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2022 | OriginalPaper | Buchkapitel

2. Die Organisation von Individualität

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Zusammenfassung

Die Feststellung, dass Organisationen die Gesellschaft dominieren, mag uns heute nur allzu einsichtig erscheinen. Lange wurden diese als quasi monolithische Konzepte betrachtet, die dem Willen einer nicht näher bestimmten Führung gehorchen. Blickt man über die Schulter zurück auf die wirtschaftswissenschaftlichen und auch politologischen Konzepte seit der industriellen Revolution, erkennt man, dass sich erst in den letzten 30 bis 40 Jahren verstärkt eine Perspektive entwickelt hat, aus der heraus die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit der Ausgestaltung von Freiräumen in Organisationen erkannt und umzusetzen versucht wird. Mit diesen Sichtweisen entstanden neue Denkweisen und Konzepte, die den ansteigenden Anforderungen der Individualität gerecht werden sollten. Hier soll zunächst untersucht werden, aus welcher Perspektive die verschiedenen Modelle und Schulen das Thema Gegenmacht bzw. Widerstand in Organisationen betrachten. Des Weiteren wird abgeleitet, wie diese Freiräume bewertet und legitimiert werden bzw. welche ausgewählten Organisationsformen und Management-Konzepte zur Steuerung der Individualität vorgeschlagen werden.
Fußnoten
1
England besaß mit dem Speenhamland-Gesetz von 1795 eine Art ‚bedingungsloses‘ Grundeinkommen, das an den Brotpreis gekoppelt und auch als Lohnzuschuss effektiv war. Die Arbeitsverpflichtungen der Armen als Gegenleistungen wurden oftmals eher lax gehandhabt. Neben negativen ökonomischen Effekten behinderte dieses Gesetz die Herausbildung eines Arbeitsmarktes. Allerdings: „No measure was ever more universally popular. Parents were free of the care of their children, and children were no more dependent upon parents; employers could reduce wages at will and laborers were safe from hunger whether they were busy or slack […]“ (Polanyi 1944: 79 f.). Erst mit dem zentralisierten „Poor Law“ von 1843 wurde dieses „Right to Live“ abgeschafft (Ebd.).
 
2
Für Polanyi (1944: 163) war dies ein Vorgang, der immer beobachtbar war, wenn die Moderne auf traditionelle Gesellschaftsinstitutionen traf: „The natives are to be forced to make a living by selling their labour. To this end their traditional institutions must be destroyed, and prevented from re-forming, since as a rule the individual in a primitive society is not threatened by starvation unless the community as a whole is in a like predicament.“ Ein faszinierendes Beispiel hierfür ist etwa die Ablehnung moderner Schulreformen durch traditionelle Handwerker im 19. Jahrhundert in Neuengland. Den Handwerken war klar, dass diese neuen Schulen ihre Kinder auf die Arbeit in der modernen Fabrik vorbereiten sollten, was sie ablehnten (Katz 2001: 84 ff.).
 
3
Siehe hier die wirtschaftshistorischen Diskussionen von North (1981) und vor allem Polanyi (1944, 1979), der Marktbeziehungen als relativ neue Entwicklung in der Geschichte betrachtete. Polanyis Sichtweise, dass Märkte vor der industriellen Revolution kaum vorhanden waren bzw. stark reglementiert wurden, wurde natürlich immer wieder kritisiert. So wirft McCloskey (1997) Polanyi vor, dass er das Ausmaß der Marktregulierungen überschätzt bzw. Märkte als nicht mehr gegeben sieht, sobald diese gesellschaftlichen Reglementierungen unterworfen werden. Damit wird die Argumentation zumindest verkompliziert, da nun festgestellt werden müsste, ab welchem Regulationsausmaß ein Markt aufhört, ein Markt zu sein. North (1981: 41 ff.) ist hier präziser und weist darauf hin, dass Polanyi Märkte als preisbildende Märkte verstand und außer Acht ließ, dass jede freiwillige vertragliche Bindung über Märkte zustande kommt, selbst wenn diese reglementiert und administriert werden.
 
4
Damit steht also nicht die Ausbeutung der Armen als wesentliches Element des Übergangs zum Kapitalismus im Vordergrund, sondern eher die Steigerung der Masseneinkommen und damit die Schaffung von Absatzmärkten für effiziente Serienproduktionen, die das eigentliche Markenzeichen des Kapitalismus sind. „Die Armengesetze haben kapitalistische Akkumulation begünstigt, aber nicht durch die Vergrößerung des verfügbaren Überschusses, sondern durch die Stärkung der Nachfrage nach Gütern, die mithilfe von Technologien kostengünstig unter Nutzung großer Serien mit Maschinen hergestellt wurden.“ (Elsenhans 2012: 78)
 
