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Über dieses Buch

Die Bundestagswahl 2017 und der Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag haben verdeutlicht, dass sich die politische Kultur in Deutschland verändert. Beobachten lassen sich u.a. eine zunehmende Skepsis der Bürgerinnen und Bürger gegenüber den politischen Institutionen und Akteuren sowie ein höheres Bedürfnis nach direkter Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen. Das zweite Demokratie-Monitoring 2016/17 der Baden-Württemberg Stiftung bietet Analysen zu den Themen Demokratieverständnis, Populismus und Bürgerbeteiligung. Drei Jahre nach dem ersten Demokratie-Monitoring liefern diese Beiträge neue Erkenntnisse zu den politischen Lebenswelten in Baden-Württemberg.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch…

Demokratie ist mehr als wählen
Zusammenfassung
Der Beitrag der Staatsrätin für Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft in Baden-Württemberg beleuchtet die Hintergründe und Erfolge von Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg. Geleitet von den Erfahrungen mit den Protesten rund um Stuttgart 21 wurde mit dem 2011 erfolgten Regierungswechsel zu Grün-Rot erstmals das Amt einer Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung eingerichtet, die auch stimmberechtigtes Kabinettsmitglied ist. Damit wurde die Thematik der Bürgerbeteiligung erstmals auf der Ebene einer Landesregierung in einer Staatskanzlei verankert und damit höher platziert sowie mit mehr realem Einfluss ausgestattet als irgendwo sonst in Europa. Baden-Württemberg ist seitdem Vorreiter der „Politik des Gehört-Werdens“ auf allen politischen Ebenen und in immer mehr Themenfeldern und damit Reallabor für die Weiterentwicklung von Demokratie geworden. Dialogische Bürgerbeteiligung wird hier als wichtigstes Instrument für eine qualitativ neue Beziehung von Bürger, Verwaltung und Politik gesehen. Sie ist das dritte Standbein der Demokratie und das wirkungsvollste gestaltende Werkzeug für Bürger im politischen Alltag. Der Bedeutung entsprechend entsteht in Baden-Württemberg eine partizipative Gesetzgebung. Auf dem Beteiligungsportal des Landes werden den Bürgern alle Gesetzentwürfe zur Kommentierung bereitgestellt. Einige Gesetze, wie das Klimaschutzkonzept, wurden unter Einbezug von Bürgern entwickelt. Ein Leitfaden für gute Bürgerbeteiligung schafft einen verbindliche Handlungsrahmen für die Landesverwaltung.
Gisela Erler

Kapitel 2. Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft

Ein Programm der Baden-Württemberg Stiftung
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt das 2012 initiierte Programm „Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft“ der Baden-Württemberg Stiftung vor. Das Programm reiht sich ein in einen Kanon von Projekten und Maßnahmen zur politischen Bildung und Teilhabe, zur Völkerverständigung und zur Förderung von Integration mit denen die Baden-Württemberg Stiftung u.a. auch populistischen Strömungen entgegentreten möchte. Ziel des Programmes „Bürgerbeteiligung und Zivilgesellschaft“ ist es, mit verschiedenen Projekten unterschiedliche Bevölkerungsgruppen für Politik, Demokratie und Bürgerbeteiligung zu sensibilisieren und zu befähigen. Ein Schwerpunkt lag dabei auf Jugendlichen, die in Baden-Württemberg seit 2014 auf kommunaler Ebene ab 16 Jahren wählen dürfen, und auf Menschen mit Migrationshintergrund. Flankiert wurden diese Qualifizierungsprojekte durch verschiedene Forschungsprojekte zum Thema Demokratie und Bürgerbeteiligung, insbesondere durch die zwei Forschungsprogramme Demokratie-Monitoring Baden-Württemberg 2013/14 sowie 2016/17 sowie eine Machbarkeitsstudie zur Einführung eines Beteiligungshaushaltes auf Landesebene in Baden-Württemberg. Der Beitrag stellt die einzelnen Komponenten des Programmes in aller Kürze vor.
Simone Plahuta, Andreas Weber

