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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einleitung

Zusammenfassung
Die Darstellung, Selbstdarstellung und in zunehmendem Maße auch die Konstitution von Politik findet heute primär unter den Bedingungen der elektronischen Medien statt. Was wir für Realität halten und wonach wir unser Denken und Handeln ausrichten, wird entscheidend durch die Massenmedien mit ihren elektronisch erzeugten Bildern geprägt. Unsere alltägliche Lebenswelt und auch die Politik selbst sind von den neuen Medien apparativ durchdrungen, unter denen das Fernsehen die beherrschende Stellung einnimmt. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die These von der Theatralisierung der politischen Kommunikation. Es geht dabei nicht um die populären Metaphern vom „großen Welttheater“ oder von der „Bonner Bühne“, sondern um die aktuellen und konkreten Strategien, mit denen vor allem Journalisten politische Themen gestalten.
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

2. Politik und Mediensystem

Zusammenfassung
Das Verhältnis von Politik und Medien war nie spannungsfrei. Nicht nur, daß es auf die Frage „Was ist Politik?“ fast genauso viele Antworten gibt, wie Bücher darüber geschrieben worden sind, auch die Beziehungen zwischen Mediensystem und politischen System werden je nach theoretischem Ansatz ganz verschieden bewertet. Dabei ist dieser Punkt in modernen Massendemokratien zu einer der zentralen Kategorien der Politikanalyse geworden. Aus Legitimationsgründen ist demokratische Politik auf die öffentliche Darstellung ihres Vollzugs und ihrer Ergebnisse angewiesen. In unüberschaubar komplexen Gesellschaften benötigt sie dazu die Massenmedien, die dabei ihrer eigenen Selektionslogik der Nachrichtenwerte folgen. Gerade bei den visuell ausgerichteten elektronischen Medien fördert diese Medien-Logik auf der Präsentationsebene theatralische Inszenierungen. In der modernen Mediendemokratie stellt sich damit die demokratiepolitisch und demokratietheoretisch gleichermaßen brisante Frage, ob das Politische selbst in den Formen seiner medialen Repräsentation noch in angemessener Weise erkennbar bleibt. Als Grundlage für unsere theoretische und empirische Analyse des Theatralischen in der medialen Politikvermittlung werden wir daher zunächst die „Logik des Politischen“ erörtern (2.1). Darauf aufbauend stellt sich die Frage, wie trennscharf heute noch die Systemgrenze zwischen Medien und Politik ist (2.2). Manche Autoren gehen mittlerweile sogar davon aus, daß diese beiden gesellschaftlichen Funktionsbereiche zu einem „Supersystem“ verschmelzen (2.3).
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

3. Theatralität in der Mediengesellschaft — Aspekte des Theatralitätskonzepts

Zusammenfassung
„In ihrem erklärten Anspruch, Theater als besondere Kunstgattung begrifflich auszudifferenzieren, ist Theaterwissenschaft [...] schon bald durch Entwicklungen in der kulturellen Praxis geradezu überrollt worden. Theatralische Darstellungen erlangen, verbreitet durch immer weitreichendere Medientechnik, durch großangelegte Veranstaltungen in Politik, Sport, Musikkultur eine ungeheure Vielfalt und rhetorische Tiefenwirkung auf ein Massenpublikum.“ (Schramm 1990, S. 235) Die Konstitution und Ausübung von politischer Macht war in allen Epochen auf das engste verbunden mit der Zurschaustellung von Körpern, mit Theatralität und Dramaturgie. Alle Machtstrukturen und kollektiven Vorstellungsmuster suchen sich auf diese Weise ihren sinnlichen Ausdruck. Die Macht, Verbindlichkeit zu schaffen, stabilisiert sich immer auch durch die Macht, die Sinne in Regie zu nehmen. Von der repräsentativen Architektur über die Verherrlichung des Herrschers durch das Gemälde bis zum Abschreckungsritual der öffentlich zur Schau gestellten Hinrichtung läßt sich der Wille erkennen, Anordnungen für das Sehen zu schaffen, die Denken und Handeln beeinflussen. Zum theatralischen Ereignis werden sie dann, wenn es sich um „Darstellungsaktivitäten“ handelt, die „vor allem mit dem tätigen Körper und/oder seinen mediatisierten Bildern operieren“ (Fiebach 1986, S. 9). Das betrifft zunächst einmal die Konventionen der Inszenierung, des öffentlichen Vorzeigens, der demonstrativen Indienstnahme der Zeichen des menschlichen Körpers in kalkuliert gewählten Situationen und Beziehungen.
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