5
Eine Methode, die auch heute noch in ihrer ausgeprägtesten Form in der Militärorganisation angewendet wird: „Insofern sie (die Kontrollprozeduren) dem Rekruten klar machen, wie sehr er sich nun unabhängig von seinem zivilen Status in einer neuen Gesetzesumwelt mit eigenen Gesetzen befindet und wie sehr er die neuen ihm von der Militärinstitution angebotene Verhaltensorientierung und Identifikationsmöglichkeiten benötigt, um nicht den Verlust seiner inneren Selbstsicherheit […] zu riskieren. Diskulturation auf den unteren Ebenen können wir auch Enthumanisierung nennen“ (Krippendorf 1985: 153). Diese Diskulturation war bei der Einordnung der Arbeiter unter die Hierarchie natürlich auch wesentlich, wenngleich oft subtiler, da in westlichen Gesellschaften der Weg über die Propagierung entsprechender kultureller Werte genommen werden musste: „So labor unions have by now been virtually wiped out in the United States, in part by a huge amount of business propaganda, running from cinema to almost everything, and through a lot of other techniques as well. But the whole process took a long time – I’m old enough to remember what the working class culture was like in the United States: there was still a high level of it when I was growing up in the late 1930’s. It took a long time to beat it out of workers’ heads and turn them into passive tools; it took a long time to make people accept that this type of exploitation is the only alternative, so they’d better just forget about their rights and say, ‚Okay, I’m degraded’.” (Chomsky et al. 2002: 250)
 
6
Vgl. für Taylor z. B. Kieser/Kubicek (1978: 117 ff.). Umfassender und kritischer auch Morgan (1986: 19–33).
 
7
Dieses System ist wohl auch vom komplexen Psychogramm Taylors mitbeeinflusst worden Um dessen Motivation und Beweggründe besser zu verstehen, kommt man nicht umhin, ihn als ‚anal-fixierten‘ Kontrollfreak zu bezeichnen, der komplexe Systeme der Beherrschung entwarf, um sich selbst bzw. sein Leben in den Griff zu bekommen. Taylors Verhaltensweisen waren wohl selbst nach damaligen Standards ‚auffällig‘: „On cross country walks the young Fred would constantly experiment with his legs to discover how to cover the greatest distance with a minimum of energy […]. And as an adolescent, before going to a dance, he would be sure to make a list of the attractive and unattractive girls likely to be present, so that he could spend equal time with each. Even during sleep this same meticulous regulation was brought into operation. From about the age of twelve Taylor suffered from fearful nightmares and insomnia. Noticing that his worst dreams occurred while he was lying on his back, he constructed a harness of straps and wooden points that would wake him up whenever he was in danger of getting into this position. In later years he preferred to sleep in an upright position.“ (Morgan 1986: 205)
 
8
Smith selbst waren die negativen Folgen der Arbeitsteilung sehr wohl klar, denn er schilderte in einem weiter hinten stehenden – und vielleicht deshalb auch oft übersehenen – Kapitel in Wohlstand der Nationen diese durchaus drastisch: „Jemand, der tagtäglich nur wenige Handgriffe ausführt, die zudem immer das gleiche oder ein ähnliches Ergebnis haben, hat keinerlei Gelegenheit, seinen Verstand auszuüben. […]. So ist es ganz natürlich, daß er verlernt, seinen Verstand zu gebrauchen, und so stumpfsinnig und einfältig wird, wie ein menschliches Wesen nur eben werden kann.“ (2013: 662)
 
9
Daran hat sich bis heute prinzipiell nicht viel geändert: „Der Arbeiter hat sich dennoch keineswegs, wie manchmal behauptet wird, in den gleichberechtigten ‚Wirtschaftsbürger‘ verwandelt. Noch immer liegt die Wahrscheinlichkeit, für Arbeiterkinder, wieder Arbeiter zu werden, in Deutschland bei deutlich über 50 %, das heißt, weit über dem Wert, der sich bei gleicher Chancenverteilung ergäbe. […] Die Arbeiterschaft als soziale Kategorie hat sich keineswegs in Luft aufgelöst.“ (Deutschmann 2002: 218)
 
10
Vgl. hier die eindrucksvolle Beschreibung der Veränderung und Radikalisierung von einzelnen Berufsgruppen in Hobsbawms (1999) Uncommon People.
 
11
„Under socialism, no less than under feudalism and capitalism, the primary determinant of basic choices with respect to organization of production has not been technology – exogenous and inexorable – but the exercise of power – endogenous and resistible.“ (Marglin 1974: 112, Hervorhebung durch den Verf.)
 
12
Aus der Sicht jener asiatischen Länder und Kulturen, die unter die Räder der ‚zivilisierten Länder‘ kamen, wie etwa China, Indien und das Osmanische Reich, konnte diese Perspektive wohl kaum geteilt werden. Insbesondere in China war man wegen der aggressiven Profitorientierung der englischen Invasoren zunächst verwundert und konnte nicht glauben, dass diese der Grund für deren lange und mühevolle Reise in den Osten war. In seiner Naivität schrieb der kaiserliche Verwalter von Kanton an den englischen König – von dem die Chinesen annahmen, dass er sein Handeln ebenfalls an der konfuzianischen Ethik ausrichten würde –, um ihn auf dieses wunderliche Verhalten seiner Untertaten aufmerksam zu machen: „May you, O King, check your wicked and sift out your vicious people before they come to China.“ (Mishra 2012: 27)
 
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Brock (2013) verwies hier auf die besondere Situation nach dem 2. Weltkrieg in den USA: „The idea of replacing humans with machines was nothing new, of course. From the Great Depression, through the war, and into the Cold War, the nexus of labor and manufacturing technology was a continual source of both innovation and conflict. […] in 1948, there was widespread concern among the U.S. business elite that organized labor had become too powerful: Union membership had soared during the war, as had the number of strikes. Many in government and industry also worried that the United States lacked the industrial might of the Soviets. Clever, electronics-infused, self-guided machinery promised a solution to both concerns.“
 
