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Über dieses Buch

Dieses essential handelt vom spektakulären Aufstieg des Gefühls Einsamkeit von einer unerwünschten persönlichen Erfahrung zu einem weithin anerkannten sozialen Problem. Der Autor beschreibt und analysiert diesen Prozess, der mit der wissenschaftlichen Entdeckung der Einsamkeit als Risikofaktor für Krankheit und Tod begann und sich mit der Popularisierung der Befunde in den führenden Massenmedien öffentlich verfestigte. Einen vorläufigen Höhepunkt hat die Neubewertung der Einsamkeit als schädlich und zudem weitverbreitet in der politischen Institutionalisierung als Interventionsgegenstand erreicht. Das Einsamkeitsproblem wird uns sicherlich dauerhaft erhalten bleiben. Es bezeichnet eine Kehrseite spätmoderner Freiheits-, Mobilitäts- und Wohlbefindensgewinne und ist in der sozialen Ausgrenzung großer Bevölkerungsgruppen fest verankert.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Einführung: Einsamkeit als neuartiger Problematisierungsfall im digitalen Kapitalismus

Zusammenfassung
Einsamkeit ist im ersten Fünftel des 21. Jahrhunderts von einem privaten Ärgernis zu einem weithin anerkannten globalen Problem aufgestiegen. Auslöser dieser ganz überraschenden Entwicklung war die wissenschaftliche Entdeckung der Einsamkeit als höchst bedeutsamer Risikofaktor für Erkrankung und Tod, die in einer ständig anwachsenden Menge von Forschungsbeiträgen immer wieder bestätigt wurde. Als Verstärker für die öffentliche Etablierung des Einsamkeitsproblems war und ist die Popularisierung der Risikobefunde in den Massenmedien notwendig. Für die Soziologie stellt sich angesichts der Einsamkeitskonjunktur die Aufgabe, gegenüber der vorherrschenden gesundheitswissenschaftlichen Perspektive die gesellschaftlichen Hintergründe und Begleiterscheinungen negativer Einsamkeitsfolgen geltend zu machen.
Friedrich W. Stallberg

Kapitel 2. Das Leiden am Alleinsein. Einsamkeit im sozialen Kontext

Zusammenfassung
Einsamkeit ist eine schmerzhafte Emotion des Mangels an Kontakt, Beziehungsqualität und Zugehörigkeit. Sie umfasst verschiedenste negative Erlebnisweisen wie Unzufriedenheit, Angst, Ärger, Trauer und Verlorenheit, die für gewöhnlich unausgedrückt und unerkannt bleiben. Ihre zutiefst soziale Natur besteht darin, dass sie in sozialen Beziehungen entsteht und wirksam wird, in der Häufigkeit und Verteilung des Auftretens sozialstrukturell bedingt ist und sie schließlich in ihrer Bestimmung und Bewertung dem kulturellen Wandel unterliegt.
Friedrich W. Stallberg

Kapitel 3. Chronische Einsamkeit als Erkrankungsrisiko – Merkmale und Ergebnisse der empirischen Forschung

Zusammenfassung
Zu Einsamkeitsgefühlen als Erkrankungsrisiko sind im letzten Jahrzehnt weltweit Tausende von Forschungen veröffentlicht worden. Sie sind durchweg quantitativ orientiert, halten strenge Distanz zu den Befragten und ihrem Leid und sind methodologisch wenig ambitioniert, indem sie Einsamkeit in der immer gleichen, fragwürdigen Weise erheben. Die vielfach analysierten empirischen Befunde belegen aber sehr eindrucksvoll, dass Einsamkeit die Gesundheit der von ihr chronisch Betroffenen mit hoher Wahrscheinlichkeit schwer schädigen kann und auch den vorzeitigen Tod begünstigt.
Friedrich W. Stallberg

Kapitel 4. Die Massenmedien als Instanz der Problemverstärkung

Zusammenfassung
Der gesellschaftliche Aufstieg der Einsamkeit vom subjektiv belastenden Gefühl zum stabilen sozialen Problem wäre durch die sich massenhaft vollziehende Erforschung negativer Einsamkeitseffekte allein nicht annähernd erreichbar gewesen. Für die öffentliche und in Ansätzen auch schon politisch erfolgte Anerkennung der potentiellen Schädlichkeit der Emotion ist die seit wenigen Jahren erst einsetzende wissenschaftsjournalistische Berichterstattung als Verstärker, Beglaubiger und Übersetzerin sicherlich notwendig gewesen. Erst die massenmediale Interessiertheit an der Entdeckung der Einsamkeit und ihre inzwischen eingetretene Kontinuität hat für eine breitere gesellschaftliche Bekanntheit des Problematischen gesorgt.
Friedrich W. Stallberg

