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Die Regierung des Konsums

  • 2015
  • Buch

Über dieses Buch

Konsum war und ist schon immer mehr als nur Bedürfnisbefriedigung. Er ist Ort der Auseinandersetzung um die legitime Ordnung der Gesellschaft und somit ein gesellschaftstheoretisches Thema par excellence. Ausgehend von Foucaults Konzept der Gouvernementalität untersucht die Studie in historischer Perspektive Diskurse, Institutionen, Praktiken und Artefakte, mittels derer versucht wurde, den Konsum zu lenken. Sie zeigt, dass jede der in dieser Studie analysierten gesellschaftlichen Formationen eine ihrem Selbstverständnis entsprechende Vorstellung über die Bedeutung des Konsums und Unterscheidung in richtigen und falschen Konsum besaß und dieser Vorstellung und Unterscheidung gemäß versucht hat, auf Konsum einzuwirken. Neben einem historischen wird diese Studie aber auch durch ein zeitdiagnostisches Interesse geleitet. So wird die Erschaffung einer Gesellschaft des Marktes und Wettbewerbs sowie von ebenso unternehmerischen und unabhängigen wie sozial und ökologisch verantwortungsbewussten KonsumentInnen als Fluchtpunkt der gegenwärtigen, neoliberalen Regierung des Konsums analysiert.

Inhaltsverzeichnis

  1. Frontmatter

  2. 1. Einleitung

    Jens Hälterlein
    Zusammenfassung
    Im Jahr 1621 erließ der Rat der Stadt Frankfurt am Main eine neue Policeyverordnung mit folgender Begründung:
    Obwol an sich selbsten ehrlich / ziemblich / vnd billich / daß ein jeder / was Würden / Standes / oder Herkommens der seye / nach seinem Stand vnd Ehren / sich also bekleiden lasse / vnd trage / damit ein jeder in seinem Stand vnderschiedlich erkandt werden möge; So vernimbt man jedoch / vnd bezeugts der Augenschein täglich / daß wider alle Erbarkeit / vnd über vielfältiges und fast tägliches von der Cantzel deßwegen beschehenes ruffen / ermahnen / vnd straffen / der verdammliche übermäßige Pracht / Stoltz vnd Hoffart in den Kleidungen / so wol auch der Vberfluß in essen und trincken / vnd andern Sachen mehr / dermassen oberhand genommen / vnd so hoch gestiegen / daß viel dardurch in Abgang ihrer zeitlichen Nahrung gerathen / zugeschweigen / wie gar kein Vnderscheid der Personen / eins oder deß andern standes / solcher Vbermaß wegen erkandt vnd abgenommen werden mag.
  3. 2. Von der Luxuskritik zur Analytik der Reichtümer

    Jens Hälterlein
    Zusammenfassung
    Die in der Frankfurter Policeyverordnung vollzogene Problematisierung des Luxus ist paradigmatisch für die Wahrnehmung des Konsums bis ins 18. Jahrhundert hinein. Bereits in der Antike wurde der Konsum von Luxusgütern zum Ziel eines kritischen Diskurses. Ein vornehmliches Ziel des literarischen und philosophischen Zweiges dieser antiken Luxuskritik war ein tugendhafter Umgang mit den eigenen Bedürfnissen als Voraussetzung der Erlangung von Glückseligkeit. Foucault hat die Lehren, die auf eine Maximierung des individuellen Glücks abzielen, in Der Gebrauch der Lüste (1986b) und Die Sorge um sich (1986c) im Hinblick auf die Konstitution eines Moralsubjekts durch Technologien des Selbst analysiert. Schon die römischen Aufwandsgesetze (leges sumptuariae) zeigen aber, dass sich die antike Luxuskritik nicht ausschließlich vor dem Hintergrund einer Ethik der Selbstkonstitution eines souveränen Subjekts bzw.
  4. 3. Liberalismus und bürgerlicher Konsum: Die Befreiung der Bedürfnisse?