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Oftmals sind diese jedoch verloren gegangen. So unterdrückte etwa die in den 1950-1960er-Jahren dominante „Consensus History“-Strömung der amerikanischen Geschichtsschreibung die Darstellung der Konflikte der Industriellen Revolution in den USA, weil sie den Fokus auf klassenübergreifende amerikanische Werte legte. Umso eindrücklicher erscheinen dann überlieferte ältere Schilderungen dieser Phase, wie etwa jene von Norman Ware, dessen in den 1920er-Jahren verfasstes Bild der amerikanischen Arbeitnehmerreaktionen von durchaus drastischen und desillusionierten Reaktionen gezeichnet ist. Seine Darstellung macht die oft tiefe Verzweiflung über die Verschlechterung der Situation zwischen 1840–60 und die weitverbreitete Ablehnung der Industrialisierung deutlich: „The ever-recurring contrast between the rich and the poor leaves moderns cold. But even clever men in the forties were not deterred by the danger of platitudes. To them the poverty of the growing cities was new, alien, and wrong – a thing to be extirpated before it fastened itself irrevocably upon the American civilization.“ (Ware 1990: 20)
 
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Polanyi (1944: 145 f.) gab an dieser Stelle auch eine Liste an Schutzmaßnahmen wieder, die der entsetzte Sozialphilosoph Herbert Spencer zusammengestellt hatte, um seiner Liberalen Partei die Vernachlässigung ihrer Prinzipien vorzuwerfen: „In 1860, authority was given to provide ‚analysts of food and drink out of local rates‘; there followed an Act providing ‚the inspection of gas works‘; an extension of the Mines Act ‚making it penal to employ boys under the age of twelve not attending schools and unable to read and write‘; In 1861, power was given to ‚guardians to enforce vaccination‘; local boards were authorized ‚to fix rates of hire for means of conveyance‘ […].“ Zu Polanyis Theorie des Double Movements vgl. auch Baum (1996: 3 ff.).
 
16
Das zeigte sich nach einer Analyse von Binton (1970) schon in den frühen Tagen der Oktoberrevolution, als die Bolschewiken die Strukturen der Fabrik quasi unangetastet ließen und alles daran setzten, die „Spontanität“ der Arbeiter zu bekämpfen. „Nowhere in Lenin’s writings is worker’s control ever equated with fundamental decision making [i. e. with the initiation of decisions] relating to production” (A. a. O.: 12). Und er zitiert Lenin hierzu: “We want a socialist revolution with human nature as it is now, with human nature that cannot dispense with subordination, control and managers“ (A. a. O.: 24). Scheinbar war die Angst vor zu viel Widerstand durch die Arbeiter sehr hoch: „The Russian working class was far more radical than anything that Marx has written about […].“ (Gran 1996: 31)
 
17
„In den Produktionsprozeß des Kapitals aufgenommen, durchläuft das Arbeitsmittel aber verschiedne Metamorphosen, deren letzte die Maschine ist oder vielmehr ein automatisches System der Maschinerie [System der Maschinerie; das automatische ist nur die vollendetste adäquateste Form derselben und verwandelt die Maschinerie erst in ein System] [sic!], in Bewegung gesetzt durch einen Automaten, bewegende Kraft, die sich selbst bewegt; dieser Automat, bestehend aus zahlreichen mechanischen und intellektuellen Organen, so daß die Arbeiter selbst nur als bewußte Glieder desselben bestimmt sind.“ (MEW 42: 592, Hervorhebung im Original)
 
18
Hier wird also „[…] die menschliche Arbeit auf ein Minimum reduziert […]. Dies wird der emanzipatorischen Arbeit zugute kommen und ist die Bedingung ihrer Emanzipation“ (MEW 42: 597 f.). So ist es auch verständlich, dass sich Marx gegen die „Maschinenstürmer“ seiner Zeit wandte: „For Marx technological progress under capitalism was not only the means of capitalist competition, accumulation, and exploitation, but also essential to the advance of modern industry itself-capitalism’s contribution to human progress.“ (Noble 1995: 19)
 
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Diese gesellschaftliche Aneignungsmöglichkeit wird natürlich eingegrenzt: „[…] die privaten Kapitale müssen laufend sicherstellen, dass sie Profite durch Privatisierung des Wissens und Ausdehnung der durch das Kreditsystem erzeugten Ungleichheit und Machtverteilung in einem quasi mafiösen Stil aneignen können.“ (Lotz 2014: 10)
 
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Der automatisierte Produktionsprozess ermöglicht „[d]ie freie Entwicklung der Individualitäten […].“ Und somit „[…] überhaupt die Reduktion der notwendigen Arbeit der Gesellschaft zu einem Minimum, der dann die künstlerische, wissenschaftliche etc. Ausbildung der Individuen durch die für sie alle freigewordne Zeit und geschaffnen Mittel entspricht“ (MEW 42: 601). John Maynard Keynes (1932) war es dann vorbehalten, in seiner berühmten Rede „Economic Possiblities for our Grandchildren“ sich hierzu vertiefende Gedanken zu machen.
 
21
So ist zumindest für die USA die zentrale Rolle der Bildung bzw. Schulen bei der Degradierung der Arbeitnehmer bzw. für die Eingewöhnung in die ungewohnten und monotonen Produktionsprozesse recht gut herausgearbeitet worden: „The business community’s interest in education can be traced back to the origins of the public school system in the early nineteenth century. Faced with tensions resulting from industrialization, urbanization and immigration, business and professional classes supported the common school movement as means of socializing workers for the factory, and as a way of promoting social and political stability.“ (Fones-Wolf 1992: 190 f.)
 
