Skip to main content
main-content

Über dieses Buch

Der seltsamste Mensch ist der mit dem Costa-Buchpreis ausgezeichnete Bericht über Paul Dirac, den berühmten Physiker, der manchmal als der englische Einstein bezeichnet wird. Er war einer der führenden Pioniere der großen Revolution in der Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts: der Quantenmechanik. Und er war 1933 der jüngste Theoretiker, der den Nobelpreis für Physik erhalten hatte. Dirac war seltsam wortkarg, nahm alles wörtlich und seine gehemmte Art zu kommunizieren und seine mangelnde Empathiefähigkeit wurden legendär. Während seiner erfolgreichsten Schaffensperiode bestanden seine Postkarten ins Elternhaus nur aus Berichten über das Wetter. Auf der Basis zuvor nicht entdeckter Unterlagen aus dem Familienarchiv verbindet Graham Farmelo eine kenntnisreiche Schilderung der wissenschaftlichen Leistungen mit einem einfühlsamen Portrait des Individuums Paul Dirac. Er zeigt einen Menschen, der trotz extremer sozialer Gehemmtheit fähig ist zur Liebe und zu treuer Freundschaft. Der seltsamste Mensch ist eine außerordentliche menschlich berührende Story ebenso wie ein fesselnder Bericht über eine der aufregendsten Zeiten der Wissenschaftsgeschichte.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Bis August 1914

Wie Kurt Hofer bemerkt hatte, war der alternde Paul Dirac auf seinen Vater Charles fixiert. Die meisten Bekannten von Dirac wussten davon jedoch nichts: Im Haus gestattete er es nicht, Fotografien von seinem Vater aufzustellen, und die Briefe und Papiere seines Vaters bewahrte er verschlossen in seinem Schreibtisch auf. Dirac sah sich diese von Zeit zu Zeit an und tauschte sich mit entfernten Verwandten über die Herkunft seines Vaters aus, wobei er offenbar versuchte, die Person zu verstehen, die seiner Ansicht nach sein Leben verdorben hatte.Dirac wusste, dass sein Vater eine nicht weniger erbarmungswürdige Kindheit durchlebt hatte als er selbst. Im Jahre 1888, als Charles Dirac zwanzig Jahre alt war, hatte er über drei kurze Zeitspannen in der Schweizer Armee gedient, ein Studium an der Universität Genf abgebrochen und das Elternhaus verlassen, ohne der Familie zu sagen, wohin er ging. Er wurde ein reisender Lehrer für moderne Sprachen – das Fach, das er an der Universität studiert hatte – und hatte nacheinander Anstellungen in Zürich, München und Paris, bevor er zwei Jahre später in London landete. Englisch war die einzige Sprache, die er nicht gut beherrschte; deshalb ist es nicht recht einleuchtend, warum er beschloss, in Großbritannien zu leben. Vielleicht lag es daran, dass England die reichste Volkswirtschaft der Welt war und viele freie Lehrerstellen mit relativ hohen Gehältern zu bieten hatte.

Graham Farmelo

Kapitel 2. August 1914 – November 1918

Am 4. August 1914, als sich Dirac auf den Start an der höheren Schule vorbereitete, hörte er, dass Großbritannien sich im Krieg befand – dem ersten Kampf, der jedes industrialisierte Land Europas einbezog. „Der europäische Krieg“, der mehr britische Menschenleben kosten würde als jeder andere, stand im Hintergrund seiner gesamten gymnasialen Ausbildung an der Merchant‐Venturers‐Schule.Wie die meisten Städte im Vereinigten Königreich stellte sich Bristol schnell auf den Krieg ein, wobei die Hektik der Kriegsvorbereitungen durch die Äußerung von Lord Kitchener, dem Helden des Burenkrieges, noch verstärkt wurde, dass dieser Konflikt am Ende durch die letzte verbleibende Million englischer Soldaten entschieden werden würde. Am letzten Augusttag sandte Kitchener in seiner Funktion als Verteidigungsminister ein Telegramm an das Einberufungskomitee für Bürger in Bristol, in dem er bat, ein Bataillon aus „jungen Männern der gehobenen Klasse“ zu bilden; und innerhalb von 14 Tagen meldeten sich etwa 500 Angehörige der höheren Berufe freiwillig für die „Twelfth Gloucesters“, eine Unterabteilung von „Kitcheners Armee“.2 Binnen weniger Wochen hatte sich der industrielle Schwerpunkt der Stadt vom Geldverdienen zum Versorgen des Militärs gewandelt, was alles einschloss: von Stiefeln und Bekleidung bis zu Autos und Flugzeugen. Sogar die Coliseum‐Eisbahn wurde beschlagnahmt, um dort Kriegsflugzeuge zu montieren.

Graham Farmelo

Kapitel 3. November 1918 – Sommer 1921

An einem wolkenverhangenen Montagmorgen, dem 11. November 1918, machte sich Dirac wie gewöhnlich auf den Weg von zu Hause zum Merchant‐Venturers‐College. Es war der Beginn seiner siebten Woche am College, und der Tag schien wie jeder andere Tag anzufangen. Aber als er eintraf, stellte sich heraus, dass alle Vorlesungen abgesagt waren. Er erfuhr schnell den Grund: Plötzlich und unerwartet war der Krieg zu Ende gegangen.

