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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

8. Der Staat und neue politische Organisationen: Erwartungen und Gegenreaktionen

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Zusammenfassung

Die Peer-to-Peer-Organisationen sind vor allem Organisationen der Aktion. Sie stammten ursprünglich aus dem Bereich der Ökonomie und waren getrieben vom brachliegenden intellektuellen Surplus der Wissensarbeiter, der sich gleich einer stillen, aber tatendurstigen Reservearmee mobilisiert und entäußert. Ähnlich wie bei der Beschreibung der Situation im Wirtschaftssektor, bei der durch den Hyperwettbewerb gestresste Unternehmen die Fähigkeiten zur Innovation kaum mehr aufbringen konnten, traf P2P auch im Politischen auf eine traditionelle Struktur, die durch den Neoliberalismus viel an Fähigkeiten und Gestaltungsmöglichkeiten eingebüßt hatte. War die Zurücknahme des Staates in Zeiten der neoliberalen Ära erwünscht, so zeigt sich etwa in der Globalisierungsanpassung, Finanzwesenreform, Technologie- und Umweltpolitik das Dilemma des nachfolgenden, oft nur mehr reaktiven Staates, der die Entwicklungen der Märkte kaum mehr in ordnungspolitische Bahnen lenken, erst recht kaum mehr innovative Wege aus der Situation aufzeigen kann. Unter solchen Rahmenbedingungen war auch eine Weiterentwicklung des politischen Systems aus sich heraus schwierig. So lag die Frage auf der Hand, welche Gruppierung zu einer solchen Veränderung in der Lage ist. Als einzig wirkliche neue Kraft war die P2P-Organisationsform zumindest theoretisch in der Lage, Kräfte zu bündeln, Aktionen zu setzen und Optionen anzubieten, welche die traditionellen politischen Kräfte allein wahrscheinlich kaum mehr aufbringen konnten. Allerdings konnten die Erwartungen an diese P2P-Organisationen und ihre Fähigkeit zur Umgestaltung der traditionellen politischen Institutionen nicht erfüllt werden.
Fußnoten
1
In diesem Sinne vertreten die P2P-Aktivisten mit ihrer integrativen Sichtweise der Wirkung von P2P-Commons auf Wirtschaft und Politik durchaus eine sehr systemische Sichtweise: „Erst recht halte ich die Unterscheidung wirtschaftlich/sozial/kulturell für irreführend. Alles wirtschaftliche Handeln ist soziales Handeln, daher ist alle Wirtschaft immer auch Vollzug der Gesellschaft.“ (Luhmann 1994: 8)
 
2
Die definitive Geschichte der frühen Jahre der Digitalisierung (1990–2010) ist noch nicht geschrieben und kann hier auch nur bruchstückartig nachvollzogen werden. Auffällig ist jedoch bei einigen publizierten Erfahrungen der Protagonisten der Tech-Szene, wie diese scheinbar versuchten, mit neuer Technologie bestehende Konzepte wie Community, Demokratie und Partizipation zu beflügeln, ohne zunächst deren Wirkungsweisen und Eigenheiten oder gar dahinterliegende Klassengegensätze zu reflektieren. Interessant und instruktiv ist hier beispielsweise das Interview mit Francesca Bria: „As we know now, those early movements didn’t manage to sustain and grow, and it’s important to analyse why. I did sense that something was amiss in how we – and I speak as someone who was part of those pioneering initiatives – thought about politics, information, and power. […] There was always a way to make these new technologies serve the social needs of the communities. These open labs were staffed by hackers and software engineers who had knowledge of these emerging technologies; they spoke the language of technological autonomy, popularised privacy and encryption tools, and provided the much-needed technical support during important gatherings (such as those of the so-called anti-globalisation movement). Thus, in the late 1990 s/early 2000 s, I felt like I had joined a movement that was able to politicize technology. It saw technology as an infrastructure, as a knowledge tool that could empower communities, with a vision of a more inclusive and innovative future. We did want people to produce their own content and information – the motto of Indymedia was „don’t hate the media; become the media“ – and the hackerlabs provided the assistance and the infrastructures that made such autonomy in the field of content production possible.“ (Morozov 2021)
 