22
Vgl. die Beispiele der Selbstverwaltung in Österreich (Miglbauer 1985) und für Jugoslawien (Chmielewicz 1975: 207).
 
23
Zentral in dieser Analyse war ein unter dem Pseudonym Inox in der kommunistischen Tageszeitung il manifesto erschienener Kommentar über den Prozessarbeiter: „Die Einführung der Informatik hat zu einer Veränderung der Produktionsmethoden geführt, die man folgendermaßen zusammenfassen kann: Die direkte Bearbeitung des Produkts wird immer selbstständiger von der Maschine verrichtet, die am Werkstoff die Operationen durchführt; dem Arbeiter bleiben nur noch die Aufgaben der Zuführung der Werkstoffe, der Einrichtung, der Kontrolle und Wartung seien sie nun einfach oder komplex. Aber nicht nur die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschine, sondern auch die Aufgabenverteilung innerhalb des Arbeitsprozesses hat sich geändert: Von der Parzellierung repetitiver Teilaufgaben ist man übergegangen zu höchst integrierten und in Wechselwirkung stehenden Prozessen, deren reibungsfreie Integration bei der Verknüpfung der Produktionsabläufe auf der Anwendung informatischer Modelle beruht […].“ (Gorz 1989: 111 ff.)
 
24
„Schumpeters Analyse ist auf die Führerrolle des Unternehmers fixiert. Er sieht nur die große Idee des Unternehmers, nicht die tausend kleinen der Ingenieure, Produktionsarbeiter, Marketing-Spezialisten, Anwender, die die Innovation erst zu einem ökonomischen Erfolg machen und ohne die der Unternehmer hilflos wäre. […] Der Unternehmer ist sehr viel stärker von seinen Arbeitern abhängig, als Schumpeter meint.“ (Deutschmann 2002: 78). Und wohl nicht nur von diesen: „Schumpeter […] hält an seiner Wahrnehmung der ‚Massen‘ fest, die er grundsätzlich passiv ansieht“ (Hard/Negri 2018: 187). Und verkannte damit, welche Rolle das gesellschaftliche Umfeld, die Gesellschaft, für die Innovation spielt: „Von Silicon Valley bis zu den Softwaretechnologieparks in Indien, von den Innovationszentren in Norditalien und Bayern bis zu den Freihandels- und Exportproduktionszonen in Mexiko und China waren diese unternehmerischen ‚neuen Kombinationen‘, um die Produktivkraft eines weiten gesellschaftlichen Feldes zu organisieren und dabei eine Vielzahl von entlohnten und nicht entlohnten sozialen Akteuren einzubeziehen, ein großer Erfolg.“ (A. a. O.: 185)
 
25
Der Widerstand gegen die Automatisierung war keinesfalls unerheblich, aber dennoch nicht erfolgreich. Zwar gab es insbesondere in den 1970er-Jahren einige Erfolge vis à vis dem Management, und es konnte hier mit der Zauberformel der vermehrten Partizipation eine gewisse Veränderung herbeigeführt und Widerstand verringert werden. „But for the workers themselves, whose lives were temporarily enlarged as a result, such victories proved short-lived and severely limited. More important, in the wake of these limited gains, the rebellious energies that had brought them about dissipated and all but disappeared. In their place arose committees, rules, agreements, and other formal devices for dealing with new challenges of the workplace, including the challenge of new technology.“ (Noble 1995: 31)
 
26
Vgl. zu dieser Diskussion auch Lange/Taylor (1964: 89 f.).
 
27
Dieser wichtige Mechanismus wurde noch weiter ausgeführt: „To consult men who live under and feel the results of rules and administrative action, to attach importance to their experience in this regard, and to represent it appropriately in the bodies that frame the rules which affect them must raise the moral tone and the morale of the whole community.“ (Lange/Taylor 1964: 34)
 
28
Man sollte sich allerdings klar machen, dass auch die ‚Computerpolitik‘ im Sinne der automatischen Aggregation von Präferenzen keine Wahlen im herkömmlichen Sinne mehr benötigt hätte: „Suppose, for the moment, that the purpose of a voting procedure really was the efficient extraction and collation of a set of fixed and independent ‚preferences‘ of a large populace. Then why bother with the awkward rigmarole of free elections? Why not take a page from the textbook of the statistician, and conduct a scientifically designed stratified random sample from the population? Or – more efficiently – maybe we should let people buy and sell the right to become incorporated in the sample in the first place“ (Mirowski 2002: 305). Zu dieser Problematik mehr in Abschn. 13.​2.
 
29
So ist es wohl kein Zufall, dass die politikwissenschaftlichen Konzepte der damaligen Zeit, der Apathie (Quietismus), d. h. der Zurückhaltung bei der politischen Meinungsäußerung, durchaus positive Aspekte zuschrieben und diese als stablitätsförderndes Element politischer Regime erkannten (Edelman 1990: 155). Schon Orwell (1946) machte darauf aufmerksam, dass politische Kommunikation in der Regel aus schalen und abgedroschenen Phrasen besteht, die die Kritikfähigkeit des Zuhörers mindern.
 
