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Über dieses Buch

Christine Viertmann leistet eine interdisziplinäre Analyse des Sündenbock-Phänomens im Kontext der Medienberichterstattung über die ehemaligen CEOs Josef Ackermann (Deutsche Bank), Werner Seifert (Deutsche Börse) und Hartmut Mehdorn (Deutsche Bahn). Die Untersuchung zeigt, wie und warum Vorstandsvorsitzende nationaler Traditionsunternehmen zu Projektionsflächen gesellschaftlicher Konflikte werden können. Der Sündenbock-Mechanismus ist eine unumgängliche, komplexitätsreduzierende Lösungsstrategie für gesellschaftliche Problemstellungen. Anhand der drei Fallstudien werden Medientexte und -bilder auf Elemente einer Sündenbock-Erzählung hin untersucht. Darüber hinaus wird in Experteninterviews mit Journalisten und Unternehmensvertretern über die Bedeutung des Sündenbocks in der öffentlichen Kommunikation diskutiert. Das Ergebnis: Wirtschaftsjournalismus ist mythisch. Topmanagern werden nicht selten Eigenschaften zugeschrieben, die archaischen Opfermerkmalen entsprechen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Zusammenfassung
Ein Mann wird, in Tierhäuten gekleidet, am Vortag der Iden des März durch die Straßen Roms getrieben. Die Bewohner der Stadt schlagen ihn mit langen weißen Ruten, um Mars als Gott der Vegetation und des Wachstums ein Opfer darzubringen. Der Ethnologe Frazer beschreibt das Ritual der Vertreibung des Mamurius Veturius, des alten Mars, als ein barbarisches Ereignis, weit entfernt von der Zivilisation seiner Zeit (Frazer 1890/2009, S. 599; Preller 1865/2001; Girard 1998). Frazers Werk The Golden Bough (Der Goldene Zweig), eine Vermessung von Mythologie und Religion verschiedenster Kulturen, erschien erstmals 1890. Frazer diskutiert darin eine evolutionistische Entwicklung der menschlichen Welterklärungen von Magie über Religion hin zur Wissenschaft. Für ihn schien das Ende des mythologischen, magischen Denkens als wichtige Ursache menschenverachtender, absurd erscheinender ritueller Opfer bereits erkämpft.
Christine Viertmann

2. Der Sündenbock als sozialer Mechanismus – Theoretische und analytische Grundlagen

Zusammenfassung
Rademacher (2009) kritisiert die „disziplinäre Beschränkung“ der PR-Forschung als zentrales Defizit des Fachs. Es gäbe kaum Grenzüberschreitungen, die zu einer breiteren Theoriebildung führen könnten (Rademacher 2009, S. 18). Auch Nothhaft und Wehmeier (2013) beklagen sowohl die klassisch empiristische Perspektive der in erster Linie sozialwissenschaftlich orientierten PR-Forschung als auch die Fülle der PR-berufspraktischen Allgemeinplätze einiger Arbeiten. Sie fordern eine Hinwendung zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen und eine kritische Reflexion der aktuellen Entwicklung des Fachs hin zu einer Art Kommunikations-Betriebswirtschaftslehre (Nothhaft und Wehmeier 2013, S. 316, S. 327).
Christine Viertmann

3. Merkmale einer medialen Sündenbock-Erzählung

Zusammenfassung
Aufmerksamkeit ist nach Rosa (2012) ein knappes und dadurch besonders wertvolles Gut geworden. Sie ist unweigerlich mit Zeit verbunden und diese ist begrenzt (Rosa 2012). Der Ansatz zur Ökonomie der Aufmerksamkeit von Franck (2007) beschreibt die individuellen Zeit- und Aufmerksamkeitsressourcen sogar als eine neue Währung, die das Geld in seiner Bedeutung ablösen könnte. Je reglementierter der Zugang zur Öffentlichkeit und damit zur Aufmerksamkeit ist, desto wichtiger werden Status und Macht bzw. der Faktor Prominenz.
Christine Viertmann

4. Die Sündenbock-Fallstudien

Zusammenfassung
Aufbauend auf Kapitel 3 sollen im vierten Kapitel Merkmale einer Sündenbock-Erzählung innerhalb der medialen Berichterstattung anhand von drei Fallstudien analysiert werden. Um die Möglichkeiten einer empirischen Untersuchung des Sündenbock-Mechanismus in der Öffentlichkeit zu systematisieren, wurde ein Modell herangezogen, das es dem Leser ermöglicht, verschiedene Perspektiven und Reflexionsebenen zu unterscheiden. Die Metapher der verschiedenen Ebenen einer Theaterbühne nach Goffman (1959/1996) dient als Visualisierung der Analyse. Sie ist besonders gut geeignet für die Systematisierung der empirischen Untersuchung, da sie auf sprachliche Interaktion und Narration im öffentlichen Raum Bezug nimmt. Dennoch dient nicht Goffmans Theorie selbst, sondern lediglich das Bild des Theaters als Grundlage für die folgenden Erläuterungen.
Christine Viertmann

5. Schlussbetrachtung

Zusammenfassung
Campbell spricht von einem ewigen Kreislauf von Verheißung und Schuldzuschreibung. Es liegt in der Natur des Menschen, seine Hoffnung auf andere, scheinbar fähigere Menschen zu setzen und diese, im Fall einer Enttäuschung, symbolisch in Asasels Wüste (vgl. Kapitel 2.2) zu schicken. Die Struktur dieser Abspaltung von Schuld und Verantwortung auf ein Gegenüber entstammt, so lautet die Grundthese dieser Arbeit, alten Reinigungs- und Opferritualen. Im Laufe der Geschichte wurde aus dem Sündenbock-Ritual ein Mythos, eine traditionelle Erzählung, die als Mechanismus im Kontext sozialer Interaktionen auch heute fortbesteht.
Christine Viertmann

Backmatter

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