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2022 | Buch

Die wilde Stadt

Stadtwildnis als Ideal, Leistungsträger und Konzept für die Gestaltung von Stadtnatur

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Über dieses Buch

Ein städtisches Leben ohne Wildnis ist denkbar, aber nicht erstrebenswert!

Stadtwildnis wagen! Das bedeutet ungeplanter Natur im städtischen Leben einen Platz bieten.

Die meisten Stadtbewohner wissen heute gar nicht mehr, was Wildnis eigentlich ist, sind aber gleichzeitig von Wildtieren und –pflanzen fasziniert. Wir haben ein tief verwurzeltes Bedürfnis, etwas über das uns umgebende Leben, die Arten und Artenvielfalt zu erfahren, um zu verstehen, wie wir dies auch in die Städte holen können. Trotzdem haben wir keine konkrete Vorstellung wie wilde Stadtnatur integriert in eine grüne Infrastruktur aussehen kann.

Dieses Lehrbuch zur wilden Stadt untersucht Stadtwildnis, ihre Erscheinungsformen, ihre Wahrnehmung durch Stadtbewohner und Naturschützer und begreift Wildnis als Chance und Herausforderung. Dabei stellt es Biodiversität und Naturerlebnis in den Mittelpunkt. Es beantwortet wichtige aktuelle Fragen zu den ökologischen und soziokulturellen Grundlagen von Stadtwildnis, zu ihrer Struktur, zum ökologischen Leistungsvermögen, zum Verhalten gegenüber Wildnis und zum Schutz von wilder Natur in der Stadt. Das Buch erklärt, was Stadtwildnis ist, warum sie Lebensraum von wilden Pflanzen und Tieren ist, wie die Bewohner der Stadt mit ihr zusammenleben können und warum Wildnis ein wertvoller Bestandteil einer blauen und grünen urbanen Infrastruktur sein kann.

Theorien und Erkenntnisse der Stadtentwicklung und Ökologie werden mit praktischen Anwendungen in der Stadtplanung zum Thema Stadtwildnis verbunden und mit vielen Fallstudien und weltweiten Beispielen veranschaulicht. Die großen Potenziale von Stadtwildnis werden im Detail aufgezeigt. Um Stadtwildnis nicht zum Problem werden zu lassen, bedarf es eines zielgerichteten, an die besonderen Bedingungen wilder Stadtnatur angepassten Wildnis-Managements, das Naturschutz wie Naturgestaltung gleichermaßen einschließt und dabei immer den Bezug zu den Stadtbewohnern im Auge behält.