3
„The Global State of Democracy 2021 shows that more countries than ever are suffering from ‘democratic erosion’ (decline in democratic quality), including in established democracies. The number of countries undergoing ‘democratic backsliding’ (a more severe and deliberate kind of democratic erosion) has never been as high as in the last decade, and includes regional geopolitical and economic powers such as Brazil, India and the United States.“ (IDEA 2021: III)
 
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Diskussion des Verfassers mit Sebastian Nerz, dem damaligen stellvertretenden Bundesvorsitzenden der deutschen Piratenpartei im Rahmen einer öffentlichen Diskussion österreichischen Parlament, Wien, 22.5.2012.
 
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Zu den ägyptischen Unruhen in der Textilindustrie vgl. Aljazeera (2012).
 
6
Hier ist etwa das Beispiel der von Occupy verwendeten Asambleas zu nennen: „Several interviewees state that they saw videos from Spanish asambleas on YouTube. These videos motivated them to join Occupy in Germany. ‚My heart was beating. I couldn’t understand a word of what they were saying, but I thought: awesome! They meet at a public square and talk to each other!‘ Frank, an activist in his late 40ties who was never politically active before joining Occupy states. These asambleas are meetings of people, which are open to everyone. Usually people are sitting in a circle and everyone is invited to speak. The Human Microphone technique, introduced by the Occupy Wall Street protesters, allows carefully listening to the speaker and pushes speakers to build short sentences and to organize and specify their talk. Respondents also state that it is used to avoid that the same people speak always for a long time and that opinions are bashed against each other.“ (Anheier/Nassauer 2012: 26)
 
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„Imagine the trade unions, the human rights and environmental organizations, the large charities, and the churches enlived by the principle of the assembly. A vast but, but largely dormant, strength resides in these organizations. It is deliberation between equals that will put that strength to work at social transformation. Their members have their gaze fixed upwards, towards those who monopolize decisions. If they look around they will find people with whom they have much more in common.“ (Hind 2012: Pos. 625)
 
8
So betrachtet Hind (2012: Pos. 605) die Assemblies als Keimzellen für umsetzungsorientierte bzw. aktionistische P2P-Organisationen: „In some places assemblies will enact plans for economic and social development on their own terms, without waiting for elections. They will create mutual and co-operative enterprises and initiate infrastructure projects that are collectively owned and managed.“
 
9
„Public interest in the newly emerging groups engaged in subterranean politics is great. This is evident by analyzing Google insight search results from 2011. How much a certain claim or protest group was searched on the Google website in Germany reflect its importance to shape the public political and social discourse.“ (Anheier/Nassauer 2012: 2)
 
10
So gesehen war dann das damals in Mode gekommene Thema der Governance so etwas wie ein permanenter Ausnahmezustand, der verlangte, dass Konflikte gemanagt werden – und hierbei auch P2P-Lösungsfragmente miteinander kompatibel zu machen. Die Vernetzung von P2P-Modellen der Multitude mit staatlichen Institutionen ist somit Bestandteil einer komplexen und heterogenen Lösungsstrategie. Die Commons-Produktionen erhöhen die theoretischen Möglichkeiten staatlicher Institutionen, Lösungen für erratisch auftauchende Probleme und Konflikte schneller und umfassender zu finden. Governance, verstanden als kontingente Steuerung, die Elemente der P2P-Produktion und staatlicher Institutionen assembliert und über die tobenden Wogen der globalen Gesellschaft dahintreibt, wies in den Augen mancher Beobachter schon Beispiele für eine solche vernetzte Steuerungs- und Problemlösung auf. Diese Komptabilität zwischen Multitude bzw. Commons und den modernen Steuerungsmechanismen sahen Hardt und Negri (2003: 381) bereits als ein Resultat der genauen Kenntnis staatlicher Institutionen über das Wesen und Wirken der Multitude: „Tatsächlich dürfte es kaum überraschen, dass Strukturen imperialer Governance den Bewegungen der Multitude so deutlich entsprechen. Die Governance ist gezwungen, die rechtlichen Forderungen und politischen Kräfte, die die Multitude zum Ausdruck bringt, zu registrieren und gemäß neuen Diagrammen darzustellen […].“
 