Graham Farmelo

Kapitel 4. September 1921 – September 1923

Was wäre wohl aus Dirac geworden, wenn er einen der Jobs, für den er sich beworben hatte, vielleicht in der florierenden Luftfahrtindustrie, bekommen hätte? Wäre der Verlust für die Physik durch einen Gewinn gleichen Ausmaßes für die Luftfahrt kompensiert worden? Dass dies nur rhetorische Fragen in einer virtuellen Geschichte sind, verdanken wir dem Mathematiker Ronald Hassé, der Diracs Karriere geschickt von der Ingenieurwissenschaft zur Naturwissenschaft umlenkte. Die Dinge hätten sich leicht ganz anders entwickeln können. Im September 1921, als Dirac auf Arbeitssuche war, schlug ihm David Robertson vor, anstatt herumzuhängen ein Projekt in der Elektrotechnik zu beginnen. Dirac beschäftigte sich oberflächlich mit einigen Experimenten, doch nach wenigen Wochen lockte ihn Hassé zurück in die Hörsäle der mathematischen Fakultät. Er hatte veranlasst, dass Dirac ein kostenloses vollständiges Mathematikstudium aufnehmen konnte und dabei das erste Jahr überspringen durfte, sodass er es in zwei Jahren abschließen könnte.

Graham Farmelo

Kapitel 5. Oktober 1923 – November 1924

Cambridge war nie ein besonders gastfreundlicher Ort. Besucher, die erstmals mit der Eisenbahn eintreffen, überrascht es häufig, dass der Bahnhof fast eine Meile vom Stadtzentrum entfernt ist. Diese zurückweisende Geste war nicht unbeabsichtigt. Vier Jahrzehnte vor der Eröffnung des Bahnhofs im Jahr 1845 hatte die Stadtverwaltung mitgeholfen, die geplante Kanalverbindung mit London abzuschmettern. Der öffentliche Druck, Cambridge wenigstens an das entstehende Eisenbahnnetz anzuschließen, wurde dann jedoch unwiderstehlich. Die Verwaltung stellte immerhin sicher, dass der Bahnhof zu Fuß etwa 20 Minuten vom nächstgelegenen College entfernt lag, sodass die Studenten weniger leicht verführt wurden, kurz nach London zu verschwinden, und Außenstehende es sich zweimal überlegten, in die Privatsphäre der Stadt einzudringen. Im Jahre 1851 beklagte der Vize‐Kanzler der Universität gegenüber den Direktoren der Eisenbahngesellschaft, dass „ihre Regelung, Ausländer und andere Personen nach Cambridge zu einem so niedrigen Fahrpreis zu befördern, leicht Personen, die den Sonntag nicht achten, dazu verführen könnte, an diesem Tag der Ruhe die Universität mit ihrer Anwesenheit zu belästigen“.

Graham Farmelo

Kapitel 6. Dezember 1924 – November 1925

Gegen Ende von Diracs Zeit als Forschungsstudent beschrieb Ebenezer Cunningham ihn als „den originellsten Studenten, der mir je im Fach mathematische Physik begegnet ist“ und „als geborenen Forscher“. An Weihnachten 1924, als er nach Bristol zurückkam, hatte er jeden Grund, mit sich selbst zufrieden zu sein: Er hatte mit nur geringer Hilfe von Fowler oder anderen älteren Kollegen fünf gute wissenschaftliche Artikel geschrieben – deutlich über dem Durchschnitt der besten Doktoranden. Es bestand kein Zweifel, dass er seine Promotion schaffen würde. Aber Dirac war sich wohl bewusst, dass seine Arbeit bisher im Wesentlichen im Ausarbeiten offen gebliebener Details aus Projekten anderer bestanden hatte und dies keineswegs ausreichte, um einen Platz neben Bohr und Einstein an der Spitze der theoretischen Physik zu verdienen. Im Moment verbrachte Dirac sozusagen noch seine Zeit im Vorbereitungsraum und wartete auf eine Inspiration, um die internationale Bühne zu betreten.

Graham Farmelo

Kapitel 7. Dezember 1925 – September 1926

Einstein bewunderte die neue Quantenmechanik, sollte aber ihr gegenüber misstrauisch bleiben. Am Weihnachtstag des Jahres 1925 schrieb er aus Berlin an seinen guten Freund Michele Besso, ihm erscheine es unwahrscheinlich, dass etwas so Einfaches wie eine Zahl, die den Ort eines Quantenteilchens festlegt, durch ein Zahlenfeld ersetzt werden sollte – „ein wahres Hexeneinmaleins“. Sechs Wochen später kam er zu der Einsicht, dass die Theorie falsch sei.Dirac hatte keine derartigen Bedenken – er war sich sicher, dass Heisenberg die beste Richtung vorgegeben hatte. Obwohl Dirac mit Heisenbergs Theorie arbeitete, waren ihre beiden Herangehensweisen ganz unterschiedlich: Während Heisenberg annahm, die Theorie sei revolutionär, war sie für Dirac eine Erweiterung der klassischen Theorie. Und während Heisenberg und seine Göttinger Kollegen beständig bestrebt waren, experimentelle Resultate zu erklären, bestand Diracs Priorität darin, die Grundschichten oder „Substrate“ der Theorie festzulegen, eine Lieblingsformulierung von Eddington. Dirac folgte Einstein, indem er einen deduktiven, einen Top‐down‐Ansatz wählte, wonach er mit einer mathematisch präzisen Formulierung der grundlegenden Prinzipien begann und erst danach die Theorie verwendete, um Voraussagen zu machen.

Graham Farmelo

Kapitel 8. September 1926 – Januar 1927

Monty Pythons berühmter Sketch erinnert sehr an eine Parabel, die Rutherford Bohr erzählte, kurz nachdem Dirac in Kopenhagen angekommen war. „Dieser Dirac“, so hatte Bohr gegrummelt, „scheint eine Menge von Physik zu verstehen, aber sagt kein Wort“. Dies wird für Rutherford keine Neuigkeit gewesen sein, der auf Bohrs indirekte Kritik mit einer kleinen Abwandlung der Geschichte von dem Mann reagierte, der in einer Tierhandlung einen Papagei kaufte. Er versuchte ihm das Sprechen beizubringen, aber ohne Erfolg. Der Mann brachte den Papagei zum Laden zurück und bat um einen anderen, indem er dem Ladenbesitzer erklärte, er wünsche einen sprechenden Papagei. Der Geschäftsführer ging darauf ein, und der Mann nahm einen anderen Papagei mit nach Hause, aber dieser sagte ebenfalls nichts. Und so, fuhr Rutherford fort, ging der Mann ärgerlich zum Ladeninhaber zurück: „Sie versprachen mir einen sprechenden Papagei, aber der hier sagt gar nichts.“ Der Ladeninhaber schwieg einen Moment, dann schlug er sich mit der Hand vor die Stirn und sagte: „Oh, richtig, ich entsinne mich! Sie wollten einen Papagei, der spricht. Bitte verzeihen Sie. Ich gab Ihnen einen Papagei, der denkt.“

