Die Wege der Vögel
Orientierung und Navigation in der Vogelwelt
- 2026
- Buch
- Verfasst von
- Helmut Satz
- Verlag
- Springer Berlin Heidelberg
Über dieses Buch
Wohin verschwinden Vögel, wenn sie ziehen, und wie finden sie zurück? Jahr für Jahr fliegen Milliarden Zugvögel über Kontinente und Ozeane, oft über Tausende Kilometer, und erreichen dennoch punktgenau ihr Ziel. Ein Atlantiksturmtaucher aus Großbritannien, der in Boston freigelassen wird, kehrt nach zwölf Tagen in seine Höhle in Wales zurück. Albatrosse umkreisen die Erde mehrmals im Jahr und fliegen von den Fischgründen vor der brasilianischen Küste mit Nahrung direkt zu ihren Küken auf Inseln bei Neuseeland.
Dieses Buch untersucht die erstaunlichen Navigationsleistungen, insbesondere der Seevögel, und die Methoden, die sie dabei nutzen: Sonnen- und Sternenkompass, das geomagnetische Feld, Geruchssignale, Schwerkraftvariationen und sogar Quantenmechanismen in der Retina. Es zeigt, wie genetische Programme mit Erfahrung und Lernen zusammenspielen und wie moderne GPS-Tracking-Experimente unser Verständnis revolutioniert haben.
Anschaulich und leicht verständlich führt Helmut Satz durch die faszinierende Welt der Vogelnavigation – von klassischen Experimenten mit Tauben bis zu den neuesten Erkenntnissen über Magnetorezeption und Radikalpaar-Biochemie. Ein Buch für alle, die sich für Naturwissenschaft, Tierverhalten und die Rätsel der Evolution begeistern.
Inhaltsverzeichnis
-
Frontmatter
-
1. Einleitung: die Heimkehr von AX6587
Helmut SatzZusammenfassungStell’ dir vor, dass du gerade ins Bett gehen willst, als es an der Haustür klingelt. Du gehst hin und machst auf, und vor dir stehen zwei große, maskierte Personen. Sie ergreifen dich, knebeln dich, fesseln deine Hände hinter deinem Rücken und stülpen einen Sack über deinen Kopf. Dann bringen sie dich nach draußen, in was du für ein Auto hältst, und das letzte, woran du dich erinnern kannst, ist, dass sie einen nach Chloroform riechenden Schwamm in dein Gesicht drücken. -
2. Navigationsbeweise
Helmut SatzZusammenfassungDer Vogelzug hat der Menschheit seit Jahrhunderten Rätsel aufgegeben. Wie kann eine Hausschwalbe von unserer Scheune aus im Herbst nach Südafrika fliegen und im folgenden Frühjahr zu genau dieser Scheune zurückfinden? Das ist sicher eine äußerst interessante Frage, aber sie wird nur eine von vielen bilden, die wir hier aufgreifen wollen. Wir werden mit einer noch allgemeineren Fragestellung anfangen. -
3. Belanglose Zeichen
Helmut SatzZusammenfassungAus der Sicht vieler Vogelarten sind die Menschen eine ziemlich sesshafte Rasse, mit nur wenig Geografie-Kenntnis, zumindest bis vor Kurzem. Während Odysseus jahrelang versuchte, seinen Weg auf dem Mittelmeer zu finden, flogen westeuropäische Störche über Gibraltar nach Afrika, osteuropäische über den Bosporus. Als Bartolomeu Dias, aus Portugal kommend, als erster Europäer das Kap der Guten Hoffnung erreichte, war er nur der erste europäische Mensch, dem das gelang. Schwalben aus vielen Teilen Europas waren dorthin geflogen und zurück, jedes Jahr, Jahrhundertelang, wenn nicht Jahrtausende. Sturmtaucher aus Großbritannien waren von Wales nach Südamerika geflogen, lange bevor Pedro Alvaro Cabral durch tropische Stürme auf dem Atlantik an die brasilianische Küste getrieben wurde. Küstenseeschwalben ziehen jeden Spätsommer von der Arktis in die Antarktis, und zurück im folgenden Frühjahr, den Äquator auf wild fluktuierenden Routen überquerend. Und bevor Alexandre Dumas sich eine Reise um die Welt in 80 Tagen vorstellen konnte, hatten viele Albatrosse das längst in weniger als der halben Zeit geschafft. -
4. Der Flug der Taube
Helmut SatzZusammenfassungTauben haben im Menschenleben seit Urzeiten eine Rolle gespielt. Die Bibel erwähnt, dass Noah eine Taube aussandte um zu prüfen, ob die Sintflut zu Ende sei und es schon wieder irgendwo trockenes Land gäbe. Beim zweiten Versuch brachte der zurückkehrende Vogel einen Olivenzweig mit. Die Seeleute der Antike fanden Noahs Vorgehen absolut richtig: Tauben fliegen nicht gerne über offenem Wasser und finden meist das nächste trockene Land. -
