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Über dieses Buch

Europa wird zum Spielplatz verschiedener Weltkräfte, die um die Gaslieferungen nach Europa kämpfen. In erster Linie sind die wirtschaftlichen Aspekte dieser Bestrebungen analysiert. Eine wichtige Rolle spielen der Bedarf mit der Berücksichtigung der vorhandenen europäischen Energieprogramme sowie Umwelt- und Klimabeschlüsse, die allgemein verständlich dargelegt sind. Außerdem sind die Regel- und Gasvorräte der Gas anbietenden Lieferanten erklärt. Vor diesem Hintergrund werden auch politische Auseinandersetzungen ausgewertet.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Wie viel Gas braucht Europa?

Zusammenfassung
Um diese Frage zu beantworten, ist die Kenntnis der Struktur des Energieverbrauchs eine der wichtigsten Voraussetzungen. Dazu ist in erster Linie die Europäische Union von Interesse, weil sie den Hauptanteil des Gasverbrauchs ausmacht. Nach Meinung der Experten des Moskauer Europainstituts der Russischen Akademie der Wissenschaften wird die Energiepolitik der EU-Länder immer mehr durch die Ökonomie des Verbrauchs von Gas bestimmt, der nach ihrer Meinung ständig ansteigt (Chaitun 2013, S. 12). Obwohl die Bedürfnisse der europäischen Industrie eigentlich relativ stabil sind, gibt es dazu unterschiedliche Daten. Unter den Wissenschaftlern in Russland ist zum Beispiel die Meinung verbreitet, dass der Energieverbrauch in Europa jedes Jahr um 1,2 % wächst. Diese These bestätigt die Internationale Energieagentur (IEA). Nach ihren Angaben ist der Verbrauch von 1990 bis 2008 in Europa (EU 27) bis auf 7 % gewachsen. Zwar betrifft das die Jahre vor der Weltwirtschaftskrise 2009, doch nach Angaben von World Energy Outlook 2016, wird sich in Zukunft in großen Teilen Europas die Energienachfrage mit stagnierendem Verbrauch noch dramatischer ändern.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

2. Streit um Ökoenergie?

Zusammenfassung
Heute bekommen die Staaten der Europäischen Union Gas aus mehreren Ländern, da die eigenen Quellen nicht ausreichen, um den Bedarf zu decken. Nach russischen Daten (Insider.pro) gehörten 2016 Gazprom/Russland (34 %), Norwegen (24 %), Algerien (11 %) und LNG-Kontingente (13 %) zu den EU-Hauptlieferanten. Aus eigenen Aufkommen werden nur etwa 17 % des Bedarfs gedeckt. Das grundsätzliche Problem besteht jedoch darin, das Europas Erdgasressourcen schon fast ausgeschöpft sind. Großbritannien und die Niederlande produzieren gemeinsam so viel Erdgas, wie das Nicht-EU-Mitglied Norwegen. In der gesamten Europäischen Union werden nur etwa 160 Mrd. Kubikmeter Erdgas gewonnen. Allein die in Russland geförderte Menge war zuletzt über 4-mal so groß! Während Russland sein Gasaufkommen nach einer Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) bis 2030 noch deutlich steigern kann, gehen die Vorräte in der Nordsee langsam zur Neige. Nur noch 99 Mrd. Kubikmeter werden die EU-Länder laut IEA-Annahmen bis zum Jahr 2030 fördern können.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

3. Russische Gasvorräte

Zusammenfassung
In Russland existieren gewaltige Vorkommen von Gas aus den dichten Gesteinen, aber auch von sogenanntem „shale gas“. Für den Markt ist dabei interessant, dass die technisch nutzbaren Ressourcen beider Gasarten in Russland mit zirka 32,9 Billionen Kubikmetern ungefähr mit dem Umfang der gesamten US-Vorkommen übereinstimmen. Einige Quellen sprechen in Russland sogar von über 38 Billionen Kubikmetern. Heute ist auch das unter großen Druck in den Tiefen der Meere zu findende gefrorene Methan für die Weltwirtschaft interessant, zu dessen Gewinnung japanische und chinesische Unternehmen entsprechende Technologien entwickelt haben. Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang, dass die ersten Forschungen auf diesem Gebiet bereits 1940 auch in Russland stattfanden. Seit der Entdeckung umfangreicher Vorräte im sowjetischen Norden in den 1960er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, werden Gashydrate auch dort als wichtige potenzielle Energiequellen betrachtet.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