Kapitel 3. Die AfD nach der rechtspopulistischen Wende

Wählerunterstützung am Beispiel Baden-Württembergs
Zusammenfassung
Anhand einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage aus Baden-Württemberg werden Hintergründe und Motive der Unterstützung der AfD im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 untersucht. Die Studie testet eine Reihe von Hypothesen, die sowohl strukturelle als auch einstellungsbezogene Faktoren berücksichtigen. Fehlende Parteibindungen machen Wähler für die AfD verfügbar, für Personen mit rechter ideologischer Identifikation ist sie besonders attraktiv. Der bei weitem stärkste Prädiktor ist jedoch eine negative Beurteilung der Leistungen der Exekutiven auf Bundes- und Landesebene. Weniger bedeutsam sind Wahrnehmungen mangelnder Eliten-Responsivität. Es gibt überdies Anzeichen, dass die AfD auch von Personen gewählt wird, welche die Demokratie nicht bedingungslos unterstützen. Erkennbar wird zudem eine ausgeprägte Resonanz zwischen nativistischen, insbesondere ethnozentrischen Einstellungen und der entsprechenden Rhetorik der Partei. Prozesspräferenzen, welche die liberalen Komponenten der Demokratie gering schätzen, hängen ebenfalls mit der Neigung zur AfD zusammen. Die in der öffentlichen Diskussion oft formulierte sozioökonomische Prekaritäts-These sowie eng gefasste Vorwürfe unzureichender Eliten-Responsivität greifen hingegen zu kurz.
Rüdiger Schmitt-Beck, Jan W. van Deth, Alexander Staudt

Kapitel 4. Politische Unterstützung in Baden-Württemberg

Zusammenfassung
Unter Rückgriff auf die repräsentativen Daten der ersten und zweiten Welle der Studie „Bürger und Demokratie in Baden-Württemberg“ wird in diesem Beitrag der Zusammenhang zwischen dem Geld, der Zeit und den sozialen Kontakten der Bürgerinnen und Bürger und ihrer Unterstützung der Politik in Baden-Württemberg untersucht, um der Frage nachzugehen, welchen Einfluss die Ressourcenausstattung von Bürgerinnen und Bürgern auf das Niveau ihrer politischen Unterstützung hat. Die Ergebnisse zeigen, dass Männer, Deutsche sowie Personen mit einem höheren Bildungsstand und einem anspruchsvollen Beruf über mehr Ressourcen verfügen als ihre Gegenstücke und dass Menschen mit vielen Ressourcen die Politik in Baden-Württemberg stärker unterstützen als Personen mit weniger Ressourcen. Insbesondere soziale Kontakte sind in diesem Zusammenhang eine wichtige Ressource. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass es eine Einschränkung gibt: Hat eine Person gemäß der „critical citizen“-Theorie viele soziale Kontakte und verfügt darüber hinaus über ein hohes Bildungsniveau, dann ist ihre landespolitische Unterstützung etwas niedriger.
Sarah Perry

Kapitel 5. Mehr Demokratie ertragen?

Eine lebensweltliche Studie der AfD-Wählerinnen und -Wähler
Zusammenfassung
Welche Lebenswirklichkeiten oder Lebenswelten liegen hinter Einstellungen und Wertorientierungen von Menschen, welche die Demokratie in Deutschland kritisch reflektieren und zum Teil grundlegend in Frage stellen? Welche individuellen und kollektiv geteilten Erfahrungshorizonte bewegen Bürgerinnen und Bürger dazu, rechtspopulistische Parteien zu unterstützen und deren Narrative zu übernehmen? Unter anderem auf diese Fragen gibt die hier vorgestellte Studie Antworten. In diesem Beitrag werden theoretischer Hintergrund, Fragestellung, Methodologie und das Sample der Studie detailliert vorgestellt. Ausgehend von einer phänomenologischen Perspektive auf politische Lebenswelten wurden in Baden-Württemberg im Frühjahr und Sommer 2017 insgesamt 109 Bürgerinnen und Bürger anhand von qualitativen episodischen Interviews zu ihren Vorstellungen und Wertorientierungen hinsichtlich Politik, Demokratie und Beteiligung sowie zu ihren alltagsweltlichen Vorstellungen befragt. Die Interviews wurden durch eine standardisierte Befragung zu Einstellungen, Wertorientierungen, Persönlichkeitsmerkmalen und Soziodemographie ergänzt. Über das soziale Netzwerk Facebook wurden dabei gezielt Menschen rekrutiert, die sich als politisch unzufrieden verstehen. Von den 109 Befragten identifizierten sich 42 als Anhängerinnen und Anhänger der Partei Alternative für Deutschland (AfD). Die Studie hat damit einen stark explorativen Charakter, da es vor allem darum geht, grundlegende Zusammenhänge zwischen den individuellen Lebenswelten und der politischen Präferenz zu analysieren.
Daniel Buhr, Rolf Frankenberger, Tim Gensheimer

