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Über dieses Buch

Worin liegt die Bedeutung randständiger Dinge für kulturbildende Prozesse? Der Band untersucht ästhetische Entwürfe und theoretische Konzeptualisierungen materieller Peripherien vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Diese werden anhand spezifischer Objekt- und Materialkategorien wie Plunder, Lumpen, Müll oder Makulatur verhandelt und differenziert. Indem literatur-, sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven miteinander verbunden werden, findet eine interdisziplinäre Bearbeitung des Themas statt. Erörtert werden historisch variable Funktionen, die randständige Materialitäten in poetologischen, soziologischen und politischen Kontexten durch kulturell forcierte Auf- und Abwertungsakte übernehmen. Das Ausloten von Darstellungsmöglichkeiten und -grenzen gesellschaftlich marginalisierter Dinge legt zudem ihr besonderes ästhetisches Potenzial frei.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Ränder im Zentrum

Eine Einleitung
Wenn David Wagner in seinem Erzählband Welche Farbe hat Berlin seinen Erzähler durch die Hauptstadt flanieren lässt, dann gilt dessen narrative Aufmerksamkeit nicht nur Plätzen, denen ein touristisches Attraktionspotenzial nachgesagt wird. Neben seinen Beobachtungen zu so heterogenen wie geschichtsträchtigen Orten – dem Holocaust-Mahnmal, der Weltzeituhr oder Konnopkes Currywurstbude – richtet sich der Blick des Erzählers auch auf Dinge.
Lis Hansen, Kerstin Roose, Dennis Senzel

Ränder, Exklusion und Armut im 19. Jahrhundert

Frontmatter

„Eine unterirdische Gesellschaft neben jener, die am Lichte lebt“

Objektivität und Othering in der frühen Soziologie des 19. Jahrhunderts
Der Beitrag zeichnet nach, wie im Europa des frühen 19. Jahrhunderts das Bild einer Armut, welche sich zuallererst über ihre moralische Abgrenzung zur bürgerlichen Werteordnung definiert, an sozial- und wissenschaftsgeschichtlicher Kontur gewinnt. Dieses Armutsbild wird als Ausdruck eines ‚Othering‘ expliziert, dem ein Wechselspiel aus soziologischen Forschungspraktiken und der Suche nach wissenschaftlicher Objektivität einerseits, gesellschaftlichen Vorurteilen und der Beschwörung sozialer Ängste andererseits zugrunde liegt. Das ‚Othering‘ der Armut – so lautet die These des Beitrags – erschließt sich nur dann in vollem Umfang, sofern man es als Kehrseite der im 19. Jahrhundert einsetzenden Verwissenschaftlichung des Sozialen selbst begreift. Denn so sehr die Sozialforschung des 19. Jahrhunderts empirische Klarheit ins Dickicht der Armut zu bringen verspricht, so sehr trägt sie infolge dieser Erkenntnisbemühung zur diskursiven Verfremdung ihres Analyseobjekts und damit zur Grenzziehung zwischen der bürgerlichen Welt und jener der Armut bei.
Johannes Scheu

Ungefährliche Masse

Makulatur und Armut in Ludwig Tiecks Der Jahrmarkt und Bartholf Senffs Geschichte eines Verlangzettels
Der Artikel argumentiert anhand von Ludwigs Tiecks Der Jahrmarkt und Bartholf Senffs Geschichte eines Verlangzettels, dass literarische Makulaturdarstellungen im Vormärz als Arbeit am sozialen Imaginären gelesen werden können, über die die Figur eines arbeitenden Armen plausibilisiert wird. Der Gebrauchswert der Makulatur wird dabei in eine moralische Qualität übersetzt, die Anwendungen von Makulatur als Einwickelpapier mit einem „edlen Trieb zur Tätigkeit“ enggeführt. Damit stehen die Makulaturdarstellungen in Opposition zu Darstellungen anderer randständiger Dinge der Zeit, insbesondere Lumpen, deren metaphorischer Gebrauch gerade den moralischen Verfall und das Gefahrenpotenzial unterer sozialer Klassen versinnbildlichen soll.
Dennis Senzel

Imaginationen und Poetiken materieller Ränder

Frontmatter

‚Herzensmuseen‘ und ‚Kammern der Merkwürdigkeiten‘

Konnotationen des Plunders bei Wilhelm Raabe, Friedrich Gerstäcker und Gottfried Keller
Der Beitrag fokussiert exemplarisch an vier Textbeispielen die literarische Konjunktur von randständigen Dingen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Über die Analyse literarisierter Dingansammlungen erschließt er kulturwissenschaftliche und poetologische Dimensionen von Phänomenen des Plunders. Zum einen werden diese als eine spezifische Möglichkeit der Literatur untersucht, um im diskursiven Kontrast zu Ordnungsverfahren der Moderne von nicht-tradierbaren und unverfügbaren Dingdimensionen zu erzählen. Zum anderen werden diese Phänomene als eine Beobachtungskategorie etabliert, anhand derer die chronische, kulturelle Instabilität von Dingbedeutungen in besonderer Weise offengelegt werden kann.
Kerstin Roose

