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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Kapitel 1. Ausdifferenzierung als Verdoppelung der Realität

Zusammenfassung
Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.1 Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur. Was wir über die Stratosphäre wissen, gleicht dem, was Platon über Atlantis weiß: Man hat davon gehört. Oder wie Horatio es ausdrückt: So I have heard, and do in part believe it.2 Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, daß wir diesen Quellen nicht trauen können. Wir wehren uns mit einem Manipulationsverdacht, der aber nicht zu nennenswerten Konsequenzen führt, da das den Massenmedien entnommene Wissen sich wie von selbst zu einem selbstverstärkenden Gefüge zusammenschließt. Man wird alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren versehen — und trotzdem darauf aufbauen, daran anschließen müssen.
Niklas Luhmann

Kapitel 2. Selbstreferenz und Fremdreferenz

Zusammenfassung
Bevor wir weitergehen, bedarf zunächst die in das System eingebaute Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz einer genaueren Analyse. Was jedem externen Beobachter (uns zum Beispiel) auffallen muß, ist: daß damit die operativ produzierte Grenze des Systems, die Differenz von System und Umwelt, in das System hineincopiert wird. Also muß das System zuerst operieren und seine Operationen fortsetzen, also zum Beispiel leben oder kommunizieren können, bevor es die auf diese Weise erzeugte Differenz intern als Unterscheidung und damit als Schema eigener Beobachtungen verwenden kann.1 Wir müssen mithin Differenz und Unterscheidung — unterscheiden, und das erfordert die Festlegung einer Systemreferenz (hier: Massenmedien) bzw. die Beobachtung eines Beobachters, der sich selbst von dem, was er beobachtet, unterscheiden kann.
Niklas Luhmann

Kapitel 3. Codierung

Zusammenfassung
Die erste Frage, die sich bei einer systemtheoretischen Beschreibung der Massenmedien stellt, muß zu klären suchen, wie die Gesellschaft es überhaupt ermöglicht und zuläßt, daß ein solches System sich ausdifferenziert. Denn an sich kann ja jede Kommunikation an jede Kommunikation anschließen, und die Bedingung dafürr ist nur, daß ein Sinnzusammenhang hergestellt werden kann.1 Es muß daher erklärt werden, wie solche thematisch naheliegenden Anschlußmöglichkeiten unterbrochen werden, und zwar in einer Weise unterbrochen werden, die es erlaubt, Grenzen zu ziehen und innerhalb dieser Grenzen durch eine abgesonderte Art von Kommunikation Teilsystemkomplexität aufzubauen.
Niklas Luhmann

Kapitel 4. Systemspezifischer Universalismus

Zusammenfassung
Wie in anderen Funktionssystemen auch ist ein besonderer Code Voraussetzung für die Ausdifferenzierung eines besonderen Funktionssystems der Gesellschaft. Unter „Ausdifferenzierung“ ist die Emergenz eines besonderen Teilsystems der Gesellschaft zu verstehen, das die Merkmale der Systembildung, vor allem autopoietische Selbstreproduktion, Selbstorganisation, Strukturdeterminiertheit und mit all dem: operative Schließung selbst realisiert. Es handelt sich in einem solchen Falle nicht nur um ein Phänomen, das ein Beobachter, der es darauf anlegt, unterscheiden kann. Sondern das System unterscheidet sich selbst. Die Analyse des Systems der Massenmedien liegt deshalb auf derselben Ebene wie die Analyse des Wirtschaftssystems, des Rechtssystems, des politischen Systems usw. der Gesellschaft und hat über alle Unterschiede hinweg auf Vergleichbarkeit zu achten. Der Aufweis eines funktionssystemspezifischen Codes, der nur in dem betreffenden System als Leitdifferenz benutzt wird, ist ein erster Schritt in diese Richtung.1
Niklas Luhmann

Kapitel 5. Nachrichten und Berichte

Zusammenfassung
Am deutlichsten ist der Programmbereich Nachrichten und Berichte als Erarbeitung / Verarbeitung von Informationen erkennbar. In diesem Bereich verbreiten die Massenmedien Ignoranz in der Form von Tatsachen, die ständig erneuert werden müssen, damit man es nicht merkt. Wir sind an tägliche Nachrichten gewöhnt, aber man sollte sich trotzdem die evolutionäre Unwahrscheinlichkeit einer solchen Annahme vor Augen führen. Gerade wenn man mit Nachrichten die Vorstellung des Überraschenden, Neuen, Interessanten, Mitteilungswürdigen verbindet, liegt es ja viel näher, nicht täglich im gleichen Format darüber zu berichten, sondern darauf zu warten, daß etwas geschieht und es dann bekannt zu machen. So das 16. Jahrhundert in der Form von Flugblättern, Balladen, Kriminalgeschichten aus Anlaß von Hinrichtungen etc.1
Niklas Luhmann