4. Privatisierung der russischen Gasindustrie

Zusammenfassung
Es ist für niemanden mehr ein Geheimnis, dass die Ukraine heute eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung zwischen Europa und Russland spielt. Einer der bestimmenden Faktoren dieser Krise ist die Benutzung der Gaspipeline. Über die Ukraine läuft heute die Gaspipeline Urengoj-Pomary-Ushgorod, die 1983 in Rahmen des Geschäftsmodells „Gas gegen Röhren“ gebaut wurde. Sie verbindet die nördlichen Gasvorkommen in Westsibirien mit den Verbrauchern in Ost- und in Westeuropa. Die Gesamtlänge der Pipeline, die über 32 Mrd. Kubikmeter im Jahr befördern kann, beträgt 4451 km und verläuft mit 1160 km durch die Ukraine. Bisher passierten jährlich 28 Mrd. Kubikmeter Gas diese wichtige Route. Zu ihrer Vorgeschichte gehört die Unterzeichnung eines Abkommens im November 1980, nach dem ab 1984 jährlich über 10,5 Mrd. Kubikmeter Gas aus der UdSSR fließen sollten. Die Röhren und die notwendigen entsprechenden Kredite für die sowjetischen Auftraggeber kamen dazu aus Deutschland. Ursprünglich waren für diese Route sogar zwei Gaspipelines geplant.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

5. Unabhängige Gasproduzenten

Zusammenfassung
Im Verlaufe der 1990er-Jahre entstanden in Russland neben dem Staatskonzern zahlreiche private Gasproduzenten. Selbst Gazprom unterstützte diese neu zugelassenen Firmen, obwohl sie zu Konkurrenten hätten werden können. Die Wirtschaftslage im Lande hatte sich verschlechtert und so gab es großes Interesse an der Schaffung eines Gasmarktes mit einer entsprechenden Arbeitsteilung, nach der Gazprom selbst die großen und die privaten Produzenten die kleineren Vorkommen mit oft komplizierten geologischen Bedingungen abbauen durften. So kamen mit der Privatisierungswelle sehr unterschiedliche Strukturen zustande. Die neuen Firmen begannen, mit Geld und mit Lizenzen ausländischer Partner Gasvorkommen abzubauen, die für Gazprom auch aufgrund ihrer Größe nicht interessant waren. So entstand z. B. das heute bekannte Gasunternehmen Surgutneftegas. Weitere unabhängige Firmen aus ganz anderen Wirtschaftsbereichen begannen erst später in das Gasgeschäft zu investieren, so wie unter anderem NOVATEK, heute in Russland einer der führenden LNG-Produzenten.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

6. Gas aus Algerien

Zusammenfassung
Algerien spielte bis zur Inbetriebnahme der Pipeline Turkish Stream (Türkischer Strom), die von Russland hauptsächlich für die Gasversorgung Südeuropas in die Türkei gebaut wurde, eine führende Rolle für die Länder Italien, Spanien und Frankreich. Allein Italien bezieht zum Beispiel durch die über Tunis laufende Gaspipeline bis zu 30 % seines Bedarfs. Zum Vergleich: 25 % kommen dagegen aus Russland. In Portugal und Spanien beträgt der Anteil algerischer Lieferungen mehr als 50 %. Frankreich deckt lediglich nur zirka 10 bis 15 % seines Bedarfs mit algerischem Gas. Prognosen über die weitere Entwicklung in diesem Bereich sind heute nicht eindeutig. In ausführlichen Analysen in der russischen Energiebeilage NG-Energy wird beispielsweise besonders auf den wachsenden Gasverbrauch in Italien nach der Krise 2014 hingewiesen. Algerien ist deshalb besonders bemüht, seine Gaslieferungen nach Italien über das Mittelmeer – vor allem durch das seit 2005 bekannte Projekt der 500 km langen Gasleitung Galsi – zu erweitern.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

