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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung

Zusammenfassung
Gegenstand des vorliegenden Buches ist die Formierung, Umsetzung und Wirkung der Industrialisierung des Wohnungsbaus in der DDR. Die ‚Platte ‘als Haupterzeugnis des industrialisierten Wohnungsbaus und ihre städtebauliche Anwendung in Form der Großsiedlung wird als Symbol einer spezifischen Stadtpolitik dargestellt, mit der die gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR baulich-räumlich umgestaltet werden sollten. Der Lebensbereich „Wohnen“ galt in der DDR immer als wesentlicher Bestandteil der ideologischen Legitimation des Systems. Das Recht eines jeden Staatsbürgers auf Wohnraum war in der Verfassung verankert; die Wohnungsbaupolitik seit Gründung der DDR hochrangige Angelegenheit der Partei- und Staatsführung. Ziel war die „Überwindung der kapitalistischen Wohnstrukturen“ sowohl auf der wohnungswirtschaftlichen als auch der baulich-räumlichen Ebene.
Christine Hannemann

1. Industrialisiertes Bauen und Wohnen: Zur sozialen Konstruktion eines baugeschichtlichen Topos

Zusammenfassung
Wer im Kontext stadtbezogenen Denkens arbeitet, assoziiert heute DDR auch mit ‚Platte‘. Die Platte ist die Umgangs-, aber auch fachsprachliche Bezeichnung für das Grundelement der Großtafelbauweise, die als Haupttechnologie im industriellen Wohnungs- und Gesellschaftsbau der DDR angewandt wurde. Das industrielle Bauen ist für die Geisteswissenschaften ein bemerkenswertes Amalgam, das auf einmalige Weise soziale Theorien und reale Baupraxis zusammenführt. Auf staatliche Anforderungen im sozialen Wohnungsbau reagierten Architekten und Baufirmen durch die Entwicklung von Technik. Die Anwendung der Großtafelbauweise in der DDR kann nur als eine spezifische Verknüpfung von ökonomischer und sozialer Politik verstanden werden, getragen von einer charakteristischen Ideologie, die mit dieser Arbeit analysiert wird. In diese Analyse einbegriffen ist die Darstellung von Entstehung, Verfestigung und Permanenz der Strukturen des Bauwesens der DDR und ihre schon in der Konzeption angelegte Inflexibilität. Da institutionelle Strukturen sozial konstruiert sind, wird diese Strukturanalyse mit einer Akteuranalyse verknüpft, die auf den „staatssozialistischen“ ‚system builder ‘Gerhard Kosel als Hauptakteur der Durchsetzung des industriellen Bauens in der DDR gerichtet ist.
Christine Hannemann

2. Technik als Leitbild. Zur Entwicklung des industrialisierten Bauens und dessen Verknüpfung mit dem Wohnungsproblem

Zusammenfassung
Die zwanziger und frühen dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts waren unzweifelhaft die entscheidende Periode für die Entwicklung des industriellen Bauens in Europa und Nordamerika. Die moderne Bewegung in der Architektur entwickelte im Anschluß an die Prinzipien der durch Frederick W. Taylor und Henry Ford revolutionierten Massenproduktion eine ‚Philosophie ‘des industrialisierten Massenwohnungsbaus. Dieser Entwicklung lag indes eine längere Vorgeschichte zugrunde, die im folgenden bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden soll.
Christine Hannemann

3. Entdifferenzierung durch Industrialisierung: Zur Genese des Systems der ‚Platte‘ in der DDR

Zusammenfassung
Die fast ausschließliche Anwendung der Großtafelbauweise war bis 1955 keine zentrale Vorgabe der Baupolitik in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der späteren DDR. Sie wurde lediglich als eine mögliche Technik neben anderen betrachtet. Eine ideologische Überhöhung der Industrialisierung, wie sie später mit der Gleichsetzung von Sozialismus und Industrialisierung des Bauens betrieben wurde, fand in diesem Zeitraum noch nicht statt. Gleichwohl wurde in diesen zehn Jahren nach 1945 strukturell und organisatorisch eine wesentliche Voraussetzung der späteren technokratischen Gleichschaltung des Bauwesens geschaffen: Die Zentralisierung aller wesentlichen gesellschaftlichen Funktionszusammenhänge in der Diktatur des sogenannten demokratischen Zentralismus. Die Machtübernahme durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland und die KPD/ SED setzte „in der SBZ in wenigen Jahren einen sozioökonomischen und politischen Umbruch durch, der gesellschaftlich eigenständige Institutionen zugunsten einer zugleich vielgliedrigen wie mono-organisatorischen Struktur abbaute“ (Meuschel 1992: 41).
Christine Hannemann