5. Magnetismus und Vögel
Helmut SatzZusammenfassungIm vorigen Kapitel hatten wir gezeigt, dass Vögel, im Gegensatz zu Menschen, das geomagnetische Feld der Erde „sehen“ oder „fühlen“ können. Nachgewiesen ist das eigentlich nur für einige Spezies, aber da mehr als die Hälfte aller Vögel der Welt jahreszeitlich ziehen und somit wenigstens eine gewisse innere Richtungsinformation benötigen, können wir wohl annehmen, das die meisten Spezies mehr oder weniger über diese Fähigkeit verfügen. Dazu kommt, dass viele andere Tierspezies – Wale, Schildkröten, Bienen und selbst einige Bakterien – geomagnetische Orientierung benutzen. Für Vögel hat man jedoch schon länger und ausführlicher nach Organen gesucht, die die Erkenntnis des gemagnetischen Feldes gestatten. Der baltendeutsche Zoologe und Entdecker Alexander von Middendorf war einer der ersten, der den Magnetismus also Basis für die Orientierung von Vögeln vorgeschlagen hatte (Abb. 5.1). -
6. Der Vogelzug
Helmut SatzZusammenfassungJedes Jahr, im Herbst und im Frühling, sind Millionen und Abermillionen von Vögeln unterwegs, im Fluge von ihren nördlichen Nistregionen zu südlichen Gefilden, in denen sie besser überwintern können – und umgekehrt. Sie fliegen tagsüber, wie Kraniche und Schwalben, oder nachts, wie viele Singvögel. Sie fliegen über Land, wie Störche, um die thermischen Aufwinde auszunutzen, oder über das offene Meer, wie Sturmtaucher und Pfuhlschnepfen. Sie fliegen in Schwärmen, wie Gänse und Kraniche, oder sie fliegen alleine, wie die meisten Singvögel und Seevögel. Sie überqueren den größten Ozean der Erde, den Pazifik, wie die Pfuhlschnepfen auf ihrem Weg von Alaska nach Neuseeland, und sie überqueren das höchste Gebirge der Erde, den Himalaya, wie Streifengänse und Jungfernkraniche auf dem Zug aus der Mongolei und aus Sibirien nach Indien. Sie umfliegen die Erde in weniger als 80 Tagen, wie Albatrosse. Und wie schon erwähnt, Jahrhunderte bevor Bartolomeo Dias das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika erreichte, waren Schwalben aus Europa jedes Jahr dorthin geflogen und zurück. Was Navigation angeht, können Vögel die Menschen mit Leichtigkeit übertreffen. In diesem Kapitel wollen wir einige dieser ständig stattfindenden Leistungen der Vögel in mehr Detail betrachten und auch darauf eingehen, wie sie untersucht wurden. -
7. Die Verständigung der Vögel
Helmut SatzZusammenfassungVögel singen – das war sicher eine der ersten Feststellungen, die die Menschen über ihre gefiederten Mitbewohner gemacht haben. Weitere Beobachtungen zeigten, dass sie auch plötzliche Rufe ausstoßen können, um Gefahr zu signalisieren, zusätzlich zu ihrem Gesang, mit dem sie Partner anlocken wollen oder ihr Revier anzeigen. Sie verfügen also über ein Repertoire verschiedener Töne oder Stimmlaute, für verschiedene Zwecke. Ist das eine Sprache? -
8. Der Flug der Kraniche
Helmut SatzZusammenfassungKraniche gehören wohl mit zu den größten fliegenden Vögeln in der Welt; mit den langen Beinen und dem langen Hals erreicht die europäische oder eurasische Graukranich Spezies (Grus grus) eine Größe von mehr als einem Meter (Abb. 8.1). Es gibt 15 verschiedene Arten, auf allen Kontinenten außer der Antarktis und Südamerika. Der nordamerikanische Schreikranich (Grus americana) war schon fast ausgerottet, mit nur einigen zehn verbleibenden Tieren. Bis heute haben Schutzbemühungen zu einem deutlichen Anstieg geführt, mit etwa 500 freilebenden Vögeln. Wir wollen aber mit dem europäischen Kranich beginnen. -
9. Der Marsch der Pinguine