Ein Lehrbuch, das besonders Studierende und Lehrende der Fächer Stadt- und Raumplanung, Ökologie, Biologie, Landschaftsarchitektur, Landschaftspflege, Geographie und Sozialwissenschaften anspricht und darüber hinaus auch fächerübergreifende Studiengänge wie Smart Cities und Naturmanagement sowie Praktiker der Stadtgestaltung und -entwicklung und des Naturschutzes bedient.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter
Kapitel 1. Die wilde Natur
Zusammenfassung
Natur als die „Gesamtheit der Dinge, aus denen die Welt besteht“ („Alles-Natur“) zu verstehen, taugt eher für eine philosophische Diskussion. Der Naturbegriff hat sich inzwischen in verschiedene Einzelbegriffe aufgelöst und damit verschiedenen „Naturen“ Platz gemacht hat. „Natürlich“ als „vom Menschen nicht beeinflusst“ zu verstehen und dies allein als „Natur“ zu definieren, würde Natur kaum mehr auffindbar machen. Natur ist mannigfaltig, dezentral, unkontrolliert, wird spontan wahrgenommen und hat damit die sympathischen Züge eines gesellschaftlichen Vorbilds.
Jürgen Breuste
Kapitel 2. Wilde Natur in der Stadt
Zusammenfassung
Stadtnatur scheint wohl am wenigsten wilde Natur zu sein. Ihr Gestaltungskonzept war immer im urbanen Lebensraum als Nahrungslieferant oder aber als ästhetisches Gestaltungsideal Garten nützlich zu sein. Gleichzeitig lässt urbane Naturgestaltung immer auch wildes Leben von Pflanzen und Tieren zu. Wildpflanzen und Wildtiere stellen sich ganz auf die neuen Lebens- und Standortbedingungen in Städten ein, sind „Überlebenskünstler“ und werden durch neuartige urbane Ökosysteme eingeladen in den Städten ihren Lebensräume zu erobern. Hier findet sich oft eine überraschende Vielfalt an wilden Arten, ein hoher Grad an Biodiversität, meist ohne oder trotz menschlichen Zutuns. Überraschend viel Wildnis umgibt jeden Stadtbewohner in Form von ungeordneter Natur, wilden Orten und einer Vielzahl von Wildtieren und Wildpflanzen.
Jürgen Breuste
Kapitel 3. Wildnisse in der Stadt
Zusammenfassung
Urbane Wildnis scheint ein Wiederspruch in sich zu sein, versucht doch jede Stadt gerade die Wildnis für nützliche Zwecke zu beherrschen. Aus verschiedener Sicht kann urbane Wildnis erkannt, analysiert, erklärt und für Naturkontakt genutzt werden. Ihre Merkmale unterscheiden sich von Wildnissen fernab von Städten. Zu Resten „alter Wildnisse“ wie Naturwaldzellen, kommen völlig „neue Wildnisse“ als Ergebnis aufgegebenen menschlichen Gestaltens. Aber auch die „hybriden Ökosysteme“ der gestalteten Grünflächen, zwischen beiden in einem Wildnisgradienten denkbar, sind Lebensraum wilder Tiere und Pflanzen. Selbst kleine Wildniselemente finden sich in der Bebauungsmatrix. Kulturell und historisch bedingt sind Stadtbewohner „ihrer Wildnis“ nicht immer zugeneigt, vor allem wenn es sich um aride Ökosysteme handelt.
Jürgen Breuste
Kapitel 4. Wahrnehmung von Natur und Wildnis
Zusammenfassung
Natur und Wildnis werden kulturell unterschiedlich wahrgenommen. Allen Kulturen eigen ist jedoch eine weitgehende Entfremdung von Natur durch dominantes urbanes Leben und ein Rückgang des generellen Naturverständnisses. Dies ist bedenklich, da Naturverständnis und Naturakzeptanz Voraussetzungen für Naturschutz und Naturerhalt sind. Da die meisten Menschen bereits in Städten leben und dieser Trend noch weiter anhält, ist der urbane Raum als Naturerfahrungsraum noch wichtiger als geschützte Natur weitab der Städte in Nationalparks. Dazu bedarf es der Entwicklung von Naturbildern und –assoziationen durch Naturerlebnisse in und um die Städte. Natur muss einen festen Platz im Leben und in der persönlichen Entwicklung der Stadtbewohner erhalten, deutlich mehr, als dies zurzeit der Fall ist. Besonders für Kinder und Jugendliche sollte Natur fester Bestandteil des Lebens sein, um Naturerfahrung Naturbewusstsein zu entwickeln und am Erhalt der Natur bewusst mitzuwirken.
Jürgen Breuste
Kapitel 5. Akzeptanz von Stadtwildnis, Wildpflanzen und Wildtieren in der Stadt
Zusammenfassung
Natur generell wird breit akzeptiert. Ideal ist aber die gestaltete und geordnete Kulturlandschaft, nicht die Wildnis mit hoher Arten- und Lebensraumvielfalt. Um Wildnisakzeptanz in Städten zu erreichen, sind vielfältige Bemühungen beim Gewinn von Naturerfahrung und bei der Gestaltung der Städte nötig. Grün ist nicht gleich Grün. Sympathien und Antipathien für Wildpflanzen und Wildtiere, für Wildnis in der Lebensnachbarschaft in Städten zeigen emotionale Zugänge, die oft nicht auf Kenntnissen beruhen und in unterschiedlichen sozialen Gruppen nicht gleich sind. Gefahren durch wilde Stadtnatur werden meist überschätzt, Nutzen durch Wildnis wird meist unterschätzt. Besonders betrifft dies Wildtiere, während Wildpflanzen oft nicht bekannt sind. Wildnisakzeptanz in Städten entsteht durch Bildung und Emotion gleichermaßen.