4. Rhetorik und normative Theorie

Zusammenfassung
Politisches Handeln in Demokratien ist begründungs- und zustimmungspflichtig, muß also kommunikativ legitimiert werden. Die Rechtfertigung der auf Zeit gewählten Volksvertreter unterliegt neben der Herstellung oder Erzeugung von politischen Prozessen und Entscheidungen auch einer Darstellungs- oder Vermittlungskomponente, um die Zustimmung der Öffentlichkeit zu erreichen. Dabei kommen rhetorische Verfahren ebenso zum Einsatz wie Inszenierungen.
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

5. Rahmenanalysen

Zusammenfassung
Die im folgenden skizzierten Rahmenanalysen politischer Informationssendungen beziehen sich auf Sendungen, die am 2. Juni 1996 und in der darauffolgenden Woche aufgezeichnet und analysiert worden sind. Das methodische Vorgehen beruhte auf dem sogenannten Stichtagsmodell. Es ist gewählt worden, um eine themenspezifische Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Formate zu ermöglichen. So sind zum Beispiel an einem Abend mehrere Nachrichtensendungen sowohl aus dem öffentlich-rechtlichen als auch dem kommerziell-orientierten Programmspektrum untersucht worden. Damit können Rückschlüsse über die Reihenfolge und Akzentuierung der unterschiedlichen Filmbeiträge und Themenschwerpunkte gewonnen werden. Die Kooperation mit der Arbeitsgruppe des Dortmunder Instituts für Joumalistik unter der Leitung von Prof. Dr. Günther Rager stellt einen weiteren Grund für die Anwendung dieser Methode dar, da dort auch die vorliegenden Fallbeispiele im Rahmen des Stichtagsmodells zusätzlich einer quantitativen Inhaltsanalyse unterzogen worden sind.32
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

6. Strategien medialer Inszenierungen — Typenbeispiele aus der Stichtagsanalyse

Zusammenfassung
Die Grundlage unserer empirischen Analysen bildet eine theaterwissenschaftlich informierte Kategorisierung von Typen medialer Diskurse, von grundlegenden Strategien, die der Journalismus entwickelt hat, um politische Themen in Bild und Wort zu inszenieren. Es ist äußerst schwierig, die dabei verwendeten Mittel zu systematisieren. Im Hinblick auf die für uns entscheidenden Fragen, nach welchen Regeln die Inszenierung des Politischen funktioniert und inwieweit solche Inszenierungen der in Anspruch genommenen und normativ geforderten Funktion der Beobachtung der Eigenkomplexität politischer Prozesse durch das Mediensystem gerecht werden, ist eine solche Systematisierung gleichwohl geboten und — wie sich zeigt — auch sinnvoll. Aus diesem Grunde haben wir für die als nicht-fiktional ausgewiesene Behandlung politischer Themen eine einfache Kategorisierung von Inszenierungstypen vorgenommen, die als Grundlage sowohl für die quantitative Erfassung als auch für phänomenologische Beispielanalysen dient. Wir haben uns dabei nicht an den traditionellen journalistischen Darstellungsformen orientiert. Vielmehr ging es darum, spezifische Darstellungs-, Erzähl- bzw. Argumentationsformen zu unterscheiden, die in dem Sinne eine diskursive Funktion haben, daß sie ihren Stoff vor dem je bestimmten Inhalt in spezifischer Weise strukturieren und perspektivieren. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, daß die Inszenierung beansprucht, politisches Geschehen zu rekonstruieren, zugleich aber in diesem Vorgang von vornherein spezifisch eigene Vorstellungen, Darstellungsmittel und Rezeptionserwartungen generiert. Mediale Diskurse lassen sich durchaus verstehen als diskursive Formationen im Sinne Foucaults, das heißt als „Aussagefelder“, die konstituiert werden „von Möglichkeitsgesetzen, von Existenzregeln für die Gegenstände, die darin benannt, bezeichnet oder beschrieben werden, für die Relationen, die damit bekräftigt oder verneint werden.“ (Foucault 1981, S. 133) Für die Untersuchung der medialen Inszenierungspraxis ist es trotz dieser Berührungspunkte allerdings nicht sinnvoll, alle Elemente des Foucaultschen Diskursbegriffes zu übernehmen.
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