7. Erdgasgroßmacht Katar

Zusammenfassung
Im Aufkommen von verflüssigtem Erdgas (Liquefied Natural Gas = LNG), das leistungsunabhängig transportiert werden kann, sehen viele eine Möglichkeit, die gegenseitige Abhängigkeit von Produzenten und Konsumenten zu verringern und die Chance, dass sich so ein veritabler Gas-Weltmarkt entwickelt. Betrug der Anteil von LNG 2007 noch 7 %, so wird er nach Einschätzung von BP bis 2035 von 35 im Jahr 2016 auf 51 % ansteigen. Auch Europa sieht im LNG eine der Grundlagen der Energiesicherheit und erwartet, dass sich der europäische Markt angesichts der wachsenden Abhängigkeit in der Versorgung von 50 im Jahre 2015 bis auf 70 % 2035 weiter vergrößern wird.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

8. Konkurrenz für Russland

Zusammenfassung
Dem Transport russischen Gases in den Süden Europas durch im Bau befindliche Pipelines stehen heute einige Projekte im Wege, die sich nach ihrer Realisierung als ernste Konkurrenz erweisen könnten. Denn außer Algerien und Katar bemüht sich auch Libyen um den europäischen Gasmarkt im Süden. Das Land verfügt bereits über die eigene Gaspipeline Greenstream, die auf dem Grund des Mittelmeers nach Italien (Sizilien) verlegt wurde. Ihre Länge beträgt 540 km, sie führt von Mellitah bis zur sizilianischer Stadt Gela und gehört der libyschen National Oil Corporation sowie der italienischen Firma Eni.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

9. Europäische Gazprom-Strategie

Zusammenfassung
Für das russische Unternehmen Gazprom waren und sind die Länder Europas die wichtigsten Abnehmer mit den größten Profitchancen (Abb. 9.1). Das ist der Grund dafür, warum sich alle Anstrengungen des Unternehmens darauf konzentrieren, neue und sichere Transportwege zu erschließen. Anfang der 1990er-Jahre liefen mehr als 90 % des Gases über die Ukraine, die dadurch zu einem wesentlichen strategischen Knotenpunkt der russischen Gaslieferungen nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

10. Britische Variante der Gasversorgung

Zusammenfassung
Die jüngste Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien wegen eines Anschlages auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter im Frühjahr 2018 hat auch das Problem der Gasversorgung des Landes durch Gazprom auf die Tagesordnung gebracht. Noch am 14. März informierte Premierministerin Theresa May über die Absichten des Landes, den Gaslieferanten Russland als Gegenmaßnahme durch andere Lieferanten zu ersetzen. Dazu muss man wissen, dass Großbritanien seinen Jahresverbrauch von 77 Mrd. Kubikmetern Gas allmählich senken und bis zum Jahre 2050 fast halbieren will. Experten der Deutschen Welle und die russische Stiftung der nationalen Energiesicherheit haben erst in der jüngsten Zeit festgestellt, dass solche Absichten gerade für den russischen Gaslieferanten sehr gefährlich sein können.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

