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Über dieses Buch

12 Dem Produktionsprozess wissenschaftlicher Arbeiten - zumal dem von wissen­ schaftlichen QualifIkationsarbeiten - hängt immer mal wieder das Klischee an, dass sich die Produzierenden weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit beschäfti­ gen. Von früh bis spät sitzen blasse Menschen tief versunken vor Sätzen, Formeln und Auslegungen, essen wenig, schlafen fast nie, sehen die Sonne nicht mehr. Die Arbeit wird zum Lebensinhalt. Dem Produktionsprozess dieser Arbeit - trotzdem es eine wissenschaftliche QualifIkationsarbeit ist - hängt es demgegenüber an, dass diese "zwischendurch" entstand. Zusammengesetzt nämlich aus der "freien Zeit" vor, zwischen und nach der Beschäftigung mit meinem Sohn Leander, der - zeitgleich mit dem Vorhaben geboren - mit seinem Papa tagsüber lieber die SOlIDe sehen wollte, mit ihm aß lmd spielte. Lebensinhalt war (und ist) er - bis er schlief. Zuvorderst habe ich es ihm zu verdanken, dass mir die nötige Distanz zukam, die eine solche Arbeit entgiftet und daInit erst zustande kommen lässt. Indem er mich vom Arbeiten abhielt, machte er mir irnnler wieder bewusst, dass es Wichtige­ res gibt und ließ mich anschließend auf das Wesentliche des Zweitwichtigen kon­ zentrieren. Ich hatte die Prioritäten so zu setzen, dass Leander Papa nicht entbehren musste. Ob ich ihm zu jedem Zeitpunkt vollkommen gerecht wurde, wird als Rest­ zweifel unausräumbar bleiben. Thm und der Erinnerung an diese gemeinsame Zeit des Werdens widme ich diese Arbeit. Leander wächst in eine Generation hinein, die schwer an den sozialen Anspruchen meiner Generation tragen wird.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Vorwort

Zusammenfassung
Ob sich reale Lebenslagen Pflegebedürftiger, überhaupt sozialpolitische Probleme, durch Bücher verbessern lassen, sollte man stark anzweifeln. Eher ist es so, dass Erfahrungen mit realen Lebenslagen Bücher verbessern, wenngleich es nicht auch zwangsläufig auf dieses zutreffen muss. Dennoch: Vieles von dem, was hier verarbeitet wurde, entstammt der Praxis, der Arbeit als Dozent in der Altenpflegeausbildung und vor allem anderen einer über dreijährigen Tätigkeit im Modellprojekt „Pflegeversicherung und Pflegemarkt“ des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung bei der Stadt Münster.
Berthold Dietz

I. Ansprüche

Zusammenfassung
Wes Geistes Kind Politikergebnisse sind, die bereits beim Zustandekommen als historische Errungenschaft gelten, ist nirgendwo so sehr unklar geblieben wie im Falle der Pflegeversicherung. Sie verkaufte sich und verkauft sich noch als Erfolg des Wirklichkeitssinns im kompromisslichen politischen Geschäft. Auf den ersten Blick war sie das unpolitischste Stück Sozialpolitik der Neunziger Jahre, weil ja auch faktisch niemand etwas gegen die Absicherung des Pflegefallrisikos hatte. Sie taugte nicht zu parlamentarischen Machtspielchen; alle anderen als wohltätige sozialpolitische Absichten hätten sich selbst in öffentlich-moralisches Abseits gestellt. Die Frage war lediglich — zumindest ab Mitte der achtziger Jahre -, wie sie auszusehen hätte, genauer, wie sie zu finanzieren sei. Die Pflegeversicherung musste nicht errungen werden, sie musste nur umgesetzt werden. Ein Kind der Ministerial-verwaltung, ein als modern und schlank verstandenes sich Konzentrieren auf Ablaufverwaltung und Leistungsgewährung vor parteipolitischen Zielen. Sie ist ein Ausbund an pragmatischer Politik, sicherlich mühsam ausgehandelt, aber in ihrer — im doppelten Wortsinne — rationellen Wirksamkeit nicht zu überbieten. Zitat:1
„Drei Jahre nach dem Start der Sozialen Pflegeversicherung kann festgestellt werden, daß die Soziale Pflegeversicherung nach Überwindung einiger Anlaufschwierigkeiten erfolgreich arbeitet…“
Berthold Dietz