Graham Farmelo

Kapitel 9. Januar 1927 – Frühjahr 1927

In Göttingen begann für Dirac eine weitere seiner ungleichen Freundschaften. Dieses Mal mit Robert Oppenheimer, der aus Cambridge geflohen war und in Max Borns Abteilung für Theoretische Physik als Doktorand von seltener Befähigung, Selbstsicherheit und Eingebildetheit Furore machte. Als eitler intellektueller Selbstdarsteller sorgte Oppenheimer dafür, dass seinen Kollegen bewusst blieb, dass er über mehr als die Physik nachdachte: Seine vielseitige Leseliste schloss F. Scott Fitzgeralds gesammelte Kurzgeschichten Winterträume ein, Tschechows Theaterstück Iwanow und die Werke Friedrich Hölderlins. Er verfasste auch Verse, ein Hobby, das Dirac in Erstaunen versetzte. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie Du gleichzeitig in der Physik arbeiten und Gedichte schreiben kannst“, bemerkte er auf einem ihrer Spaziergänge. „In der Wissenschaft möchte man doch etwas sagen, was niemand zuvor wusste, und dies in Worten, die jeder verstehen kann. In einem Gedicht ist man gezwungen, etwas mit Worten zu sagen, die jeder schon kennt, aber niemand verstehen kann.“ Jahrzehnte später noch liebte es Oppenheimer, diese Anekdote beim Cocktail zu erzählen, zweifellos hatte er Diracs Originalformulierung aufpoliert, um ihr den Biss eines Paradoxons von Oscar Wilde zu verleihen.

Graham Farmelo

Kapitel 10. Frühjahr 1927 – Oktober 1927

Als Jude hatte Max Born allen Grund, über den Anstieg des Antisemitismus in Göttingen alarmiert und erschrocken zu sein. Die Atmosphäre war „bitter, missmutig, […] unzufrieden und hasserfüllt und mit all den Elementen aufgeladen, die später zur Riesenkatastrophe führen sollten“, erinnerte sich Oppenheimer wenige Jahre vor seinem Tod. Die Nazis hatten im Mai 1922 eine ihrer ersten Zweigstellen in der Stadt errichtet. Drei Jahre später begann der Chemiestudent Achim Gercke, heimlich eine Liste der Professoren mit jüdischer Abstammung zu erstellen, um „eine Waffe in die Hand zu bekommen, die das Deutsche Reich dereinst in den Stand versetzen sollte, den letzten fassbaren Hebräer und sämtliche Mischlinge aus dem deutschen Volkskörper auszuscheiden und des Landes zu verweisen“.

Graham Farmelo

Kapitel 11. November 1927 – Frühjahr 1928

Dirac fühlte sich bei den opulenten Abendessen im College immer fehl am Platz. Reichhaltiges Essen, edle Weine, antiquierte Formalitäten, blumige Reden, beißender Rauch der Zigarren nach dem Essen – all dies war ihm ein Gräuel. Wahrscheinlich freute er sich deshalb nicht auf den 9. November 1927, einen Mittwoch, an dem beim Abendessen auch auf ihn angestoßen werden sollte, um die jährliche Wahl der neuen Mitglieder des St. John College zu feiern. Er war nun urkundlich ein „erstklassiger Mann“ mit einem ständigen Sitz am Professorentisch des College und der Freiheit, sich nach dem Essen mit den Kollegen in ihrem vornehmen, mit Kerzen beleuchteten Aufenthaltsraum zu versammeln, der 1602 fertiggestellt worden war. In der Halle, unter dem Porträt von Lady Margaret Beaufort, feierte Dirac seine Wahl in die Position eines Fellows auf die traditionelle Art, indem er ein Mahl mit acht Gängen zu sich nahm, das Austern, Kraftbrühe, cremige Hühnersuppe, Seezunge, Kalbschnitzel mit Spinat, Fasan mit fünf Gemüsesorten, Salat als Beilage sowie drei Desserts umfasste. Für ihn war das Festmahl eher eine Strafe als eine Feier.

Graham Farmelo

Kapitel 12. April 1928 – März 1929

Paul Ehrenfest konnte ein launischer und anstrengender Kollege sein, aber er war ein liebenswürdiger und großzügiger Gastgeber. Als er im April 1928 festgestellt hatte, dass er Dirac nicht selbst am Bahnhof in Leiden zu Beginn seines Besuchs begrüßen konnte, arrangierte er für ihn eine aus seinen Assistenten bestehende Kette, die auf dem Bahnsteig wartete, als der Zug am Abend kurz nach zehn Uhr hereindampfte. Das Problem war, dass keiner von ihnen wusste, wie Dirac aussah. Ehrenfests Lösung war, dass auf dem Bahnsteig vor jeder Wagentür des Zuges ein Student einen Sonderdruck von The Quantum Theory of the Electron schwenken sollte. Der Plan funktionierte.