Kapitel 6. Themen, Thesen, Argumente

Die Bedeutung von politischem System, Politikfeldern und Beteiligungsangeboten für AfD- und Nicht-AfD-Wähler im Vergleich
Zusammenfassung
Wie beurteilen Bürgerinnen und Bürger das politische System Deutschlands, welche Themen und Probleme sind für sie aktuell politisch relevant und wie bewerten sie die Möglichkeiten, am politischen System teilzuhaben? Auf der Basis von 109 qualitativen Interviews wurden dabei 42 Anhängerinnen und Anhänger der Partei Alternative für Deutschland (AfD) mit 67 Bürgerinnen und Bürgern verglichen, die andere Parteipräferenzen äußerten. Dabei wird deutlich, wie stark das von der AfD beförderte populistische Anti-Establishment-Narrativ bereits in den Köpfen der Menschen verankert ist und die Sichtweise auf unterschiedlichste Probleme lenkt. AfD-Wähler sind deutlich unzufriedener mit dem politischen System und der darin verankerten repräsentativen Demokratie als die Kontrollgruppe. Treiber dieser Unzufriedenheit sind erstens das wahrgenommene Fehlen von Partizipationsmöglichkeiten und dabei insbesondere fehlende Formen direkter Demokratie, zweitens die mangelnde Fähigkeit des politischen Systems und seiner Akteure „da oben“ auf die Belange des Volkes „da unten“ einzugehen sowie drittens eine als gefährdet wahrgenommene systemische Meinungsfreiheit. Auch bei den subjektiv wichtigsten politischen Problemen wie Migration, Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit finden sich starke Unterschiede. Dabei wird einerseits deutlich, wie stark das Agenda-Setting der AfD und das rhetorische Framing von Themen wie Meinungsfreiheit („Lügenpresse“) und europäischer Integration bei ihren Wählern verfängt. Andererseits lässt sich eine diskursive Spaltung zwischen den beiden Gruppen identifizieren, denn es sind kaum ähnliche Themen salient und wenn dies doch zutrifft, kann man sich nicht auf eine gemeinsame Diskussionsgrundlage berufen.
Tim Gensheimer, Rolf Frankenberger

Kapitel 7. Wir wollen mitbestimmen!

Argumente und Narrative für und gegen Direktdemokratie im Vergleich von AfDund Nicht-AfD-Wählerinnen und Wählern
Zusammenfassung
Wie begründen Befürworter und Gegner von direkter Demokratie ihre Einstellung? Was versprechen sie sich von solchen Verfahren? Über welche Themen sollte abgestimmt werden und über welche nicht? Welchen Stellenwert haben deliberative Demokratieformen bei den Befragten? Und wie unterscheiden sich AfD- und Nicht-AfD-Wähler in ihren Einstellungen und Argumenten? Diese Fragen wurden auf der Basis von 109 qualitativen Interviews in Baden-Württemberg untersucht. Dabei zeigt sich, dass Formen der direkten Demokratie für AfD-Wähler einen höheren Stellenwert haben und positiver besetzt sind als für Nicht-AfD-Wählerinnen und Wähler. Formen der deliberativen Demokratie spielen bei AfD-Wählern kaum eine Rolle, während sie von Nicht-AfD-Wählern als Bereicherung empfunden werden. AfD-Wähler sehen sich tendenziell außerhalb des politischen Systems, Politiker und Parteien werden als Gegenspieler verstanden. Sie argumentieren dabei vor allem mit dem populistischen Narrativ einer unterdrückten Meinung bzw. eines von Eliten ignorierten Volkswillens oder auch des individuellen Willens, dem durch direkte Demokratie wieder erfolgreich Gehör verschafft werde. Direkte Demokratie dient dementsprechend als eine Art Kampfmittel zur eigenen Reintegration. Vor allem große, bedeutende Themen wie Fragen der Flüchtlings- und Migrationspolitik, der Infrastruktur sowie der europäischen Integration sollten nach ihrer Ansicht in direktdemokratischen Verfahren beantwortet werden. Nicht-AfD-Wähler erkennen Missstände bzw. eine Entfremdung der Politik von der Bevölkerung. Sie erhoffen sich von direktdemokratischen Verfahren eine weitere „Demokratisierung“ des demokratischen Prozesses, eine erhöhte Responsivität des politischen Systems und eine verbesserte Beziehung zwischen Bevölkerung und Politik. Direktdemokratische Elemente sollen helfen die Beziehung zwischen Amtsträgern und Gesellschaft wieder harmonischer und partnerschaftlicher zu gestalten, wenngleich sie direktdemokratische Verfahren durchaus kritisch reflektieren.
Tim Gensheimer, Daniel Buhr, Rolf Frankenberger

