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2019 | Buch

Die Schattenseite der Kreativität

Wie Kriminalität und Kreativität zusammenhängen – eine psychologische Analyse

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Über dieses Buch

Kreativität wird in der Regel als positives Merkmal beschrieben, das Wachstum und Erneuerung bringt. Sie wird allerdings nicht nur im positiven Sinne eingesetzt: Viele Straftaten weisen ein hohes Maß an effektiver Neuheit auf, d.h. sie sind kreativ. Dieses Buch präsentiert die wichtigsten psychologischen Konzepte, die notwendig sind, um solche einfallsreiche und erfinderische Verbrechen zu analysieren: die 4Ps der Kreativität (Person, Produkt, Prozess und Leistungsdruck [engl.: Press]) und die Phasen der Kreativität. Diese Konzepte werden dann mittels zweier Fallbeispiele (Gaunerei, Terrorismus) konkretisiert und Vorschläge für ihren Einsatz gemacht, um kreative Kriminalität zu bekämpfen.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kapitel 1. Kreativität und Kriminalität: Grundüberlegungen
Zusammenfassung
Um den Zusammenhang zwischen Kreativität und Kriminalität systematisch zu besprechen ist es notwendig, erstens Kreativität und Kunst „abzukoppeln“ und zweitens zwischen „listenreicher“ und tagtäglicher „Straßenkriminalität“ zu unterscheiden. Auch müssen die konkreten Erscheinungsformen von Kreativität hervorgehoben werden, weil gesetzwidrige Verhaltensweisen für die Kriminalität kennzeichnend sind; es ist kein Verbrechen, einfach vom großen Coup zu träumen. Dem selten besprochenen Thema der Absicht hinter Kreativität kommt auch eine besondere Bedeutung zu, denn böswillige Absicht ist der kreativen Kriminalität inhärent. Unterschiedliche Kombinationen aus schlechter Absicht und schlechtem Ergebnis (für jemanden) führen zu speziellen Arten von Kreativität, die meistens kriminell sind.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 2. Die Herangehensweisen der Kulturwissenschaften an das Wesen der Kriminalität
Zusammenfassung
Kriminalität findet in einer „Ökologie“ statt, die aus Interaktionen zwischen Tätern, anderen Menschen, Gemeinschaften und der physischen Umgebung besteht. Die unterschiedlichen Kulturwissenschaften fokussieren auf verschiedene Aspekte dieser Interaktionen: Wir unterscheiden zwischen auf das Umfeld fokussierten und auf persönliche Merkmale des Individuums fokussierten Erklärungsmodellen der Entstehung von Kriminalität. Diese Fokussierung ermöglicht eine Unterscheidung zwischen dem Grad der Hervorhebung der „existenziellen Psychodynamik“ von Kriminalität bei den unterschiedlichen Kulturwissenschaften. Für die Psychologie ist diese „Psychodynamik“ von zentraler Bedeutung. Wissen über die ihr zugrunde liegenden psychologischen Prozesse und Merkmale macht es möglich, die Kriminalität aus einem neuen Blickwinkel zu untersuchen und bietet neue Perspektiven für die Bekämpfung von Kriminalität.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 3. Grundlegende Kreativitätskonzepte aus der Psychologie
Zusammenfassung
Die Kreativität muss etwas Neues generieren und dies muss einem erkennbaren Ziel zweckdienlich sein und einen wirksamen Beitrag zur Erreichung dieses Ziels leisten. „Ziel“ umfasst sowohl ästhetisch-künstlerische als auch „funktionale“ Lösungen. Der Kern von Kreativität is also ihr Produkt. Dies braucht nicht erhaben sein – es gibt sowohl Kreativität auf niedrigerer Ebene als auch „Alltagskreativität“. Alle kreativen Produkte (einschließlich krimineller Produkte) ergeben sich allerdings aus einem Prozess, der durch Interaktionen zwischen psychologischen Dimensionen der Person und förderlichen bzw. hemmenden Faktoren im Umfeld (Umfelddruck) bedingt wird. Zusammen bilden Prozess, Person und Umfelddruck ein System von sechs „Ps“, durch die die Diskussion von Kreativität strukturiert werden kann.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 4. Die Paradoxien der Kreativität