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Allerdings kann auch gerade diese lose Koppelung oder können vielmehr die kaum oder schwer durchschaubaren Beziehungen zwischen dem offiziellen System und politischen P2P-Kollaboration attraktiv und „taktisch effektiv“ sein, wenn es darum geht, verdeckt opportunistisch zu agieren. So lieferten Wikileaks-Dokumente Einblicke darüber, wie ein US Thinktank (Stratfor), die aus der serbischen Beratung für gewaltfreien Widerstand (Optor) hervorgegangene Beratungsorganisation CANVAS benutze, um Informationen über Widerstandsbewegungen zu erhalten. So beschreiben zwei Stratfor-Mitarbeiter den Nutzen einer Kooperation mit CANVAS in einer Mail wie folgt: „A little reminder that the main utility in this contact is his (CEO von CANVAS, der Verfasser) ability to connect us to the troublemakers around the world that he is in touch with. His own ability to discern situation on the ground may be limited, he mainly has initial contact with an asset and then lets them do their own thing. He does himself have information that may be useful from time to time. But, the idea is to gather a network of contacts through CANVAS, contacts that we can then contact independently.“ (WikiLeaks 2013). Allerdings hat Canvas bestritten, sensible Informationen herausgegeben zu haben: „The ‚intelligence‘ gathered by Stratfor from CANVAS can broadly be described as general public information, about both the strategies and dynamics of civil resistance, as well as about the current political situations in major conflict regions. CANVAS also agreed to connect Stratfor with willing activists – making the information being gathered of the overt, not covert, variety“ (Farell 2013). Die prinzipielle Problematik einer solchen Kooperation mag dadurch aber kaum geschmälert werden.
 
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Natürlich würde auch die Öffnung der traditionellen Parteihierarchien gegenüber neuen Verfahren und Externen nicht einfach vonstattengehen, wie das Beispiel der SPD zeigt: „‘Als ‚Beteiligungspartei‘ wollte Sigmar Gabriel seine SPD auf dem am Donnerstag beginnenden Bundesparteitag präsentieren. Der Parteivorsitzende müht sich seit Längerem, die SPD für Nichtmitglieder zu öffnen, um Interessierte am Ende vielleicht doch an die Partei heranzuführen und zu binden. Mit einem entsprechenden Leitantrag des Parteivorstands sollte nun ein Modellversuch mit vier Jahren Laufzeit beschlossen werden: Jeder Bürger könnte demnach ‚Online-Anträge‘ mit inhaltlichen Forderungen an den Parteitag oder -konvent der SPD einreichen. Ein solcher Antrag wäre erfolgreich, wenn innerhalb von drei Monaten 125.000 Unterzeichner mobilisiert werden. Ausgenommen wären Satzungs-, Finanz- sowie Personalfragen. Auch die SPD-Gliederungen sollten ein solches Verfahren erproben können. ‚Die SPD scheut nicht davor zurück, schwierige Fragen zu bearbeiten und Einzelperspektiven zuzulassen‘, rechtfertigte SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi die geplanten Abstimmungsmöglichkeiten […]. Es seien aber natürlich die Mitglieder, die letztendlich über die Personalien und Positionen in der SPD entschieden. ‚SPD-Mitglied zu sein, bleibt exklusiv verbunden mit der Entscheidungsmacht in der SPD‘, betonte Fahimi.“ (Anger 2015)
 