30
Zuvor allerdings war die Kybernetik in der Sowjetunion gescheitert, ihre Möglichkeiten und widerständigen Potenziale zu entfalten. Nach anfänglichen Erfolgen wurde die „Rationalität“ und „Objektivität“ des neuen „Cyberspeak“ wieder dem stalinistischen Wissenschaftsdiskurs (Newspeak) unterstellt: „When cyberspeak first challenged Stalinist discourse, it was a language of opposition and resistance; later when cyberspeak replaced newspeak in its dominant role, it had nothing new to say.“ (Gerovitch 2002: 292)
 
31
In diesem Sinne funktionierte der Cybersyn-Kontrollraum genauso, wie Oskar Lange es in seiner Vision einer zentralen Planungsinstanz einer demokratischen, sozialistischen Ökonomie vorhersah: „For the Central Planning Board has a much wider knowledge of what is going on in the whole economic system than any private entrepreneur can ever have […].“ (Lange/Taylor 1964: 89)
 
32
Zu dem Projekt eines „trainable robots“ aus dem Jahr 1951, welches zur Gründung von Silicon Valley führte: Brock (2013).
 
33
So verwies Lewis Mumford bei seiner Analyse der Automatisierung amerikanischer Fabriken in den 1930ern auf eine derartige politische und ethische Abstinenz der Technologiedebatte: „The belief that values could be dispensed with constituted the new system of values“ (1934: 283). Chomsky hingegen, sah Technologie als ein Mittel zur Durchsetzung der Gesellschafts- und Unternehmenshierarchie: „I mean, automation could have been designed in such a way as to use the skills of skilled machinists and to eliminate management-there’s nothing inherent in automation that says it can’t be used that way. But it wasn’t, believe me; it was used in exactly the opposite way. Automation was designed through the state system to demean and degrade people to de-skill workers and increase managerial control.“ (Chomsky et al. 2002: 259, Hervorhebung im Original)
 
34
Diese Annahmen tauchen auch in Isaac Asimovs einflussreichem Roman „Foundation-Trilogie“ auf. Die von ihm erfundene Wissenschaft der Psychohistorik, welche die Zukunft prognostizieren kann, funktioniert nur, wenn „[…] dem menschlichen Konglomerat seine […] Analyse nicht bewusst ist, damit seine Reaktionen wirklich vom Zufall bestimmt werden“ (Asimov 2001: 30).
 
35
Vgl. zu einer ausführlichen Darstellung der Forderungen nach einer Demokratisierung der Wirtschaft etwa Bartölke/Wächter (1974: 66 ff.) und Chmielewicz (1975: 15 ff.).
 
36
Die Diskussion über die Einführung der Mitbestimmung wurde auch in den USA sehr aufmerksam verfolgt. Somit konnten diese Standpunkte durchaus auch von anglosächsischen/japanischen Ansätzen genutzt werden (Backhaus 1987: 16).
 
37
Diese waren und sind nicht unwidersprochen: „Die Fähigkeiten eines Unternehmens, flexibel auf veränderte Bedingungen zu reagieren, Innovationschancen wahrzunehmen, Risiken gegen Chancen abzuwägen, wird sehr stark durch seine innere Organisations- und Entscheidungsstruktur beeinflusst. Die Einheit der Entscheidungsfindung im Unternehmen ist notwendige Voraussetzung dafür, dass seine volkswirtschaftliche Funktion, die Kooperation aufeinander bezogener, komplementärer Aktivitäten zu ermöglichen, erfüllt werden kann. Diese Einheit der Entscheidungsfindung wird aber durch die Mitbestimmung gefährdet.“ (C. C. v. Weizäcker zit. in Duda (1987: 136))
 
38
Strunz (2004: 18) war hier allerdings skeptisch, was den Modernisierungsimpakt auf die zeitgenössischen Managementtechniken betrifft: „Die derart entstandene, unzweifelhafte Innovation wurde einerseits interessiert aufgenommen, von der klassischen Mainstream BWL – was Wunder – einigermaßen pikiert kritisiert. Vorweg: Die AOEWL hat – weil eben berechtigt, konzeptionell so konzise und neu – ihren Platz in der Geschichte der BWL gefunden. Im Übrigen blieb sie eine Eintagsfliege, wurde jedenfalls kaum weiterverfolgt und in der betrieblichen Praxis schon gar nicht umgesetzt. Vielleicht war sie ihrer Zeit (bis heute) ja auch zu weit voraus […].“
 
39
„Auf der Mikro-Ebene haben sich klassenübergreifende Koalitionen zur Verteidigung der Unternehmensinteressen formiert, wobei Arbeitnehmer sowohl an den Führungsentscheidungen als auch an den materiellen Unternehmensrisiken, im Guten wie im Schlechten, zunehmend beteiligt werden. Im Ergebnis nimmt die Sensibilität der Interessenvertretungen für produktionsbezogene Interessen zu. Die wachsende Mikro-Orientierung der Mitbestimmung führt allerdings zu Mikro-Makro-Konflikten zwischen Betriebsräten und Gewerkschaften, die sich als Vertreter der Interessen aller Arbeitnehmer auf der Ebene der Gesellschaft als Ganzes verstehen. Gesellschaftliche Interessen in die Unternehmen zu tragen, fällt Gewerkschaften vor diesem Hintergrund zunehmend schwerer. Das wurde beispielhaft anhand der Vorgänge um den Versuch von Krupp im Jahr 1997, Thyssen feindlich zu übernehmen, gezeigt. Insgesamt kann also weder von einem Bedeutungsverlust noch von einem Shareholder-Value-Strategien behindernden Einfluss der Mitbestimmung gesprochen werden. Aber es findet ein Funktionswandel der Mitbestimmung statt, der sie von einem ehemals gesamtgesellschaftlich-politischen zu einem einzelwirtschaftlich orientierten Projekt werden lässt.“ (Höpner 2003: 210 f., Hervorhebung durch den Verf.)
 