Graham Farmelo

Kapitel 13. April 1929 – Dezember 1929

In jedem Wissenschaftszweig wetteifern die Theoretiker mit den Experimentatoren, wer die Agenda bestimmt. Seitdem Heisenberg im Herbst 1925 seine bahnbrechende Arbeit veröffentlicht hatte, gaben die Theoretiker den in der Physik zu beschreitenden Weg vor. Doch die Grundlagen einiger der neuen theoretischen Ideen waren noch gar nicht experimentell überprüft worden. So gehört zum Beispiel laut Schrödingers Quantentheorie zu jedem Materieteilchen eine Welle, aber kein Experimentator war in der Lage gewesen, diese Idee zu beweisen oder zu widerlegen. Deshalb gab es Anfang 1927 einen fast fühlbaren Seufzer der Erleichterung unter den Quantenphysikern, als in Europa die Nachricht eintraf, der amerikanische Experimentalphysiker Clinton Davisson und sein Student Lester Germer haben nachgewiesen, dass sich das Elektron tatsächlich wie eine Welle verhalten kann. Dirac, dem oft nachgesagt wurde, dass er Experimenten mit herablassender Gleichmütigkeit gegenüberstand, strafte diesen Ruf Lügen, indem er als erste Station auf seiner Reiseroute einen Besuch in Davissons Laboratorium arrangierte, das im südlichen Manhattan an der West Street wenige Blöcke vom Distrikt der Fleischverarbeitungsindustrie entfernt lag.

Graham Farmelo

Kapitel 14. Januar 1930 – Dezember 1930

Eine anonyme Ode an das Elektron war um 1930 am schwarzen Brett im Cavendish Labor angeschlagen. Selbst der starrköpfigste Theoretiker käme nicht umhin, mit der Nostalgie des Poeten zu sympathisieren. Ein Jahrzehnt zuvor war die Atomphysik noch eine Sache des gesunden Menschenverstandes gewesen: Elektronen waren einfach kleine Teilchen, die sich vorhersehbar verhielten und unkomplizierten Naturgesetzen folgten – denselben, die auch alles andere im Universum beschreiben. Wie altmodisch diese Ansichten nun erschienen! Die klassischen Gesetze, die über ein Vierteljahrtausend geherrscht hatten, waren im atomaren Bereich nun obsolet geworden. Dirac führte gern aus, dass die Idee, die Jonathan Swift in Gullivers Reisen illustriert hatte – dass niemand es bemerken würde, wenn sich die natürlich vorkommenden Dinge im gleichen Verhältnis ausdehnen oder zusammenziehen – falsch war. Die Gesetze der Alltagswelt können nicht einfach auf den atomaren Bereich verkleinert werden, die Dinge dort sind anders. Die Theoretiker konnten nun jeden Versuch, das Elektron bildlich darzustellen, als sinnlos und sogar betrügerisch zurückweisen. Das Teilchen benahm sich nicht einmal vorhersehbar: Physiker berechneten wie Croupiers die Chancen am Spieltisch der Natur und verwendeten Wellen, die niemand für real ansah. Und nun hatte, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, Dirac die Kühnheit zu behaupten, dass die Wald‐und‐Wiesen‐Elektronen mit positiver Energie von denen mit negativer Energie auch noch zahlenmäßig weit übertroffen würden, obwohl dieselben nicht einmal beobachtbar sind.

Graham Farmelo

Kapitel 15. Frühjahr 1931 – März 1932

Im Frühjahr 1931 stieß Dirac in Cambridge auf eine ergiebige neue Inspirationsquelle, die zu einem seiner berühmtesten Beiträge zur Physik führen sollte. Während er aber noch tief in diesem Projekt vergraben war, erhielt er einen Brief von seiner Mutter, der mit den Worten begann:

27. April 1931

Mein lieber Paul

Pa und ich hatten gestern einen heftigen Streit, bloß wegen ein paar Tropfen Wein, die auf einige billige Briefmarken gefallen waren. Er hatte einen minutenlangen fürchterlichen Wutanfall & sagte dann, dass er von mir genug hätte & ich sollte

gehen,

wenn ich ihn noch ein einziges Mal ärgern würde.

Ich entschuldigte mich ganz unterwürfig wie gewöhnlich, aber im Nachhinein bin ich mir sicher, dass er es ernst gemeint hat.

Graham Farmelo

Kapitel 16. April 1932 – Dezember 1932

Die Figur Paul Dirac erschien auf der Theaterbühne zum ersten Mal in einer Spezialversion des Faust, sozusagen dem Hamlet der deutschen Literatur. Goethes Drama ist die literarische Antithese zu Agatha Christies einfach gestrickten Erzählungen, die Dirac abends verschlang. Er fand keinen Geschmack an monumentalen Theaterstücken, aber er wird diesen Faust genossen haben, eine vierzigminütige musikalische Parodie des Theaterstücks, das zur Unterhaltung von Physikern verfasst worden war.Die Autoren, die Besetzung und die Zuhörer bestanden aus den Physikern, die im April 1932 an Bohrs Frühjahrstagung teilnahmen, und Dirac war dabei. In der geschützten Oase des Instituts hatte die Physik seit Jahren nicht so wunderbar aufregend ausgesehen, in schroffem Kontrast zu der schrecklichen Welt draußen. Chadwicks Entdeckung hatte das Interesse am Atomkern wiederbelebt, dessen detaillierte Struktur für die Theoretiker bis dahin ein Rätsel geblieben war. Sie hatten noch eine Fülle anderer Probleme zu lösen, darunter den Status der Quantenfeldtheorie und des vorhergesagten Anti‐Elektrons, des Monopols und der Neutrinos – alle höchst umstritten, noch keines davon entdeckt. Wie Bohr gerne betonte, gedeiht die Wissenschaft häufig am besten und zügigsten, wenn es Probleme und Widersprüche zu bewältigen gilt. Der Physiker John Wheeler in Princeton fasste später einmal die zentrale Idee des Instituts mit den Worten zusammen: „Kein Fortschritt ohne Paradoxa.“

