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Über dieses Buch

Das Buch untersucht den Körper in doppelter Perspektive: Zum einen nimmt es den Körper in einem geometrischen Sinne beim Wort und fragt danach, welche realen und welche imaginären Grenzen dieser hat, wie weit er in reale, augmentierte oder virtuelle Räume hineinreicht, welche Interventionen an seinen Grenzen und Oberflächen ansetzen und nicht zuletzt, welche Aushandlungen sich an seinen Enden, an seinen räumlichen Umgrenzungen und an seiner vermeintlichen Geschlossenheit anlagern. In den Blick geraten so jene Kontaktpunkte, Schnittstellen und Interfaces, die den Körper mit einer Welt verbinden (z.B. im Fall smarter Wohn- und Arbeitsumgebungen) oder ihn von ihr abgrenzen. Der zweite Zugang handelt von der zeitlichen Dimension des Körpers, also von all den Szenarien des Endes, des Untergangs, des Verschwindens und Überflüssigwerdens, die dem Körper prognostiziert wurden. Diesen Szenarien steht eine Vielzahl von Strategien gegenüber, die darauf abzielen, den scheinbar verlorenen Körper wieder zu restituieren.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Das erste Ende

Der Titel Die Enden des Körpers ist zugegebenermaßen verspielt. Er macht von der Möglichkeit einer semantischen Ambiguität Gebrauch, wie sie gerade in den Veröffentlichungen deutschsprachiger Kulturwissenschaften zunehmend Verwendung findet. Der Effekt zielt auf eine Vervielfältigung von Bezügen, um sich so einem Diktat der Eindeutigkeit zu entziehen.
Stefan Rieger

Kapitel 2. Das zweite Ende

Was wurde diesem Körper nicht alles an Szenarien des Endes, des Untergangs, des Verschwindens und Überflüssigwerdens prophezeit, prognostiziert oder in Manifesten einfach nur gesetzt (vgl. Rölli 2015). Und was wurde umgekehrt nicht alles getan, um die Unmöglichkeit dieses Unterfangens seinerseits unter Beweis zu stellen und den Körper wieder mit nicht minder großem Aufwand zu restituieren. Die Schwierigkeiten, über ihn zu reden und das gerade auf Veranstaltungen, die ausgerechnet in seinem Namen stattfinden, haben Bruno Latour eigens dazu bewogen, die Teilnehmer einer Konferenz einmal nach einem Gegenbegriff zum Körper zu befragen: Wie es in Latours schriftlichem Beitrag unter dem Titel How to Talk About the Body? heißt, förderten die Ergebnisse dieser inversen und, wie er es nennt, patho-logischen Bestimmungsbemühung eindrucksvolle Vorschläge zu Tage.
Stefan Rieger

Kapitel 3. Eine nicht landläufige Theorie der Medien

Ob der Mensch noch gebraucht wird oder nicht, ob alles beim Alten bleiben kann oder ob er in welcher Form auch immer upgegradet werden muss – im Auseinandertreten möglicher Entwicklungsszenarien bei Mensch und Medium wird jener Raum geschaffen, der im Namen des griechischen Titanen Prometheus Haltungen zur Technik aussteuert. Diese reichen in ihren Extremen von der zeitdiagnostischen Technikkritik bei Günther Anders bis zum alles Technische ausschöpfenden Extropianismus bei Max More und anderen Vertretern von Post- und Transhumanismus. All die Fallgeschichten und all die Szenarien, die sich an den beiden Redeweisen vom Ende anlagern, all diese in sich sehr unterschiedlichen und auch widersprüchlichen Narrationen haben jedoch eine gemeinsame, wenngleich nicht immer einfach zu erkennende Fluchtlinie: Sie alle handeln davon, dass Menschen und Tiere, Steine und Pflanzen, Maschinen und Medien, Belebtes und Unbelebtes, Reales und Virtuelles, Faktisches und Fiktives, Simuliertes und Modelliertes, Augmentiertes und Emuliertes, Gegenwärtiges und Zukünftiges in Umweltbeziehungen eingelassen sind, die Unterscheidungen zwischen den Listenelementen schwierig macht – schwieriger jedenfalls als im hemdsärmeligen Beispiel von den japanischen Glückspielern an ihren hebelbetriebenen pachinko-Automaten.
Stefan Rieger

Kapitel 4. Die anthropophile Gestalt der Dinge

Aber es gibt nicht nur Verwerfungen und auseinanderklaffende Entwicklungen, radikale Neuanfänge und träge Beharrungstendenzen. Löst man sich von der Vorstellung, die Handlungsmacht wäre ausschließlich Privileg des Menschen und überträgt sie auf andere Spezies, auf Dinge, Computeralgorithmen und im Zuge jüngerer Stoffgeschichten gar auf die Ebene bloßer Materialien, so hat man jenen Diskussionsstand erreicht, wie er im Anschluss an die Actor-Network-Theory von Bruno Latour oder den agentiellen Realismus von Karen Barad die Theorielandschaft seit einiger Zeit folgenreich bestimmt (vgl. Soentgen und Völzke 2006; Boeschen, Reller und Soentgen 2004; Kaeser 2006; Espahangizi und Orland 2014; Barad 2012). In deren Zuge konnte der eingeforderte Akteurstatus Elektronische Agenten und große Menschenaffen (Teubner 2006) betreffen, es fand die Rechtsförmigkeit von Pflanzen und Autos, die citizenship von Tieren und die Urteilsfähigkeit von Objekten Beachtung (vgl. Donaldson und Kymlicka 2011; Lash 1999).
Stefan Rieger