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Bauwens (2012c) sah diese Entwicklung vor allem durch die Krise des ‚fassadenhaften Staats‘ wie auch das durch die Transformation gestiegene politische Bewusstsein vieler Menschen getrieben. Diese beiden Faktoren führen dazu, dass sowohl ausserhalb der bestehenden Strukturen als auch innerhalb dieser, P2P-Mechanismen und -Organisationen eingeführt und wirksam werden: „The first aspect leads to continuous democratic innovation from the new p2p culture, think about the peer governance mechanisms in peer production communities; new inventions such as dynamic voting, and while these mechanisms operate outside the mainstream, they are also embedded in the new forms of value creation, new p2p social institutions, and therefore, poised to grow. The second aspect leads to new political and social forces that work within the present system, such as the emerging Pirate Party. In Brazil, I heard that the vibrant Eixo do Foro cultural movement, which has a functioning counter-economy around music, is also politicising and engaging with local politics. The second leads to what I call diagonal politics, i.e. mutual adaptation between emerging p2p forces and practices, and the old institutional realities. To the degree that this is ineffective, it pushes from the solution coming from the first aspect, i.e. prepares for a more radical and revolutionary re-ordering of our institutions. Tellingly, a Swedish pirate party member once wrote that the Pirate Party is the last chance to avoid revolution. To the degree that the present system refuses adaptation, to that degree they heighten the need and push for more radical transformations.“
 
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Und nicht nur demokratische Parteien. Netzwerktools und Techniken können auch von autoritären und terroristischen Organisationen und Verbindungen eingesetzt werden, um Effizienz zu erzielen. Natürlich werden in diesem Fall die Mechanismen eher zur Top-down-Koordination als zur Entscheidungsfindung bzw. zur Verbreitung von Selbstdarstellungen und Images als zur partizipativen Lösungsfindung eingesetzt. Für das Beispiel von Terrornetzwerken vgl. Hardt/Negri (2003: 89), für rechtsextreme Gruppen in den USA, die versuchen ‚führerlose’ Organisationskonzepte umzusetzen, vgl. Bauwens (2005c: 162).
 
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„Die Tatsache, dass die Menge, die auf Grundlage des Gemeinsamen agiert, die Grenzen der Macht schon immer überschritten hat, verweist auf ihre Unvereinbarkeit mit dem herrschenden System – oder anders gesagt auf ihren antisystemischen Charakter […].“ (Hardt/Negri 2010: 190).
 
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Immerhin machten alle Parteien von neuen Kommunikationsmedien Gebrauch. Auch wenn dies noch nicht zu großen Veränderungen geführt hat, so zeigt sich doch, dass diese Tools die Optionen und Kapazitäten der Parteien vergrößern können. Geser (2003: 17), der Anfang der Jahrtausendwende eine Untersuchung in der Schweizer Parteienlandschaft durchführte, war hier noch skeptisch, aber schon hoffnungsvoll: „Immerhin weisen die Resultate darauf hin, dass die neuen Kommunikationsmedien die Einflussverhältnisse in den Parteien mitbeeinflussen könnten – so wie sie schon immer durch traditionelle Kommunikationsprozesse (z.B. Sitzungs- und Versammlungsaktivitäten) beeinflusst worden sind. Vor allem scheinen kollektive Führungsgremien (,Parteivorstände‘) in der Lage zu sein, die Onlinekommunikation zur Steigerung ihrer Beratungs- und Entscheidungskapazitäten (und damit: zur Erhöhung ihrer Autoritätsstellung) zu nutzen – ohne dass sich dadurch die Einflussstellung der übrigen Organe im gleichen Masse verringert. So erscheint die Annahme plausibel, dass Onlinekommunikation nicht bloß eine Umverteilung bestehender Einflussquanten mit sich bringt, sondern darüber hinaus auch den Gesamtumfang des zu verteilenden Einflusspotenzials erhöht: indem alle an der Gruppe Beteiligten mehr leicht zugängliche Möglichkeiten erhalten, ihre Meinung auszudrücken, und dann, wenn ihnen wirklich daran liegt, ihren Einfluss geltend zu machen.“
 