40
Dies, obwohl empirische Studien einen wirklichen positiven Effekt nicht eindeutig feststellen können: „Die Mitbestimmungsgesetze können weder theoretisch noch empirisch mikroökonomisch abschließend beurteilt werden.“ (Sadowski 2002: 296)
 
41
Hier ist das Beispiel Großbritanniens sehr instruktiv. Zwar wurde durch die umfangreichen Privatisierungen in der Thatcher-Ära zunächst der Anteil der Aktionäre gesteigert, die meisten Aktien wurden dann aber von institutionellen Anlegern aufgekauft. Der parteiübergreifende Konsens zur Privatisierung führte nicht zu einer industriellen Demokratie, weil die Volumina der von den Arbeitnehmern gehaltenen Aktien zu gering und die Aktionäre zu passiv waren sowie eher direkte Ausschüttungen und Boni favorisierten (Strätling 2000: 123 ff.). Auch aus der Ecke der Rational-Choice-Theorie wurden einige Vorbehalte geäußert, wie etwa, dass derartige Beteiligungen dazu führen könnten, das Prinzipal-Agent-Problem zu vergrößern, wenn beteiligte Arbeitnehmer die Kontrollmöglichkeiten der anderen Aktionäre verringern könnten (A. a. O.: 139). Die Forcierung der Eigenvorsorge ändert daran nichts. Im Gegenteil: Nicht nur werden die Einflussmöglichkeiten des Einzelnen nicht größer, sondern nur die der institutionellen Anleger. Darüber hinaus wird die Bekämpfung fiktiver Buchwerte in der Finanzwirtschaft schwieriger, da diese die Altersvorsorge breiter Schichten beeinflussen (Elsenhans 2012: 221 ff.).
 
42
Wenngleich damit zumeist nur eine prinzipielle Zustimmung ausgesprochen wurde und oftmals die Hoffnung auf ein noch zu definierendes besseres Gleichgewicht zwischen Autonomie und Hierarchie mitschwingt: „Vertikale Spezialisierung ist unabdingbar für eine effiziente Produktion. Diese Einsicht sagt aber noch nichts über das optimale Ausmaß von Hierarchie aus, und schon gar nicht kann der Schluß gezogen werden, dass die kapitalistische Unternehmung dieses Optimum erreicht hat.“ (Duda 1987: 136)
 
43
Für solche Counter-Culture-Projekte in historischer Betrachtung siehe: Goffman/Joy (2004).
 
44
Dieser kann sich innerhalb und außerhalb der Organisation konstituieren bzw. sich auch in den umgebenden Institutionen verankern. Der Nobelpreisträger Arrow (1974: 87 f.) wurde, was die organisatorische Ausprägung betrifft, ein wenig präziser, indem er periodische Reviews der Managementleistung vorschlug bzw. unabhängige Boards, die für Beschwerden zuständig sein sollten. Arrow war bemerkenswerterweise weniger an den Effizienzmechanismen von Voice interessiert als an der Bewahrung der Integrität der Autorität.
 
45
Hirschman (1974: 36) war zunächst hoffnungsvoll, dass die Barrieren gegenüber Voice möglicherweise überbewertet wurden: „Die jüngsten Erfahrungen lassen sogar einige Zweifel darüber entstehen, ob die strukturellen Beschränkungen wirklich mit Recht als ‚grundlegend‘ bezeichnet werden, wenn sie so plötzlich von einer Einzelperson wie Ralph Nader überwunden werden können.“ Man spürt hier, wie auch sonst an vielen Stellen des Buches, den sanften Nachhall der 1960er-Jahre.
 
46
Vgl. für diese Diskussion für den afrikanischen Kontinent Al-Ani/Kostner (1991) und für die arabische Welt Al-Ani (2007). Für den Einsatz von Widerspruch in Entwicklungsländern und -strategien vgl. Fukuyama (2006). Für die Verwendung von Voice in der Entwicklungsverwaltung vgl. Al-Ani (1993b).
 
47
In Deutschland war die Mikropolitik zumindest in ihrer Anfangsphase ebenfalls durch die politische Debatte in der Betriebswirtschaftslehre stark beeinflusst (Ortmann 1977).
 
48
„[…] to assert that behavior in organizations is boundedly rational does not imply that the behavior is always directed toward realizing the organization’s goals. Individuals also strive rationally to advance their own personal goals, which may not be wholly concordant with organizational goals, and often even run counter to them. Moreover, individuals and groups in organizations often strive for power to realize their own goals and their own views of what the organization should be. To understand organizations, we must include all those forms and objectives of rationality in our picture. We must include human selfishness and struggles for power.“ (Simon 1997: 88)
 
49
Es „[…] läßt sich festhalten, daß die verhaltenswissenschaftliche Öffnung zwar den Zugang zur Analyse von Machtphänomenen ermöglicht hat, diese Chancen bislang jedoch kaum genutzt worden sind. Die Effizienzorientierung der betriebswirtschaftlichen Kontingenzforschung läßt Macht häufig nur zum Problem werden, wenn sie als Gegenmacht (zur Managementmacht) auftritt, etwa beim Widerstand gegen unternehmenspolitische Entscheidungen.“ (Staehle 1988: 163)
 