Graham Farmelo

Kapitel 17. Januar 1933 – November 1933

Anscheinend war Dirac erst Mitte Dezember 1932 fest überzeugt, dass das Anti‐Elektron existiert. Seine späteren Erinnerungen waren zu verschwommen für eine genaue Datierung: Dirac entsann sich, dass er „wahrscheinlich“ die Neuigkeit von Blackett erfahren hatte, der aber nie öffentlich äußerte, seit wann er sich der Existenz des neuen Teilchens sicher war. Es kann sein, dass er es unabhängig von Anderson entdeckt hatte, obwohl Blackett immer sorgfältig die Verdienste seines amerikanischen Konkurrenten betonte, da dieser der Erste war, der seine Beobachtungen in Druck gab. Blackett und Occhialini hatten wahrscheinlich im Herbst gerüchteweise von Andersons Fotografien gehört, aber seinen Artikel über „easily deflectable positives“ (leicht ablenkbare positive Teilchen) lasen sie erst im Januar, drei Monate nach der Veröffentlichung, als sie jeden Tag schon Dutzende von Fotografien der kosmischen Strahlung aufnahmen. In diesem bitterkalten Cambridge‐Winter mussten Blackett und Occhialini jeden Morgen durch Schnee, Matsch und Eis zum Eingang des Cavendish stapfen. Drinnen im Labor überfiel sie aufgeregte Hochstimmung über neue Fotografien der kosmischen Strahlen. Ein weiterer Erfolg schien sich anzukündigen, aber es gab ein Problem: Keiner wusste genau, was die Bilder zeigten.

Graham Farmelo

Kapitel 18. Dezember 1933

Oft wurde behauptet, Dirac habe seinen Vater so sehr gehasst, dass er ihm die Einladung zur Nobelpreisverleihungszeremonie verweigerte. So plausibel sich die Geschichte auch anhört, vermutlich ist sie doch erfunden. Die Nobelstiftung lud die Preisträger jeweils mit einer Begleitung ein, die Preisträger konnten aber weitere Gäste mitbringen, wenn sie für die Reise‐ und Übernachtungskosten selbst aufkamen. Heisenberg nahm seine Mutter mit, Schrödinger seine Frau (wobei er seine schwangere Geliebte, die Frau seines Assistenten, zurück ließ). Daher wirkte es nicht ungewöhnlich, dass Dirac nur mit seiner Mutter kam. Sie zahlte ihrem Mann mit gleicher Münze zurück, indem sie ihm erst wenige Tage vor der Abreise von ihrem Ausflug erzählte, fest entschlossen, ihre Zeit der Abwesenheit in vollen Zügen zu genießen. Sie wusste, dass sie in nur elf Tagen wieder an der Küchenspüle stehen würde als das Aschenputtel der Julius Road No. 6.Am frühen Freitagabend, dem 8. Dezember 1933, befanden sich Dirac und seine Mutter in der schwedischen Hafenstadt Malmö und warteten auf den Nachtzug, der sie bis zur Frühstückszeit nach Stockholm bringen sollte. Ein paar Reporter hatten in ganz Malmö mehrere Stunden mit der Jagd nach ihnen verbracht und sie schließlich in einem Bahnhofs‐Café aufgespürt, das zum ungewöhnlichen Schauplatz einer Pressekonferenz wurde. Die Ausdauer der Journalisten wurde durch ein schlagzeilenträchtiges Interview mit zwei Exzentrikern der Spitzenklasse belohnt, „einem sehr schüchternen und ängstlichen Jungen“ und „einer lebhaften und redseligen Lady“.

Graham Farmelo

Kapitel 19. Januar 1934 – Frühjahr 1935

Im Alter von zweiunddreißig Jahren schien Dirac alles zu haben, was er sich nur wünschen konnte. Er erfreute sich ausgezeichneter Gesundheit, war als einer der besten theoretischen Physiker der Welt anerkannt, verfügte über reichlich Geld und hätte keinen angenehmeren Arbeitsplatz haben können. Abgesehen von den Sorgen über seine Familie in Bristol, war sein einziges Problem, dass alle seine Freunde Männer waren. Für die meisten Menschen schien es selbstverständlich, dass sich Dirac für den Rest seines Lebens in der reinen Männerbastion des St. John College verwöhnen lassen und als Junggeselle aus der Welt scheiden würde. Innerhalb der nächsten drei Jahre sollte er sie alle überraschen.Wie mehrere theoretische Physiker es vorausahnten, näherte sich ihr Fach dem Ende eines goldenen Zeitalters. Der Werkzeugkasten der Quantenmechanik stand nun zur Verfügung, um fast alle praktischen Probleme zu lösen, die den Wissenschaftlern, die Atome und Kerne untersuchten, begegneten. In diesem Realitätsbereich funktionierte die Theorie wunderbar. Aber für Dirac und andere an der vordersten Front der Forschung war das Thema noch längst nicht erschöpft. Besonders dringend war es, eine Feldtheorie der Elektronen, Positronen und Photonen zu finden, eine „Quantenelektrodynamik“, die frei von Unendlichkeiten war.

Graham Farmelo

Kapitel 20. Frühjahr 1935 – Dezember 1936

Moskau lockte ihn wieder. Da für die kommenden vier Monate Diracs Terminkalender leer war, war er entschlossen, den größten Teil dieser Zeit mit Kapitza zu verbringen. Dirac wusste, dass die Geheimpolizei seine Briefe an Anna Kapitza las und dass man ihn wahrscheinlich beobachten würde, wenn er in Moskau wäre. Er sagte zu ihr, „Wer immer mir in Moskau folgen sollte, wird sehr lange Wege zurücklegen müssen.“

