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Über dieses Buch

Der Band setzt sich mit Fragen nach dem erkenntnistheoretischen Status des Dokumentarischen und dem Wesen des Dokumentarfilms insbesondere in historischer Hinsicht auseinander. Ein Blick in heutige Medienkulturen zeigt, dass gesellschaftliche Kommunikation über Vergangenheiten in Film, Fernsehen oder Internet von dokumentarischen Formen und Formaten maßgeblich mitbestimmt wird. Dokumentarische Filme prägen in hohem Maße unsere öffentlichen Geschichts- und Gesellschaftsbilder. Sie sind damit nicht nur hinsichtlich ihrer inhaltlichen Darstellungen relevant, sondern auch in Auswahl, Gestaltung und Diskursivierung ihrer historischen Themen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Dokumentarische Filme bilden für die Geschichts-, Kultur-, Medien- sowie die Sozialwissenschaften eine wichtige, bislang in ihrer Breite und Tiefe weitgehend unerschlossene Quelle der Erkenntnisgewinnung. In den einzelnen Disziplinen tauchen dokumentarische Filme weder empirisch noch als eigenes Genre erkennbar auf. Sogar in der Filmwissenschaft spielten dokumentarische Filme für lange Zeit nur eine marginale Rolle, was sich allerdings in den letzten Jahren deutlich geändert hat.
Carsten Heinze, Arthur Schlegelmilch

Siegfried Kracauer und der dokumentarische Film

Ein filmsoziologischer Versuch, sich anzunähern
Zusammenfassung
Der Beitrag setzt sich mit Siegfried Kracauer und seinen filmsoziologischen Ansätzen mit Blick auf dokumentarische Filme auseinander. Mit dieser Perspektive auf Kracauers Schriften erhebt dieser Beitrag den Anspruch, in der Kracauer-Forschung neues Terrain zu betreten. Es werden in einem ersten Schritt die filmsoziologischen Ansätze in den einschlägigen Studien Kracauers rekapituliert. Darauf aufbauend, arbeitet der Beitrag die dokumentarischen Bezugsrahmen aus Kracauers filmischem Werk heraus, die sowohl theoretische sowie auch empirische Einblicke eröffnen. Nicht zuletzt kann festgestellt werden, dass Kracauers Motive und Schreibweisen dokumentarische Qualität besitzen, so dass argumentiert werden kann, dass das Dokumentarische einen bislang übersehenen, nichtsdestoweniger zentralen Aspekt seiner Arbeiten bildet.
Carsten Heinze

Die Historie und der Dokumentarfilm

Vergangenheit und Zukunft eines schwierigen Verhältnisses
Zusammenfassung
Der Beitrag konzentriert sich zunächst auf die Frage der Anerkennung des Dokumentarfilms als historischer Quelle durch die deutsche Geschichtswissenschaft, namentlich in der Epoche der deutschen Teilung. Es wird deutlich, dass auf beiden Seiten Befangenheiten und Restriktionen unterschiedlicher Art bestanden, deren Abbau sich bereits im Laufe 1980-er Jahre andeutete. Der entscheidende Durchbruch vollzog sich schließlich in Verbindung mit dem Konstanzer Historikertag von 2003, der den Dokumentarfilm nicht nur als Wirklichkeitskonstrukt identifizierte, sondern auch die damit verbundenen Möglichkeiten der historischen Erkenntnisbildung anerkannte. In seinem zweiten und dritten Teil widmet sich der Beitrag anhand ausgewählter Beispiele der Bedeutung des Dokumentarfilms als „Medium des kollektiven Gedächtnisses“ bzw. als eigenständigem Format der historischen Erkenntnisbildung.
Arthur Schlegelmilch