Zusammenfassung
Die Wechselwirkungen zwischen den Ps der Kreativität sind oft widersprüchlich: was Kreativität fördert kann sie auch hemmen. Der Grund ist, dass die Entstehung wirkungsvoller zweckdienlicher Neuheit nicht mittels plötzlicher Geistesblitze zustande kommt – Kreativität ist kein Ereignis –, sondern sich aus einem schrittweisen Prozess ergibt, wobei in verschiedenen Schritten die Wechselwirkungen zwischen den Elementen der Kreativität unterschiedlich verlaufen können. So ist beispielsweise ausgeprägtes Fachwissen in einem Schritt für die Kreativität unentbehrlich, in einem anderen jedoch gefährlich. Wir nennen die Widersprüche „Paradoxien“ und die Schritte „Phasen“. Die Paradoxien spielen auch bei kreativer Kriminalität eine Rolle, obwohl die späteren Phasen der einfallsreichen Kriminalität eine eigene Dynamik haben, da ihre Absicht ausnahmslos böswillig ist. Demzufolge nennen wir die letzten Phasen der Generierung wirkungsvoller krimineller Neuheit „Umsetzung“ und „Ausbeutung“.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 5. Die allgemeine Begeisterung für Kreativität
Zusammenfassung
Seit der Antike wird davon ausgegangen, dass Kreativität immer gut sei. Dies ergibt sich aus dem Glauben, dass sie ein Geschenk höherer Mächte und folglich intrinsisch gut sei und immer zu Schönheit und zum Ausdruck der Quintessenz des wahrlich Menschlichen führe. Wir sprechen von einem „Kreativitäts-Rausch“. In jüngerer Zeit ist jedoch von „bodenständiger Kreativität“ die Rede. Ohne Zweifel bringt Kreativität Vorteile für sowohl Individuen als auch die Gesellschaft. Aber aus der allgemeinen Bewunderung für sie ergeben sich mangelnde Bereitschaft ihre negative Seite zu erkennen, eine heimliche Tendenz einfallsreiche Verbrechen fast zu bewundern und eine Abneigung gegen den Einsatz von Kreativität bei Präventivmaßnahmen gegen Kriminalität. Diese sind für die kreative Bekämpfung von Kreativität hinderlich.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 6. Die dunkle Seite der Kreativität
Zusammenfassung
Kreativität bringt zwar Vorteile, aber auch Nachteile. Die Generierung wirkungsvoller Neuheit birgt Risiken, nicht nur für die Menschen, die die Neuheit generieren, sondern auch für andere Menschen und/oder die Gesellschaft im Allgemeinen. Obwohl hinsichtlich Vorteile und Nachteile die Rolle von Produkten am offensichtlichsten ist, sind diese allen Ps inhärent. Solche Überlegungen werfen die Frage auf, ob, wann und wie die Kreativität überhaupt moralisch sein kann. Der Unterschied zwischen „wohlwollender“ und „böswilliger“ Kreativität kann anhand von der „Vorteils-Balance“ verdeutlicht werden: Wem kommt die Kreativität zugute und wen schadet sie? Wer erleidet wie viel Nachteil? Dieser Ansatz bietet eine neue Perspektive für Präventivmaßnahmen.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 7. Kreativität und Kriminalität: Die Überschneidungen
Zusammenfassung