50
„Wo Modelle als Metaphern verwendet werden, weist der Autor meist auf Ähnlichkeit zwischen einer oder zwei Variablen in einem Feldszenario und einer oder zwei Variablen in einem Modell hin. Wenn die Metapher nur auf Ähnlichkeiten aufmerksam machen soll, dient sie in der Regel dazu, rasch Informationen in anschaulicher Form zu vermitteln. Häufig hat jedoch der metaphorische Gebrauch der drei Modelle eine andere Absicht verfolgt: die Ähnlichkeiten zwischen den vielen Individuen, die in einem Feldszenario eine Ressource gemeinsam nutzen, und den vielen Individuen, die im Modell gemeinsam ein suboptimales Resultat erzeugen, soll suggerieren, dass weitere Parallelen vorhanden seien. Indem man Feldszenarien als ‚Allmendetragödie‘, ‚Gefangendilemmata‘ […] apostrophiert, möchte man das Bild hilfloser Individuen beschwören, die in einem unausweichlichem Prozess der Zerstörung ihrer eigenen Ressourcen verstrickt sind.“ (Ostrom 2012: 10)
 
51
Es wird nicht angenommen, dass sich alle Individuen rational verhalten, allerdings „[…] competitive forces will see that those who behave in a rational manner […] will survive and those who do not, will fail; and that therefore, in an evolutionary, competitive situation […], the behaviour that will be continuously observed will be that of people who have acted according to such standards.“ (North 1990: 19)
 
52
Die Kritik an diesen Annahmen liegt auf der Hand, selbst wenn die fehlende inhaltliche Beschreibung der Nutzenmaximierung akzeptiert wird, und kann mit Eggertsson (1990: 8) knapp so wiedergegeben werden: „Individuals tend to have unstable preferences, that they do not observe the principle of transitivity in their choices, and that people are not calculators who work at lightning speed through the complete set of data relevant to their decisions.“
 
53
Olson selbst konnte mit den demokratiepolitischen Aussagen seines Modells nicht wirklich zufrieden sein. Kurz vor seinem Tod unternahm er einen Versuch, trotz seiner Feststellungen über die tendenziell negativen Auswirkungen vor allem kleiner Interessengruppen auf die Gesellschaft eine demokratiepolitische Agenda abzuleiten. Dies konnte allerdings bei seinen Modellannahmen nur gelingen, wenn es Interessengruppen für sinnvoll erachten, Macht zu teilen bzw. es vorteilhaft ist, andere Gruppen nicht auszuschließen. Weiterhin darf es für die Akteure nicht möglich sein, sich in Miniautokratien zurückzuziehen bzw. das Herrschaftsgebiet abzuspalten (Olson 2000: 30 f.). Damit verkommt klarerweise die Demokratie zu einer Art ‚Unfall‘, der nur in seltenen Fällen – wie der englischen Glorious Revolution – passieren konnte, weil durch den Bürgerkrieg alle Parteien geschwächt waren und deshalb ein Teilen der Macht Vorteile für alle Beteiligten hatte. Neben diesen Unfällen war es dann eher ein Normalfall, dass diese Konzepte anderen Staaten als Blaupausen bei ihrer Gründung dienten (USA) oder durch siegreiche Demokratien aufoktroyiert bekamen (Japan, Deutschland, Italien).
 
54
„The spread of the commons discourse in recent years has had a double effect: it has helped identify new commons and, in providing a new public discourse, has helped develop these commons by enabling people to see them as commons.“ (Bollier 2011: 29)
 
55
So bemerkten etwa Kern und Schumann (1984) und analog Gorz (1989), dass es im Zuge der erweiterten Nutzung der Produktivitätspotenziale zu einer Reprofessionalisierung von Produktionsarbeit kommen würde und nicht umgekehrt, wie noch Braverman (1974) unterstellt hatte. Somit kam auch aus dem linken Spektrum zunächst sehr viel Zustimmung zu diesen neuen Managementmethoden. Angesichts der zentralen Bedeutung von Arbeit, gehe es nun darum, „die Gelegenheit beim Schopfe zu packen“ und die aufgeklärten Manager bei der Einführung der neuen Methoden zu unterstützen (Kühl 2004: 70; Moldaschl 2010: 282).
 
56
Der Konflikt zwischen Selbststeuerung von Teams und der Hierarchie wurde tunlichst vermieden bzw. es wurde versucht, die beiden Konzepte möglichst zu verbinden: „Contrary to some popular opinion, teams do not imply the destruction of hierarchy. Indeed, quite the reverse. Teams and hierarchy make each other perform better because structure and hierarchy generate performance within well-defined boundaries that teams, in turn, productively bridge in order to deliver yet more and higher performance.“ (Katzenbach/Smith 1993: 256)
 
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Vgl. in diesem Zusammenhang die Diskussion über den chinesischen Führungsstil in Bouée (2010).
 