Kapitel 8. Zwischen Mitmachen und Dagegen sein

Politische Lebenswelten in Baden-Württemberg
Zusammenfassung
Politische Lebenswelten sind individuelle normative Landkarten der politischen Welt, die durch alltagsweltliche Erfahrungen geprägt sind und das politische Handeln leiten. Neue gesellschaftliche Konfliktlinien sind dann Ausdruck eines Auseinanderfallens politischer Lebenswelten, was langfristig destabilisierende Effekte für das politische System und die Gesellschaft als Ganze zeitigen kann. Angesichts der aktuellen politischen Polarisierung und der Erfolge der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) stellt sich die Frage, ob ein solcher tiefergehender Wandel politischer Lebenswelten stattfindet. In diesem Beitrag werden daher aufbauend auf einer Studie von Frankenberger et al (2015) die politischen Lebenswelten in Baden-Württemberg anhand von 109 qualitativen Interviews erfasst und deren Lebenswelttypologie überprüft und unter besonderer Berücksichtigung der Lebenswelten von AfD-Wählern weiterentwickelt. Zunächst werden dazu die Befunde von 2015 vorgestellt, die als Referenzrahmen dienen. In einem zweiten Schritt werden die politischen Lebenswelten 2017 entlang der Dimensionen Politikverständnis und Demokratieverständnis sowie der Partizipation kartiert und beschrieben. Dabei spiegeln die erfassten politischen Lebenswelten die Konfliktlinien zwischen progressiven universalistisch-pluralistischen Positionen und autoritären partikularistisch-nationalen Positionen wider. Die genauere Analyse der Lebenswelten zeigt: Je elaborierter die politischen Lebenswelten sind, desto unwahrscheinlicher ist dabei die Neigung, die AfD zu wählen. Wer sich intensiver mit der Funktionsweise des politischen Systems als Regelsystem auseinandersetzt, scheint reflektierter an die Bewertung des Systems heranzugehen, zufriedener zu sein und mehr zu partizipieren als diejenigen, die stark output-orientierte und elitenzentrierte Vorstellungen des Politischen haben. AfD-Wähler sind vom aktuellen politischen System enttäuscht und dies verdichtet sich zu einer aversiven Grundhaltung gegenüber der repräsentativen Demokratie. Diese ist getragen von populistischen und neurechten Motiven, setzt sich aber kaum in eigene politische Aktivität um. Es handelt sich bei den hier erfassten Lebenswelten vielfach um solche, die nicht mitmachen, sondern sich im Dagegensein erschöpfen. Auf dieser Basis wird das Gesamtmodell unter Einbezug der Dimension aversive vs. affirmative Kritik am System neu justiert.
Rolf Frankenberger, Tim Gensheimer, Daniel Buhr