Helmut SatzZusammenfassungDie Vorstellung von einer Navigation der Vögel ist ganz natürlich verknüpft mit fliegenden Vögeln auf der Suche nach ihrem Wege. Es gibt jedoch eine bemerkenswerte Ausnahme: Pinguine, flugunfähige Vögel, machen in der Antarktis lange Märsche durch eine verlassene, kalte, stürmische Welt, mehrmals im Jahr. Sie führen damit das vielleicht ungewöhnlichste Leben irgendeiner Tierart, und die Navigation der Vögel gewinnt dadurch eine allgemeinere Bedeutung. Die eindrucksvollste Spezies dieser wandernden Arten ist der Kaiserpinguin (Aptenodytes forsteri), und wir wollen hier sein Leben näher betrachten. Kaiserpinguine sind stattliche Vögel, stehend einen Meter oder mehr groß (Abb. 9.1). Sie können gehen, fast wie Menschen, auf ihrem Bauch rutschen, und sie sind natürlich außerordentlich geschickte Schwimmer. Sie leben in der Antarktis, in dem ganzen Kontinent, an der Küste und, wie wir gleich sehen werden, auch im Inland. -
10. Das Leben im Fluge
Helmut SatzZusammenfassungZum Schluss wollen wir uns dem vielleicht beachtlichsten aller Vögel widmen, dem Albatros. Die größten Spezies dieser Art gehören zu den größten Vögeln der Erde, mit Flügelbreiten von 3,5 m und mehr. Die meiste Masse der Erde liegt in der Nordhalbkugel, die meiste offene See in der Südhalbkugel, zwischen der Antarktis, Afrika, Australien und Südamerika. Diese endlosen Meere sind die Heimat des Albatros – dazu kommen noch die Weiten des Pazifik, von der Antarktis bis Alaska – in Kap. 2 hatten wir bereits gesehen, dass die Laysan Spezies dieses Vogels dort lebt. Von den drei Elementen dieser Welt – Luft, Wasser, und Land – bildet das Land den kleinsten Teil, und die Vögel leben entsprechend. Einen Großteil ihres Lebens sind sie in der Luft, sind sie im Fluge. Sie kommen ab und zu zur See hinunter, auf Nahrungssuche, und wenn sie auf das Land hinab kommen, dann nur um sich zu paaren und um die Jungen aufzuziehen. In der übrigen Zeit sind sie in der Luft (Abb. 10.1). -
11. Die Bestimmung der Geographie
Helmut SatzZusammenfassungDer deutsche Ornithologe Gustav Kramer war, wie bereits erwähnt, zu dem Schluss gekommen, dass für eine erfolgreiche Navigation sowohl Vögel wie auch Menschen eine Landkarte und einen Kompass brauchen. Wie kommt man zu einer Landkarte? In der menschlichen Welt führt das auf die Geografie. -
12. Fliegen lernen
Helmut SatzZusammenfassungDie Menschen haben immer neidisch auf die Vögel da oben geblickt – die können fliegen, wir können es nicht. Und die Menschen haben viele Jahre lang versucht, diesen Nachteil zu überwinden – von Ikarus bis Leonardo da Vinci, von Montpellier und Otto Lilienthal bis zu den Wright Brüdern. Jahrhundertelang blieb diese Herausforderung ungelöst: können Menschen fliegen lernen? Und wenn sie das lernen könnten, könnten sie dann mit den Vögeln fliegen? -
13. Mit den Vögeln fliegen
Helmut SatzZusammenfassungMenschen können also fliegen; mit den Vögeln zu fliegen ist aber schon schwieriger. Wie können wir ihnen mitteilen, dass wir zusammen fliegen möchten? Viele Versuche, das Verhalten der Vögel zu verstehen, führten nur zu dem Schluss, dass wir leider nicht mit ihnen reden können. Es gibt aber tatsächlich einige wenige Fälle, in denen Menschen und Vögel erfolgreich miteinander kommuniziert haben. Ich möchte dieses Buch abschließen mit den vielleicht eindrucksvollsten Beispielen dazu. -
Backmatter
- Titel
- Die Wege der Vögel
- Verfasst von
-
Helmut Satz
- Copyright-Jahr
- 2026
- Verlag
- Springer Berlin Heidelberg
- Electronic ISBN
- 978-3-662-72843-7
- Print ISBN
- 978-3-662-72842-0
- DOI
- https://doi.org/10.1007/978-3-662-72843-7
Die PDF-Dateien dieses Buches wurden gemäß dem PDF/UA-1-Standard erstellt, um die Barrierefreiheit zu verbessern. Dazu gehören Bildschirmlesegeräte, beschriebene nicht-textuelle Inhalte (Bilder, Grafiken), Lesezeichen für eine einfache Navigation, tastaturfreundliche Links und Formulare sowie durchsuchbarer und auswählbarer Text. Wir sind uns der Bedeutung von Barrierefreiheit bewusst und freuen uns über Anfragen zur Barrierefreiheit unserer Produkte. Bei Fragen oder Bedarf an Barrierefreiheit kontaktieren Sie uns bitte unter accessibilitysupport@springernature.com.