Kapitel 5. Kleider rechnen Leute

Die Rechentechnik, die das schwer zu überschauende Spektrum 5solcher und ähnlicher Anwendungen überhaupt erst ermöglicht, steht im Zeichen von Flexibilität, sie berücksichtigt zunehmend den Körper in seiner Ganzheit und erschließt mit ihrer Mobilität ungewohnte Schauplätze. Die technische Intelligenz ist eine strategische Allianz mit Kleidung eingegangen. Und sie ist, derart gewandet, tragbar geworden. Alex Pentland, einer der Protagonisten des wearable computing, beschreibt diesen Prozess als Abkehr von fixen Orten der Berechnung.
Stefan Rieger

Kapitel 6. Medientheorie und Glückspiel

Dem Textilen eignet ein semantisches Potential, das nicht zuletzt für die Aufstellung einer gleichermaßen sach- wie zeitgemäßen Medientheorie selbst eine Fülle unterschiedlicher Bezugnahmen erlaubt. Und so wundert es nicht, dass dieses Potential auch entsprechend ausgereizt und in die Diskussion eingebracht wird – zum Teil unterschwellig und in Form der gewählten Performanz, oft aber mit einer ausgestellten Explizitheit. Einschlägig dafür sind Protagonisten wie der amerikanische Informatiker und Kommunikationswissenschaftler Mark Weiser, der sich mit einem programmatischen Text The Computer for the 21th Century im Jahr 1991 zu Wort meldete (Weise 1991b).
Stefan Rieger

Kapitel 7. Zauberschuhe, ein denkendes tank-top und vibrierende Westen

Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Belange von Tragbarkeit und Design wird am Ende des Körpers, weil an den Füßen und in Form entsprechend zu gestaltender Schuhe verhandelt. Im Anschluss an die bei Rosalind W. Picard eher beiläufig erwogene Überlegung, Sensoren eben aus Gründen ihrer Unmerklichkeit an die Füße zu verlagern, wird eine eigene Forschungslinie sichtbar. Systematisch ist dazu die Aufmerksamkeit auf die Energetik gerichtet – fernab all der anderen Aspekte, denen sie sonst noch Vorschub leistet wie ihre gute Tragbarkeit, ihre modische Ausgestaltung und ihre Unmerklichkeit (vgl. Loos 2010a; Loos 2010b).
Stefan Rieger

Kapitel 8. Ambient Assisted Living

Mit der Ambivalenz unscheinbarer Regungen, seien es die von Füßen oder anderen Gliedmaßen, die Verrichtungen des bloßen Lebens, die Vorgänge des Atmens, die Zirkulation des Blutes, die Schwankungen der Körpertemperatur oder die Veränderungen der Leitfähigkeit der Haut, gerät der Körper in den Fokus praktischer Interventionen und theoretischer Aufmerksamkeiten. Er steht im Mittelpunkt einer Beforschung, die in den aktuellen Arbeiten Rosalind W. Picards, der Leiterin einer Forschergruppe zum Affective Computing am MIT Media Lab, einen ihrer markantesten Schauplätze gefunden hat. Dabei gehören die Schwerfälligkeiten und Umständlichkeiten einer Ferndatenerhebung, mit denen sich die Heidelberger Wissenschaftler im Umfeld des Gestaltkreises noch herumschlagen mussten, der Geschichte an.
Stefan Rieger

Kapitel 9. Home Sweet Home

Was in diesen Diskussionen und der Fülle ihrer konkreten Umsetzungen und vor dem Horizont möglicher Anwendungen und Bewertungen sichtbar wird, ist nicht die apokalyptische, sondern eine nachgerade hausbackene Form der Frage danach, unter welchen Oberflächen und in welchen Formen man geneigt ist, Technik und diejenigen, die sich mit ihr auf unterschiedliche Weise und in diversen Modi der Selbst- oder Fremdbestimmung verbinden, zu akzeptieren. Was damit zur Disposition steht, ist nicht weniger als die Frage nach einem guten Leben, dem möglichen Beitrag, den Technik dazu leisten soll und die Abwägungen zwischen Privatheit und notwendiger Offenlegung von Daten, zwischen Autonomie und deren partieller Preisgabe (vgl. Linke 2015). Die Bandbreite möglicher Anwendungen ist vielfältig und reicht vom Design verschiedener Kleidungsstücke (siehe Kapitel 8), von der Gestaltung von Räumen und ihrer Möblierung bis zur Architektur ganzer Städte, Umgebungen und Environments.
Stefan Rieger