    Jens Hälterlein
    Zusammenfassung
    In der Frühphase der politischen Ökonomie vollzieht sich die Kritik an der Staatsräson in der Problematisierung des Merkantilismus durch die Physiokratie. Die Physiokraten proklamieren statt einer aktiven Handelsbilanz als Königsweg zur Mehrung der Reichtümer des Staates die Produktion von landwirtschaftlichen Gütern als Grundlage des Gemeinwohls. Dabei erweitern sie zugleich den Fokus von der Verteilung und Proportion des Vorhandenen auf dessen Ursprung und Vermehrung (Burkhardt 1972, S. 566). Denn aus ihrer Sicht kann der Boden bzw. die Bearbeitung des Bodens mehr hervorbringen als für diese Arbeit aufgewendet wird. Allerdings darf in dieser Annahme der Physiokraten noch nicht die Rückführung des Wohlstands einer Nation auf die allgemein menschliche Arbeit gesehen werden.
  5. 4. Die Regierung des Sozialen I: Bedarfsdeckung

    Jens Hälterlein
    Zusammenfassung
    Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich ein Verständnis der deutschen Konsumvereine, demzufolge diese den ArbeiterInnen nicht als Instrument freiwilliger Vorsorge dienen und so zur Versöhnung mit der liberalen Marktwirtschaft beitragen, sondern eine Ausrichtung der Ökonomie am Kriterium der Versorgungssicherheit ermöglichen sollen. Die Ausbreitung der Konsumvereinsbewegung vollzog sich in dieser Phase v. a. durch die Neugründung oder Übernahme von Konsumvereinen durch ArbeiterInnen als genossenschaftliche Organisationen der Arbeiterselbsthilfe, d. h. ohne bürgerliche Träger, Vorstandsvorsitzende und Aufsichtsratsmitglieder. „In Germany as in other countries, a cooperative movement born in part of liberal ideas increasingly became a tool for those who struggled against what they saw as the failings of liberalism“ (Fairbairn 1999, S. 268).
  6. 5. Die Regierung des Sozialen II: Bedarfsweckung

    Jens Hälterlein
    Zusammenfassung
    Mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 wurde jedoch schlagartig klar, dass nicht nur die Bedürfnisse selbst ein soziales Risiko darstellten, sondern ebenso die ökonomischen Grundlagen ihrer Befriedigung. Da eine Sozialpolitik der Bedarfsdeckung nur kostendeckend wirtschaften kann, wenn Vollbeschäftigung zum einen eine Finanzierung der staatlichen Leistungen durch Lohnsteuern ermöglicht und zum anderen den allgemeinen Bedarf an staatlichen Leistungen in Grenzen hält, wird der Arbeitsmarkt zu einem sozialen Risiko erster Güte. Nur unter der Voraussetzung, dass ein hohes Beschäftigungsniveau der Normalzustand einer Volkswirtschaft ist und legitime Ansprüche auf Fürsorgeleistungen ein bestimmtes Maß nicht überschreiten, ist das Ideal der Bedarfsdeckung auf Dauer realisierbar.
  7. 6. Die neoliberale Regierung des Konsums

    Jens Hälterlein
    Zusammenfassung
    Einige der wichtigsten theoretischen Grundlagen dieser neuen, neoliberalen Rationalität des Regierens wurden bereits in den 1930er Jahren in der Auseinandersetzung ordoliberaler Theoretiker mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 und mit der Kontrolle des Marktes durch den Staat (ob nun sozialstaatlicher, kommunistischer oder nationalsozialistischer Provenienz) gelegt. Den in den vorherigen zwei Kapiteln behandelten Ansätzen, denen zufolge Regieren nicht die Mechanismen des Marktes zu akzeptieren, sondern den Markt den Imperativen zentralistischer Planung zu unterwerfen habe, wurde entgegen gehalten, dass die Krise nicht auf ein Versagen des Marktes zurückgeführt werden könne, sondern gerade in den Eingriffen in das Marktgeschehen die Ursache der ökonomischen Depression zu suchen sei.
  8. 7. Schluss

    Jens Hälterlein
    Zusammenfassung
    Die Analyse einer Regierung des Konsums erlaubt es, den Fallstricken kritischer Zeitdiagnosen zu entgehen, die die gegenwärtige kulturelle Bedeutung des Konsums mit einem Prozess der gesellschaftlichen Desintegration gleichsetzen. In diesen Kritiken wird im Anschluss an die Diagnose eines bis zum Narzissmus übersteigerten Individualismus und einer fehlenden Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement eine allgemeine sozialmoralische Krise konstatiert, wobei ein zumeist als Konsumismus bezeichneter Lebensstil, dessen Inhalt in der Übertragung einer passiven und egozentrischen Konsumentenhaltung auf alle Lebensbereiche bestehe, als eines der zentralen Kennzeichen dieser sozial-moralischen Krise gilt.
  9. Backmatter

Titel
Die Regierung des Konsums
Verfasst von
Jens Hälterlein
Copyright-Jahr
2015
Electronic ISBN
978-3-658-06453-2
Print ISBN
978-3-658-06452-5
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-06453-2

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    Bildnachweise
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