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Über dieses Buch

Kaum eine politische Position verspricht so viel Handlungsfreiheit und genießt so hohes Ansehen wie das Amt des Landrats. Trotzdem hat sich die moderne Politikwissenschaft bis heute nicht vertieft mit den Landräten beschäftigt. Der Autor schließt diese Forschungslücke mit einer qualitativ und quantitativ fundierten Analyse. Im Vergleich der Länder Baden-Württemberg und Bayern werden Geschichte und formaler Rahmen des Amtes beschrieben, bevor auf Karrierewege, tatsächliche Stellung, Amtsführung und Amtsverständnis der süddeutschen Landräte eingegangen wird. Leitende Forschungsfrage ist dabei stets, ob unterschiedliche Wahlmodi (Volkswahl/Gremienwahl) sich auf Rekrutierungswege, Handeln und Selbstbild der Akteure auswirken.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung: Der Landrat – Herrgott, König und Feudalherr?

Zusammenfassung
Diese Selbstbeschreibung eines preußischen Landrats aus dem Jahr 1844 scheint bis heute charakteristisch, wenn es landläufig darum geht, die Rolle der Landräte zu beschreiben. Zahlreiche Anekdoten verstärken und bestätigen diese Wahrnehmung: Bundespolitiker pflegen die Landräte bei örtlichen Veranstaltungen in Süddeutschland ironisch als „die letzten Feudalherren dieser Erde“ zu begrüßen und haben dabei das (wissende) Lachen und den Beifall des Publikums auf ihrer Seite. Dem Ravensburger Landrat Kurt Widmaier haben die Kreisräte einmal mit einem biblischen Zitat aus dem Buch Samuel, Kapitel 12, Vers 13 gehuldigt: „Seht, hier ist euer König, den ihr verlangt und den ihr euch erwählt habt. Ja, der Herr hat euch einen König gegeben“.3 Die „Süddeutsche Zeitung“ betitelte im März 2008 einen Artikel über den Landrat von Neustadt an der Waldnaab, Simon Wittmann mit „Der König von Neustadt“. Der langjährige Landrat von Biberach in Baden-Württemberg, Wilfried Steuer, war gar als das „Hergöttle von Biberach“ weit über seine Region hinaus bekannt. Diese Streiflichter zeigen, wie respektiert die Person des Landrats in ihrem jeweiligen Beritt vor allem in den ländlichen Gebieten Süddeutschlands offenbar auch heute noch ist.
Georg Fuchs

2. Konzeptionelle Grundlegung und Relevanz der Untersuchung

Zusammenfassung
Dieser Absatz einer bis heute unveröffentlichten, nicht rezipierten, parallel zum Gesetzgebungsverfahren für die bayerische Landkreisordnung entstandenen Dissertation aus dem Jahre 1952 hat die für diese Arbeit zentralen Irritationen beschrieben. Bis heute wurden sie nicht bearbeitet. Auf welchem Wege die Überprüfung der oben beschriebenen Problematik nun nach rund 60 Jahren erfolgen soll, wird im Folgenden beschrieben. Dabei werden zunächst die spezifische Perspektive und das Erkenntnisinteresse des Autors erläutert, bevor anhand einer abstrakten zentralen Fragestellung die Auswahl der Fälle dargelegt wird, um zu einer konkreten erkenntnisleitenden und das weitere Vorgehen determinierenden Frage zu kommen.
Georg Fuchs

3. Der Weg zum modernen Landrat: historische Zusammenhänge

Zusammenfassung
Was Wolfgang Stelbrink für Preußen formuliert, gilt auch für Baden-Württemberg und Bayern: Das Amt des Landrats hat seit seiner Entstehung verschiedene Entwicklungsstufen und Transformationsphasen durchlaufen. Wer sich mit der Rolle und Funktion der heutigen Landräte beschäftigt, tut – auch nach dem geflügelten Wort, wonach „Geschichte geronnene Politik“ sei – gut daran, die Geschichte des Amtes nachzuvollziehen und systematisch aufzuarbeiten. Da diese Arbeit keine historische Untersuchung darstellt, wird sie diesbezüglich keine neuen Erkenntnisse gewinnen können. Es geht vielmehr darum, ein historisches Fundament zu zeichnen, auf dem das Amt des Landrats zu Beginn des 21. Jahrhunderts ruht.
Georg Fuchs