Kapitel 10. Smart People, Not Smart Homes

Aus den Sorgen und Nöten altfränkischer Hausväter sind also die Sorgen und Nöte gegenwärtiger Bewohner geworden. Das Haus ist nicht nur Herberge und Schauplatz von paternalistischen Fürsorgestrukturen in ihrer technischen Unmerklichkeit, es ist mit ihnen eins geworden und verkörpert diese nachgerade (vgl. Spiekermann und Pallas 2006). Für viele Beobachter ist ein derartig veranlagtes Haus zu einem Unort oder gar zu einer „Hölle der smarten Dinge“ verkommen (Becker 2015, S. 83).
Stefan Rieger

Kapitel 11. Uncanny Valley

Der Verlust der Heimeligkeit als Verdichtung all dessen, was sich an die Semantik des Heimes angelagert hat, was die Ausführungen über smart homes im Allgemeinen und das AAL (ob als Abkürzung für das Ambient Assisted Living oder Active Assisted Living) im Besonderen ausmacht, verdichtet sich in der Formulierung vom uncanny valley. Sie wird zur Kurzformel eines Vorbehalts, den Norbert Wiener als uncanny canniness beschrieben hat. Die medientheoretische Aufmerksamkeit für das Unheimliche geht zurück auf einen kurzen Text des japanischen Roboterforschers Masahiro Mori aus dem Jahr 1970 (und nicht, wie gelegentlich behauptet wird, auf dessen Buch The Buddha in the Robot: a Robot Engineer’s Thoughts on Science and Religion von 1974).
Stefan Rieger

Kapitel 12. Das Geschick der fremden Hand: Rendering

In Szenarien der Heimeligkeit und Unheimlichkeit werden sowohl von der Sache als auch von der Theorie her Beobachtungen verhandelt, die in der Geschichte der Psychologie unter Begriffen wie der Eben- oder Unmerklichkeit konzeptualisiert wurden. Dabei interessieren Phänomene in ihrer schieren Differenzierbarkeit, also im Moment des Unterschiedenwerden- oder des Nichtunterschiedenwerdenkönnens – und weniger mit Blick auf ihre konkrete inhaltliche Füllung. Ab wann ein bestimmter Sinneseindruck etwa als distinkt von einem anderen wahrgenommen wird ist die Frage nach der Schwelle, die das Hauptbetätigungsfeld der Psychophysik als früher Variante einer auf Formalisierung und Mathematisierung abgestellten Psychologie bildet.
Stefan Rieger

Kapitel 13. Negative Prothetik

Der Körper ist an Grenzen gestoßen und dabei selbst zu einer Grenzfigur, genauer noch zur Figur einer unablässigen Grenzverschieblichkeit geworden. Dieser Flexibilität an den Körpergrenzen hat gerade die Medienentwicklung Vorschub geleistet. Mit den virtuellen Realitäten und ihrer Verbreitung verbreitet sich eben auch die Erfahrung anderer Körperbefindlichkeiten und Selbstbezüge, anderer Welt- und Selbstwahrnehmungen.
Stefan Rieger

Kapitel 14. Rubber Hand Illusion: Habemus corpus?

Was sich am Beispiel der Apotemnophilie, was sich aber auch an anderen Störungen des Körperbildes beobachten lässt, sind Momente des Unbehaglichen, des Unstimmigen und des Unheimlichen am eigenen Körper und gegenüber dem eigenen Körper. Diese Entfremdung lässt sich in eine vertraute Semantik, nämlich in die des schützenden Hauses kleiden, dessen Verlust an Heimeligkeit beschrieben und in Form des uncanny valley zu einem Topos der Beschreibung von Technik und Medien überhaupt hat werden können: Es scheint, als ob der Körper als Haus des Bewusstseins nicht minder problematisch geworden ist wie die realen Häuser (und nicht zuletzt auch die klugen Kleider) in ihrer kaum noch zu übersehenden Smartheit – jener Befund, der sich in der Formel Smart People, Not Smart Homes als Gegenbewegung zur ambienten Intelligenzaufrüstung verdichtet und der die Verhältnisse zwischen Häusern als Verkörperung des für seine Bewohner zuträglichen Ambienten und den Menschen als eben diesen Bewohnern nachgerade auf den Kopf stellt.
Stefan Rieger

Kapitel 15. Ende mit Ziege – ein Ausblick

Diese Arbeit setzte mit dem Interesse für die beiden Enden des Körpers ein – seine zeitdiagnostische Abschaffung, wie sie in Post- und Transhumanismus mit einigem Aufwand gefordert und betrieben wird. Aber sie fragte eben auch nach der schlichten geometrischen Begrenztheit, sie fragte nach Grenzflächen wie der Haut, der Kleidung oder dem Haus als Möglichkeiten, dieser Art von Ende nahezukommen. Ein Wissen vom Körper zu erheben, war vielleicht der kleinste gemeinsame Nenner all der hier versammelten Versatzstücke.
Stefan Rieger

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