Sowohl Kreativität als auch Kriminalität beinhalten die Überschreitung sozialer Grenzen. Dies ist nicht inhärent schlecht, wird aber zu einem Problem, wenn in einem spezifischen Zeitalter die Abweichung vom Üblichen für die jeweilige Gesellschaft zu groß wird oder von einer unerträglichen Sorte ist. Nicht nur der Prozess ist ähnlich: Sowohl kreative als auch kriminelle Menschen weisen auch mit der Grenzüberschreitung einhergehende persönliche Merkmale und Motiv- und Gefühlslagen auf, wovon einige von anderen Menschen als bewundernswert beachtet werden, andere hingegen als übel. Sowohl Kreativität als auch Kriminalität sind also gesellschafts- und epochenspezifisch. Folglich reicht ein reines Persönlichkeitsdefizit-Modell für die Erklärung von Kriminalität nicht aus.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 8. Betrug: Gaunerei, Abzocken und Schwindel
Zusammenfassung
Betrug beinhaltet die Erzeugung von Neuheit, die wirkungsvoll ist und bestechend und impulsgebend sein kann: Bei Betrug handelt es sich also um Kreativität. Die Kreativität von Betrügern kann in drei Bereiche aufgeteilt werden: Erkennung von Vermögenswerten, Schaffung von Zugang dazu und Verschleierung der Missetat. Kenntnisse über den kreativen Prozess und die kreative Person legen neuartige Ansätze zum Schutz vor Betrug nahe: zum Beispiel Feststellung im Voraus von versteckter Schwachstellen von Organisationen, die von Betrügern mittels divergenten Denkens als gute Möglichkeiten für Betrug erkannt werden können oder Identifizierung von Mitarbeitern, deren persönliche Merkmale – zusammen mit Umfelddruck einer bestimmten Art – sie für Betrug besonders „anfällig“ machen.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 9. Terrorismus: die Kreativität des Schreckens
Zusammenfassung
Terrorismus unterscheidet sich von Betrug dadurch, dass für seinen Erfolg nicht Verschleierung, sondern in der Regel weitverbreitete öffentliche Vertrautheit mit der Missetat notwendig ist. Folglich entfaltet sich die Wechselwirkung zwischen „Neuheitszerfall“ und „Wirksamkeitszerfall“ anders als bei Betrug. Die Kombination bei Terroristen von böswilliger Absicht, uneigennütziger Motivation und dem Glauben an die Heiligkeit der eigenen Sache macht auch spezielle kognitive Prozesse notwendig, insbesondere Reduzierung kognitiver Dissonanz durch zum Beispiel Umdeutung [engl.: re-framing]. Diese speziellen Merkmale von Terrorismus legen nahe, dass die Zerrüttung seiner Phasen andere Knotenpunkte umfasst als etwa Betrug. Zum Beispiel: in den Phasen „Vorbereitung“ und „Aktivierung“ ist der Umfelddruck von besonderer Bedeutung.
David Cropley, Arthur Cropley
Kapitel 10. Praktische Schlussfolgerungen
Zusammenfassung
Sicherheitsbehörden operieren in einem Umfeld, in dem – ausnahmsweise – böswillige Kreativität erwünscht ist – solange alle Nachteile gegen die Kriminellen fließen. Im Wettkampf mit Kriminellen allerdings hat die polizeiliche Seite nur begrenzte Möglichkeiten, die Initiative zu ergreifen. Je näher Polizeibeamte und Behörden an die Grenze der sozial Akzeptablen treten, desto stärker wird ihre „Anfälligkeit“ für Überschreitungen des schmalen Grats zwischen Kreativität und Illegalität. Folglich kann es zu einem reaktiven „Wettrüsten“ kommen, das für die Gesetzeshüter meistens ungünstig verläuft. Trotz der Wirkung der hypothetiserten „polizeilichen Persönlichkeit“ und Elemente der „organisationalen Sklerose“ gibt es Möglichkeiten für die Förderung proaktiver, kreativer Aktionen. Beispiele sind Trainingseinheiten, die etwa Ideengenerierung und Problemdefinition betonen oder auf betriebsinterne Blockaden eingehen.
David Cropley, Arthur Cropley
Backmatter
Metadaten
Titel
Die Schattenseite der Kreativität
verfasst von
David Cropley
Arthur Cropley
Copyright-Jahr
2019
Electronic ISBN
978-3-658-22795-1
Print ISBN
978-3-658-22794-4
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-22795-1