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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

2. Der Fernsehpreisskandal: Fallstudie

verfasst von : Christer Petersen

Erschienen in: Kunst der Provokation

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

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Zusammenfassung

Niemand wird sich beinahe 15 Jahre später noch erinnern können an ein so flüchtiges Ereignis wie einen Skandal in einem sich derzeit selbst verflüchtigenden Medium, dem linearen Fernsehen. Also erinnern wir uns gemeinsam, etwa anhand der auf YouTube verstreuten Aufzeichnungsschnipsel, wie bei der Gala zum zehnten Deutschen Fernsehpreis am 11. Oktober 2008 der damals 88-jährige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki den von ARD, ZDF, Sat.1 und RTL gestifteten Ehrenpreis für sein Lebenswerk ablehnte. Wir sehen dort, wie Moderator Thomas Gottschalk nach einer Laudatio und einem Einspieler mit Archivmaterial vor allem aus dem Literarischen Quartett den designierten Ehrenpreisträger zum Rednerpult führt. Dort angekommen, schaut Reich-Ranicki auf seine Uhr, wischt sich mit einem Taschentuch über den Mund und beginnt:
Fußnoten
1
Siehe etwa https://​www.​youtube.​com/​watch?​v=​E5zedC0A8YE (zugegriffen: 18. November 2021) und damit noch das umfangreichste Dokument.
 
2
Die von Marcel Reich-Ranicki moderierte Literatursendung Das literarische Quartett lief in den Jahren von 1988 bis 2001 mit insgesamt 77 Sendungen im ZDF und begründetet seine damalige Bekanntheit als der deutschsprachige Literaturkritiker.
 
3
Gemeint ist Helmut Markwort, 1993 bis 2010 Herausgeber des von ihm mitbegründeten Wochenmagazins Focus.
 
4
Ich zitiere (auch im Folgenden) nicht nach der genannten YouTube-Quelle, sondern nach der am 12. Oktober 2008 im ZDF ausgestrahlten Aufzeichnung der Fernsehpreis-Gala. Reich-Ranickis Rede ist bis auf eine unwesentliche Auslassung zu Beginn ungekürzt wiedergegeben.
 
5
An diesem Tag wurde die Entlassung Heidenreichs durch das ZDF bekannt gegeben.
 
6
So titelte etwa die Augsburger Allgemeine am 13. Oktober 2008.
 
7
Am Abend des 17. Oktober 2008 diskutierten Gottschalk und Reich-Ranicki in der 30-minütigen (nicht, wie ursprünglich von Gottschalk vorgesehen, einstündigen) Sendung Aus gegebenem Anlass des ZDFs noch einmal die Qualität des deutschen Fernsehens (Gottschalk und Reich-Ranicki 2008).
 
8
Die Subkategorien lauten: Reich-Ranicki als Person, Auftritt beim Fernsehpreis, seine Kritik, Umgang mit Reich-Ranicki, Umgang Reich-Ranickis mit Heidenreich, Sonstiges.
 
9
Die Subkategorien lauten: Heidenreich als Person, ihre Kritik, Umgang mit Heidenreich, Umgang Heidenreichs mit dem ZDF, Sonstiges.
 
10
Die Bewertung der anderen Printmedien stellt sich folgendermaßen dar: SZ 24% positiv von n=154, FAZ 19% positiv von n=151, taz 23% positiv von n=121, Welt 17% positiv von n=91, Focus 24% positiv von n=42, Zeit 19% positiv von n=32. Zudem zeigt sich, dass – mit Ausnahme des 28. Oktobers (der Entlassung Heidenreichs) – auch im Verlauf der Skandaldebatte zu keinem nennenswerten Zeitpunkt die positiven Bewertungen die negativen überwiegen. Dazu im folgenden Abschn. 2.4 aber noch ausführlich.
 
11
Das wird im qualitativen Analyseteil (Abschn. 2.5 und 2.6) an zwei FAZ-Artikeln Heidenreichs vom 12. Oktober (Heidenreich 2008a) und vom 19. Oktober 2008 (Heidenreich 2008b) noch im Einzelnen aufgezeigt.
 
12
Aus Abb. 2.5 wird ersichtlich, dass 74% (von n=54) den Umgang mit Heidenreich, gerade auch den des ZDFs mit ihr, als negativ beurteilen.
 
13
Oder aber die Antwort auf die Frage lautet schlicht: Alle, Stefan Aust, Helmut Markwort, Thomas Gottschalk und er selbst, sind in ihren jeweiligen Professionen – beim Spiegel, beim Focus, beim ZDF sowie im Feuilleton der FAZ – ‚ganz oben‘, womit Reich-Ranicki aber spätestens mit Gottschalk, dem Vertreter der leichten Unterhaltung, wiederum seine anfangs so strikte Differenzierung zwischen Hoch- und Trivialkultur mit allen daraus resultierenden Konsequenzen und Inkonsistenzen konterkariert.
 
14
Natürlich muss er beide nicht voneinander unterscheiden können. Dass Reich-Ranicki es nicht kann, zeigt allerdings, dass er sich nicht auf die Sendung vorbereitet hat. Sollte man doch denjenigen kennen, über den man sich öffentlich empören will, vor allem dann, wenn Reich-Ranicki auf die Frage, ob er die gegenwärtige Comedy-Kultur vielleicht nicht mehr verstehe und daher dazu doch lieber schweigen solle, selbstbewusst antwortet: „Nein, ich finde lustig, was mir gefällt. […] Ich habe noch keine Schwierigkeiten mit dem Material“ (Gottschalk und Reich-Ranicki 2008).
 
15
Hinter dem ‚vermutlich‘ verbirgt sich die Einschränkung, dass man natürlich nicht mit Gewissheit sagen kann, dass der Gesamtdiskurs den thematischen Impulsen Reich-Ranickis wie Heidenreichs folgt, dass also einzig deren Kommentare ursächlich entsprechende Folgekommentare ausgelöst haben, da diese auch andere Ursachen und Urheber haben könnten. Beispielsweise können sich bestimmte thematischen Aspekte einfach aus dem Thema selbst ergeben: Wenn man über das Fernsehen spricht, dann spricht man eben in der Regel auch über Quoten.
 
Metadaten
Titel
Der Fernsehpreisskandal: Fallstudie
verfasst von
Christer Petersen
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37312-2_2