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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Die gesellschaftliche Verankerung politischer Parteien in nichtwestlichen Demokratien als Forschungsproblem

Zusammenfassung
Die Parteienforschung ist Mitte der 1990er Jahre des letzten Jahrhunderts wiederbelebt worden. Die Gründung der Fachzeitschrift Party Politics 1995 und ihr Fortbestand bis heute ist ein klares Indiz dafür, zahlreiche andere Publikationen ein weiteres.1 Der Anlass für das neue Interesse lag nicht etwa darin, dass die Parteienforschung ihr grundlegendes Dilemma, die „geringe Theoretisierbarkeit“ (Beyme 2000: 9) ihres Gegenstandes, überwunden hätte. Vielmehr lag ein schlichter, aber wesentlicher Grund in Gründung zahlreicher neuer Parteien im Rahmen der so genannten dritten Demokratisierungswelle. Die Zahl der neuen Parteien ging in die Hunderte. Dabei wurde rasch deutlich, dass sich die zumeist jungen Parteien in den jungen Demokratien von den etablierten Parteien in den alten Demokratien Westeuropas und in Nordamerika unterscheiden und damit die Forschung vor neue Herausforderungen stellen. Ein anderer Grund für das wieder erwachte Interesse an politischen Parteien lag darin, dass auch an den etablierten Parteien Veränderungen zu beobachten waren, die ihre gesamte Erscheinung berührten. Klaus von Beyme (2000) hat dies im Titel seines Spätwerkes Parteien im Wandel Von den Volksparteien zu den professionalisierten Wählerparteien eingefangen.
Gero Erdmann, Patrick Köllner, Joachim Betz

Funktionen politischer Parteien in nicht demokratischen Regimen des Vorderen Orients

Zusammenfassung
Politische Parteien im Vorderen Orient wurden systematisch seit den 1960er Jahren untersucht. Soweit es sich nicht um rein deskriptive Arbeiten handelte, galt das Interesse der Autoren überwiegend zwei theoretischen Konzepten (zu den Ansätzen und Konzepten in der vergleichenden Systemanalyse des Vorderen Orients vgl. Pawelka 2000: S. 389–413).
Peter Pawelka

Strategien der Wählerrückbindung im postautoritären chilenischen Parteiensystem

Zusammenfassung
Trotz der unbestreitbar zentralen Bedeutung lateinamerikanischer politischer Parteien in den (Re-)Demokratisierungsprozessen der sog. Dritten Welle, steckt die vergleichende politikwissenschaftliche Forschung zu Parteien und Parteiensystemen in Lateinamerika noch in den Kinderschuhen (Bendel 1996: 24; Mainwaring 1999: 21–22). Das bisher eher geringe Interesse der Lateinamerika-Forschung an politischen Parteien liegt u. a. darin begründet, dass sich Parteien in vielen mittel- und südamerikanischen Ländern in einer Konkurrenzsituation zu anderen politisch relevanten Gruppen befinden, die ihnen die Vermittlerrolle zwischen den politischen Entscheidungszentren und der Zivilgesellschaft streitig machen. Parteiendemokratien wie wir sie etwa aus den parlamentarischen Systemen Westeuropas kennen sind in den Präsidialsystemen Lateinamerikas eher die Ausnahme als die Regel. Obwohl sich in zahlreichen lateinamerikanischen Staaten erste (Honoratioren-) Parteien bereits im 19. Jahrhundert herausbildeten, konnten sich politische Parteien nach diesem frühen Demokratisierungsschub nur in Ausnahmefallen als zentrale Akteure bei der Gestaltung des politischen Wettbewerbs durchsetzen. Anders als in Europa vollzog sich der Prozess der Ausdehnung des Wahlrechts und der Integration der Mittel- und Arbeiterschichten in den politischen Prozess nicht auf evolutionärem Wege, sondern abrupt und von zahlreichen Rückschritten unterbrochen. Die formale, d. h. (verfassungs-) rechtlich geregelte, Ausdehnung des Wahlrechts ging häufig mit der Differenzierung der Manipulationspraktiken im informellen Bereich einher.
Ingrid Wehr