Jürgen Breuste
Kapitel 6. Schutz von Stadtwildnis
Zusammenfassung
Der Wildnisschutz ist nicht mehr nur auf stadtferne Wildnisse begrenzt, sondern bereits Teil eines komplexen Stadt-Naturschutzes. Biodiversität ist ein wichtiges Schutzziel für Stadtwildnis. Nationale Biodiversitätsstrategien beziehen Städte bereits mit ein. Der weltweite Biodiversitätsschutz nimmt Städte längst in den Fokus der Bemühungen. Mit dem City Biodiversity Index soll urbane Biodiversität weltweit vergleichbar gemacht werden. In Städten findet sich wilde Natur oft im Stadtumland und kann den Stadtbewohnern erschlossen werden, damit diese durch mehr Naturkontakt von ihr profitieren können. Stadtwildnis ist ein immer deutlicher formuliertes und real angestrebtes Ziel des Stadtnaturschutzes. Dazu werden Prinzipen des Wildnismanagements, der Wildnisqualität und Wildnisziele in Städten bestimmt. Schutzgebiete für die letzten Wildnisse im urbanen Raum sind dabei längst nicht allein das Ziel, sondern mehr Wildnis überall in Städten.
Jürgen Breuste
Kapitel 7. Stadtwildnis willkommen! Integration von Wildnis in urbane Nutzungsbezüge
Zusammenfassung
Die Integration von Wildnis in urbane Nutzungsbezüge kann Stadtwildnis zum akzeptierten und willkommenen Teil der grün-blauen Infrastruktur machen. Ökologische Entwicklungsflächen bieten vielfältige Potenziale Wildnis in Städten weiter zu entwickeln. Renaturierung verfolgt das Ziel Stadtnatur wilder werden zu lassen. Das betrifft Wälder, Feuchtgebiete, Gewässer und viele andere Ökosysteme. Ziel kann wegen der nachhaltig veränderten Standortbedingungen dabei nicht primär der historische Zustand sein. Die Renaturierung muss im gesellschaftlichen Konsens neue Ziele der Naturnähe in urbanen Kontexten bestimmen. Dies ist eine schwierige Abwägungsaufgabe. Am Bespiel der Isar-Renaturierung in München hat dies aber auch bereits zu hoffungsvollen Ergebnissen geführt, die Biodiversität und Naturerlebins in der Stadt verbinden. Neue Wildnisse zulassen und sie gestaltend in den städtischen Lebensraum einbinden ist eine anspruchsvolle neue Aufgabe der Stadtentwicklung, denn „Verwilderung“ und Zurücknahme der Pflegeintensität zugunsten von Biodiversität wird noch lange nicht in der gesamten städtischen Gesellschaft akzeptiert. Wildnisintegration kann durch Wildniselemente auch in der gepflegten Stadtnatur erfolgen. Wildlife inclusive urban design ist dafür ein Zugang.
Jürgen Breuste
Kapitel 8. Herausforderungen und Konzepte für Stadtwildnis
Zusammenfasung
Um Wildnis in Städten einen festen Platz dauerhaft zu sichern bedarf es Konzepten, die sich den Herausforderungen der urbanen Wildnisintegration stellen. Natur-Zerstörung und –Fragmentierung müssen gezielt bekämpft werden. Lokale Biodiversitätplane und Aktionen können Orientierung geben. Das Konzept der Ökosystemleistungen schafft Akzeptanz und zeigt wahrnehmbaren Nutzen von Wildnissen. Nature-based Solutions (NbS) helfen mit, naturbasierte Problemlösungen begleitend zur Technik zu finden und Akzeptanzen für Natur in der Stadt generell zu stärken. Stadt-Wildnis-Erlebnisräume lassen Natuerfahrungen zu, die sonst nur fernab von Städten zu erwarten wären. Sie zu planen und zu gestalten ist eine neue Aufgabe des Stadt-Naturmanagements. Mit Citizen Science wird Interesse und Erfahrung im Umgang und in der Beobachtung der umgebenden Natur gewonnen. Lokale urbane Wildnisse (Local Wildlife Sites) zeigen, dass Wildnis inmitten von Städten einen Platz haben kann. Der Klimawandel verändert die Stadtnatur. Wilde Stadtnatur ohne zusätzliche Bewässerung und aufwendige Pflege wird dabei ein angepasstes Gestaltungsziel sein. Konflikte im urbanen Umgang mit Wildnis können besser moderiert werden. Urbane Biodiversität sollte erlebbar sein und in Smart Cities und BiodiverCities ihren Platz haben.
Jürgen Breuste
Backmatter
Metadaten
Titel
Die wilde Stadt
verfasst von
Jürgen Breuste
Copyright-Jahr
2022
Verlag
Springer Berlin Heidelberg
Electronic ISBN
978-3-662-63838-5
Print ISBN
978-3-662-63837-8
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-662-63838-5