Kapitel 6. Ricúpero

Zusammenfassung
Wenn die Realität in so hohem und erfolgreichem Maße selektiv konstruiert wird, muß man mit gelegentlichen Zusammenbrüchen rechnen. Der stets mitlaufende Manipulationsverdacht bleibt unbestimmt, solange nicht handfeste Beweise vorliegen — und das heißt immer: durch die Medien selbst geliefert werden. Eine gute Gelegenheit zum Studium eines solchen Zusammenbruchs bot kürzlich ein ungeplant gesendetes Interview des brasilianischen Finanzministers Rubens Ricúpero am 2. September 1994.
Niklas Luhmann

Kapitel 7. Werbung

Zusammenfassung
Nach der Wahrheit die Werbung. Im gesamten Bereich der Massenmedien gehört Werbung zu den rätselhaftesten Phänomenen. Wie können gut situierte Mitglieder der Gesellschaft so dumm sein, viel Geld für Werbung auszugeben, um sich ihren Glauben an die Dummheit anderer zu bestätigen? Es fällt schwer, hier nicht das Lob der Torheit zu singen, aber offenbar funktioniert es, und sei es in der Form der Selbstorganisation von Torheit.
Niklas Luhmann

Kapitel 8. Unterhaltung

Zusammenfassung
Indern wir uns jetzt der „Unterhaltung“ durch Massenmedien nähern, betreten wir erneut einen ganz andersartigen Programmbereich. Auch hier interessieren uns nur die theoretisch präparierten Fragen. Wir fragen nicht nach dem Wesen oder der Unterhaltsamkeit der Unterhaltung, nicht nach ihrer Qualität und auch nicht nach Unterschieden im Anspruchsniveau oder nach den Eigenarten derer, die einer Unterhaltung bedürfen oder sich einfach gern unterhalten lassen und etwas vermissen würden, wenn dies entfiele. Sicherlich ist Unterhaltung auch eine Komponente der modernen Freizeitkultur, die mit der Funktion betraut ist, überflüssige Zeit zu vernichten. Im Kontext einer Theorie der Massenmedien bleiben wir aber bei Problemen der Realitätskonstruktion und bei der Frage, wie in diesem Falle die Codierung Information/Nichtinformation sich auswirkt.
Niklas Luhmann

Kapitel 9. Einheit und strukturelle Kopplungen

Zusammenfassung
Die drei Programmbereiche, die wir separat behandelt haben, lassen sich in ihrer Typik deutlich voneinander unterscheiden. Das schließt wechselseitige Anleihen nicht aus. Berichte sollten nach typischer Journalistenmeinung unterhaltsam geschrieben werden (aber was heißt das? leicht lesbar?); und viele Sensationsnachrichten der Boulevard-Presse werden im Hinblick auf ihren Unterhaltungswert ausgewählt1 (aber auch hier wäre Unterhaltung breiter verstanden und nicht im oben präzisierten Sinne als Abbau einer selbsterzeugten Unsicherheit). Vor allem Werbung, deren Bezugsrealität Markt nicht gerade besonders inspirierend wirkt, muß sich etwas einfallen lassen, also Unterhaltung und Berichte über schon Bekanntes aufnehmen. Das amerikanische Zeitungswesen hatte im 19. Jahrhundert seine eigene Unabhängigkeit zunächst über Anzeigen gesichert und dann Nachrichten und Unterhaltung hinzuerfunden.2
Niklas Luhmann

Kapitel 10. Individuen

Zusammenfassung
Wenn demnach vieles für eine Differenzierung der Programmbereiche Nachrichten/Berichte, Werbung und Unterhaltung spricht: was spricht für ihren Verbund in ein und demselben Funktionssystem?
Niklas Luhmann

Kapitel 11. Die Konstruktion der Realität

Zusammenfassung
Wir kehren nunmehr zum Leitproblem dieser Abhandlung, zur Frage der Konstruktion der Realität der modernen Welt und ihres Gesellschaftssystems zurück. Im Alltag setzt man normalerweise voraus, daß die Welt so ist, wie sie ist, und daß Meinungsverschiedenheiten ein Resultat verschiedener „subjektiver“ Perspektiven, Erfahrungen, Erinnerungen seien.1 Die neuzeitliche, posttheologische Wissenschaft hat diese Annahme noch verstärkt und hat versucht, sie methodologisch abzusichern. Während die Naturwissenschaften dieses Jahrhunderts sie bereits in Frage gestellt haben, scheinen die Sozialwissenschaften, auch wo sie von „Chaostheorie“ und Ähnlichem reden, methodologisch immer noch auf der Suche nach „der“ Realität zu sein und nur einen historischen, ethnischen oder kulturell bedingten Relativismus zuzulassen.2 Damit überhaupt geforscht werden kann, müsse doch irgend ein „Gegenstand“ angenommen werden, so läuft das Argument, auf den die Forschung sich beziehe; denn sonst rede man ständig über vieles und immer anderes zugleich.
Niklas Luhmann