Tansania: Informelle und formelle gesellschaftliche Verankerung politischer Parteien in Afrika

Zusammenfassung
In der politikwissenschaftlichen Afrikanistik ist die Analyse von formaler Politik und ihrer Institutionen oft als wenig fruchtbar angesehen worden. Bei näherer Beschäftigung hat sie sich als wenig greifbar oder kaum als relevant erwiesen. Jene Analysen, die sich mit den formalen Institutionen und ihren Defekten auseinandersetzen, erfuhren den Vorwurf eines ‚westlichen‘ oder modernisierungstheoretischen (seltener, obgleich ebenso angemessen: neo-marxistischen oder dependenztheoretischen bzw. ökonomistischen) Bias, der ein hinreichendes Verständnis der afrikanischen Politik kaum möglich mache. Ähnliches gilt jedoch auch für die Statist School, die den Staat und seinen personalisierten Machtmissbrauch seiner formalen Strukturen ins Zentrum stellte.1 Dabei wurde in aller Regel auf die systematische Unterscheidung zwischen formaler und informeller Politik und entsprechender Institutionen verzichtet. Als Institutionen wurden zumeist nur die formalen begriffen, die mit den modernen staatlichen Organisationen im Zusammenhang stehen.2 Die Beschäftigung mit informeller Politik und mit informellen Institutionen — ohne dass diese so genannt wurden -, hat also eine gewisse Tradition in der politikwissenschaftlichen Afrikanistik. Sie erschöpfte sich aber zumeist in dichten Beschreibungen, ohne systematisch eigene Konzepte zu entwickeln.3 So hat unter anderem die Anlehnung an die westeuropäische Parteienforschung mit ihrer Konzentration auf formale Institutionen zum Versiegen der Parteienforschung in Afrika und ihrer nur sehr langsamen Wiederbelebung beigetragen; ein anderer Grund lag sicherlich auch in der Monotonie der Einheitsparteien.4
Gero Erdmann

Die gesellschaftliche Verankerung politischer Parteien in Südkorea

Zusammenfassung
Die politischen Parteien Südkoreas2 haben wenig mit dem westlichen Idealtyp programm-orientierter Parteien mit innerer Demokratie und gesellschaftlicher Verwurzelung gemein. Auch anderthalb Jahrzehnte nach der ‚demokratischen Öffnung‘ des Landes sehen nicht wenige Beobachter in der schwachen Institutionalisierung der koreanischen Parteien eine der größten Herausforderungen für die weitere Entwicklung der Demokratie in dem ostasiatischen Land. Im Rahmen dieses Beitrags sollen die Beziehungen zwischen Parteien und Gesellschaft im gegenwärtigen Korea analysiert werden. Dabei interessiert uns insbesondere, wie die Parteien des Landes eine gesellschaftliche Verankerung zu erzielen versuchen und welche Konsequenzen dies für das politische System hat.
Patrick Köllner

Die gesellschaftliche Verankerung der politischen Parteien im „kontrollierten Pluralismus“ Marokkos

Zusammenfassung
Ausgehend von der Erfahrung in den westlichen Demokratien weist die politische Theorie den Parteien eine Reihe von wesentlichen Aufgaben im politischen System zu. Als zentrale Klammer zwischen Gesellschaft und politischem System dienen die politischen Parteien insbesondere der Repräsentation der Bevölkerung; d. h. sie dienen insbesondere der Interessenartikulation und -aggregation. Darüber hinaus dienen die politischen Parteien der Mobilisierung der Bevölkerung; sie rekrutieren das politische Personal und stellen die Regierung. Ausgehend von diesen Funktionen politischer Parteien in voll entfalteten Demokratien wurde in den letzten Jahren auch auf die Bedeutung von Parteien in politischen Transitionsprozessen hingewiesen. Aufgrund ihrer Bedeutung für die Vermittlung gesellschaftlicher Interessen an das politische System gelten gut institutionalisierte Parteien mit einer engen gesellschaftlichen Verankerung allgemein als eine wichtige Bedingung für die Konsolidierung junger Demokratien (vgl. Mainwaring und Scully 1995; Bendel 1996; Bendel und Grotz 2001; Merkel 1996).
Dirk Axtmann

