Skip to main content
main-content

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Zur Notwendigkeit einer Ideengeschichte der Demokratie

Zusammenfassung
Richard Saage hat ein notwendiges Buch geschrieben. Aus ihm ist zu lernen, dass die Demokratien innerhalb sozialstruktureller und geistiger Voraussetzungen entstanden sind, die ausschließlich dem Abendland angehörten. Deshalb ist die Vorstellung verfehlt, Demokratien könnten überall auf der Welt, ohne nach den kulturellen Traditionen einer Gesellschaft zu fragen, eingeführt werden, notfalls durch Krieg und politischen Druck. Sie werden nur dann Wurzeln schlagen, wenn sie im Innern eines Gemeinwesens selbst erkämpft worden sind. Saage zeigt dies am Kampf um die athenische Demokratie, dem ersten Beispiel für die Vorherrschaft der Volksmehrheit, das die Geschichte kennt. Sie musste gegen die Kräfte des Adels und der reichen Familien durchgesetzt werden. Die politische Philosophie, die in jener Zeit entstand, entwickelte die geeigneten Begriffe zur Analyse dieser Auseinandersetzungen und Machtverschiebungen. Für Platon und Aristoteles war eine Demokratie ein Herrschaftssystem zum Nutzen des einfachen Volks. Die Antike kannte das Repräsentationsprinzip nicht, d.h. es gab keine Volksvertreter. Bis in die Neuzeit hinein wurde unter einer Demokratie immer die direkte Herrschaft des Volkes verstanden. Es ist also leicht zu verstehen, dass die vornehmen und reichen Kreise die Beschlüsse der athenischen Volksversammlungen fürchteten. Insbesondere Platon ließ an der Praxis der athenischen Demokratie kein gutes Haar. Die vornehmen und besonnenen Charaktere könnten sich in ihr nicht durchsetzen.
Walter Euchner

Vorwort

Zusammenfassung
Der vorliegende Versuch einer Geschichte der Demokratietheorien ging aus einem Lehrbrief für die Fernuniversität Hagen hervor. Er wurde dann durch politikwissenschaftliche Vorlesungen erprobt, die ich an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Sommersemester 2004 und 2005 gehalten habe. Doch mein Interesse an dem Thema reicht bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Genährt und auf Dauer gestellt wurde es vor allem durch die vielen Gespräche, die ich während meiner Zeit an der Georg-August-Universität Göttingen mit meinem Kollegen Prof. Dr. Walter Euchner führte, sowie durch die Lektüre seiner Schriften, denen ich entscheidende Anregungen fur den methodologischen Zugriff auf das Thema und wichtige Hinweise auf die auszuwertende Literatur verdanke. Ihm widme ich das vorliegende Buch. Prof. Dr. Andreas Mehl von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hat das Kapitel über die attische Demokratie kritisch gelesen und kommentiert. Ihm gebührt mein Dank ebenso wie meiner Frau Dr. Ingrid Thienel-Saage, die die Entstehung der Arbeit mit nicht nachlassendem Interesse begleitet hat. Ebenso erwähne ich dankend Dr. Andreas Heyer und Diplom-Politologe Aicke Bittner, die mich bei der Korrektur sowie bei der Redaktion des Textes unterstützten. Nicht zuletzt gebührt mein Dank aber auch dem Kollegen Prof. Dr. Arthur Benz, der gezielt den Weg zum zügigen Druck des vorliegenden Buches bahnte.
Richard Saage

Einleitung

Zusammenfassung
Der Begriff „Demokratie“ gehört zu den sozialwissenschaftlichen Kategorien, die zwei Aufgaben erfüllen sollen. Einmal ist er mit der Erwartung konfrontiert, einen sozio-politischen Sachverhalt unter empirisch-analytischen Gesichtspunkten möglichst eindeutig zu benennen. Zum anderen ist er aber auch jenen politischen Kampfbegriffen zuzuordnen, die gegen andere Interpretationen der Legitimation politischer Herrschaft gerichtet sind, um desto entschiedener die eigene Position rechtfertigen zu können. Unter dem Gesichtspunkt einer solchen Herrschaftslegitimation fällt auf, dass sich im 20. Jahrhundert so gut wie jedes Regime als „demokratisch“ bezeichnet hat. Der scheinbare Siegeszug der Demokratie trug freilich erheblich dazu bei, dass ihre Konzeptualisierung zu einer kaum noch zu überbietenden Verschwommenheit führte. Daher besteht ein wesentliches Ziel der vorliegenden Abhandlung darin, zur Klärung dieser Kategorie beizutragen.
Richard Saage

