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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

1. Der moderne Skandal: Skandaltheorie

verfasst von : Christer Petersen

Erschienen in: Kunst der Provokation

Verlag: Springer Fachmedien Wiesbaden

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Zusammenfassung

Wenn Jean Baudrillard (1976, S. 28) in einem seiner frühen Essays über Watergate und damit über das Beispiel eines modernen politischen Skandals gleichermaßen beiläufig wie selbstverständlich behauptet: „Watergate ist kein Skandal – das gilt es auf jeden Fall festzuhalten“, dann liegt dem ein Skandalbegriff zugrunde, der mit der Offenlegung einer Verfehlung auch impliziert, dass die Verfehlung als Abweichung von der Norm eine Ausnahme darstellen muss. Und genau darum, weil Watergate in Baudrillards Beschreibung des westlichen Kapitalismus und seiner Institutionen, der Wissenschaft, der Justiz, der Medien und eben der Politik, keine Ausnahme darstellt, dürfe Watergate nicht als Skandal gelten. Vielmehr sei es mit dem ‚Watergate-Skandal‘ bloß „gelungen, den Eindruck zu erwecken, dass es tatsächlich einen Skandal gegeben“ habe, um damit „der Gesellschaft wieder eine ordentliche Dosis politische Moral“ zu verabreichen (1976, S. 27), eine politische Moral, die es in einer kapitalistischen Gesellschaft für Baudrillard nicht mehr gibt und die es für ihn nie gegeben hat: „Watergate war nur eine Falle, die das System seinen Gegnern gestellt hat – die Simulation eines Skandals“ (1976, S. 29).
Fußnoten
1
Ich werde den Begriff ‚medialer Skandal‘ im Folgenden noch ausdifferenzieren, in ‚medialisierter Skandal‘ auf der einen und ‚Medienskandal‘ auf der anderen Seite.
 
2
Zwar erklärte der Senat Trump am 13. Februar 2021 und damit kurz nach dem Ende seiner Amtszeit mit 57 zu 43 Stimmen der Anstiftung zum Aufruhr im Zuge der sogenannten Capitol Riots für schuldig, da jedoch die für eine Verurteilung notwendige Zweidrittelmehrheit nicht zustande kam, endete das Impeachment-Verfahren mit einem Freispruch.
 
3
Kuhn (1997) stellt ausdrücklich heraus, dass Wissen – im Bereich der Naturwissenschaften – nicht akkumulativ anwächst, sondern sich im Rahmen von Paradigmenwechseln ändert, dass neues Wissen hinzukommt, aber auch altes verloren geht. Genauso werden im Rahmen gesellschaftlicher Entwicklung Normen nicht einfach immer mehr abgebaut, sondern sie ändern sich: Einige Normen lösen sich auf, andere weiten sich aus oder kommen neu hinzu.
 
4
Das entspricht auch der Terminologie wie sie Mathias Kepplinger (2018, S. 10 ff.) in Abgrenzung zu Burkhardts Vorschlag äußerst differenziert diskutiert und letztlich favorisiert.
 
5
Ich rekurriere hier nur auf eine ‚weiche‘ funktionalistische Skandaltheorie, zu überzeugenden Einwänden gegen eine strikte funktionalistische Skandaltheorie, aber auch generell gegen den methodologischen Sinn der „‚weicheren‘ Formulierungen von Theorien“ Kepplinger und Ehmig (2004, S. 374).
 
6
Ich zitiere Bushido, bürgerlich Anis Ferchichi, nach der Talkshow Chez Krömer vom 15. November 2021 auf rbb (Krömer und Ferchichi 2021).
 
7
Wobei die einzelnen Autoren ihre nicht immer trennscharf konstruierten Faktoren zum Teil unterschiedlich benennen. Während etwa Thomas Wolf-Klostermann (2003, S. 204) ausdrücklich von „Negativismus“ spricht, findet sich Negativismus bei Benjamin Fretwurst (2008, S. 178 ff.) nur implizit als Metakategorie für die Faktoren „Aggression/Gewalt“, „Kriminalität“, „Schaden/Misserfolg“ und „Tragik“. Winfried Schulz (1976, S. 34) nennt den Faktor „Negativismus“ dagegen bereits explizit, differenziert ihn zusätzlich aber in die Subfaktoren „Konflikt“, „Kriminalität“ und „Schaden“ aus.
 
8
Noch deutlicher wird diesbezüglich Matthias Kepplinger (2018, S. 59 f.), zumindest was die deutschsprachige Medienlandschaft angeht: „In allen Fällen entwickelten sich aus [Skandalisierungen im Netz] erst dann Skandale, wenn sie von traditionellen Medien aufgegriffen wurden. Ein Beispiel ist die monatelange Skandalisierung von Bildungsministerin Annette Schavan durch Internetquellen. Ein Skandal entwickelte sich daraus erst, als traditionelle Medien sich anschlossen und den Rücktritt Schavans forderten. Die entscheidenden Gründe hierfür sind die Reichweite der traditionellen Medien und die Regelmäßigkeit, mit der sie genutzt werden.“
 
9
Man mag sich über diese Protodefinition eines politischen Skandals streiten, man sollte es sogar. Hier wie im Folgenden geht es mir jedoch nur um eine grobe Differenzierung zwischen dem, was man als Kunst-, und dem, was man als Politikskandal beschreiben kann. Womit selbstverständlich nicht ausgeschlossen ist, dass ein Kunstskandal, wie eingangs bereits erwähnt, zu einem Politikum wird und Politisches in künstlerische Werke Eingang findet.
 
10
http://die-guillotine.com. Zwischenzeitlich wurde die Seite aus dem Netz genommen, siehe daher als Dokumentation Schlag und Wenz (2013, ab 5:41).
 
Metadaten
Titel
Der moderne Skandal: Skandaltheorie
verfasst von
Christer Petersen
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37312-2_1