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Hilfreich erschien hier, dass im Zuge der Krise 2008/09 die bisherigen Experten ihren Status zunehmend verloren und der Ruf nach der Crowd/Multitude zur Mitgestaltung lauter wurde: „Wenn kein Volkswirt eine Aussage treffen kann über die multikausalen Wirkungen der Finanzkrise und die notwendigen Gegenmaßnahmen, da in dieser Frage kein ausreichendes Datenmaterial vorliegt und methodische Probleme auftauchen, so muss sich Wissenschaft wie auch Politik fragen, wie mit diesem Kenntnisdefizit umgegangen werden soll. Dann sollte aber auch gefragt werden, ob bisherige Prozesse der politischen Entscheidungsfindung nicht deutlich internetaffiner gestaltet werden müssten, um den Bürgern die Möglichkeit einzuräumen, sich deutlich aktiver an diesen Prozessen zu beteiligen. Dies erfordert ein Stück weit Einsicht von den bisher relevanten Akteuren, die in der Vergangenheit die Deutungshoheit über letztlich einfachere Tatbestände besaßen“ (Wintermann 2010: 97). Der Offenbarungseid der Finanzexperten wurde sehr eindrucksvoll in einem Brief führender Ökonomen an die englische Königin ersichtlich. Der Brief beantwortete die Frage der Königin, warum man die Finanzkrise nicht hat kommen sehen, wie folgt: „In summary, Your Majesty, the failure to foresee the timing, extent and severity of this crisis and to head it off, while it had many causes, was principally a failure of the collective imagination of many bright people, both in this country and internationally, to understand risks to the system as a whole“ (The Guardian 2009). Ohne dies wohl beabsichtigt zu haben, weisen die Briefautoren auf ein wichtiges Element hin, welches diese Intelligenz hätte aufbringen können. Die Collective Imagination ist so gesehen ja nur eine andere Umschreibung für die kollektive Intelligenz.
 
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Interessant ist auch, dass diese Ablehnung scheinbar auch durch eine Empfehlung der EU mitbeeinflusst wurde, die sich Sorgen über die isländischen Institutionen machte: „Die sogenannte Venedig-Kommission der EU hatte am 11. März dieses Jahres, also zwei Wochen vor der rätselhaften Abstimmung im Parlament, einen Bericht über den Verfassungsentwurf vorgelegt. In ihrer Zusammenfassung warnte die Kommission vor politischer Blockade und sogar Instabilität, sollte der Entwurf tatsächlich realisiert werden. Zu kompliziert seien die Regeln für die Abhaltung von Volksentscheiden und zu unklar die Aufteilung der Kompetenzen zwischen Parlament, Präsident und Regierung. Zudem seien die Bestimmungen über den Schutz der natürlichen Ressourcen zu vage und weitgefasst.“ (Solinski 2013)
 
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Diese Sichtweise hebt sich von der vereinfachenden Perspektive ab, dass das Netz ‚nur‘ für Innovationen und ‚Agendasetting‘ sinnvoll einzusetzen ist. Oftmals wird dies von Beobachtern nicht immer zugestanden: „Die Parteien sollten – genau wie auch Unternehmen – lernen, klar zwischen den Vorteilen vertikal hierarchischer Führungsmodelle und den Vorteilen horizontaler Netzwerkstrukturen zu unterscheiden. Die kollektive Intelligenz der Netze ist besser, wenn es um kreative Suchprozesse geht. Hierarchie ist dagegen eindeutig stärker, wenn es um die Übernahme von Verantwortung und die Umsetzung von Entscheidungen geht. Netzwerke sind gut in der Phase der Invention. Hierarchien sind gut in der Phase der Innovation. Sobald eine Idee in die Umsetzung geht, braucht man einen stabil funktionierenden Apparat, der in der Lage ist, die Effizienz von Prozessen zu garantieren. Das Parteiensystem und die Institutionen der repräsentativen Demokratie sind in einer komplexen Gesellschaft sicherlich unverzichtbar. Ergänzt durch eine intensivierte Partizipation der Bürger an der Ideenfindung und der Auswahl der Themenprioritäten dürfte die Leistungsfähigkeit noch deutlich zu steigern sein. Partizipation ist nicht gleich Basisdemokratie. Aber Partizipation bedeutet immer Abgabe von Macht, besonders dann, wenn die Partizipation über das Internet organisiert wird. Da muss sich auch noch der letzte Parteifunktionär klar machen, dass nicht mehr der Anbieter, sondern der Nachfrager bestimmt, was auf der Tagesordnung steht.“ (Kruse 2010: 54)
 
20
Siehe hier auch die Diskussion über den digitalen Partner-Staat und seine verschiedenen Rollen in der Umsetzung der digitalen Transformation in Südafrika: Ajam et al. (2022).
 