11. Routen für Kaspisches Erdgas

Zusammenfassung
Bis Mitte der 1990er-Jahre versuchte Russland durch seine Politik, den Bau von Gasleitungen zur Umgehung des russischen Territoriums zu verhindern. Die Unzufriedenheit über diese russische Politik, die faktisch einer Blockade der Lieferungen ihrer Kohlenwasserstoff-Ressourcen glich, führte dazu, dass die Kaspischen Länder immer wieder neue Möglichkeiten und Routen für ihren Erdgas- und Erdöl-Transport suchten. Dazu wurden sie natürlich durch westliche Erdöl- und Erdgasfirmen – in erster Linie aus den USA – ermuntert. Der russische Autor Sergej Zhiltsow (2016, S. 166) schreibt in seinem Buch Die Politik Russlands in der kaspischen Region, dass die USA die Politik der Verdrängung Russlands aus der Kaspischen Region unterstützen. Für die USA waren dabei zwei Punkte wichtig. Einmal die Versorgung, die mit der eigenen Schiefergasrevolution nicht mehr aktuell ist und zweitens, die erwünschte Unabhängigkeit Europas von den russischen Gaslieferungen. Gleichzeitig sah sich Russland mit dem unüberhörbaren Wunsch nach Verhandlungen der Kaspischen Länder über ein für alle Länder geltende einheitliche internationale Richtlinie über die Grundsätze zur Nutzung des Kaspischen Meeres und somit auch für die Verlegung der neuen Gasleitungen konfrontiert. So gaben im Februar 1997 die Präsidenten von Kasachstan und Turkmenistan dazu eine gemeinsame Erklärung ab. Gleichzeitig wurden auch die Gespräche über die Verlegung der Erdöl- und Erdgaspipeline weitergeführt.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

12. Die Kaspische Ecke

Zusammenfassung
Die Länder des Kaspischen Raums verfügen über reiche Öl- und Gasreserven. Kein Geheimnis wird daraus gemacht, dass die EU darauf zugreifen will, um ihre Abhängigkeit von anderen Lieferanten zu verringern. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sahen sich die unabhängig gewordenen rohstoffreichen Nachfolgestaaten Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan mit zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Während sie im Wirtschaftssystem der UdSSR als Lieferanten für die sowjetische Industrie dienten, mussten sie sich nun in die Weltwirtschaft integrieren. In allen vier Ländern etablierten sich in diesem Zusammenhang autoritäre Regime, die bestrebt waren, die reichlichen Öl- und Gasressourcen besser zu vermarkten und mit den Geldeinnahmen ihre Einflussbasis zu sichern. Die westlichen Staaten, besonders die USA, unterstützten sie dabei. Sie wollten nicht nur von den Öl- und Gasvorkommen profitieren, sondern erhofften sich durch die wirtschaftliche Einbeziehung der ehemaligen Sowjetrepubliken eine gewisse, für sie vorteilhafte politische Stabilität in der Region gewährleisten zu können.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

13. Kasachstan

Zusammenfassung
Bis zum heutigen Tag ist Kasachstan größter Verbündeter Russlands in der Kaspischen Region. Das steht in erster Linie mit der Person des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasyrbaew im Zusammenhang, der bis zuletzt für den Fortbestand der Sowjetunion in irgendeiner Form gekämpft hatte. Auch deshalb konzentrierte sich die russische Gaspolitik angesichts der Rivalität und Unabhängigkeitsbestrebungen in erster Linie von Aserbaidschan und in gewissem Maße auch Turkmenistans auf Kasachstan. Selbstverständlich verfolgt Kasachstan im Kaspischen Bereich auch eigene wirtschaftliche Interessen. Nasyrbaews Zuneigung für Russland, mehr als für Aserbaidschan und Turkmenistan, war aber auch mit den anderen politischen und wirtschaftlichen Fragen verbunden. So entfallen auf Russland 84 % des kasachischen Exports und 99 % des Imports in dieser Region.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