Kapitel 9. Partizipationsrecht in Baden-Württemberg

Vorschläge zur Stärkung der Beteiligung durch das Recht
Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht den (schwerpunktmäßig landes-)rechtlichen Rahmen der Partizipation in Baden-Württemberg, der zwar von Beteiligungspraktikern oft als unliebsames Korsett empfunden wird, gleichwohl maßgeblichen Einfluss auf Beteiligungsmöglichkeiten hat. Dabei werden die legislativen baden-württembergischen Maßnahmen der letzten Jahre, die partizipationsfördernd wirken sollen, untersucht und einem Rechtsvergleich mit den gesetzlichen Regelungen anderer Bundesländer unterzogen. Anhand von identifizierten Defiziten in den verschiedenen Bereichen des Partizipationsrechts werden Verbesserungsvorschläge unterbreitet, wie durch das Recht die Partizipation und damit mittelbar die Demokratie in Baden-Württemberg gestärkt werden kann. Der Bericht erklärt dafür zunächst, von welchem Partizipationsrechtsverständnis er begrifflich und funktional ausgeht. Daraus abgeleitet ergeben sich die einzelnen rechtlichen Untersuchungsfelder, die im Bericht mit zunehmender Beteiligungsintensität behandelt werden. Dies beginnt mit den Informationsrechten und reicht über Anregungsrechte wie Petition, Bürgerbeauftragter und kommunale Antragsmöglichkeiten sowie verschiedene Mitwirkungsrechte vor allem im Verwaltungsverfahren bis hin zu den direktdemokratischen Entscheidungsrechten auf Landesebene und auf kommunaler Ebene. Der Bericht schließt mit einer Reihe konkreter Vorschläge zur rechtlichen Stärkung partizipativer Prozesse ab. Ein besonders herausragendes Signal für den rechtlichen Stellenwert von Partizipation in Baden-Württemberg würde ein Beteiligungsgesetzbuch darstellen.
Volker M. Haug, Marc Zeccola

Kapitel 10. Wie tickt der Schultes?

Politische Beteiligung aus Sicht der kommunalen Führungsspitze in Baden-Württemberg
Zusammenfassung
Der Wunsch der Bevölkerung nach mehr direkter Demokratie und nach einem Ausbau partizipativer Beteiligung ist in zahlreichen empirischen Studien gezeigt worden. Unklar ist dabei, ob auch kommunale Entscheidungsträger wie Bürgermeister ebenfalls eine solch starke Präferenz für die Ausweitung von partizipativer und direktdemokratischer Beteiligung aufweisen, wenn sie über das Verhältnis der drei Beteiligungsformen zueinander befragt werden. Mit Hilfe der repräsentativen Befragung von 383 baden-württembergischen Bürgermeistern soll gezeigt werden, wie die kommunalen Verwaltungsspitzen zur repräsentativen Demokratie sowie zu partizipativen und direktdemokratischen Beteiligungsmöglichkeiten stehen. Zwei zentrale Forschungsfragen leiten dabei die Untersuchung: (1) Welche Präferenzen haben Bürgermeister bezüglich repräsentativer, direkter und partizipativer Beteiligungsverfahren? (2) Welche (a) individuellen und (b) kontextuellen Faktoren erklären die Präferenzen der Bürgermeister für repräsentative, direkte und partizipative Beteiligungsverfahren?
Das Ergebnis ist eindeutig: Die Bürgermeister favorisieren repräsentative Verfahren am stärksten. Partizipative Verfahren werden dabei noch eher als direktdemokratische Verfahren befürwortet. Auf individueller Ebene lässt sich die Präferenz der Bürgermeister für repräsentative Beteiligungsmöglichkeiten mit folgenden Faktoren erklären: männlich, eher rechte sozioökonomische Einstellung, eine Parteizugehörigkeit, die Erfahrung mit nicht-formalisierter Bürgerbeteiligung sowie die Zugehörigkeit zur Mehrheitspartei. Darüber hinaus erweisen sich ein für die Beteiligungsforschung noch Effekte auf der kontextuellen Ebene als relevant, wie etwa der Rückgang der Wahlbeteiligung. Insgesamt sind jedoch die Individualfaktoren, die die Präferenzen der Befragten erklären können, relevanter als die Kontextfaktoren.
Florian Ruf, Uwe Wagschal, Eva Krummenauer

Kapitel 11. Machtlos durch Bürgerbeteiligung?