Der Rest als blind spot

Selbstbezug und Weltbezug in E.L. Doctorows Homer and Langley
E.L. Doctorows Roman Homer and Langley (2009) imaginiert die Alltagserfahrungen, Zufallsbegegnungen und Weltanschauungen zweier Brüder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Manhattan. Inszeniert als Memoiren des in der Kindheit erblindeten Homers entwirft die Erzählung eine ‚alternative‘ amerikanische Geschichte des Konsums und der Subkulturen. Der Artikel nimmt Elena Espositos These vom Rest als blind spot, an dem sich Regeln des Beobachtens und der Wissensbildung manifestieren, als Ausgangpunkt. Es wird erläutert, auf welchen Wegen der Roman das Nicht-Gezeigte und Ungesagte, die blinden Flecken bei Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen, umkreist. Hierzu tragen poetische Beschreibungen des Alten und Überkommenen, die Betonung einer mehrfachen Semantik der dargestellten Reste sowie deren handlungstragende Funktion bei. Zudem beruht die Poetik des Textes – wie die Rede vom Rest selbst – auf Beobachtungsvorgängen zweiter Ordnung. Auf diese Weise konfrontiert Doctorows Roman ein konstruktivistisches Weltbild mit der Unmittelbarkeit sinnlicher Erfahrung und verhandelt so auch das ästhetische Problem des Verhältnisses zwischen Authentizität und Verfremdung.
Eva Murasov

Zur literarischen Semiotik von Müll (Pehnt, Hilbig, Schwab, Strauß)

Anhand von Passagen aus Annette Pehnts Insel 34, Wolfgang Hilbigs Die Kunde von den Bäumen, Werner Schwabs Abfall, Bergland, Cäsar und Bothos Strauß’ Mädchen mit Zierkamm skizziert der Beitrag vier typische literarische Müll-Syntagmen. Dabei zeigt er, dass Müll als Textverfahren unwillkürlich Latenz und Kontingenz produziert. Denn auch wenn sich die exemplarischen Lektüren unter den Schlagworten Aufzählung, Metapher, Lexem und Vermeidung auf den Punkt bringen lassen, kennzeichnen gerade die durch die Thematisierung von Müll provozierten Brüche jeweils im und zwischen Syntagma und Paradigma die literarische Semiotik des Mülls.
David-Christopher Assmann

Kunst-Stoffe

Der Zauber und Fluch materieller Persistenz am Beispiel von Dea Lohers Deponie
Im Beitrag Kunst-Stoffe. Der Zauber und Fluch materieller Persistenz am Beispiel von Dea Lohers „Deponie“ werden die kulturhistorischen Entwicklungen von Kunststoffen mit ästhetischen, ökologischen und temporalen Inszenierungen von Müll in einem Text der Gegenwartsliteratur in Beziehung gesetzt. Es wird ein besonderer Schwerpunkt auf die mit Müll verbundene Transformationen von Dingen und Formen, sowie der damit verknüpften Reaktion des Ekels gelegt. Dabei werden zwei Dimensionen von Müll-Ekel entwickelt. Von diesen Überlegungen ausgehend wird die Spezifik von Kunststoffmüll fokussiert und gezeigt wie Dea Loher (Kunststoff-)Müll als Verfahren nutzt um kulturelle Konstrukte, wie eine Natur-Kultur-Dichotomie, zur Disposition zu stellen. Das Mitte des 20. Jahrhunderts noch zunächst positiv in die Zukunft weisende Wort der Kunststoffe wird in Lohers Text vielmehr als Belastung derselben imaginiert, da die Persistenz der materiellen Vergangenheit die Handlungs- wie Lebensweisen der folgenden Generation erschwert. Die zunächst affirmative Betrachtung von Kunststoffen als Zauberei und die Wandlung der Natur werden angesichts von Plastikteilchen in den Tieren als Kontrollverlust und negative Version des Traums vom ökologischen Kreislauf dargestellt. Sie evozieren einen Müllekel, der als Kulturekel lesbar wird. Es wird in dem Beitrag dargelegt, wie die positive Zukunftserwartung, der Zauber und die Magie der ‚Kunst-Stoffe‘ literarisch vielmehr als ein Fluch der Vergangenheit semantisiert werden.
Lis Hansen