14. Aserbaidschan

Zusammenfassung
Nach den aserbaidschanischen Daten (Trend News Agency) betragen die sicheren Gesamtgasvorräte von Aserbaidschan 2,55 Billionen Kubikmeter. In dem bereits erwähnten Bericht bestätigt Roland Götz im gewissen Maße die Daten der aserbaidschanischen Trend News Agency. Dabei betragen die Vorkommen in Aserbaidschan 1900 Mrd., Turkmenistan 6000 Mrd., Kasachstan 2500 Mrd. und in Usbekistan 1500 Mrd. Kubikmeter Gas. Insgesamt umfassen diese Ressourcen 11.900 Mrd. Kubikmeter. Das Exportpotenzial dieser vier Länder wird zum Jahr 2020 auf 207 Mrd. Kubikmeter eingeschätzt. Mit den auf 1,2 Billionen Kubikmeter geschätzten Vorräten gehört in Aserbaidschan das einige Hundert Meter unter dem Kaspischen Meer gelegene Gasvorkommen Shah Deniz zu den größten Vorkommen dieser Region. Der russische Autor Sergej Zhiltsov spricht dagegen in seinem Buch Kaspische Pipelinegeopolitik (2011, S. 189) von nur 625 Mrd. Kubikmetern an Gasvorräten. Im Dezember 2006 begann die aserbaidschanische Staatsfirma SOCAR in Shah Deniz mit der Förderung und erreichte in der ersten Stufe (2014) 9,9 Mrd. Kubikmeter. Als Operator dient das Unternehmen BP Aserbaidschan, das einen Anteil von 25,5 Prozent besitzt. Zu den Aktionären mit zehnprozentiger Beteiligung zählt auch ein Tochterunternehmen der russischen privaten Erdölfirma Lukoil – Lukagip N.V.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

15. Turkmenistan

Zusammenfassung
Ein bisher weitgehend unbekannter Konkurrent ist in dieser Hinsicht aber auch Turkmenistan, das den vierten Platz in der Welt in der Erkundung von Gasvorräten einnimmt. Über deren genauen Umfang gibt es unterschiedliche Schätzungen. Roland Götz z. B. schreibt, dass die Resultate einer noch von Präsident Saparmurad Nijasov bei der US-amerikanischen Consultingfirma De Goyler & Mc-Naughton 2005 im Auftrag gegebenen Bewertung der Reserven des seit 1982 größten entwickelten Gasfeldes „Dauleabat“ von turkmenischer Seite nie bekannt gegeben wurden. Präsident Nijasov selbst hatte die Gasreserven Turkmenistans 2003 mit 22,5 Billionen Kubikmetern angegeben. Götz meint dazu, dass es sich lediglich um vermutete, jedoch keinesfalls um bekannte und rentabel gewinnbare Vorkommen gehandelt haben könnte. Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) wurden die turkmenischen Vorkommen 2005 auf 2,8 Billionen Kubikmeter und die Ressourcen auf 6 Billionen Kubikmeter geschätzt. Nach den 2006 entdeckten Gasvorkommen Südjolotan und des benachbarten im März 2007 entdeckten Gasfeldes Osman gibt es neue Erkenntnisse über die Vorräte. Heute wird davon gesprochen, dass sie mit Berücksichtigung der entdeckten Vorkommen bis 10 Billionen Kubikmeter betragen.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

16. Zusammenarbeit mit Gazprom

Zusammenfassung
Bis 2009 exportierte Turkmenistan Gas über die noch zu Sowjetzeiten gebauten Gaspipelines in Kasachstan an Russland, das wiederum nach Europa zu Spotpreisen weiterverkaufte. Ein Teil des turkmenischen Gases wurde von russischen Verbrauchern im Süden genutzt. In den Jahren 2008 bis 2009 fielen wegen der Krise die allgemeinen Gaspreise auf dem Weltmarkt. Das Geschäft brachte für Russland große Verluste, weil Gazprom turkmenisches Gas nach langfristigen Kontrakten zu festen Konditionen kaufte. Europa verzichtete damals darauf, russisches Gas zu den früheren Preisen zu kaufen, weil die Nachfrage allgemein sank. Gazprom forderte die turkmenische Seite auf, ebenfalls ihre Forderungen den allgemeinen Marktpreisen anzupassen. Der russische Monopolist ging davon aus, dass Turkmenistan keine Alternative hatte. Als die turkmenische Seite die Preise jedoch nicht senken wollte, stellte Gazprom den Einkauf ein und sperrte die Leitungen aufgrund „technischer“ Probleme. Wegen angeblichem Druckabfall gab es eine Serie von Explosionen. Die russische Seite schrieb dann die Schuld für die Unglücksfälle dem hohen Abnutzungsgrad der turkmenischen Gasinfrastruktur zu.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

