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01.08.2016 | Originalarbeit | Ausgabe 7-8/2016 Open Access

Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft 7-8/2016

Die unbekannte dritte Dimension: Geländehöhen, Gewässertiefen und Dynamik österreichischer Donaulandschaften vor der Regulierung

Zeitschrift:
Österreichische Wasser- und Abfallwirtschaft > Ausgabe 7-8/2016
Autoren:
DI Dr. Severin Hohensinner, em.o.Univ.-Prof Dr. Mathias Jungwirth

Zusammenfassung

Flusslandschaften sind multidimensionale, durch vielfältige räumlich-zeitliche Wechselbeziehungen geprägte Ökosysteme. Longitudinale Interaktionen entlang des Flusskontinuums sowie laterale Austauschprozesse zwischen Fluss und Augebiet stehen bei Restaurationsprojekten zumeist im Vordergrund. Vertikale Wechselwirkungen, wie zum Beispiel zwischen Wasserlebensraum und Flusssohle (hyporheisches Interstitial) oder zwischen Grundwasser und terrestrischen Habitaten, werden oft erst dann in die Planungen miteinbezogen, wenn die Beeinträchtigungen ökologischer Funktionen und menschlicher Nutzungen bereits offensichtlich sind. Dies liegt zum Teil auch daran, dass für die Zeit vor der Regulierung kaum fundierte Grundlagendaten über die Ausformung unserer Flusslandschaften in vertikaler Dimension vorliegen, an denen man sich bei Planungen orientieren könnte.
Ergebnisse mehrerer Forschungsprojekte aus den letzten Jahren gewähren neue Einblicke in die dreidimensionale hydromorphologische Ausprägung der österreichischen Donaulandschaften zu Beginn und Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie erlauben eine konkrete höhenmäßige Einstufung verschiedener, ökomorphologisch relevanter Geländezonen innerhalb des Augebiets in Bezug zu charakteristischen Wasserständen der Donau. Jede dieser Zonen entspricht einem bestimmten morphologischen Entwicklungsstadium und erfüllt unterschiedliche ökologische Funktionen. Rekonstruktionen der Flurabstände innerhalb des neuzeitlichen, bis zu 500 Jahre alten Augebiets zeigen, dass diese bei Mittelwasser mit durchschnittlich rund 1,6–1,9 m relativ gering waren. Im Vergleich dazu liegen heute die Flurabstände bei rund 3 m oder darüber. Der Wasserkörper der Donau war ehemals nicht nur viel breiter, sondern auch wesentlich flacher ausgebildet als heute. So nahmen bis zu einem Meter tiefe Flachwasserzonen bei sommerlichem Mittelwasser ehemals ca. 8,1 ha pro km Luftlinie ein, während sie aktuell nur mehr bei 1,2 ha liegen. Dies entspricht einem Rückgang um 86 %. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass es ehemals auch zahlreiche durchströmte Nebenarme mit vergleichbaren Habitaten gab, die heute nicht mehr existieren.
Besonders interessante Einblicke ergeben sich bezüglich der historischen Umlagerungsdynamik der Donau. Im Zuge von avulsiven Laufverkürzungen von Donauhauptarmen wurden zwischen 1812 und 1817 im Mittel jährlich 3 Millionen m³ an Material erodiert und 2,6 Millionen m³ innerhalb desselben Augebiets wieder abgelagert. Rund 0,4 Millionen m³ wurden durchschnittlich jedes Jahr aus dem System ausgetragen und weiter flussabwärts transportiert. Eine derart intensive Umlagerungsdynamik ereignete sich jedoch innerhalb eines bestimmten Flussabschnitts nicht permanent. In den Folgejahren reduzierten sich die erodierten Volumina erheblich, während die Ablagerungen leicht überwogen. Die intensive morphologische Dynamik spiegelte sich auch in signifikanten Absenkungen und Hebungen der Wasser- bzw. Grundwasserspiegellagen innerhalb des Augebiets wider. Trotz der umfassenden Veränderungen der Flusslandschaft blieben diese in Summe jedoch annähernd ausgeglichen. Auch andere untersuchte Parameter deuten darauf hin, dass sich die hydromorphologische Ausformung von Aulandschaften über größere Flächen und längerfristig betrachtet in einem dynamischen Gleichgewicht oder quasistationären Zustand („steady state“) befanden.
Nicht nur an der Donau, sondern entlang der meisten größeren Flüsse haben die Augebiete heute wesentlich höhere Geländelagen in Relation zum Wasser- bzw. Grundwasserspiegel, als dies vor der Regulierung der Fall war. Eintiefung der Flusssohle einerseits und durch Ablagerung von Sedimenten bei Hochwässern stetig auflandende Augebiete andererseits führen zu einer immer stärkeren vertikalen Entkoppelung der Wasser- und Landlebensräume in Fluss-Auen-Systemen. Die Flurabstände vergrößern sich und die ehemals nassen, feuchten oder frischen Standorte der Weichen Au gehen sukzessive verloren. Die dargestellten Beispiele aus der Geschichte der österreichischen Donau zeigen, dass eine flusstypische – und im Falle der Donau hohe – Umlagerungsintensität, durch die große Anteile der aquatischen und terrestrischen Habitate in vergleichsweise kurzen Zeiträumen regeneriert und verjüngt wurden, als Schlüssel zur Aufrechterhaltung eines heterogenen Habitatkomplexes anzusehen ist.

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