Kapitel I. Zum Demokratieverständnis in der Antike

Zusammenfassung
Wer einen ideengeschichtlichen Abriss über die Entwicklung der Demokratietheorie schreiben will, kommt um die Auseinandersetzung mit ihren Ursprüngen in der griechischen Antike nicht herum.56 Diese These ist auf den ersten Blick keineswegs zwingend. Bereits Hegel betonte, es sei „nichts so ungeschickt, als für Verfassungseinrichtungen unserer Zeit Beispiele von Griechen und Römern oder Orientalen aufnehmen zu wollen“.57 Die alten Griechen hätten mit einer freien Verfassung das Postulat verbunden, „daß alle Bürger Anteil an den Beratungen und Beschlüssen über die allgemeinen Angelegenheiten und Gesetze nehmen sollen.“58 Dies sei auch in unseren Zeiten die allgemeine Meinung. Freilich habe man sie aufgrund der Größe der modernen Staaten insofern modifiziert, als die Bürger „nicht direkt, sondern indirekt durch Stellvertreter ihren Willen zu dem Beschluß über die öffentlichen Angelegenheiten zu geben haben, d.h. daß für die Gesetze überhaupt das Volk durch Abgeordnete repräsentiert werden solle. Die sogenannte Repräsentatiwerfassung ist die Bestimmung, an welche wir die Vorstellung einer freien Verfassung knüpfen, so daß dies festes Vorurteil geworden ist“.59
Richard Saage

Kapitel II. Partizipationsmodelle der Frühen Neuzeit

Zusammenfassung
Vereinfacht ausgedrückt, fand die ideengeschichtliche Diskussion über politische Partizipation in der Frühen Neuzeit im Spannungsfeld zweier epochaler Tendenzen statt. Auf der einen Seite begann sich seit dem 15. und dann verstärkt seit dem 16. Jahrhundert der mittelalterliche Ordo, der unter theologischen Vorzeichen alle Bereiche der Gesellschaft in ein universales hierarchisches Muster zu integrieren vorgab, in seine Bestandteile aufzulösen. Auf der anderen Seite gewann ein anderer Faktor an Gewicht. Es wurde nämlich klar, dass Politik, Vorherrschaft des Wertesystems der katholischen Kirche auszubilden begannen, deren Zusammenführung nach einem innen und außen souveränen Gemeinwesen verlangte. Diese neuartige, der Tendenz nach säkularisierte Koordinierungs-, Schlichtungs-, Befriedungs- und Modernisierungsinstanz war der frühneuzeitliche Staat mit seinem stehenden Heer und seiner zentralisierten Bürokratie. „Ein neuer Typ des Fürsten“, schreibt Norbert Elias, „trat in den Vordergrund“. Zunächst in den Stadt- und kleinen Territorialstaaten in Italien mit den Sforzas, den Borgias und den Medicis die historische Bühne beherrschend, waren „Franz I. von Frankreich und Heinrich VIII. von England (…) die prominentesten Könige dieses Typs in der Frühzeit des Absolutismus“.163
Richard Saage

Kapitel III. Demokratie am Vorabend der Französischen Revolution

Zusammenfassung
Zwei sozio-politische Krisenherde haben die große Debatte über die demokratische Teilhabe an der Willensbildung des Gemeinwesens am Vorabend der Französischen Revolution bestimmt: die wachsenden sozialen Spannungen im französischen Ancien Régime und die Unabhängigkeitsbestrebungen der nordamerikanischen Kolonien vom englischen Mutterland. Die Auslöser beider Krisen konnten kaum unterschiedlicher sein. Den nordamerikanischen Kolonien ging es im Kern um die Bewahrung ihrer Eigentumsrechte, die sie von der britischen Krone durch willkürliche Besteuerungen bedroht sahen: „Politisch begann die kritische Phase im Jahr 1765 mit der Verabschiedung des Steuermarken-Gesetzes (Stamp Act). Allgemein wurde jedoch die Krise durch das Ende des Siebenjährigen Krieges zwischen England und Frankreich heraufbeschworen. Die englische Krone sah sich gezwungen, die enormen Staatsschulden zu reduzieren und die Struktur des Empires zu straffen, womit eine lange Phase’gesunder Nachlässigkeit’ beendet wurde. Die Spannungen eskalierten zunehmend mit dem Townshend-Gesetz (Townshend-Act) und dem Teesteuergesetz (Tea Act). Die Teesteuer wurde mit der Boston Tea Party beantwortet, einem Ereignis, das möglicherweise die letzten Hoffnungen auf eine friedliche Lösung zunichte machte und zu den Zwangsgesetzen (Coercive Acts) von 1774“306 führte.
Richard Saage