7. Visualisierungsstrategien

Zusammenfassung
Bei der Lektüre inhaltsanalytischer Studien kann man den Eindruck gewinnen, daß sich bezüglich des Stellenwerts von Bildern und bezüglich der visuellen Gestaltungsweisen in den vergangenen 15 Jahren wenig verändert hat (vgl. Bruns/Marcinkowki 1997). Es ist ein methodisches und theoretisches Problem der Medienwissenschaft, daß Informationssendungen bis heute mit hoher Einseitigkeit als Vermittlung von kognitivem Wissen untersucht werden. Visuelle und dramaturgische Aspekte sind noch kaum systematisch dargestellt worden (vgl. Huth 1977b, S. 121). Gerade politische Fernsehsendungen begünstigen den Eindruck von Kommunikation als einem bloßen Informationsaustausch, wobei gerne vergessen wird, daß audiovisuelle Kommunikation ein hochkomplexer, mehrdimensionaler Prozeß ist. Damit bleibt ein wichtiger Teil der jüngsten Entwicklung unberücksichtigt. Denn seit Mitte der achtziger Jahre haben neue Bilder Einzug gehalten. Im verschärften Wettbewerb geht es nicht um informativere, sondern um attraktive Informationssendungen. Dabei werden nicht nur laufend neue Sendungsformate entwickelt, sondern auch neue Visualisierungsstrategien erprobt. Dabei wird sowohl auf elektronische Bildbearbeitungstechniken als auch auf Darstellungsformen aus dem fiktionalen Film zurückgegriffen.
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

8. Fazit aus den empirischen Untersuchungen

Zusammenfassung
Theatralität und Informativität lassen sich weitgehend vereinbaren, auch wenn in der bisherigen, überwiegend medialen Inzenierungspraxis der politische Informationsgehalt theatraler Inszenierungsformen oft fragwürdig bleibt; Theatralität und Argumentativität stehen hingegen in einem prinzipiell problematischen Verhältnis zueinander. In diesen beiden Sätzen lassen sich in verkürzter Form die Ergebnisse aller im Rahmen des Gesamtprojektes gemachten Untersuchungen — der qualitativen wie der quantitativen — zusammenfassen. Die wichtigsten Befunde und Schlußfolgerungen, wie sie im Text selbst im einzelnen entfaltet wurden, werden im folgenden thesenartig zusammengefaßt.
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

9. Ausblick

Zusammenfassung
Für Flusser (1997) legt die Entwicklung digitaler Technologien die konkrete Utopie einer telematischen Gesellschaft nahe, in der die „Welt“ wieder durch Bilder entschlüsselbar wird. In dem Maße, in dem „Oberflächencodes“ an Bedeutung gewinnen, in dem Bilder alphabetische Texte verdrängen, schreiten wir „aus der linearen Welt der Erklärungen [...] in die techno-imaginäre Welt der Modelle“ (ebd., S. 28). Normative Kriterien müssen sich also auch daran messen lassen, inwieweit sie diesem Zusammenhang mit dem Übergang von einer Imagination, die auf alphabetischen Texten beruht, zum „Techno-Imaginären“ gewachsen sind. Digitale Bilder und vernetzte Schaltungen bringen nicht der „Wahrheit“ näher, aber dem Kontakt mit anderen Realitätsstrukturen, der Vervielfältigung von Quellen für Informationen und einem anderen Umgang mit Bildern, bei dem das Bild als kreatives Produkt einer laufenden Kritik unterworfen ist. „Wir wissen noch nicht, für welche Bedeutung die Techno-Bilder [...] programmieren.“ (ebd., S. 27) Wenn es aber stimmt, daß die neuen Bilder „[...] nicht nur ästhetisch, sondern auch ontologisch und epistemologisch weder mit guten alten noch mit den gegenwärtig uns umspülenden Bildern vergleichbar [...]“ sind (ebd., S. 75), wäre es ja denkbar, daß sie zu Orientierungsmustern und Denkmodellen disponieren, die für die symbiotischen Strukturen von Politikinszenierungen und journalistischen Inszenierungen, wie wir sie heute beobachten, in höchstem Maße bedrohlich sind. Die politische Kommunikation könnte in tiefgreifende Umwälzungen hineingezogen werden, wenn in einem stärker vernetzten und weniger zentralisierten System Bilder und Texte ausgetauscht werden können, die nicht mehr Personen und menschliche Eigenschaften darstellen, wenn es um Systemzusammenhänge und Strukturen geht; weniger auf die persönliche Moral von Fernsehstars als auf — effektiv hinterfragbare — Systemgrundsätze oder ähnliches abzielen. Die gegenwärtige Realitätskonstruktion der Massenmedien entlastet jedenfalls nicht nur die Rezipienten, sondern in gewissem Sinne auch die Politik vom Kontakt mit der Realität, in der das politische System tatsächlich nur noch begrenzte Steuerungsmöglichkeiten besitzt (bzw. entwickelt). Das ist Grund genug, nach einer anderen Imagination Ausschau zu halten. Bilder, als wichtiges Element medialer Kommunikation, können in solch einer Verwendung den naturalistischen Schein verlieren, der in der Gegenwart die wichtigste Bedingung für den „essentialistischen Trugschluß“ (Kepplinger 1987, S. 302) ihrer Wahrnehmung bildet.
Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup, Christian Schicha, Carsten Brosda

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