Graham Farmelo

Kapitel 21. Januar 1937 – Sommer 1939

Am 2. Januar 1937, einem Samstagmorgen, heirateten Dirac und Manci im Standesamt Holborn im Zentrum von London. Er hatte sein Antiteilchen geheiratet, eine Frau, die in Charakter und Temperament fast das vollkommene Gegenteil zu ihm war, wie es auch sein Vater achtunddreißig Jahre zuvor getan hatte. Das hatte sich als Katastrophe erwiesen, die beinahe zur gegenseitigen Auslöschung geführt hatte, deshalb mag Dirac – zumindest im Hinterkopf – befürchtet haben, dass sich hier die Geschichte wiederholen könnte.Es war ein bewölkter Tag, die Menschen im Londoner Gewühl gingen in der Nachweihnachtszeit ihren Geschäften nach und wappneten sich gegen die Härte des Winters. Die Hochzeit war eine einfache bürgerliche Zeremonie mit nur wenigen Gästen, darunter Diracs Mutter und Schwester, die Blacketts, Isabel Whitehead und ihr Mann. Nach dem gemeinsamen Mittagsessen in einem nahe gelegenen Restaurant kehrte das Paar in sein Hotel zurück und fuhr mit dem Auto nach Brighton. Dirac hätte keinen konventionelleren Ort für seine Hochzeitreise wählen können: Seit Jahrzehnten war dies das beliebteste Seebad für romantische Rendezvous in Großbritannien. Brighton war eine besonders lebhafte Stadt, berühmt für ihre beiden gebieterisch in das Meer hinausragenden viktorianischen Piers, für die blassgrünen Kuppeln des nachgemachten orientalischen Pavillons, die Automaten, die Zukunftsprognosen ausspucken, und eine Reihe weiterer volkstümlicher Attraktionen.

Graham Farmelo

Kapitel 22. Herbst 1939 – Dezember 1941

Fortschritte in der Luftfahrttechnik hatten fast zwangsläufig zur Bombardierung Großbritanniens aus der Luft geführt, obwohl einige Menschen in Cambridge nicht glauben konnten, dass die Deutschen jemals eine Stadt von solcher Schönheit mit Bomben belegen würden. Auch Kernwaffen wurden in Zeitungen und Illustrierten diskutiert, doch den meisten Führungspersönlichkeiten des öffentlichen Lebens und des Landes schien dies entgangen zu sein. Dirac, der sich der potentiellen Bedeutung der Kernspaltung bewusst war, hatte eine gewisse Ahnung, was bevorstehen könnte: Wie viele andere Wissenschaftler würde er sich bald entscheiden müssen, ob er seine aktuellen Forschungen aufgeben und an dem größten Militärprogramm teilnehmen sollte, das die Welt je gesehen hatte.Bald würde Nazi‐Deutschland Diracs Verwandtschaft über zwei Kontinente zerstreuen. Er wartete täglich auf Nachricht von Betty in den Niederlanden. Manci machte sich Sorgen um ihre jüdischen Verwandten, vor allem ihre Eltern und ihre Schwester, die Budapest verlassen und sich im Staat New York niedergelassen hatten, wobei ihnen Wigner und seine neue Frau Mary geholfen hatten. Obwohl sie den Krieg gegen Deutschland entschieden unterstützte, musste Manci die schmerzliche Erfahrung machen, nur weil sie Ausländerin war, unter Verdacht zu stehen. Sie reagierte gekränkt auf subtile Anzeichen von Ablehnung von Seiten Unbekannter, wenn denen ihr schwerer Akzent auffiel, der von vielen für einen deutschen Akzent gehalten wurde. In dem von ihr auserwählten Land fühlte sie sich als „blutige Ausländerin“.

Graham Farmelo

Kapitel 23. Januar 1942 – August 1946

In den Augen von Diracs Nachbarn schien der Krieg wenig Einfluss auf sein Leben zu haben: Er war nach wie vor ein Professor unter vielen, der ruhig seiner Tätigkeit nachging; seine Bürgerpflicht bestand aus nicht mehr als einer gelegentlichen Feuerwache im Cavendish. Aber keiner seiner Nachbarn wusste, dass er in den Jahren 1942 und 1943 die meiste Zeit an Kernwaffen arbeitete. Sogar Manci hatte nur eine vage Vorstellung von seiner Tätigkeit: sie erzählte ihren Bekannten in Cambridge, dass er an „Dekodierungen“ arbeiten würde.Die meisten führenden Wissenschaftler taten mehr als Dirac, um das Militär zu unterstützen. Patrick Blackett war einer von mehreren aus Diracs Freundeskreis, der in der Entscheidungshierarchie der wissenschaftlichen Berater der Regierung ganz oben stand und an Dutzenden von endlosen Politiksitzungen teilnahm. Mit seinen früheren Cavendish‐Kollegen Cockcroft und Chadwick hatte er einen Sonderausschuss eingerichtet, um die Konsequenzen der Voraussage von Frisch und Peierls zu erörtern, dass nur eine geringe Uranmenge zum Bau einer Bombe benötigt werde. Sie fragten Dirac nach seiner Meinung, doch er wollte nicht am eigentlichen Vorhaben beteiligt sein.

Graham Farmelo

Kapitel 24. September 1946 – 1950

Im September 1946 bekam Dirac erneut die Krallen der nachrückenden Generation zu spüren. Er nahm an der Konferenz „The Future of Nuclear Science“ am Graduierten‐College von Princeton teil, das eine halbe Meile vom Campus entfernt liegt. Zwischen Bäumen auf einem grasbewachsenen Hügel wirkte das College wie eine gotische Abtei, deren majestätischer Turm die umliegende Landschaft dominiert – ein Bild des englischen Arkadiens. Viele Besucher meinten, das College sei seit Jahrhunderten ein Wahrzeichen von Princeton, aber es stand dort erst seit dreiunddreißig Jahren.Die Konferenz war die erste in einer Serie von internationalen Veranstaltungen zur Feier des zweihundertjährigen Bestehens der Universität – Monate zeremonieller Förmlichkeiten, opulenter abendlicher Empfänge und farbenprächtiger Paraden. Der Organisator der Konferenz, Eugene Wigner, der frisch vom Manhattan Projekt gekommen war, hatte eine eindrucksvolle Gästeliste zusammengestellt, darunter Blackett, Fermi, Oppenheimer, Van Vleck und die Joliot‐Curies, alle bereit, den Krieg hinter sich zu lassen und das nächste Kapitel der Physik aufzuschlagen.