Informale Politik in Parteien in Ungarn — Die Beziehung zwischen Parteien und Bürgern in einem Transformationsland

Zusammenfassung
Zum Grundgerüst einer modernen Demokratie liberaler Prägung gehört die Repräsentation des Volkeswillens durch politische Institutionen. Als zentralster Träger dieser Repräsentation haben sich politische Parteien etabliert. Politische Parteien übernehmen in Demokratien Funktionen der Organisation gleicher oder ähnlicher Interessen, des Agenda-setting, der politischen Sozialisation und Mobilisierung, der Rekrutierung von politischem Personal, der Durchsetzung der Interessen ihrer Mitglieder oder Sympathisanten, der Regierungsbildung und/oder Regierungskontrolle sowie der Beeinflussung der Staatstätigkeit (Stöss zitiert nach Schmidt 1995: 697).1
Susanne Pickel

Kirgistan — eine „Insel der Demokratie“ in Zentralasien?

Zusammenfassung
Kirgistan wurde 1918 als Teil der Autonomen Sowjetrepublik Turkestan (heute: fast ganz Zentralasien) gegründet. 1936 erhielt es den Status einer Republik innerhalb der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Unmittelbar nach dem August-Putsch in Moskau 1991 erklärte es seine Unabhängigkeit. Die Kirgisische Republik, wie der offizielle Name Kir-gistans auch heute noch ist, wurde ins Leben gerufen. Bis Mitte/Ende der 1990er Jahre galt das fünf Millionen Einwohner zählende Kirgistan als „Insel der Demokratie“ (siehe ausführlich Anderson 1999: 34 ff.) in Zentralasien. Kirgistan war umgeben von Staaten, die -wie Afghanistan und Tadschikistan — durch Bürgerkriege zerrüttet und vom Staatszerfall bedroht waren, oder von Staaten, die — wie Usbekistan und Turkmenistan — autoritär geführt wurden. Dagegen nahm es sich als ein demokratischer, freiheitlicher Staat aus. Die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen waren meist frei und fair, gleich und transparent. Die Bevölkerung hatte vielfältige Möglichkeiten, ihre Interessen offen und legal zu äußern, ihren Unmut kundzutun und Alternativvorschläge zu unterbreiten. Meinungs- und Versammlungsfreiheit bestanden. Glaubens- und Gewissensfreiheit waren gewährleistet.
Marie-Carin von Gumppenberg

Die gesellschaftliche Anbindung der indischen Parteien

Zusammenfassung
Indien feiert sich gerne als größte Demokratie der Welt, ein Eigenlob, das zumindest nicht ganz unbegründet ist, betrachtet man die Dauer dieser Regierungsform dort im Verhältnis zu ihrem Schicksal in anderen Entwicklungsländern, vor allem aber Größe, soziale, religiöse und ethnische Zerklüftung des Landes sowie die hier — vor allem zu Beginn der demokratischen Entwicklung — vorherrschende massive Armut und sozioökonomische Rückständigkeit. An der Wahrung demokratischen Kontinuität, am Management der zwangsläufig bei der sozialen Mobilisierung auftretenden Konflikte und an der Einübung einer demokratieförderlichen politischen Kultur hatten die indischen Parteien — allen voran zunächst die Kongresspartei — einen erheblichen Anteil. Freilich ist auch nicht zu übersehen, dass ihr positiver Beitrag im Zuge zunehmender politischer Bewusstwerdung niedriger Schichten und religiöser Polarisierung sowie damit einhergehender Deinstitutionalisierung indischer Parteien — sowie parallelem Siegeszug populistischer Mobilisierung — deutlich geringer wurde (Kohli 1990).
Joachim Betz
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