21
„We spend a great deal of time trying to increase skill levels across the board. This is absolutely critical, but perhaps we should also be spending a bit more time thinking about how to spread ‚upper tail-knowledge’ and let the super-smart do what they apparently do so well. My playbook includes great research universities, vibrant cities, liberal immigration policies, ease of entrepreneurship […].“ (McAfee 2015)
 
22
„We’re developing open source industrial machines that can be made for a fraction of commercial costs, and sharing our designs online for free. The goal of Open Source Ecology is to create an open source economy – an efficient economy which increases innovation by open collaboration.“ (Open Source Ecology o. J.)
 
23
Frühe Beispiele waren hier etwa der Einsatz von Peers bei der Revitalisierung von öffentlichen Plätzen in Italien (Comune di Bologna 2014) und in Sozialdiensten in Großbritannien (Clarence/Gabriel 2014) sowie allgemein in Gesundheitsdiensten (Mickoleit 2014: 46 ff.).
 
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Diese Aufgabe der öffentlichen Leistungserbringung auch durch Peers wurde auch in der Zielsetzung der Öffnung der US-amerikanischen Verwaltung durch ein Projekt der Obama-Administration erkennbar: „‚For the first time in history, we’ve opened up huge amounts of government data to the American people, and put it on the Internet for free,‘ Obama said […]: ‚Government belongs to us, and it’s up to each of us and every one of us to make it work better. It’s up to us as citizens to engage and unlock the data’s potential to make government smarter. We can’t just stand on the sidelines. We can’t take comfort in just being cynical. We all have a stake in government success – because the government is us.‘“ (Bjerg 2013)
 
25
„[…] the devaluation of citizenship is an integral component of a ‚successful‘ modern democracy; not a failure to be corrected by technical means. […] e’democrats will be facing the task not simply of involving more people in deliberations regarding policy making but, more ambitiously, of deploying new technology as a part of a broader political intervention whose purpose is to re-invent the political sphere.“ (Varoufakis 2014)
 
26
„The bobos didn’t necessarily come from money, and they were proud of that; they’d secured their places in selective universities and in the job market through drive and intelligence exhibited from an early age, they believed. X types defined themselves as rebels against the staid elite. They were – as the classic Apple commercial had it—‘the crazy ones, the misfits, the rebels, the troublemakers.’ But by 2000, the information economy and the tech boom were showering the highly educated with cash. They had to find ways of spending their gobs of money while showing they didn’t care for material things. So they developed an elaborate code of financial correctness to display their superior sensibility. Spending lots of money on any room formerly used by the servants was socially defensible: A $7000 crystal chandelier in the living room was vulgar, but a $10,000, 59-inch AGA stove in the kitchen was acceptable, a sign of your foodie expertise. When it came to aesthetics, smoothness was artificial, but texture was authentic. The new elite distressed their furniture, used refurbished factory floorboards in their great rooms, and wore nubby sweaters made by formerly oppressed peoples from Peru.“ (Brooks, D. 2021)
 
27
Interessanterweise hat sich die mediale Nutzung des Wortes „Smart“ in den USA zwischen 1980 und 2000 vervierfacht und in 2018 nochmals verdoppelt (Sandel 2020: 172).
 
28
Aus radikaler Perspektive, ist diese Verhaltensweise Teil eines globalen Ansatzes: „All mass politics in the major imperialist countries is necessarily geared towards representing and advancing the interests of non-proletarian classes and class fractions in receipt of (a share of) the value transferred from the Global South proletariat, semi-proletariat, and peasantry.“ (Cope 2019: 214)
 
29
Die USA und auch China gingen insbesondere nach der Snowden-Affäre davon aus, dass ihre Staatsbürger von Plattformen des anderen Landes analysiert und die Auswertungen politischen und militärischen Institutionen freiwillig oder auf Anweisung übergeben werden (Al-Ani 2020b: 300).
 