Graham Farmelo

Kapitel 25. Frühe 1950er-Jahre – 1957

„Was passierte Daddys Bruder?“ fragten Diracs Töchter ihre Mutter. „Pssst! fragt nicht“, war Mancis Standardantwort. Dirac sprach einzig mit ihr über Felix’ Selbstmord, und selbst bei ihr brachte er es nicht fertig, Details zu erzählen. Sie wusste, dass er sich immer noch nicht damit abgefunden hatte. Bei einer Gelegenheit, als Mary und Monica nicht locker ließen, nahm Dirac aus einer Schublade eine kleine Dose, öffnete sie und zeigte einige Fotografien seines verstorbenen Bruders, um dann schnell die Dose wieder zuschnappen zu lassen und zurückzulegen. Selbst fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod seines Bruders konnte er nur einen kurzen Blick auf Felix’ Gesicht ertragen.

Graham Farmelo

Kapitel 26. 1958 – 1962

Als Wolfgang Pauli Anfang Dezember 1958 sich seinem achtundfünfzigsten Geburtstag näherte, sah er bleich und unwohl aus. Am 5. Dezember, einem Freitagnachmittag, befielen ihn während seiner Vorlesung an der Universität Zürich Bauchschmerzen, sodass er ein Taxi nach Hause nehmen musste. Am folgenden Tag suchte er das städtische Rote‐Kreuz‐Krankenhaus auf und wurde zu Untersuchungen aufgenommen, die kein eindeutiges Ergebnis ergaben: Die Ärzte sahen keine andere Möglichkeit, als zu operieren. Eine Woche später öffnete ein Chirurg seinen vorgewölbten Oberbauch und fand einen Pankreastumor, so groß und fortgeschritten, dass er inoperabel war. Binnen achtundvierzig Stunden nach der Operation war Pauli tot.

Graham Farmelo

Kapitel 27. 1963 – Januar 1971

Mitte der 1960er‐Jahre arbeitete Dirac den größten Teil der Woche zu Hause. Obwohl er für seine früheren Arbeiten bewundert und für seine Integrität verehrt wurde, wirkte er in der Abteilung zunehmend deplatziert: „Er war irrelevant geworden“, erinnert sich sein jüngerer Kollege und früherer Student John Polkinghorne. Viele der anderen Physiker in Cambridge dachten das Gleiche, folgten aber dem ungeschriebenen Gesetz der Ritterlichkeit in der Wissenschaft: Wenn große Forscher nachlassen und sich gegen moderne Trends in ihrem Fach aussprechen, mochten sie ignoriert und sogar im Privaten verspottet werden, sollten aber in der Öffentlichkeit für ihre früheren Leistungen von Herzen gelobt werden.Auch außerhalb der Universität wurde Dirac zu einer einsamen Gestalt, als Außenseiter aus einer anderen Zeit fühlte er sich unwohl in der neuen Popkultur und ihrer Respektlosigkeit. Es war unvorstellbar für ihn, dass ernsthafte Kritiker das gemalte Bild einer Suppendose als ein Hauptwerk der Kunst behandelten, und dass viele der Lieder, die eine ganze Generation prägten, von vorwitzigen aus der Arbeiterklasse stammenden Liverpoolern geschrieben waren, die nicht einmal Noten lesen konnten. Was sollte man, wunderte sich Dirac, von einer Gruppe erwarten, deren Hauptsänger von sich behauptete, ein Walross zu sein?

Graham Farmelo

Kapitel 28. Februar 1971 – September 1982

Der Rat, den Barbara Walters, Meister‐Interviewerin berühmter Persönlichkeiten, in ihrem 1971 erschienenen Buch How to Talk with Practically Anybody about Practically Anything (Wie man mit so gut wie jedem Menschen über so gut wie alles reden kann) erteilte, hat sich wohl nicht auf Gespräche mit Dirac erstreckt. Dennoch hätte sich Dorothy Holcomb, die Direktorin für Öffentlichkeitsarbeit am Wissenschaftsmuseum in Miami, wohl gewünscht, dieses Buch gelesen zu haben, bevor sie den Versuch machte, aus Dirac während des Buffet‐Empfangs zu seinen Ehren am Abend des 8. März 1971 ein paar Worte herauszuquetschen. Nachdem er auf ihr „Hi!“ nur mit einem ausdruckslosen „Hallo“ geantwortet hatte, wurde ihr klar, dass es nur einen Weg gab, ihn dazu zu bringen, mehr als drei Worte zu sagen: Sie musste ihn bitten, das Thema der Unterhaltung selbst zu bestimmen. Er wählte das Thema Comics. Mehrere Minuten lang sprach er überraschend lebhaft über die Vorzüge zweier Comic‐Serien, die er seit den 1930er‐Jahren gelesen hatte: über den Abenteurer Prince Valiant (auf Deutsch die Heftreihe Prinz Eisenherz) aus dem fünften Jahrhundert, und über Blondie, das sorglose Mädchen der 1920er‐Jahre, das in einer Vorstadtsiedlung eine Familie gründet. Holcomb war erfreut, und als Dirac gestand, er könne den launigeren Humor der Peanuts nicht ganz entziffern, schlug sie ihm vor, sich etwas mehr um den amerikanischen Humor zu bemühen; er stimmte zu. Danach beschloss Holcomb, sich ein Exemplar seiner Principles of Quantum Mechanics sowie das Buch How to Talk … zu besorgen. Wäre Holcomb bis zum Schlusssatz von Walters’ Buch gekommen, hätte sie dort einen guten Rat für jeden finden können, der je vergeblich Dirac in ein Gespräch zu verwickeln versucht hat: „Man kann nicht jeden gewinnen.“