Kapitel 12. Die Realität der Konstruktion

Zusammenfassung
Jede konstruktivistische Kognitionstheorie, und so auch diese, wird sich dem Einwand ausgesetzt sehen, daß sie der Realität nicht gerecht wird. Im traditionellen Schema der menschlichen Vermögen hatte man Erkenntnis von Willen unterschieden und nur dem Willen Freiheit der Selbstbestimmung (Willkür) konzediert. Erkenntnis dagegen sei dem Widerstand der Realität ausgesetzt und könne nicht beliebig verfahren, ohne damit ihre Funktion zu verfehlen. Diese Arbeitsteilung scheitert jedoch schon daran, daß es, empirisch gesehen, Beliebigkeit überhaupt nicht gibt; und daß auch Selbstdetermination (Autonomie) nur möglich ist in einem System, das sich selbst von der Umwelt unterscheidet und sich durch die Umwelt zwar nicht determinieren, wohl aber irritieren läßt. Aber damit wird die Frage nur um so dringender, wie denn der Widerstand zu begreifen sei, den die Realität dem Erkennen wie auch dem Wollen entgegensetzt.
Niklas Luhmann

Kapitel 13. Die Funktion der Massenmedien

Zusammenfassung
Will man diesen Analysen etwas über die gesellschaftliche Funktion von Massenmedien entnehmen, muß man zunächst einmal auf eine grundlegende Unterscheidung zurückgreifen, nämlich die Unterscheidung von Operation und Beobachtung. Operation ist das faktische Stattfinden von Ereignissen, deren Reproduktion die Autopoiesis des Systems, das heißt: die Reproduktion der Differenz von System und Umwelt durchführt. Beobachtungen benutzen Unterscheidungen, um etwas (und nichts anderes) zu bezeichnen. Auch Beobachten ist selbstverständlich eine Operation (anders käme sie nicht vor), aber eine hochkomplexe Operation, die mit Hilfe einer Unterscheidung das, was sie beobachtet, von dem abtrennt, was sie nicht beobachtet; und was sie nicht beobachtet, ist immer auch die Operation des Beobachtens selbst. Die Beobachtungsoperation ist in diesem Sinne ihr eigener blinder Fleck, der überhaupt erst ermöglicht, etwas Bestimmtes zu unterscheiden und zu bezeichnen.1
Niklas Luhmann

Kapitel 14. Öffentlichkeit

Zusammenfassung
Den bisherigen Überlegungen kann man etwas über die Richtung entnehmen, in der nach der „Funktion“ der Massenmedien gefragt werden muß. Sie leisten einen Beitrag zur Realitätskonstruktion der Gesellschaft. Dazu gehört eine laufende Reaktualisierung der Selbstbeschreibung der Gesellschaft und ihrer kognitiven Welthorizonte, sei es in konsensueller, sei es in dissensueller Form (wenn es zum Beispiel um die wirklichen Ursachen des „Waldsterbens“ geht). Zwar haben die Massenmedien keinen Exklusivanspruch auf Realitätskonstruktion. Schließlich trägt jede Kommunikation in dem, was sie aufgreift und in dem, was sie dem Vergessen überläßt, zur Realitätskonstruktion bei. Unentbehrlich ist jedoch die Mitwirkung von Massenmedien, wenn es um die weite Verbreitung, um die Möglichkeit anonymer und damit unvorhersehbarer Kenntnisnahme geht. Das heißt nicht zuletzt, so paradox dies klingen mag: wenn es darum geht, in den Reaktionen auf Kenntnisnahme Intransparenz zu erzeugen.
Niklas Luhmann

Kapitel 15. Schemabildung

Zusammenfassung
Die bisher durchgeführten Untersuchungen hatten entschieden und ausschließlich für die Systemreferenzen „Gesellschaft“ und „Massenmedien“ optiert und alles andere in deren „Umwelt“ verwiesen. Damit blieben auch Individuen als lebende Körper und als Bewußtseinssysteme außer Betracht. Wir konnten zwar von Individuen sprechen, und in der Tat kommt kein System der Massenmedien aus, ohne Namen zu nennen oder Bilder von Menschen zu übermitteln. Aber das sind dann offensichtlich nur Themen der Kommunikation oder abgebildete Objekte, und es geht in allen Fällen auf Entscheidungen im System der Massenmedien, also auf Kommunikationen zurück, ob sie genannt oder gezeigt werden oder nicht. Es sind nicht die Individuen selbst. Es sind nur Personen, nur „Eigenwerte“, die jedes Kommunikationssystem erzeugen muß, um sich selbst reproduzieren zu können.1
Niklas Luhmann

Kapitel 16. Kybernetik zweiter Ordnung als Paradoxie

Zusammenfassung
Die von Heinz von Foerster ausgearbeitete Kybernetik zweiter Ordnung1 gilt mit Recht als konstruktivistische Theorie, wenn nicht als Manifest des operativen Konstruktivismus. Das Umgekehrte gilt jedoch nicht. Konstruktivistische Erkenntnistheorien haben nicht notwendigerweise die Strenge einer Kybernetik der Kybernetik. Man kann Kognitionen als Konstruktionen eines Beobachters beobachten, ohne damit die These zu verbinden, daß der beobachtende Beobachter sich selbst als Beobachter beobachtet. Dieser Unterschied ist so wichtig, daß wir ihm ein abschließendes Kapitel widmen müssen.
Niklas Luhmann

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