Politische und soziale Dimensionen von Müll

Frontmatter

An der Abfall-Realität reiben

Die vermüllte Perspektive der Literary Discard Studies
Abfälle sind eingebunden in Ökonomien, sie sind verwoben mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Wert und Unwert, sie werden produziert. Dies sind die Grundannahmen der Discard Studies, die sich als neues Forschungsfeld nicht nur mit Abfällen als Resultaten von individuellen und kollektiven Entsorgungsentscheidungen beschäftigen, sondern zugleich die Bedingungen fokussieren, die Abfälle produzieren. Der Beitrag fragt nach der Bedeutung der Discard Studies für die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Abfällen und danach, welche Bedeutung umgekehrt die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Abfällen für die Discard Studies haben.
Christina Gehrlein

„The garbage keeps coming“

Zur Politischen Performativität des Abfalls
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den kulturellen Imaginationen, materiellen Effekten und politischen Markierungen des Mülls. Ausgehend von Narrativen der alltäglichen Müllentsorgung und -beseitigung geht es um die Frage, inwiefern Müll als eine Form der Interaktion, als Kategorie von Dingen, aber auch als Denkfigur eine symbolische Ordnung begründet und aufrechterhält. Dabei werden neuere Aushandlungen der Bedeutung von Abfall, beispielsweise in Joshua Renos anthropologischer Arbeit Waste Away (2016) und in Robin Nagles Picking Up (2013) herangezogen. Mit Bezug auf Julia Kristevas Begriff der Abjektion und auf Jacques Rancières Konzept einer Aufteilung des Sinnlichen geht es schließlich um die Frage, wie gerade der Abfall dazu beiträgt, die Welt in Zonen der Bedeutsamkeit und der Zugehörigkeit einzuteilen.
Laura Moisi

The Contours of Waste and its Remainders in 7 Days of Garbage

The photography series 7 Days of Garbage advances a concern for individual and household accumulations of waste. It attempts to prompt us to rethink our relationships with waste. Through its visual techniques and aesthetic framing of waste and its subjects, the artwork represents the excesses of the Western consumer. The series captures accumulation and particular spatial and temporal orderings of everyday things that would make us classify them as waste. The photographs enable a sense of spectatorship and distance from the scenes, and yet at the same time, work to produce familiarity and self-surveillance. This chapter argues that this aestheticticisation of waste leaves its own residue and remainders. Beyond the individual and household, it leaves out broader networks and economies at play, as well as our affective and sensory entanglements with waste. This chapter calls for us to go beyond the frame of the image and to shift our analytical attention to the ways in which waste is not seen, not felt, and not represented, and the larger economies at play. In doing so, it argues that we can then begin to understand the ways in which framings of waste have consequences for how we encounter material objects, others, and ourselves.
Karma Eddison-Cogan

Stoffwechselstörungen

Müll, Metabolismus, Materialismus
Der Artikel skizziert eine materialistische Theorie des Mülls, die in der Lage ist, das planetarische Müllproblem der Gegenwart zu fassen. Dafür greift er auf die Aneignung des Stoffwechselbegriffs im Rahmen von Marx’ Kritik der politischen Ökonomie zurück. Die Pointe der Marx’schen Verarbeitung des Stoffwechseldenkens des 19. Jahrhunderts besteht darin, die Verschränkungen eines substanziellen ökologischen und eines formal-abstrakten ökonomischen Metabolismus zu fokussieren. Diese Verschränkungen führen zu systematischen Stoffwechselstörungen, in deren Folge Stoffe nicht mehr angemessen umgewandelt und in ökologische Abläufe integriert werden können, was wiederum zur Entstehung von Müll, Unordnung und ökologischer Degradation beiträgt. Die Akkumulation von Reichtum geht in kapitalistischen Gesellschaften deshalb notwendig mit der Akkumulation von Abfällen einher. Marx historischer Materialismus des Stoffwechsels ist anschlussfähig an Debatten über ‚neue Materialismen‘, weil er die Eigenlogik von Stofftransformationen betont, anstatt diese lediglich auf menschliches Handeln zurückzuführen. Umgekehrt kann ein Rückgriff auf Marx die neueren materialistischen Ansätze bereichern, weil dadurch eine kritische Perspektive auf die politische Ökonomie des Kapitalismus eröffnet wird. Diese ist in der Lage, die Reproduktion sozialer Ungleichheiten entlang der ökologisch-ökonomischen Stoffwechselketten sichtbar und kritisierbar zu machen.
Andreas Folkers

Backmatter

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