17. Expansion nach Südeuropa

Zusammenfassung
Den Markt für die Lieferungen von russischem Gas in Südeuropa zu gewährleisten, ist eines der wichtigsten Ziele des Unternehmens Gazprom und der anderen russischen Gasanbieter. Dazu gehört auch die Ausschaltung möglicher Konkurrenten in dieser Region durch ihre Preispolitik und den Versuch der Einflussnahme auf die entsprechenden Entscheider in Politik und Wirtschaft. Nicht zuletzt haben die Probleme mit dem Gastransport über die Ukraine dazu geführt, dass Gazprom mehr Augenmerk auf die Kunden in Südeuropa haben muss. Das erklärte Ziel von Gazprom besteht, so schreibt Prawosudow in seinem Buch Erdöl und Erdgas. Geld und Macht (S. 238–239), im stabilen Zugang zu den Endverbrauchern in Südosteuropa. Dazu gehören in erster Linie Bulgarien, Türkei und auch Italien. Das wurde ihm im Gespräch mit dem Gazprom-Export-Direktor Stanislaw Zygankow bereits 2009 bestätigt. Seinen Worten nach ist der Zugang zu den Endverbrauchern nur im Rahmen der wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit als Quelle für zusätzlichen Profit zu betrachten. Dazu ist vor allem das Verständnis dafür Voraussetzung, dass es unter den Endverbrauchern die Großbetriebe und die Bevölkerung gibt. Die Letzteren werden durch die Gasversorgungsfirmen vor Ort bedient.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

18. Turkish Stream

Zusammenfassung
Das Erdgasprojekt Turkish Stream (Abb. 17.1) zielt auf den gleichen Markt wie die Leitungen TAP und TANAP (Abb. 18.1). Russland will damit eine Alternative zu den Gaslieferungen aus der Kaspischen Region nach Europa anbieten. Die 2015 begonnene Transanatolische Pipeline TANAP, die wie die Turkish Stream durch den Südlichen Korridor verlaufen und ebenfalls Erdgas nach Griechenland liefern soll, wird nicht mit russischen, sondern mit Gas aus Aserbaidschan versorgt. Von dort wird es dann in andere europäische Länder, vor allem nach Südosteuropa, weitergeleitet. Eigentümer der TANAP sind die türkischen Unternehmen Botas und TPAO mit 20 % sowie der staatliche Konzern SOCAR aus Aserbaidschan mit 80 %.. Es geht hier um einen Wettlauf gegen die Zeit, weil die TAP als Verlängerung der TANAP erst 2020 fertig sein soll und dieTurkish Stream bereits ein Jahr früher. Die britische BBC schreibt dazu von ernsthaften Zweifeln der Gazprom-Leitung, die nicht daran glaubt, dass der Hauptbesitzer des TAP-Projektes, Aserbaidschan, über genug Gas verfügt, um diese Pipeline zu füllen.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