4. Formale Stellung des Landrats in Baden-Württemberg und Bayern heute

Zusammenfassung
Was Albert Neckenauer formuliert hat, gilt auch für diese Arbeit: Wer die Land-räte in ihrer Rolle und Funktion erfassen will, muss ihre formale Stellung nach-vollziehen. Es muss dargestellt werden, in welchem gesetzlichen Rahmen sich der politische Akteur Landrat bewegt, was seine Rechte, Pflichten und Aufgaben sind und wie diese begrenzt werden. Im Sinne des „akteurszentrierten Institutio-nalismus“ als Forschungsansatz:
Georg Fuchs

5. Theoretische Grundlegung, ergänzende Fragestellungen und Operationalisierung

Zusammenfassung
Popper drückt die Notwendigkeit der Theorie für die wissenschaftliche Arbeit mit obenstehendem Zitat eher metaphorisch aus. Patzelt beschreibt es direkter: „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie“ (Patzelt 2003: 100). Daran möchte der Autor sich halten und im folgenden Kapitel die Theorien beschreiben, aus denen er die zentralen Kriterien der Analyse und des Vergleichs gewonnen hat. Sie bilden das Fundament der Untersuchung.
Georg Fuchs

6. Reflexion über die Methodik der Untersuchung

Zusammenfassung
„Spekuliert“ im obigen Sinne wird über die Rolle des Landrats gern. Aufgabe dieser Arbeit ist es nicht, länger nur zu spekulieren, sondern sich des Themas wissenschaftlich anzunehmen. Daher gilt es die nötigen wissenschaftstheoreti-schen und methodischen Grundlagen zu erläutern, auf denen die Untersuchung fußen soll. Lauth stellt zur Bedeutung von Methoden in der Politikwissenschaft grundsätzlich fest:
Georg Fuchs

7. Empirie: Landkreise und soziodemographische Merkmale der Befragten

Zusammenfassung
Vor der Analyse im Hinblick auf die konkreten Fragestellungen möchte der Autor einen kurzen Überblick über die soziodemographischen Hintergründe der befragten Landräte geben. Es geht dabei darum, ein übergreifendes Bild der „Pri-vatpersonen“ zu zeichnen, die das Amt des Landrats wahrnehmen und die in den folgenden Kapiteln dann in ihrer Rolle und Funktion als Landrat betrachtet wer-den. Dabei ist es nicht Sinn des Kapitels, einzelne Landräte zu beschreiben, son-dern vielmehr mit Hilfe soziodemographischer Variablen und Methoden der des-kriptiven Statistik eine Vorstellung davon zu geben, aus welchen Alterskohorten die Befragten stammen, was sich über ihren Familienstand, ihre Herkunft und ihre Konfession sagen lässt oder wann und in welchem Alter sie in ihr Amt ge-kommen sind. Kurzum: Die selbst formulierte Aufgabenstellung, ein möglichst umfassendes Bild der Landräte beider Bundesländer zu zeichnen, erfordert es, die befragte Population genauer vorzustellen. Außerdem wird eingangs zunächst kurz auf die Strukturdaten der Landkreise eingegangen, denen die Befragten vorstehen.
Georg Fuchs