30
„Estimated to number about 20 million in 2000, of whom 40 percent were American, this elite is expected to double in size by 2010. Comprising fewer than 4 percent of the American people, these transnationalists have little need for national loyalty, view national boundaries as obstacles that thankfully are vanishing, and see national governments as residues from the past whose only useful function is to facilitate the elite’s global operations. In the coming years, one corporation executive confidently predicted, ‚the only people who will care about national boundaries are politicians‘“ (Huntington 2004). Dieser transnationalistische Charakter von Teilen der Creative Class steht natürlich im Widerspruch zu der eher territorialen Organisation der Arbeiter. „The concept of transnationalism is also tied up with assumptions about the workforce. Can one show that not only is there a transnational managerial world but there is also a ‘new worker’, one who is working for this transnational economy? Does there today exist in effect a new deterritorialized working class, one that produces without reference to the country it lives in […]?“ (Gran 2009: 5)
 
31
Zu der Grundlage des Micrortargetings und bspw. der Funktion von Facebook-Daten hierin siehe: Youyou et. al. (2015).
 
32
Dieser ethnische und nationale Rahmen war essenziell. So konnten hier etwa Ausländer, die sogenannte Untere Kaste, einerseits als Sündenböcke der Globalisierung instrumentalisiert, andererseits eine gewerkschaftliche Kooperation amerikanischer und chinesischer Plattformarbeiter verhindert werden. Generell ist dieses Thema noch sehr wenig untersucht. Etwa, welche Rolle der Widerstand der Arbeiter bei dem Transfer von Technologie und damit der Globalisierung spielte. So erscheint es paradox, dass der Antikommunist Reagan durchaus Technologietransfers (und Outsourcing) nach China forcierte: „Truly, one has to wonder about this point and wonder as well about what that meant by anticommunism. Could it be that Reagan promoted industrial technology transfer because he (or perhaps Nancy Reagan) did not want to see a union-based America?“ (Gran 2009: 168)
 
33
Dieser Ethnonationalismus funktionierte, „[…] weil Trumps Gegner schwach sind. Kaum können sie mit einer umfassenden Ideologie oder Idee kontern. Ihre Themen sind emotional schwerer zugänglich. Ökologie, Freihandel, Multilateralismus und Globalismus wirken abstrakt […]. Auch der Konservativismus der Gegner Trumps begünstigt seinen Erfolg. Die herrschenden Babyboomer haben auf ihrer letzten Fahrt zu wenig Ideen und Mut, die Kraft junger Progressiver und Liberaler zu nutzen.“ (Al-Ani 2018: 90) Auch das wissenschaftsorientierte, technokratische Politikverständnis der Creative Class hatte hier einen Beitrag geleistet: „Wenn man aber die politischen Meinungsverschiedenheiten darauf zurückführt, dass sich jemand einfach weigert, den Tatsachen ins Auge zu sehen oder die Wissenschaft zu akzeptieren, dann missversteht man das Wechselspiel von Fakten und Meinungen in der politischen Überzeugungsarbeit. Die Überlegung, dass politische Meinungen erst aufgrund allgemeiner akzeptierter Fakten agieren, war eher ein technokratisches Konzept. Die politische Debatte dreht sich darum, wie man Fakten ausmacht und näher beschreibt, die für die fragliche Auseinandersetzung relevant sind. Derjenige, dem es gelingt, die Fakten einzugrenzen, ist auf dem Weg zu Sieg in dieser Debatte schon ziemlich weit vorangekommen. Unsere Wahrnehmungen werden von unseren Meinungen gesteuert; sie erscheinen nicht erst auf der Bühne, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen.“ (Sandel 2020: 176, Hervorhebung durch den Verf.)
 
34
So sehen Robinson/Sprague (2018: 311) diese Transnational Capitalist Class als „[…] working consciously to resolve the crisis of global social polarization between wealth and poverty and the ecological unsustainability of the system.“
 
Metadaten
Titel
Der Staat und neue politische Organisationen: Erwartungen und Gegenreaktionen
verfasst von
Ayad Al-Ani
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37947-6_8

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