19. Die Ukrainische Sackgasse

Zusammenfassung
Die sogenannte ukrainische Sackgasse besteht für Gazprom aus zwei umfangreichen Problembereichen. Ein Teil betrifft die finanziellen Auseinandersetzungen für die Benutzung der ukrainischen Leitungen durch Gazprom, der andere ihren derzeitig schlechten technischen Zustand. Besonders in diesem Bereich besteht umfangreicher hoher Nachholbedarf. Nach Angaben der russischen Fachzeitschrift Neftegas ist das ukrainische Gastransportsystems das zweitgrößte in Europa. Es besteht aus 37.600 km Magistralgasleitungen (Röhren) in der einteiligen Ausführung und 71 Verdichterstationen mit einer ab der russischen Grenze betragenden Gesamtübertragungskapazität von 288 Mrd. Kubikmetern. Danach fließen ab den Grenzen zu Polen, Rumänien, Weißrussland und Moldawien 178,5 Mrd. Kubikmeter – davon wiederum 142,5 Mrd. Kubikmeter für die EU-Staaten – durch das System. Die bisherigen Erfahrungen legen die Auffassung nah, dass Gazprom als Staatskonzern von der russischen Regierung auch als Werkzeug benutzt wird, um Einfluss auf die Politik der ukrainischen Regierung auszuüben (Abb. 19.1). Dafür spricht, wie der Vorstandsvorsitzende Aleksej Miller gegenüber der TASS-Nachrichtenagentur am 19. Januar 2018 äußerte, dass „beide Pipelines – Turkish Stream sowie Nord Stream 2 – bis Ende 2019 in Betrieb genommen werden sollen“.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

20. Nord Stream 1

Zusammenfassung
Die eigentliche Geschichte von Nord Stream begann schon 1996. Darüber schreibt Sergej Prawosudow in seinem Buch Erdöl und Erdgas. Geld und Macht und beruft sich auf den technischen Direktor der Firma Operator der Nord Stream AG, Sergej Serdyukow, die sich seit dem Zeitpunkt mit der Idee des Baus der Pipeline beschäftigt. Für dieses Vorhaben gab es zwei wesentliche Gründe. Die russischen Möglichkeiten sollten vor allem aus der Perspektive des Wachstums des Gasverbrauches in Europa erweitert werden. Zum zweiten ging es darum, jegliche Transitrisiken auszuschalten. Gazprom, Wintershall und E.ON Ruhrgas waren sich allerdings schon während der Verhandlungsphase ganz und gar nicht einig, mit welchen Mitteln im Detail der deutsch-russische Gashandel ausgeweitet werden könnte. E.ON Ruhrgas sah die Einrichtung einer zusätzlichen Pipeline über Weißrussland und Polen und aus Kostengründen die Erweiterung der Transitmöglichkeiten der Ukraine als eine günstigere Alternative zu einer Unterwasserpipeline.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

21. Nord Stream 2

Zusammenfassung
Das Projekt der neuen baltischen Unterwasserseepipeline zwischen Russland und Deutschland fand seit seiner Ankündigung ein sehr widersprüchliches Echo in Europa. Am 20. Oktober 2016 verglich der polnische Minister für europäische Angelegenheit, Konrad Szymanski, in einem Artikel in der britischen Financial Times die Leitung sogar mit „einem Trojanischen Pferd“ und meinte, dass sie imstande wäre, die Wirtschaft zu destabilisieren und die politische Beziehungen in der EU zu vergiften.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

22. Liquifield Natural Gas für Europa

Zusammenfassung
Der Kampf um den Verbraucher wird das Bild der Gasmärkte in der Welt und in Europa für die nächsten zwanzig oder vielleicht vierzig Jahre bestimmen. Aber auch dazu gibt es bei den Experten die unterschiedlichsten Meinungen. Beim Versuch, den Bedarf für die Zukunft einigermaßen exakt einzuschätzen, wird deutlich, dass Europa noch sehr viele Jahre Gas brauchen wird. Im Februar 2018 teilt das russische Energieforschungszentrum National Energy Security Fundin in einer energetischen Expertise mit, dass nach seinen Untersuchungen die Nachfrage nach Gas in Europa schon das dritte Jahr nacheinander (2015–2017) bei gleichzeitiger Senkung der eigenen Produktion wächst und der Importbedarf sich in dieser Zeit um fast 90 Mrd. Kubikmeter im Jahresvergleich erhöht hat. Das heißt, dass die Europäische Union in nur drei Jahren zusätzlich so viel Gas brauchte, wie die noch zu bauenden Pipelines Nord Stream 2, der zweite Strang und die TAP insgesamt liefern könnten. Deshalb ist angesichts dieser Größenordnungen zu erwarten, dass das russische Staatsunternehmen Gazprom annähernd 50 % dieser Steigerungen übernehmen wird.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