Kapitel 5. Grenzen und Chancen der Medikalisierung

Zusammenfassung
Die inzwischen weithin durchgesetzte Problematisierung der Einsamkeit vollzieht sich bislang überwiegend als Prozess der Medikalisierung. Diese Erstbewertung als öffentliches Gesundheitsproblem kann aber durchaus sozialwissenschaftlich als Türöffner genutzt und durch alternative Perspektiven ergänzt und begrenzt werden. Auch sind in dem krankheitsorientierten Deutungsmodell solch positive Effekte wie die Entstigmatisierung der Einsamen, die psychotherapeutische Anerkennung der Einsamkeit und ihre politische Überwindung als Privatangelegenheit potentiell enthalten.
Friedrich W. Stallberg

Kapitel 6. Die Verbreitung und Verteilung der Einsamkeit – aktuelle Daten und Tendenzen

Zusammenfassung
Die Neuentdeckung der Einsamkeit als hoch riskantes Gefühl wäre sicherlich nicht annähernd so erfolgreich gewesen, wenn ihr Gegenstand nicht auch weltweit, wenngleich in einzelnen nationalen Gesellschaften und in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen ungleich ausgeprägt, verbreitet wäre. Und wenn nicht die Häufigkeit seines Vorkommens nachdrücklich auf die Folgen problematischer Lebenslagen aufmerksam machen würde. Während die starke Verbreitung der Einsamkeit durch eine hohe Anzahl empirischer Studien überzeugend nachgewiesen werden kann, ist die Frage ihrer Entwicklung nur weniger klar zu beantworten. Ganz vieles spricht für ihrelangfristige Zunahme; wirklich untersucht ist aber nur das  stetige Anwachsen in den letzten Jahren.
Friedrich W. Stallberg

Kapitel 7. Das Einsamkeitsproblem in Zeiten der Pandemie: Verstärkung und Normalisierung

Zusammenfassung
Die derzeit noch andauernde Corona- Pandemie ist für das noch junge Einsamkeitsproblem schon jetzt als ein für seine weitere Anerkennung höchst förderliches Ereignis zu bewerten. So viel wie 2020 war von dieser Neuentdeckung des 21. Jahrhunderts öffentlich noch niemals die Rede. Und es melden sich es nun auch Beobachter und Deuterinnen mit großer Bekanntheit und Definitionsmacht zu Wort, die mit ihrer „humanistisch“ geprägten Thematisierung des Leids an der Einsamkeit eine unabweisbare Legitimation der Existenz dieses Phänomens hervorbringen.
Friedrich W. Stallberg

Kapitel 8. Ansätze zu einer eigenständigen Politik der Einsamkeit

Zusammenfassung
Die Entdeckung der Einsamkeit als einer potentiell schädlichen Emotion hat nahezu unverzüglich auch einen Prozess der Politisierung und Institutionalisierung in Gang gebracht. Die Veränderungsplädoyers einiger prominenter „Kundschafterinnen“ in Fachöffentlichkeit und Massenmedien mögen dies schon angebahnt haben. Jedoch ist der Weg hin zum zentralen Gegenstand von Kampagnen, Ämtern und Kommissionen für die Einsamkeit nicht so ohne weiteres zu beschreiten gewesen, und noch beschränkt sich die Etablierung einer eigenständigen Einsamkeitspolitik auf einige englischsprachige Nationen.
Friedrich W. Stallberg

Kapitel 9. Grenzen der Intervention. Zur Unlösbarkeit des Einsamkeitsproblems

Zusammenfassung
Mit der Bewertung der Einsamkeit als Ausdruck einer gesellschaftlichen Verbundenheitskrise im allgemeinen und als Produzentin hoher subjektiver und sozialer Kosten im Besonderen und der Institutionalisierung ihrer Bekämpfung als gesellschaftliche Aufgabe, hat das Einsamkeitsproblem schon eine eindrucksvolle Karriere durchlaufen. Seiner nun anstehenden Bewältigung sind jedoch enge Grenzen gesetzt. Diese ergeben sich durch die Stellung der Einsamkeit als eine Art Kehrseite diverser Errungenschaften der Moderne, durch den sie noch vermehrenden demographischen und technologischen Wandel und durch ihre Verankerung in den weit verbreiteten Realitäten sozialer Ausgrenzung.
Friedrich W. Stallberg

Backmatter

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