II. Begründungen — Deutungen zur Genese der Pflegeversicherung

Zusammenfassung
Kaum einer der vielen Kommentare widerspricht der sozialpolitischen Notwendigkeit der Pflegeabsicherung. Selbst im Kern kritische Beiträge gestehen der Pflegeversicherung zu, ein Meilenstein in der Geschichte sozialer Sicherung zu sein. Gefeiert wird damit gleichwohl nicht ihre besondere Güte, sondern bereits die Tatsache ihres Zustandegekommenseins. Und die ist in der Tat bemerkenswert genug. Für tatsächlich betroffene zwei Prozent der Bevölkerung schuf man einen eigenen Sozialversicherungszweig mit eigenem Sozialgesetzbuch und eigenem Sozialverwaltungsapparat. Und das in einer Zeit, in der der Staat von Eliten repräsentiert wurde, die von nichts anderem als dem Umbau seines sozialen alter ego sprachen und dabei dessen Abbau im Sinne hatten. Aber nicht nur das politische, auch das öffentliche Klima war für einen Ausbau denkbar ungünstig. Für Pflegebedürftige etwas zu tun, war zwar moralisch aufgeladen. Dementsprechend war der gesellschaftliche Konsens zwar groß, aber nicht sehr laut. Pflege war sehr privat. Das hätte sie nach gängiger Lesart eines neoliberalen Sozialstaatsverständnisses auch bleiben sollen. Die regierenden Parteien waren darauf aus, den Sozialstaat zu perhorreszieren.1 Ihre sozialpolitische Deutung bestehender Verhältnisse war die von der „Hängematte“, die — viel zu großzügig und viel zu teuer — zum Missbrauch geradezu einlädt. Das Credo „Mehr-Eigenverantwortung-weniger-Staat“ wurde bis zum Vorwurf einer „Politik der sozialen Kälte“ 2 verfolgt und ließ keine großen Taten erwarten.
Berthold Dietz

III. Wirklichkeiten — Befunde zur Entwicklung der Pflegeversicherung

Zusammenfassung
1989 erschien ein Buch des Giessener Soziologen und Theologen Reimer Gronemeyer, „Die Entfernung vom Wolfsrudel“. Gronemeyer malt darin für das Jahr 2030 den Alptraum eines Pflegeheimes aus. Modernste Pflegestandards äußern sich als industrielle, maschinisierte Pflege in riesenhaften, sterilen Pflegefabriken. Gronemeyer sieht Fließbandpflege, Waschstraßen, Fütterungsautomaten und Katheter, streng rationalisierte Abläufe durch Fachpersonal, bei der die Schwere des Falles beziehungsweise die Nähe zum Tod das Maß an täglicher Zuwendung in Minuten bestimmt. Für den Autor selbst ist dies kein überzeichnetes Horrorbild, da in Ansätzen fast alle Details (Videoüberwachung, Dauerkatheder, fachlich-spezialisierte, rationalisierte Abläufe) längst existieren.1
Berthold Dietz

IV. Zukunft der Pflegeversicherung

Zusammenfassung
Statistiken mehr zu glauben als eigener Erfahrung, ist nicht nur eine Schwäche interessiert breiter Öffentlichkeit; auch Produzierende wissenschaftlicher Ergebnisse sind selten genug in der Lage, sich der Faszination arrangierter Wirklichkeit durch Zahlen zu entziehen. Sie sind der Inbegriff des Faktischen, geben sich exakt, eindeutig und unwiderlegbar. Seht her, so ist es. Sie täuschen Wissen und Gewissheit vor und erzeugen damit — so beängstigend ihre Aussage auch sein mag — Sicherheit. Nachgerade gilt dies für Zahlen, die die Zukunft abzubilden beabsichtigen. Sie bedienen einen der zähesten Menschheitsträume: zu wissen, was kommt. Manche wissenschaftlich Arbeitenden suchen geradezu die Figur aufgeklärter Prophezeiender und Wahrsagender, die dem staunenden Publikum die Datenreihen deuten. Es ist ein gewichtiges Geschäft. Wenn schon nicht über die Gegenwart, so dann doch wenigstens Macht über die Zukunft besitzen.
Berthold Dietz

V. Jahrhundertwerk Pflegeversicherung?

Zusammenfassung
Hat das „Jahrhundertwerk“eine Zukunft? Unter Fachleuten nicht sehr beliebt, finanziell entwicklungsunfähig, demografisch vor der Bankrotterklärung oder vor dem Anrechteverrat an den Versicherten — die Pflegeversicherung wirkt wie ein inkre-mentalistischer Großversuch. Was könnte auch der rheinisch-kapitalistische Sozialstaat anderes hervorbringen?
Berthold Dietz

Backmatter

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