Neue medienwissenschaftliche Perspektiven auf den dokumentarischen Film

Zusammenfassung
My contribution deals with the problems concerning a perspective of the media studies on the documentary film and proposes for the research the notion “media milieu”. This notion focuses the media practices of the documentary, which are essential for the understanding of the meaning of the documentary reference to reality. Meanwhile the vanishing of the documentary in the archives and the lack of research in this domain call to action: if nothing happens, the documentary is no longer available as a source for cultural and societal history and especially for the history of the civil society movement of democratic Germany since 1945.
Mein Beitrag befasst sich mit einer medienwissenschaftlichen Perspektive auf den dokumentarischen Film und schlägt zu seiner Erforschung den Begriff des „medialen Milieus“ vor. Dieser Begriff konzentriert sich auf die medialen Praktiken des Dokumentarischen, deren Kenntnis für die Erfassung des Wirklichkeitsbezugs von Dokumentarfilmen essentiell ist. Angesichts des Verschwindens von Dokumentarfilmen aus den Archiven sowie eines lückenhaften Forschungsstands besteht Handlungsbedarf. Andernfalls wird es bald nicht mehr möglich sein, dokumentarische Filme als Quelle für die Kultur- und Sozialgeschichte und insbesondere für die Geschichte der zivilbürgerlichen Bewegungen des demokratischen Deutschlands nach 1945 zu nutzen.
Thomas Weber

Vom Direct Cinema zum politischen Video-Aktivismus

Zusammenfassung
Der Dokumentarfilm hat sich in den 1960er-Jahren durch gesellschaftliche Umbrüche und die Umstellung auf 16 mm fundamental verändert. Darauf baute in den 1970er-Jahren die Video-Bewegung auf. Zunächst an Universitäten gegründet, verselbstständigte sie sich schnell. Ziel war eine Gegen-Öffentlichkeit zu schaffen und den zahlreichen Protestbewegungen (zum Beispiel Frieden, Anti-Atom, Hausbesetzung, Emanzipation) eine Stimme zu geben. Außerdem gab es zahlreiche medienpädagogische Projekte. Video ermöglichte eine günstige Produktion, die über alternative Vertriebswege verbreitet wurde. In den 1980er-Jahren fand eine Professionalisierung statt und immer öfter entstanden Filme für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Die Video-Bewegung verlor an Einfluss und löste sich weitestgehend auf.
Kay Hoffmann

Zwischen Zeitkritik und Ausgewogenheitsdiktat

Fernsehdokumentarismus und politischer Diskurs von der Stuttgarter Schule bis heute als Geschichte eines hörbaren Verlustes
Zusammenfassung
Der Beitrag skizziert Entwicklungstendenzen im bundesdeutschen Fernsehdokumentarismus. Er zeigt auf, wie eine politische Haltung seit den 1960er-Jahren zunehmend verschwindet – hörbar auch als Verlust der ‚Autorenstimme‘. Seit der politisch motivieren „Rotfunkkampagne“ der 1970er-Jahren führt ein falsch verstandenes Ausgewogenheitspostulat zu einem schleichenden Verschwinden des Autorenstandpunkts, den noch die sogenannte Stuttgarter Schule mit ihrer ironisch-spöttischen Zeitkritik auszeichnete. Symptomatisch dafür ist insbesondere die Zunahme an Talk-Shows, die ein jeweils hegemoniales Meinungsspektrum widerspiegeln, bei denen der gastgebende Journalist aber lediglich die Rolle eines neutralen Moderators einnimmt.
Christian Hißnauer

Das „eigentlich“ im „wie es (eigentlich) gewesen ist“

Autobiografische Dokumentarfilme und historische Verortung
Zusammenfassung
Die für autobiografische Texte gemeinhin geltenden Merkmale sind nicht identisch auf den autobiografischen Film übertragbar. Wenn Philipp Lejeune für geschriebene Autobiografien von einem engen Verhältnis zwischen Autorintention und Lesererwartung ausgeht, gilt dies für den Film nicht in derselben Weise. Filmische Bilder und Klänge beinhalten immer auch Elemente der Immersion und Entfremdung, die für Distanz zwischen Regisseur und Filmwerk sorgen. Dieser Text greift die für viele Dokumentarfilme charakteristische Ambivalenz der Selbstverortung auf und befasst sich mit den damit verbundenen narrativen und immersiven Strategien.
Robin Curtis