23. Die US – Herausforderung

Zusammenfassung
Vor allem die USA werden auf dem LNG-Märkten in Zukunft im harten Wettbewerb mit Katar stehen. Das hängt mit der Schiefergasrevolution in den USA zusammen. Im Jahre 2016 lieferten die USA gerade einmal 400.000 Tonnen (ca. 732.000 Kubikmeter) nach Europa. Bereits am 24. August 2016 hatte Ex US-Vizepräsident „Joe“ Biden in Lettland auf die Möglichkeit hingewiesen, dass jedes europäische Land US-LNG kaufen kann.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

24. Russisches LNG – Konkurrenz

Zusammenfassung
Eine Nachricht, die eigentlich so nicht in die Geschichte des Gasstreites passt, verwunderte selbst die Deutsche Welle und wurde auch entsprechend hinterfragt: „Eigentlich wollen US-Firmen Russland aus dem europäischen Erdgas-Markt drängen. Jetzt wird bekannt, dass russisches Flüssiggas direkt in die USA geliefert wird. Wie passt das zusammen?“ Die Beantwortung der Frage ist relativ einfach. Es ging hier tatsächlich um russisches LNG, das von der französischen Firma Engie bei NOVATEK eingekauft wurde und schließlich in Amerika landete.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

25. Drittes Energiepaket der EU

Zusammenfassung
Welche Rolle spielt das Dritte Energiepaket der Europäischen Union für die Verbesserung oder die Verschlechterung der Bedingungen für den Gasabsatz in Europa? Seit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon im Jahr 2009, besitzt der Rat der Europäischen Union einen expliziten energiepolitischen Gestaltungsauftrag. Hierbei zeichnet sich die Problematik ab, dass die Interessen der EU-Kommission vor Mitgliedstaaten kollidieren. Diese wollen natürlich nicht auf rechtlich verankerte nationale Souveränität bei der Gestaltung des Energiemixes verzichten. Eigentlich wurde das Dritte Energiepaket vom Europäischen Parlament beschlossen und mit der Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes im August 2011 in Kraft gesetzt, um die Strom- und Gasmärkte zu liberalisieren und die Verbraucherrechte zu stärken. Zu seinen vor allem für die Lieferanten wichtigen Zielstellungen zählen die angestrebte Trennung des Netzbetriebes, Erdgasförderung und Verkauf. Das bedeutet für Gazprom als vertikalintegriertes Unternehmen, seine Tätigkeit auf diesen Gebieten an die eigenständigen, formal mit Gazprom nicht gebundenen Firmen zu übergeben.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser

26. Resümee

Zusammenfassung
Angesichts eines global immer noch wachsenden Energiebedarfs, ansteigender Treibhausgasemissionen und zunehmender Preisschwankungen bei energetischen Rohstoffen, stehen nicht nur nationale Energiesysteme unter einem verstärkten Transformationsdruck. Das stellt die Berliner Stiftung „Wissenschaft und Politik“ im Ergebnis umfangreicher Untersuchungen fest und meint, dass aufgrund stetig wachsender Interdependenzen, Energie auch mehr und mehr zu einem prominenten Gegenstand internationaler Politik wird. Traditionell stehen dabei Fragen der Versorgungssicherheit im Vordergrund. Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Energieversorgung gewinnen zunehmend an Gewicht. Während die Energiepolitik in der Europäischen Union mit der Verabschiedung des Dritten Energiebinnenmarktpakets schrittweise in einen kohärenten Regulierungsrahmen überführt wird, ist die institutionelle Landschaft zur Gestaltung und Steuerung globaler Energiebeziehungen immer noch durch einen hohen Grad der Fragmentierung gekennzeichnet.
Oleg Nikiforov, Gunter-E. Hackemesser
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