Kapitel IV. Zum Stand der Demokratietheorie in der Französischen Revolution

Zusammenfassung
Noch im März 1791, etwa anderthalb Jahre nach dem Sturm auf die Bastille, glaubte Thomas Paine in seiner Schrift „Die Rechte des Menschen“ feststellen zu können, dass es eine epochale Kontinuität zwischen der Amerikanischen und der Französischen Revolution gebe. „Was man vormals Revolutionen nannte, war nicht viel mehr als eine Veränderung der Personen oder der Lokalumstände. Sie stiegen und fielen gleichsam nach dem Laufe der Natur, und in ihrer Existenz und ihrem Schicksale war nichts enthalten, was über den Ort hinaus, der sie hervorbrachte, Einfluss haben konnte. Die Revolutionen in Amerika und Frankreich aber sind eine Erneuerung der natürlichen Ordnung der Dinge, ein System von Grundsätzen, die ebenso allgemein sind als die Wahrheit und die Existenz des Menschen, und die Moral mit politischer Glückseligkeit und Nationalwohlstand verbinden“.
Richard Saage

Kapitel V. Demokratietheorien des 19. Jahrhunderts in Frankreich und England

Zusammenfassung
Die demokratietheoretischen Reflexionen des 19. Jahrhunderts stehen eindeutig im Zeichen zweier epochaler Ereignisse: dem Prozess der Industrialisierung und der Großen Französischen Revolution von 1789.
Richard Saage

Kapitel VI. Demokratie in Deutschland von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zur Revolution von 1848

Zusammenfassung
Bisher haben wir die Entwicklung der Demokratietheorie am Beispiel von Ländern mit einer erfolgreichen demokratischen Tradition diskutiert: die Vereinigten Staaten von Amerika, England und Frankreich. Wie entwickelte sich die Demokratie auf einem Territorium, das sich politisch und wirtschaftlich so gravierend von den großen Nationalstaaten unterschied, wie dies im Deutschen Reich nach der Französischen Revolution der Fall gewesen ist? Wie wurde der demokratische Gedanke in einer in über 300 souveräne Einzelstaaten zerfallenden „Nation“ rezipiert, deren obrigkeitsstaatliche Tradition selbst die napoleonischen Kriege überdauern sollte? 1802 legte Hegel eine illusionslose Analyse des Verfassungszustandes des Deutschen Reiches vor. „Deutschland ist kein Staat mehr“, eröffnete er apodiktisch seine Schrift. „Sollte Deutschland ein Staat sein, so könnte man diesen Zustand der Auflösung des Staates nicht anders als (…) Anarchie nennen, wenn nicht die Teile sich wieder zu Staaten konstituiert hätten, denen weniger ein noch bestehendes als vielmehr die Erinnerung eines ehemaligen Bandes noch einen Schein von Vereinigung läßt“.591 Und zusammenfassend kam er zu dem Schluss: „Das deutsche Staatsgebäude ist nichts anderes als die Summe der Rechte, welche die einzelnen Teile dem Ganzen entzogen haben, und diese Gerechtigkeit, die sorgsam darüber wacht, daß dem Staat keine Gewalt übrig bleibt, ist das Wesen der Verfassung“.592
Richard Saage

Kapitel VII. Demokratie in Deutschland von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs

Zusammenfassung
Es ist eine entscheidende Prämisse der vorliegenden Darstellung, dass das Ausmaß demokratischer Partizipation am politischen Willensbildungsprozess nicht unerheblich davon abhängt, auf welcher Höhe sich der Stand der wissenschaftlich-technologischen Entwicklung einer Gesellschaft befindet.719 Für die Entwicklung der deutschen Demokratie im 19. Jahrhundert darf also der Aspekt des Überganges von der handarbeitsorientierten zur maschinellen Produktion bzw. von der handwerklichen zur maschinengestützten Arbeit nicht außer Acht gelassen werden.720 Zwar wurden wichtige Vorbedingungen für den „industriellen take-off“ (Rostow) bereits vor der Revolution von 1848 geschaffen. So sind in einigen Staaten des Deutschen Bundes schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Ansätze eines Vierten Standes, also einer lohnabhängigen Arbeitnehmerschaft, ebenso zu beobachten wie die Zerschlagung feudaler Strukturen in Gestalt der Bauernbefreiung.721 Auch sorgte die Etablierung des deutschen Zollvereins 1834 für die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsgebietes.722 Ferner mehrten sich bereits in den 30er Jahren die Indizien dafür, dass allmählich die Maschinenarbeit als wirtschaftlich relevanter Faktor gegenüber der Handarbeit an Bedeutung gewann. Dieser Trend lässt sich an der Zunahme der Nettoinvestitionen in der Produktionssphäre ablesen, welche die Arbeitsteilung vorantrieb und die Kommunikation im technischen Bereich verbesserte (1842 Patentschutz innerhalb des Zollvereins).
Richard Saage

Kapitel VIII. Demokratietheoretische Paradigmen in den ersten Republiken in Deutschland und Österreich

Zusammenfassung
Die Agitation Ferdinand Lassalles Anfang der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts852 war für die Entwicklung der Demokratietheorie in Deutschland von entscheidender Bedeutung, weil ihre Stoßrichtung nicht nur auf die Autonomie des „Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“ zielte. Noch wichtiger ist, dass Lassalle den Begriff der repräsentativen Demokratie für die organisierte Arbeiterbewegung im Zusammenhang mit der Forderung nach dem allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht positiv aufwertete.853 Für unser Erkenntnisinteresse ist von zentraler Bedeutung, dass unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg eine soziale Bewegung entstand, die innerhalb des Kontextes der modernen Industriearbeiterschaft eine scheinbar realpolitische Alternative zum Lassalleschen Begriff der Demokratie hervorbrachte: die Rätebewegung. Doch bevor auf die demokratietheoretische Differenz zwischen dem Ansatz Lassalles und den fuhrenden Theoretikern des „reinen“ Rätesystems eingegangen wird, ist es notwendig, die Rolle der Rätebewegung in der deutschen Revolution von 1918/19 zu charakterisieren.
Richard Saage

Kapitel IX. Reduzierte Demokratietheorien im Schatten des Zweiten Weltkriegs

Zusammenfassung
Was sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits andeutete, kam in der Zeit zwischen der Entstehung des „Dritten Reiches“ 1933 und der unmittelbaren Nachkriegszeit Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts zur vollen Entfaltung: die weitgehende Verdrängung der alten Demokratie als der Selbstbestimmung des Volkes zugunsten jener reduzierten Konzeptionen der politischen Beteiligung, die unter Demokratie im Sinne Max Webers965 nichts anderes verstanden als eine Sozialtechnik. Deren erste Aufgabe habe darin zu bestehen, den westlichen politischen Systemen eine möglichst effiziente Führung und ein fähiges Krisenmanagement zu sichern. Diese Entwicklung ist ohne die Erfahrung der sich überlagernden Krisen der Wirtschaft, der Kultur und der politischen Systeme in Europa nicht zu erklären.
Richard Saage

Kapitel X. „Nachholende“ Demokratisierung in der Bundesrepublik Deutschland

Zusammenfassung
Mit der Machtübergabe an Hitler im Januar 1933 war das Scheitern der ersten Demokratie auf deutschem Boden besiegelt. Erst das Ende des Zweiten Weltkrieges mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches machte den Weg frei für einen demokratischen Neuanfang. Diese „nachholende“Demokratisierung verlief in der Bundesrepublik Deutschland in zwei Phasen: In der Ära Adenauer von 1949 bis Mitte der 60er Jahre und in der Zeit der Großen Koalition und der Sozialliberalen Koalition (1967–1982) im Zeichen der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition.
Richard Saage

Epilog

Zusammenfassung
Der vorliegende Versuch, wichtige in Europa und in den Vereinigten Staaten von Amerika entwickelte Demokratietheorien in ihrem historischen Kontext darzustellen, so kann zusammenfassend festgestellt werden, war immer auch eine Auseinandersetzung mit ihren Ursprüngen in der attischen Demokratie. Demokratie als Selbstbestimmung des in der „Ekklesia“ physisch präsenten Volkes wurde, wie gezeigt, oft als Skandal hybrider Selbstüberschätzung gegeißelt, aber auch als das nichthintergehbare normative Maß menschlicher Entfaltung gefeiert.
Richard Saage

Backmatter

Weitere Informationen