8. Landrat im Alltag: Amtsführung und Amtsverständnis in der Praxis

Zusammenfassung
Während es im vorangegangenen Kapitel vor allem um die Betrachtung solcher Variablen und Faktoren ging, die sich auch für die übrigen Teile der Bevölkerung erheben lassen, will der Autor nun anhand des erarbeiteten Analyserahmens – ergänzt um einige Exkurse zu besonderen Schwerpunktthemen – die Amtsführung und das Amtsverständnis der Landräte beschreiben. Das folgende Herzstück der Arbeit stellt die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Erhebung vor. Dabei wird nicht mehr nur deskriptiv, sondern (wo nötig) auch mit den Methoden der Inferenzstatistik gearbeitet, um die Signifikanz des Zusammenhangs zwischen verschiedenen Variablen herausarbeiten zu können. Da die Zugehörigkeit zu einem Bundesland als entscheidende unabhängige Variable nominal skaliertes Merkmal ist, genügt im Regelfall eine Gegenüberstellung in Tabellenform. Die Ergebnisse werden während und am Ende eines Unterkapitels mit Hilfe der Idealtypen vergleichend eingeordnet. Die Idealtypen determinieren nicht im Vorfeld das Erkenntnisinteresse, sie systematisieren aber die Ergebnisse.
Georg Fuchs

9. Ergebnisse: Freiheit des Landrats und Wahlmodus – Strategien der Amtsführung

Zusammenfassung
Die vorangehenden Seiten haben einen sehr umfassenden Einblick in die Lebensläufe, Arbeitsbeziehungen, in die Alltagsarbeit und das Amtsverständnis der bayerischen und baden-württembergischen Landräte gegeben. Die Methodentriangulation hat sich als ideal erwiesen, um das noch nicht erschlossene Forschungsfeld zu erschließen. Die abgeleiteten Fragestellungen konnten beantwortet werden. Dabei wurde klar, dass es grundlegende, offensichtlich durch den Wahlmodus bedingte Unterschiede zwischen den beiden Vergleichsgebieten gibt. Etwa was die „typischen“ Lebensläufe, die Beziehung zu den Bürgermeistern und Parteien, die Rolle gegenüber den oberen Landesbehörden, die Wahrnehmung der Verwaltungsführung und das Amtsverständnis angeht. Die Volkswahl scheint dabei zu „positiveren“ Ergebnissen als die Gremienwahl zu führen. Klar wurde aber auch, dass es – neben der Vorprägung – in vielen Fällen vor allem eine Sache der Persönlichkeit des einzelnen Amtsinhabers ist, wie er die sprichwörtliche Freiheit des Landrats ausnutzt und gestaltet. Die beiden in Abschnitt 5.5 beschriebenen Idealtypen der Amtsführung haben sich in ihrer Dichotomie als tauglich für die vorangehenden Analyseschritte erwiesen, sie konnten sehr gut dazu verwendet werden, die Ergebnisse der jeweiligen Unterkapitel einzuordnen. Es soll daher zum Abschluss dieser Arbeit nochmals auf diese requiriert werden. Vorher soll zur Orientierung ein Blick auf die Kernrollen geworfen werden. Die Ergebnisse sollen anhand der Idealtypen eingeordnet und die Amtsinhaber beider Länder schließlich auf dem Kontinuum zwischen den Polen „Politiker“ und „Beamter“ eingeordnet werden. Abschließend bewertet der Autor beide Wahlmodi knapp.
Georg Fuchs

10. Fazit: Das Amt des Landrats – wandelnder Charakter bei identischem Kern

Zusammenfassung
Das Zitat von Hans von Kleist-Retzow aus dem Jahr 1844 hatte am Anfang der Untersuchung gestanden. Gewiss idealisiert es das Amt und überhöht die Freiheit des Landrats. Die Ergebnisse der Studie machen aber deutlich, dass das Amt eines Landrats bis heute einzigartig ist: in Stellung, Amtsführung und Amtsverständnis. Der Landrat hat eine Position sui generis in der Verwaltungssystematik beider Bundesländer inne. Der uralte und ursprüngliche Kern seiner Rolle, eine Ausgleichsfunktion an der Schnittstelle zwischen Herrschaft, Genossenschaft und Bürgern, ist bis heute prägend. Es gibt kaum ein Amt und eine Beamtenposition, die mit so großer Unabhängigkeit und so großen Gestaltungsmöglichkeiten einhergeht und dem jeweiligen Amtsinhaber so stark die Möglichkeit gibt, eigene Akzente in einer Fülle von Aufgaben zu setzen. Spätestens nach erfolgreicher erster Wiederwahl glauben viele Landräte, dass ihr Amt tatsächlich vor allem auf ihrer eigenen Verantwortung ruhe.
Georg Fuchs

Backmatter

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