waren, deutet Zuckerberg jedoch nur marginal zwischen den Zeilen an. Stark kritisiert wird außerdem, dass Facebook die betroffenen Nutzer damals nicht darüber informiert hatte, dass ihre Daten in die Hände von Drittanbietern gewandert waren. Das hat einen guten Grund: Facebook kassiert mit jedem App-Kauf seiner Partner stattliche Summen. Im Gegenzug genossen die Programmierer offenbar unkontrollierte Freiheiten, die dem sozialen Netzwerk jetzt zum Verhängnis werden. Bei genauerer Betrachtung kommt durch den Skandal also wieder einmal das Fundament des Facebook-Geschäftsmodells zum Vorschein: der Handel mit Nutzerdaten.

Datenschutz-Sackgasse Europa

Da sich der Internetkonzern erst kürzlich zur mutmaßlichen russischen Beeinflussung des US-Wahlkampfs rechtfertigen musste, wird der politische Druck auf den Anbieter immer größer. Behörden in Europa und den USA haben Untersuchungen angekündigt, Aktionäre Klage eingereicht und sogar auf dem EU-Gipfel am 23. März 2018 wurde der Facebook-Skandal kurzfristig auf die Agenda gesetzt. Zudem drohen Strafen von bis zu zwei Billionen US-Dollar durch die Handelsaufsicht Federal Trade Commission (FTC). Dass die Facebook-Aktien in den vergangenen Tagen bereits 50 Milliarden Dollar an der Börse verloren haben, ist also wohl erst der Anfang.

Im Radio-Interview mit dem Hessischen Rundfunk kritisierte Vize-Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Konstantin von Notz, dass sich die Regierungspolitiker unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel in den vergangenen Jahren zu viel von Facebook gefallen lassen haben. Man müsse die Einhaltung nationaler Gesetze auch von ausländischen Internet-Giganten strenger einfordern. Die ab Ende Mai geltende EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ist deshalb ein Licht am Ende des Tunnels, aber auch kein Heilsbringer, wie Springer-Autor Martin Schallbruch in einem Kapitel seines Buchs "Schwacher Staat im Netz" zum Ausdruck bringt: "Europa hat sich in eine Datenschutz-Sackgasse begeben, aus der wir so schnell nicht wieder herauskommen. Die großen amerikanischen Internetplattformen werden in ihrem Geschäft kaum behindert, die europäischen Unternehmen haben hohen Aufwand, um die komplizierten neuen Regeln einzuhalten" (Seite 67).

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