4. Zur Ideologie der ‚Platte‘

Zusammenfassung
Als Sache, mit der in der DDR gesellschaftliche Verhältnisse vermittelt wurden, hat die ‚Platte’ soziale Implikationen, in der „Grundzüge gesellschaftlicher Ordnung“ (Linde) angelegt sind. Eine solche Interpretation technischer Artefakte entspricht einer Soziologie der Sachen (Linde 1972) oder in einer neueren Weiterentwicklung dieses Ansatzes einer Soziologie der Sachverhältnisse (Joerges 1979). Im folgenden soll dieser theoretische Bezugsrahmen verwendet werden, um das Produkt ‚Platte ‘als ein Resultat sozialen Handelns, als einen symbolisch vermittelten Entstehungszusammenhang zu beschreiben. Obwohl dieser Herstellungsvorgang auf intentionales Handeln von individuellen und kollektiven Akteuren rückführbar ist, verweisen die diesen Handlungen zugrunde liegenden Deutungsmuster auf tieferliegende Strukturen. Die Analyse und Erklärung der sozialen Konstruktion von Sachen bzw. von Sachverhältnissen entspricht einer spezifisch soziologischen Herangehensweise an einen Objektbereich, der von verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen — im Fall der ‚Platte ‘z.B. von der Kunst- und Architekturgeschichte, der Wirtschaftswissenschaften oder auch der Baukonstruktion — her behandelbar ist. Der gesellschaftlichen Konzeption der ‚Platte ‘muß bei der Behandlung der DDR ein besonderer Stellenwert zugebilligt werden, da die „herrschende Ideologie [...] in stärkerem Maße als in anderen sozialistischen Ländern [...] den Charakter einer Staatsräson [gewann]. Denn der SED war es verwehrt, die DDR gleichsam als nationale Notgemeinschaft gegen das Joch der sowjetischen Hegemonie zusammenzuschweißen: Ihre Herrschaft mußte sich auf die — wenn notwendig: unbedingte — Konformität mit dem sowjet-sozialistischen Modell stützen.“ (Meuschel 1992: 20)
Christine Hannemann

5. Wohnen in der ‚Platte‘ im Spiegel soziologischer Forschung der DDR

Zusammenfassung
Die soziologische Forschung blieb auf der Ebene der Begriffsbildung bei der Definition des Gegenstandes Wohnen in historisch-materialistischen Lehr- und Leerformeln stecken. Wohnen erscheint weder im Standardlehrbuch Grundlagen der marxistisch-leninistischen Soziologie (Aßmann/Stollberg 1979) als soziologischer Forschungsgegenstand noch als Stichwort im Wörterbuch der marxistisch-leninistischen Soziologie (Wörterbuch 1983). Hier bereits wird das ausgeprägte Theoriedefizit der umfangreichen empirischen Sozialforschung zum Wohnen deutlich. Die soziologische Forschung unternahm begriffliche Annäherungsversuche auf dem Hintergrund des Ansatzes der „sozialistischen Lebensweise“. So etwa bei den wichtigsten Vertretern der Wohnsoziologie, Alice Kahl (Leipzig) und Loni Niederländer (Berlin): „Wohnen ist als einer der Komplexe von Tätigkeiten zur Reproduktion der Gesellschaft — sowohl des individuellen einzelnen Wesens als auch der Gattung — immer geprägt durch die historische Qualität der Gesamtheit der Lebensbedingungen und Lebenstätigkeiten innerhalb der jeweiligen Gesellschaftsform, in der der einzelne lebt.“ (Niederländer 1984: 13) Auch bei Kahl wird „Wohnen als Gegenstand soziologischer Lebensweiseforschung aufgefaßt“ (Kahl 1986: 9).
Christine Hannemann

6. Die ‚Platte‘ als sozio-technisches System

Zusammenfassung
Abschließend ist es nun möglich, unter Rückgriff auf die bereits in den Abschnitten 1 und 3 ansatzweise eingeführte techniksoziologische Fragestellung nach der Wechselwirkung von Gesellschaft und Technik die ‚Platte ‘als großes technisches System zu reinterpretieren. Die vorgeblichen technologischen Notwendigkeiten des industriellen Bauens in der DDR lassen sich im Rahmen dieses theoretischen Ansatzes als spezifische Verknüpfung einer staatssozialistischen Organisationsform mit einem industrialistischen Modell von Technik interpretieren.
Christine Hannemann

7. Ausblick: Entdifferenzierung als Hypothek — Differenzierung als Aufgabe

Zusammenfassung
Während kurz nach der Wende die Zukunft der ‚Platte ‘diskutiert wurde, hat sich heute der Schwerpunkt der Debatten verschoben: Es geht um die Zukunft der ostdeutschen Großsiedlungen und nicht mehr um die Plattenbautechnologie allein. Durch verschiedene Gutachten wurde die Standfestigkeit der Plattenbauten nachgewiesen, die konstruktiven und bautechnischen Probleme gelten als lösbar, dies ist vor allem eine finanzielle Frage.
Christine Hannemann

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