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So das Beispiel der entstandenen Call-Center-Industrie, in denen Unternehmen ihre Schnittstellen zum Kunden intern wie extern auslagern/zusammenfassen: „In der Regel sind Call Center hochgradig arbeitsteilig organisiert. Dabei hat die Tatsache, dass die meisten Call Center ihre Beschäftigten in Teams zusammenfassen, keinen Einfluss auf die Arbeitsorganisation. Denn bei diesen Teams handelt es sich überwiegend um reine Planungs- und Verwaltungseinheiten, bei denen die Kooperation keine große Rolle spielt.“ (Bittner et al. 2000: 47)
 
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Nicht sehr überraschend trat dann wieder die Machtfrage hervor. So musste einer der ‚Väter‘ des Lean Managements, James Champy, etwas kleinmütig anmerken: „Manchmal denke ich, die da oben werden sich nie ändern. Viele sind schon seit 30 Jahren dabei. Sie geben ihre Macht nicht aus der Hand.“ (Bierach 1995: 71)
 
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Vgl. eine Zusammenfassung der Diskussion über die Aufweichung der Hierarchieebenen und die verstärkte Eigensteuerung von Teams im Rahmen von TQM-Programmen in Al-Ani (1994: 305 ff.) und Kühl (1998: 64). Eine ernüchternde Replik zu der Diskussion über Verflachung der Organisation und verstärkte Selbststeuerung kam dann auch von der Beratungsfirma McKinsey: „Some CEOs preach the virtues of evolutionary change toward an evergreen, self-regenerating organization – one based almost entirely on a host of self-directed, committed, frontline teams, fully empowered and fully engaged in problem solving […]. Others have trouble reconciling this seductive vision with their own managerial upbringing. In their experience, planning and budgeting are powerful tools to achieve predetermined results. In strategy, there is such a thing as the right answer if only you subject the facts to sufficiently rigorous analysis. Power does flow from structure and hierarchy – so much in fact, that a meaningful change in power can only be accomplished through personnel and/or structural changes.“ (Hsieh 1992: 2)
 
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Für eine kritische und sehr umfassende Darstellung der Ansätze der Selbstorganisation vgl. Kieser (1994: 199). Bemerkenswerterweise machen diese Ansätze zur Frage, wie dieser Selbstorganisationsprozess strukturiert ist, also wer die Organisationsgestalter sind (Mitarbeiter, Management, Berater etc.) und welche Rollen sie haben, keine konkreten Angaben.
 
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Diese Abhängigkeit zeigte sich schon bei der Herausbildung des bereits beschriebenen Prozessarbeiters, der eine ganz andere Zusammenarbeit forderte. Dies deshalb, weil seine IT-gestützten Kontroll- und Steuerungsaktivitäten zwar nicht unbedingt eine Höherqualifizierung brachten, die tayloristische Arbeitsteilung aber zugunsten einer eher prozesshaften Tätigkeit bereits zurückgedrängt wurde, wie manche Beobachter schon in den 1970er-Jahren antizipierten: „In certain respects these developments are progressive […] and are likely to supply the instrumental, flexible, unillusioned, sharp, unskilled but well socialized workers needed to take part in its increasingly socialized work process.“ (Willis 1977: 180)
 
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Selbst in China führt die fortschreitende Deruralisierung zu steigenden Löhnen (Phillips 2014). Ein weiterer Grund für die steigenden Kosten in Ländern wie China waren auch die gestiegenen Anforderungen an Skills: „As for labor costs, wages in China and other emerging markets are rising. Rather than continuing to reap gains from labor arbitrage, companies will fight to hire skilled people for management and technical positions. New jobs require disproportionately greater skills, especially in science, engineering, and math. In China, once the main source of new workers, the demographic pressures of an aging population and falling birth rates could further increase the country’s labor costs. And most other emerging markets do not yet have the high-quality rural education systems required to build a disciplined workforce.“ (Dobbs et al. 2015)
 
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Selbst wenn diese Gewinne weiterhin steigen, bedeutet dies nicht, dass diese allen Unternehmen zukommen, sondern eher wohl nur einem kleineren Teil: „Es gibt immer mehr Verlierer und immer weniger Gewinner.“ (Gorz 2011: 81)
 
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So musste etwa Toyota wieder verstärkt menschliche Arbeitskräfte in seine roboterdominierten Fabriken einführen. „These […] are making a comeback at Toyota, the company that long set the pace for manufacturing prowess in the auto industry and beyond. Toyota’s next step forward is counter-intuitive in an age of automation: Humans are taking the place of machines in plants across Japan so workers can develop new skills and figure out ways to improve production lines and the car-building process.“ (Trudell et al. 2014)
 
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„Auflösen“ lässt sich diese Strategie bzw. dieses Dilemma nur in einer völlig durchtechnisierten Zukunft, in der der Mensch in den Fabriken keine wesentliche Rolle mehr spielt. Hier entwarf Moravec (1999) das Szenario miteinander konkurrierender Roboterfabriken, die den gesamten Gewinn reinvestieren müssen, um ihr Überleben zu sichern. Es geht hier also nicht mehr um finanzielle Gewinne, sondern um das Überleben der Fabrik: „The dynamics of capitalism will be replaced by the dynamics of biological reproduction. The ultimate payoff for success in the marketplace will no longer be monetary return on investment, but reproductive success.“ (A. a. O.: 133)
 
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„In China, auf den Philippinen oder im Sudan bezeugen Zahlen, dass diese Grenze erreicht ist. Die produktive Akkumulation von Kapital geht unaufhörlich zurück. In den Vereinigten Staaten verfügen die fünfhundert Firmen des Standard & Poor’s Index über 631 Mrd. flüssige Reserven: Die Hälfte der Gewinne der amerikanischen Unternehmen wird mit Operationen auf den Finanzmärkten erzielt. In Frankreich nimmt die produktive Investition der Unternehmen des CAC 40 (der französische Leitindex der 40 führenden Aktiengesellschaften) auch dann nicht zu, wenn ihre Gewinne explodieren.“ (Gorz 2011: 18)
 
Metadaten
Titel
Die Organisation von Individualität
verfasst von
Ayad Al-Ani
Copyright-Jahr
2022
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-37947-6_2

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