Graham Farmelo

Kapitel 29. Herbst 1982 – Juli 2002

Die Zuversicht, die Dirac immer verbreitete, wenn er über Physik sprach, verdeckte eine Verzweiflung, die er anscheinend nur einmal jemandem gegenüber zu erkennen gegeben hat, den er kaum kannte – Pierre Ramond, einem theoretischen Physiker an der Universität von Florida in Gainesville. Ramond ist ein höflicher und wortgewandter Amerikaner mit einem musikalischen Tonfall, dessen Akzent seine Zuhörer daran erinnert, dass er in Frankreich geboren und aufgewachsen ist. An einem Mittwoch im Vorfrühling 1983 fuhr er nach dem Mittagessen mit dem Auto von Gainesville zur Florida‐State‐Universität, um ein Kolloquium abzuhalten und hoffte, sein „Held und Leitstern“ Dirac werde dabei sein. In der Tat: Als Ramond den Seminarraum im siebten Stock mit Blick über den Campus betrat, entdeckte er unter seinen Zuhörern die versonnen dreinblickende Gestalt Diracs, zart wie ein Elf.In seinem spekulativen, aber selbstbewusst präsentierten Vortrag diskutierte Ramond die Möglichkeit, fundamentale Theorien nicht in den üblichen vier Dimensionen der konventionellen Raum‐Zeit zu entwerfen, sondern in einer höheren Zahl von Dimensionen. Die ganze Zeit über schien Dirac zu dösen, er sagte auch danach, als Fragen gestellt wurden, kein Wort. Als aber das Seminar beendet war, blieb er – für ihn sehr ungewöhnlich – im Raum, bis sich die Tür schloss und er allein mit dem Redner war.

Graham Farmelo

Kapitel 30. Diracs Denkweise und Persönlichkeit

Bristol hat Dirac nie richtig ins Herz geschlossen. Heute gehören zu den wenigen Erinnerungen der Stadt an ihre Verbindung mit Dirac nur eine wenig beachtete abstrakte Skulptur, sein Name an einem trostlosen Funktionsgebäude und ein paar Erinnerungstafeln. Bei meinen zahlreichen Besuchen in Bristol in den vergangenen fünf Jahren habe ich kaum ein halbes Dutzend Menschen außerhalb der Universität getroffen, die je von ihm gehört hatten. Nachdem ich im Mai 2003 zum ersten Mal das Stadtarchiv von Bristol betreten hatte, fragte ich die freundliche selbstbewusste Assistentin, ob sie irgendwelches Material über Paul Dirac hätte. Sie sah mich erstaunt an und fragte „Wer ist das?“Die beste Art, im Stadtarchiv etwas über Diracs frühe Schuljahre zu erfahren, bestand darin, nach den gut geführten Dokumenten über seinen Mitschüler Cary Grant an der Bishop‐Road‐Schule zu fragen. Die lokalen Journalisten und Fernsehteams waren immer bemüht gewesen, Cary Grants Aufenthalt in der Stadt zu dokumentieren, eine Aussicht, die Dirac abgeschreckt hätte. Seine Besuche waren immer anonym. In den 1970er‐Jahren unterstützte er jedoch die Kampagne des örtlichen Parlamentsmitglieds William Waldegrave, die besondere Verbindung der Stadt mit ihm zu feiern, eine Initiative, die zur Stiftung eines Mathematikpreises an den örtlichen Gymnasien führte. Waldegrave war aufgefallen, dass den Einwohnern von Bristol einerseits Dirac nicht bekannt war, dass sie aber andererseits stolz auf ihre Verbindung zu dem Ingenieur Isambard Kingdom Brunel waren, obwohl er in der Stadt weder geboren noch je gelebt hatte.

Graham Farmelo

Kapitel 31. Diracs Vermächtnis

Alle Wissenschaftler, sogar die bedeutendsten, sind für die Wissenschaft so gut wie entbehrlich. Obwohl begnadete Individuen diese auf kurze Sicht beeinflussen, würde das Fehlen eines jeden von ihnen wahrscheinlich auf lange Sicht keinen großen Unterschied machen. Wenn Marie Curie und Alexander Fleming nie geboren worden wären, hätte man Radium und Penicillin vermutlich nicht lange nach den heute in den Lehrbüchern zu findenden Daten entdeckt.Dennoch darf jeder Wissenschaftler hoffen, dass die Nachwelt ihm bescheinigt, mehr als nur einen durchschnittlichen Anteil an der Aufdeckung der Geheimnisse der Natur gehabt zu haben. Nach diesem Kriterium war Dirac zweifellos ein großer Wissenschaftler, einer der wenigen, die einen Platz nahe bei Einstein im Pantheon der modernen Physik verdienen. Neben Heisenberg, Jordan, Pauli, Schrödinger und Born war Dirac einer aus der kleinen Gruppe der theoretischen Physiker, die die Quantenmechanik entdeckt haben. Doch sein Beitrag war ein besonderer. In seiner Glanzzeit zwischen 1925 und 1933 trug er mit seiner einmalig klaren Sichtweise zur Entwicklung eines neuen Zweiges der Naturwissenschaft bei. Das Buch der Natur schien ihm mehrmals offen vor Augen zu liegen.

Graham Farmelo

Backmatter

Weitere Informationen

Premium Partner

in-adhesivesMKVSNeuer Inhalt

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Technisches Interface Design - Beispiele aus der Praxis

Eine gute Theorie besticht nur darin, dass am Ende einer Entwicklung sinnvolle und nutzergerechte Produkte herauskommen. Das Forschungs- und Lehrgebiet Technisches Design legt einen starken Wert auf die direkte Anwendung der am Institut generierten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die grundlegenden und trendunabhängigen Erkenntnisse sind Grundlage und werden in der Produktentwicklung angewendet. Nutzen Sie die Erkenntnisse aus den hier ausführlich dargestellten Praxisbespielen jetzt auch für Ihr Unternehmen.
Jetzt gratis downloaden!

Marktübersichten

Die im Laufe eines Jahres in der „adhäsion“ veröffentlichten Marktübersichten helfen Anwendern verschiedenster Branchen, sich einen gezielten Überblick über Lieferantenangebote zu verschaffen. 

Bildnachweise