Die Einstellung von Gemeinderäten im Kontext lokaler Beteiligung in Baden-Württemberg
Zusammenfassung
Kommunale Entscheidungsträger tragen mit ihrem täglichen Handeln dazu bei, Demokratie und Staatstätigkeit für die Bürger direkt erfahrbar zu machen. Neben den klassischen repräsentativen und direktdemokratischen Beteiligungsmöglichkeiten kommen dabei in Baden-Württemberg jedoch auch vermehrt partizipative Beteiligungsinstrumente zum Einsatz. Vor dem Hintergrund der machttaktischen und parteipolitischen Zwänge, in denen sich die Räte in Baden-Württemberg befinden, ist deren Einstellung zu verschiedenen Verfahren der lokalen Beteiligung ein interessanter, zu beleuchtender Aspekt. Im Zuge der Untersuchung eines umfassenden Datensatzes mit über 1638 Befragten zeigte sich, dass die Räte zum überwiegenden Teil allgemeine Wahlen (repräsentative Beteiligung) als zentrale Partizipationsform in ihrer Kommune präferieren. Zu einem deutlich geringeren Teil befürworten Ratsmitglieder partizipative und direktdemokratische Verfahren. Erklärt werden kann diese Präferenzsetzung über individuelle Merkmale der Befragten sowie über deren Parteizugehörigkeit und die Zugehörigkeit zur Ratsmehrheit. Wir konnten zeigen, dass die Gemeinderäte in Baden-Württemberg in einem gewissen Dilemma zwischen Machterhalt und Responsivität stecken. Bürgerbeteiligung und vor allem alternative Beteiligungsformen werden von der Bevölkerung zwar gewünscht und nachgefragt, jedoch sind diejenigen Personen, die in den Gemeinden über die Einsetzung von Bürgerbeteiligungsverfahren entscheiden oder mitbestimmen, solchen gegenüber sehr skeptisch. Darüber hinaus konnten wir Kontextfaktoren als nicht einflussreich identifizieren. Somit wird klar, dass es vor allem individuelle Faktoren sind, die die Einstellung der Ratsmitglieder zu Bürgerbeteiligung bedingen.
Florian Ruf, Eva Krummenauer, Uwe Wagschal

Kapitel 12. Stimmen Sie mit Ja!

Eine qualitative Inhaltsanalyse der öffentlichen Kommunikation zu sechs Bürgerentscheiden
Zusammenfassung
Dieser Forschungsbeitrag beleuchtet die öffentliche Kommunikation zu Bürgerentscheiden in sechs ausgewählten Gemeinden in Baden-Württemberg. Neben politischen Entscheidungsträgern, also Bürgermeistern und Gemeinderäten, sind es vor allem die Vertrauensleute des Bürgerbegehrens und häufig die korrespondierten Bürgerinitiativen sowie sonstige komplexe Akteure, beispielsweise Wirtschaftsakteure, die neben den Journalisten mit ihren Deutungsmustern den öffentlichen Diskurs prägen. Fundiert auf den Annahmen des Adovocacy Coalition Frameworks werden unter zu Hilfenahme des Framing-Ansatzes mit einer qualitativen Inhaltsanalyse 405 Dokumente ausgewertet, die der Zeitungsberichterstattung, Amtsblättern und Internetauftritten verschiedener Akteure der Kommunalpolitik entstammen. In drei der sechs Kommunen wurden zusätzlich Telefoninterviews mit Kommunalverwaltungsmitarbeitern geführt. Während politische Entscheidungsträger die Direktdemokratie in den Untersuchungsfällen nicht mehrheitlich einfordern, gehen sie bei Absehbarkeit eines Bürgerentscheides vielmehr auf die Sachfrage ein auf die die Abstimmung hinausläuft. Seitens der Bürgerinitiativen werden Unzulänglichkeiten der Repräsentativdemokratie angeführt, die Unmittelbarkeit der bürgerlichen Entscheidung beworben und mit der positiven Konnotierung der eigenen Abstimmungsparole verknüpft.
Eva Krummenauer, Florian Ruf, Uwe Wagschal

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