Dokumentarischer Film als interaktive Erzählung: Die Webdoku

Zusammenfassung
Mit der Webdoku hat der dokumentarische Film im Internet nicht nur ein neues Forum erobert, sondern auch zu einer neuen Erzählform gefunden und eine neue dramaturgische Struktur entwickelt.
Die Webdoku ist die erste Erzählform, die den interaktiven Charakter des Internets nutzt, um Geschichten zu erzählen und integriert so die ehemals passiven Rezipienten in die Gestaltung. Als nonlineare Weiterentwicklung des Dokumentarfilms arbeitet sie mit Texten, Bildern, Daten sowie Audio- und Videodateien und bewegt sich damit an und zwischen den Grenzen von Journalismus, Kunst, Film und Computerspiel.
Andrea Figl

Woodstock im soziologischen Blick

Ein Ereignis zwischen Film, Symbol und Praxis
Zusammenfassung
Die primäre Frage des Beitrags ist, wie der bekannte Dokumentarfilm von Michael Wadleigh über das Woodstock Festival aus dem Jahr 1970 als Quelle einer am Praxisbegriff orientierten Soziologie des sich im August 1969 ereignenden Festivals genutzt werden kann. Um diese Frage zu diskutieren, werden zunächst die charakteristischen Merkmale des Films, seine typischen Stilmittel, seine Erzählformen und seine Suggestionen an einzelnen Sequenzen untersucht, um dann zu zeigen, ob und wie diese Filmausschnitte bestimmte soziologische Schussfolgerungen auf den praktischen Verlauf des Ereignisses zulassen. Dies erlaubt es abschließend, spezifische, für die Praxisformation des Rock und Pop konstitutive Aspekte des Festivals zu identifizieren und in eine genealogisch, praxissoziologische Erforschung des Rock und Pop einzuordnen.
Frank Hillebrandt

Das Dokudrama zwischen Praxis- und Diskurstheorie

Ein Beitrag zum empirischen Potential des Films Chicago 10 für eine Geschichte der Gegenwart der Yippie!-Proteste
Abstract:
Mit Hilfe des im Nachfolgenden entwickelten Forschungsdesigns einer diskurstheoretisch erweiterten Praxissoziologie des Protests, stelle ich mit der methodisch experimentellen Verwendung des Dokudramas Chicago 10 als empirischer Quelle eine Möglichkeit zur Diskussion, den Ergebnissen handlungstheoretischer Forschungen ein anderes, weil von Praktiken, nicht von intentional handelnden Menschen aus gedachtes Wissen, hinzuzufügen.
Franka Schäfer

Vergangenheit in Dokumentarfilmen: Berlin – Auguststraße

Zusammenfassung
Schwerpunkt unseres Beitrages ist die Auseinandersetzung mit einem exemplarisch gewählten Dokumentarfilm hinsichtlich seines Nutzens als historische Quelle. Es wird versucht aufzuzeigen, was an möglichen Einflüssen und äußeren Faktoren bei der Beurteilung zu berücksichtigen ist, und welche Rolle die an der Entstehung beteiligten Personen selbst spielen. Dies umfasst ebenso die Berücksichtigung der Rezeptionsgeschichte der Entstehungszeit des Filmes und die künstlerischen Vorbilder, die in das fertige Werk eingeflossen sind. Zudem wird auf das Spannungsverhältnis zwischen Künstler und Forscher eingegangen. Zielstellung ist es letztlich, dem Leser einen Ansatz für eine fundierte Quellenkritik, vor allem hinsichtlich der möglichen Ansatzpunkte und filmischen Aspekte an die Hand zu geben.
Andreas Valley, Anja-Brigitta Lucke
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